Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1909)
- Date
- 1909-03-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage M Nr. 9 des „Israelit"'. Samuel da Nagicl. ne jüdische Erzählung aus der spanisch-maurischen Zeit. (Fortsetzung.) euiUeton WM „Abul-Fotuch", fuhr Samuel fort, „hält hier Vorlesungen über ältere Dichtkunst, besonders über die unter dem Namen Chama a bekannte Sammlung/ aber er tut auch noch anderes/ da er weih, daß Badis viele Feinde hat, stachelte er den Ehrgeiz Jazirs, Deines leiblichen Vetters auf, indem er ihm die Versicherung gab, er habe in den Sternen geleit n, daß Du den Thron verlieren und nach Dir Dein Vetter dreißig Jahre lang regieren wird. So gelang es ihm eine Verschwörung zustande zu bringen". Die Aufregung Badis hatte den höchsten Grad erreicht, er war unfähig ein Wort hervorzubringen. Samuel betrachtete lää elnd den hilflosen König, der durchaus kein Schwächling war, der aber, wenn ihn eine ungünstige Nachricht während seiner Trunkenheit traf, in einen Zustand der Sinnlosigkeit geriet, die ihn unfähig zu irgend einer Lebensäußerung machte. Es war nicht Schadenfreude, die Samuel mit seinem Herrn empfand, aber das Gefühl, daß nur ihm der König seine Macht fernerhin verdanke, ließ seine Brust unwillkürlich höher schwellen. „Fotuch", fuhr Samuel fort, „hatte nicht damit gerechnet, daß das Auge des Veziers überall da gegenwärtig, wo es gilt, den König zu beschützen, er entdeckte das Komplott an dem zur Ausführung festgesetzten Termine und zwar heute in den ersten Stunden des Tages. Abul-Fotuch, Jazir und die anderen Verschwörer hatten kaum Zeit sich durch die Flucht meiner Rache zu entziehen." Eine Umarmung Badis, war die ganze Belohnung für diesen Dienst. Samuel aber hielt die Macht fester denn je in Händen. -i- * * Zornfunkelnd hatten Bologguin und seine Freunde den Vezier nach de/sen Erklärung verlassen. Am Abend verbreitete sich das Gerücht in der Stadt, daß der Bruder des Königs, Bologguin, schwer erkrankt sei, er und einige seiner Freunde hätten sich heimlich von den Nasri Fleisch von Schweinen braten lassen und in einer Höhle ein Gelage abgehalten, durch den Genuß der verbotenen Speise sei die Krankheit herbeigeführt, auch die Freunde lägen alle hoffnungslos darnieder. Der Leibarzt des Königs ließ sich, als er von der Erkrankung Bologguins erfuhr und bei diesem die notwendigen Anordnungen getroffen hatte, bei dem Könige melden, um ihm Bericht über den Verlauf der Krankheit zu erstatten. Er gab dem Könige die Mittel an, die nach seinem Erachten eine Heilung des königlichen Bruders herbeiführen könnten. „Ich verbiete Dir", sprach der König, „auch nur eines dieser Mittel meinem Bruder zu verabreichen. Erfahre ich, daß Du irgend etwas zu seiner Heilung unternommen hast, so lege ich Dir Deinen Kopf vor die Füße". Am anderen Morgen waren Bologguin und der größte Teil seiner Freunden ihren Krankheiten erlegen. „Es tut mir leid", sprach Samuel, zu dem Könige, „daß ich Dir von dem Komplott Mitteilung gemacht habe. Du hast die hoffnungsvolle Jugend dieses Landes vernichtet". „Schweig Jude, wenn Du nicht ihnen folg-n willst". Als Samuel nach Hause gekommen war und seiner Gattin von diesen Vorgängen berichtet hattt, warf sie sich schluchzend auf das Ruhebett. „O, rief sie aus, hätte doch der Emir von Bagdad damals wahr gesprochen und wärest Du doch ein Steinhauer geworden, dann wärest Du doch ganz mein eigen. Ich hasse jeden Ruhm, ich hasse jede Größe, ich verachte die Schmeichler, die sie gebiert, was ich aber am meisten hasse, das ist der Verlust an Innerlichkeit, die all diese Dinge mit sich bringen. Die Kränze und die Huldigungen sind es nicht, die Dir gefährlich werden, gefährlich wird Dir der Mangel an Einsamkeit. Samuel umarmte seine noch immer schöne Gattin. „Du vergissest eines, Geliebte", sprach er, ich lebe nicht für mich, sondern für das Wohl dieses Landes, für das Wohl meiner Brüder und Schwestern. Achtes Kapitel. Badis hatte einmal wieder durch die klugen Ratschiäge Samuels einen leichten Sieg über den Kadi Mohammed von Carmona errungen. Als er nun Herr des Schlachtfeldes geworden war und sein Lager nahe bei den Toren von Ecija aufgeschlagen hatte, sah er zu seiner Verwunderung Abul-Fotuch in sein Lager kommen und sich ihm zu Füßen werfen. Was ihn herführte, war Liebe und Haß. Liebe zu seiner Familie, Haß gegen Samuel, den Entdecker seines Komplottes. Er war überzeugt davon, daß es ihm gelingen werde, in kurzer Zeit die Gunst Badis, zu erringen, dann wollte er Samuel stürzen, wenn nicht durch die Schärfe der Rede, dann durch die Schärfe dcs Schwertes. Aber auch die Liebe zu Frau und Kindern trieb ihn wieder zurück in die Höhle des Löwen. Er war genötigt, Granada in so großer Eile zu verlassen, daß er sie ihrem Schicksale preisgeben mußte. Er wußte, daß Badis sie durch Neger Kodam, der sein Oberkerkermerster war, hatte gefangen nehmen lassen und daß dieser sie in Abmunecar eingekerkert hielt. Nun liebte er seine ftrau, eine junge und schöne Andalusierin, leidenschaftlich und seine Zärtlichkeit für seine Kinder, einen Knaben und ein Mädchen war sehr groß. Da er sich nicht entschließen konnte, ohne sie zu leben, und noch dazu fürchtete, Badis könne seine Verbrechen an diesen geliebten Unterpfändern rächen, so ging er zu ihm und flehte ihn um Verzeihung an. Heuchlerisch wandte er sich an Samuel um dessen Fürbitte. So groß war die Meinung Abul-Fotuchs von seinem Feinde Dem Manne, dessen Tod in seinem Herzen beschlossen war, traute er eine solche Menschenliebe zu, daß er selbst seinem Todfeinde nützen werde. „Du hast bei Badis bewirkt", sprach er zu ihm, als der Khalif sich einige Augenblicke entfernt hatte, „daß er seinen Onkel, der ja auch an dem Komplotte teilgenommen, begnadigt hat, so verschaffe auch mir Gnade vor seinem Trone". „Bei seinem Onkel", entgegnete Samuel, „war es das eigene Fleisch und Blut, das den König zur Gnade bewog. Was sollte er bei Dir für eine Ursache zur Gnade haben? Du kennst den unerbittlichen Sinn und die Blutgier des Tyrannen, so bereite Dich vor auf Deinen Tod". „Ha", dachte Abul-Fotuch, „werde ich erst frei sein, so sollst Du diese Worte nicht umsonst gegen Deinen König gebraucht haben". Laut aber bat er Samuel weinend um seine Fürsprache. Samuel versprach, zu seinen Gunsten einzutreten, doch nur sein Leben wollte er versuchen zu retten, die Freiheit sollte er nicht wieder erlangen, denn Samuel wußte wohl, wessen er sich von ihm zu gewärtigen hatte. Abul-Fotuch warf sich also vor dem Fürsten nieder und sprach zu ihm: „Herr, habe Erbarmen mit mir, ich versichere Dich, daß ich unschuldig bin". „Was", rief Badis mit zornflammendem Blick, „Du wagst es Dich vor mir und Samuel zu zeigen? Du hast Uneinigkeit in meine Familie gestreut und nun kommst Du und sagst mir, daß Du nicht schuldig seiest: Hälft Du es für so leicht, mich zu täuschen?" „Bei der Barmherzigkeit Gottes, Herr, sei gnädig: Erinnere Dich, daß Du mich einst unter Deinen Schutz genommen hast und daß ich schon unglücklich genug bin, da ich verurteilt bin, fern von meiner Heimat zu leben. Schreibe mir nicht das Verbrechen zu, welches Dein Onkel begangen hat/ ich habe mich auf keine Weise daran beteiligt. Es ist wahr, daß ich ihn auf der Flucht begleitet habe/ aber ich tat es nur deshalb, weil Du mich mit ihm befreundet wußtest und weil ich mich fürchtete, als sein Mitschuldiger bestraft zu werden. Jetzt stehe ich vor Dir, wenn Du durchaus willst, so bin ich bereit, mich eines Verbrechens schuldig zu bekennen, an dem ich unschuldig bin, wenn ich nur dadurch Deine Verzeihung erlangen kann. Behandle mich, wie cs einem großen Könige geziemt, einem Herrscher, der zu hoch steht, um Groll zu hegen, gegen einen armen Mann wie ich, und gieb mir meine Familie zurück." Badis war einen Augenblick unschlüssig, er blickte fragend auf Samuel. „Begnadige ihn zu lebenslänglichem Kerker", sprach Samuel. „Ha, Jude", schnaubte Abul-Fotuch, „ist das .Deine versprochene Fürsprache, wahrlich, wenn ich frei komme, ich schone Dich nicht". Durch die letzten seiner Worte hatte Abul- Fotuch sein Schicksal besiegelt, denn Badis wollte und konnte Samuel durchaus nicht entbehren. Er sagte ihm deshalb: „Gewiß, ich werde Dich behandeln, wie Du es verdienst, so Gott will. Kehre nach Granada zurück/ dort wirst Du Deine Familie finden". Durch diese Worte, deren Zweideutigkeit er anfangs nicht bemerkte, beruhigt, schlug Abul- Fotuch unter der Bedeckung von zwei Reitern den Weg nach Granada ein. Als er aber in der Nähe der Stadt gekommen war, führte der Neger Kodam die Befehle aus, welche er von seinen! Herrn erhalten hatte. Er ließ Abul- Fotuch durch seine Trabanten verhaften und diese setzten ihn auf ein Kameel, nachdem sie ihm die Haare abrasiert hatten. Dann stieg ein Neger von herkulischer Stärke hinter ihm auf und gab ihm unablässig Backenstreiche. So wurde er durch die Straßen der Stadt geführt, worauf man ihn in einen engen Käfig warf, den er mit einem seiner Mitschuldigen, einem berberischen Soldaten, der in der Schlacht von Ecija gefangen genommen war, teilen mußte. Mehrere Tage vergingen, Badis war schon wieder zurück und dennoch hatte er inbetreff Abul-Fotuch noch nichts entschieden. Eines Tages aber ließ er ihn nebst seinen Gefährten vorführen. Sobald er den Gelehrten sah, überschüttete er ihn mit einer Flut von Schimpfereien und schloß mit den folgenden Worten: „Deine Sterne haben Dir zu nichts gedient, Du Lügner, hattest Du nicht Deinen Emir, diesen armen Dummkopf, den Du zum Narren hieltest, versprochen, daß er mich bald in seiner Macht haben und dreißig Jahre lang über meine Staaten regieren solle? Warum hast Du nicht lieber Dein eigenes Horoskop gestellt? Dann hättest Du Dich vor einem großen Unglück bewahren können. Dein Leben, Elender ist jetzt in meiner Hand". (Fortsetzung folgt.) iiflftr ifüi