Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1909)
- Date
- 1909-02-04
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 5 des „Fsraelit". Samuel da NagiO. Sine jüdische Erzählung aus der spanisch-maurischen Zeit. euilleton (Fortsetzung.) Er sprach zum Könige: „Was seine Schuld mildert, ist die Erbärmlichkeit seines Herrn, die Sklavennatur seines Volkes. Er war mehr Aristokrat wie Patriot, das ist ihm nicht zu verzeihen. Er stellte Standesvorurteil und Standesinteresse über das Interesse seine- Vaterlandes, er geht zugrunde durch eigenes Verschulden. Persönliche Tugenden, die irgend , ein Mitgefühl für ihn aufkommen lassen könnten hat er nicht gehabt, seine Gelehrsamkeit entsprang seiner Eitelkeit und wenn er tapfer war, so geschah es auch nur, daß man ihn um dieser Tugend rühme.". Er riet deshalb den ehemaligen Vezier in lebenslänglicher Haft zu behalten, ihm ein Zimmer anzuweisen, wo er feinen literarischen Studien leben könne. Dieser Rat mißfiel Vadis im höchsten Grade, er hätte dann weder Geld gehabt noch seine Rachgelüfte befriedigt, eines Abends als er mit seinem Bruder Bologguin spazieren ritt, sprach er mit ihm von Jbn-AbbaS und befragte ihn um seinen Rat. Bologguin gab ihm zur Antwort: „Wenn Du sein Geld annimmst und er seine Freiheit wieder erlangt, so wird er Dir einen Krieg erregen, der Dich das doppelte seines Lösegeldes kosten wird. Ich bin der Meinung, daß Du wohl daran tust, ihm ohne Verzug den Tod geben zu lassen". Nach Beendigung des Spazierrittes ließ Badis sich seinen Gefangenen vorführen und warf ihm in den härtesten Worten sein Vergehen vor. Jbn-Abbas erwartete mit Ergebung das Ende der langen Schmährede und als der König zu sprechen aufgehört hatte, rief er aus: „Herr, ich flehe Dich an, habe Mitleid mit mir und befreie mich von meinen Schmerzen". „Du wirst noch heute davon befreit werden", antwortete ihm der König. Als er jetzt auf den blassen und traurigen Gesichte seines Gefangenen einen Hoffnungsstrahl leuchten sah, schwieg er einige Augenblickedann fuhr er mit wildem Lachen fort: „Du sollst an einen Ort gehen, wo Du noch viel mehr leiden wirst". Darauf sagte er zu Bologguin einige Worte auf berberisch, weiche Jbn-Abbas nicht verstand; aber die letzten Worte, welche Badis an ihn gerichtet hatte, sein schreckliches Lachen, seine drohende und grausame Miene, dies alles sagte ihm deutlich genug, daß seine letzte Stunde geschlagen habe. „Fürst, Fürst", rief er aus und stürzte sich auf die Kniee, „Schone meines Lebens, ich beschwöre Dich: Habe Mitleid mit meinen Frauen und meinen Kindern: Nicht nur dreißigtausend Dukaten biete ich Dir, nein sechszigtausend, aber im Namen Gottes, laß mir das Leben". Ohne ein Wort zu erwidern, hörte Badis ihn an: darauf schwang er seinen Wurfspieß und stieß ihn ihm in die Brust. Sein Bruder Bologguin und sein Kämmerer Ali ibn-al-Karawi folgten seinem Beispieleaber Jbn-Abbas, der nicht nachließ die Gnade seiner Henker anzustehen, sank erst nach dem siebzehnten Stiche zu Boden. Samuel, den man vor dem BorganK-unterrichtet hatte, stürzte in das Gemach. „Halt ein o Herr, halt ein", rief er, „Jbn-Abbas bereut alles was er getan". „Es ist zu spät Freund, .freue Dich vielmehr über den Tod Deines größten Feindes, wer weiß wie lange Du noch mein Vezier geblieben, wenn jener auch nur noch wenige Wochen gelebt hätte". „Fällt Dein Feind", sprach Samuel) „so freue Dich nicht. Ueber jedes Menschenwesen, das im Ebenbilde des Herrn erschaffen und das gewaltsam von der Erde genommen wird, soll man weinen und klagen". Und Samuel verhüllte sein Haupt. Es dauerte nicht lange bis Granada erfuhr, daß der stolze und reiche Jbn-Abbas sein Leben hatte fassen müssen. Dre AfrÄrme? srenttn stch darüber, sie wollten gemeinsam mit den Juden Samul ein großes Fest geben. Dieser aber nahm es nicht an, er wünschte, daß von dem dafür bestimmten Gelde Brot und Fische an jedem Freitage für die Armen der Stadt gekauft würden, was auch geschah. Samuel aber hatte eine merkwürdige Erscheinung. Während des Schlafes in der Nacht hörte er eine Stimme, die ihm drei hebräische Verse zitierte. Die Verse lauteten: „Schon ist Jbn-Abbas umgekommen wie auch seine Freunde und Vertrauten. Lob sei Gott und Anbetung: Auch der andere Minister, der mit ihm Verschwörungen anstiftete, wird schnell gestürzt und wie eine Erbse aufgebrochen werden. Was ist aus all ihrem Drohen, ihrer Bosheit und ihrer Macht geworden? — Der Name Gottes sei gepriesen.-1 *) Drittes Kapitel. ' Durch die Schmeichler und die Triumpfbogen werden die Herrscher urteilsunfähig, oft auch durch das Uebermaß berauschender Getränke. Den andauernden Zustand der Trunkenheit und der Völlerei, in dem sich der König befand, suchte ein arabischer Fakhi, Abu-Jschak von Elvira dadurch gegen Samuel auszunutzen, daß er dem Könige die Ueberzeugung beizubringen sich bemühte, ein wie großes Unrecht es von ihm sei, daß er einen Juden zum Vezier habe. Die Jugend dieses Fakhi war sehr bewegt, später hatte er versucht, bei Hofe einen Rang zu erhalten, auf welchen seine Geburt ihm ein Anrecht zu geben schienaber es war ihm nicht gelungen, seine Hoffnungen waren durch Samuel, der die Unverläßlichkeit seines Charakters erkannt hatte, vernichtet und er wurde aus dem Lande verwiesen. Durch einflußreiche Freunde wieder in Granada zugelassen, warf er sich auf die Frömmelei und wollte nunmehr durch dieses Mittel den Vezier stürzen. Eifrige Studien des Korans und Mitteilungen über einiges aus dem Talmud, die ihm von jüdischer Seite gemacht würden, gaben ihm den Schein von Gelehrsamkeit und so ausgerüstet, unternahm er den Vorstoß gegen den Minister. Badis wollte sich aber auf nichts einlassen, das Einzige was der Fakhi von ihm erreichte, war, daß ihm der Versuch gestattet wurde, in Gegenwart des Königs, den Vezier zum Uebertritt zum Islam zu bewegen. Samuel wurde vor den König gerufen und dem Fakhi aegenübergestellt. „Unser Herr", begann der Fakhi, „hat einen Fehler begangen, über welchen die Uebelwollenden sich freuen: obgleich er seinen Geheimschreiber unter den Gläubigen hätte wählen können, nahm er ihn aus der Zahl der Ungläubigen: Durch diesen Schreiber sind die Juden, früher verachtete Leute, große Herren geworden und jetzt kennt ihr Stolz und ihr Hochmut keine Grenze mehr. Auf einmal und ohne daß sie es vermuten konnten, *) Die Verse lauten im Original: bmb - vpiiöi vm dksp 123 13* -,33! V11N' bbr\ rrap 133 rn tssur 11133 1312 iVtt 111.11 Itf^l 3V '.1'?331*?'V1 3VV11 3121^1 *?3 .TKl ' IttHlpÖ 1K haben sie alles erlangt, was sie nur wünschten - sie sind auf den Gipfel der Ehre gestiegen, so daß der geringste Affe unter den Ungläubigen heute eine Menge frommer und anständiger Moslims unter seinen Dienern zählt. Und das alles verdanken sie nicht ihrer eigenen Kraft - nein der Mann, der sie hoch erhoben hat, ist einer unseres Glaubens." . . . Weiter kam der Redner nicht. Voll Wut herrschte ihn Badis an: „Nicht darüber hast Du zu reden, ob es recht von mir gewesen, einen Juden, zum Schreiber zu machen, daL Vst wm* Du ihn zum Bekenntnis bringen kannst, daß Gott sich dem Phropheten geoffenbaret und daß das Koranbuch der Thora Vollendung ist. Kannst Du das nicht, dann verläffest Du noch heute meine Staaten. Den Juden, zitierte der Fakhi den Koran, war die Schrift von alters her- Doch strebten sie von je nach Weltgut mehr, Wohl rufen bußvoll sie:,, Vergib uns Herr:" — Doch winket neues Gut von ungefähr, Gleich jagen hintendrein sie hitzig sehr. Trotz heil'ger Kunde, die ich ihnen sandte, Gar sehr doch unter ihnen Streit entbrannte. Der deutliche Koran gewährt Bescheid, Worüber jene Zweifel plagt und Streit. Der Jude brach des heil'gen Bundes Wort, Das Schriftwort rückt' er von dem richt'gen Ort. Das Beste der Verheißung ließ er fort. „Was sollen die allbekannten Versen aus den Suren 45, 27 und 5 des Korans?" sprach Samuel verächtlich, indem er zugleich zeigte, wie sehr belesen im Koran er sei. „Ihr habt das Beste Eurer Verheißung nicht verstanden: In Eurer Schrift steht geschrieben; Einen Propheten aus der Mitte von deinen Brüdern, gleich mir, wird der Herr, dein Gott dir auferstehen lassen, auf ihn sollt Ihr hören. (5. B. M. 18, 15.) Und Ihr seid so verblendet nicht einzusehen, daß dies Mohammed gewesen, noch verblendeter wie die verfluchten Nasri, denen im Evangelium Johnannis gesagt wurde: Wenn aber der Tröster kommen wird, welchen ich Euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit der vom Vater ausgehet, der wird zeugen von mir". „Der von Dir erwähnte Vers aus unserer Schrift," sprach Sumuel, „bedeutet etwas ganz anderes. Er will besagen: So wie ich aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, so wird Gott einen Nachfolger dir stellen, und so einen Propheten nach oem andern. Aus deiner Mitte, das ist aus dem Lande unserer Väter. Das Alles trifft bei Mohammed nicht zu. Weder kam er aus unserer Brüder Mitte, noch prophezeite er im heiligen Lande, auch setzte er die fortlaufende Kette unserer Propheten nicht fort." „Nein", rief Samuel aus, „wir können Euren Propheten nicht anerkennen,, da er sah, daß die Juden im Besitzte einer heiligen Schrift seien, die ihnen die Offenbarung des ewig-einen Gottes an die Menschheit durch Vermittlung heiliger Gottesboten war, wollte er den dem Heidentume verfallenen Arabern ebenfalls eine heilige Schrift von dem einen Gotte schenken und er nahm aus unserer Schrift, aus Talmud und Midrasch, was ihm gut dünkte, der beste Beweis dafür ist, daß er in der Sure 10 sagte: Und falls Dich über unsere Verkündung Zweifel plagen, so brauchst Du nur die alten Schriftbesitzer fragen". „Für Euch war der Prophet wohl ein Erlöser, denn er führte Euch zur wahren Erkenntnis GotteS und Euer Bekenntnis der Einheit, das da lautet: Sprich: Gott ist einer, Ein ewig-einer, Er zeugte nicht, noch zeugte ihn einer, Und wie er, ist sonst keiner. (Fortsetzung folgt.)