Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1909)
- Date
- 1909-02-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Vrzid^utig und £ PidnojiK^c Beil ■/LracliT Die Tortbfldung des jüdischen Ccbrcrs in den Religionswissenscbaften unter Berücksichtigung der in den einzelnen Kursen gemachten Erfahrungen. Referat, der Generalversammlung des Bundes g. j. Lehrer zu Frankfurt a. M. erstattet von Seminarlehr Elias Gut zu Cöln. Wie die vorliegenden Thesen und Zusammenstellungen*) erkennen lassen, handelt es sich bei der Behandlung meines Themas nicht darum, in oratorischem Schmucke Sie in neuerschlossene Gebiete pädagogischen Forschens einzuführen oder moderne Erziehungsprobleme vom jüdischen Standpunkte aus zu beleuchte» und zu beurteilen. Heute gilt es feftzustellen, ob die uralte Kardinalforderung üko TIS3 min TlEÄn von den Hütern und Vertretern der min in zweckentsprechender Weise erfüllt wird. Nicht nur das göttliche Gesetz und das jüdische Gewissen, auch die Berufspflicht und das pädagogische Gewissen verlangen gebieterisch von uns, die erworbenen Kenntniffe auf religionswissenschaftlichem Gebiete durch rationelles Studium zu festigen und zu mehren. Die Früchte des Studiums kommen nicht nur uns, sondern ganzen Generation zu gute. Altmeister Kehr sagt: „Jede Schule ist wie der Lehrer der Schule, seine geistige Photographie." Wo betm Lehrer das Streben nach Fortbildung mangelt, versinkt die Schule in Mechanismus, ihr Lehrer degradiert sich zum Handlanger. Wenn das Streben nach Fortbildung den Lehrerstand verließe, müßten ganze Generationen dem Rückschritt verfallen. Und gerade unsere Zeit braucht tüchtige Männer, die sich geistige Jugend durch geistige Arbeit, durch Fortbildung bewahrt haben. Die im Seminar „fertig" gemachten Lehrer haben keine Zukunft, da sie nicht den Hochgenuß selbständigengelstigen Ringens kennen. Wie recht hat Wänder, der alte Lehrerfreund, wenn er sagt: „Die Frische betrachte ich als die erste Bedingung einer erfolgreichen Wirksamkeit. Tote können keine Toten erwecken,- wer zur Auferstehung blasen soll, muß selber frischen Odem haben." Nun, meine Herren, zur Ehre unserer Lehrerschaft sei's gesagt, sie hat seit Pestalozzis und Diesterwegs Wirken gezeigt, daß sie hinreichend sriscken Odem besitzt, daß es bei ihr nicht nötig ist, durch Kunstmittel irgend welcher Art „Leben in die toten Gebeine" zu bringen. Wenn auch *) S. „Israelit" Nr. 49 des vor. Jahrg. zugegeben werden muß, daß heutzutage alle Stände bestrebt sind, ihre Glieder durch alle erdenklichen Veranstaltungen auf der Höhe zu halten, so ist doch andererseits nicht zu bestreiten, daß die Lehrer im vordersten Gliede, in der ersten Reihe der Ringenden stehen. Denn jeder Lehrer, der etwas auf sich und seinen Stand hält, weiß, daß die Fortbildung kein Luxus ist, den sich wenige Bevorzugte leisten können, nein, daß es unsere heilige Pflicht und unser fester Wille ist, um der Kinder willen an unserem Wissen und Können unentwegt und unverdrossen weiter zu arbeiten. Männer wie die Professoren Rein und Eucken, der glückliche Empfänger des Nobel-Preises, in Jena, Natorp in Marburg, Remcke und Bemheim in Greifswald, Paulsen in Berlin u. v. a. haben häufig bewundernd hervorgehoben, mit welch tiefem Ernste gerade die jungen Volksschullehrer dem Studium obliegen. In einem Berichte des rheinischen Provinzialschulkollegiums war noch dieser Tage zu lesen: „Bei dem gegenwärtig in der Lehrerwelt herrschenden Streben nach Vervollkommnung der Ausbildung wächst der Andrang zu den Mittelschul- und Rektorprüfungen derart, daß die eine Prüfungskommission für die ganze Provinz sich durch die Prüfungsarbeit überlastet fühlt. Die Unterrichtsverwaltung beabsichtigt daher eine zweite Prüfungskommission zu schaffen, die ihren Sitz in Cöln hat." Wie im Rheinlande, liegen im großen und ganzen die Verhältnisse im ganzen Reiche. M. Einem Stande, der heute noch so um das Nötigste zu ringen und zu kämpfen hat, wie unser Lehrerstand, und trotzdem bei aller Verkennung und Unterschätzung ein solch gewaltiges Streben nach geistiger Vervollkommnung manifestiert, muß doch schließlich der Frühling kommen. Was bisher von der deutschen Lehrerschaft im großen gesagt wurde, hat im selben Maße für die jüdischen, Lehrer im besonderen Geltung. Auch ihr Losungswort lautet seit langer Zeit: Bessere Ausbildung, mehr Fortbildung — höhere Einschätzung! Nur in einem Punkte liegt die Sache bei uns and rs. Während ein christlicher Lehrer zur Fortbildung vornehmlich diejenigen Fächer wählen wird, für die er mehr Vorliebe hegt, ist der jüdische Lehrer als 'Tin' in jedem Falle und vor allem verpflichtet, auf dem Gebiete von .min Tlö^n weiter zu arbeiten. Das verlangt nicht nur unsere Pflicht als 'TliT, sondern auch unser Beruf als jüdischer Lehrer. M. H.! In der pädagogischen Beilage des „Israelit" vom 21. April 1904 bin ich dafür eingetreten, daß Pflicht, Ehre un Gerechtigkeit verlangen, das Maß der Kenntnisse im Jüdischen für den Seminarunterricht zu erweitern, nachdem die Anforderungen in den profanen Fächern so bedeutend erhöht wurden durch die ministeriellen Bestimmungen vom 1. Juli 1901. Erstens verstößt es gegen die Harmonie des Lehrplans, wenn gerade das wichtigste Unterrichtsfach auf dem alten Niveau bleibt, während die anderen Gebiete viel intensiver bearbeitet werden; sodann hat doch eine richtige Fortbildung auch eine gediegene Ausbildung zur Voraussetzung. Wohl flüsterten und klagten der Kleinmut und die Verzagtheit: Woher die Zeit nehmen? Da die neuen Pläne so viel Mehrarbeit mit sich bringen, muß die mim sich vorläufig etwas bescheidenbeim besten Willen ließe sich jetzt keine Zeit für Erweiterung und und Vertiefung des jüdischen Wissens finden. Bei den orthodoxen Lehrer-Bildungsanstalten bewährte sich wieder die alte Erfahrung unserer Weisen: 'nKXttl 'nw |DKn; nach reiflicher Ueberlegung kam man zu dem Entschlüsse, für die Ausbildung jüdischer Lehrer ein Jahr mehr einzusetzen als in den anderen Lehrerbildungsanstalten üblich ist, damit das Thauroh-Wiffen gleichen Schritt halten könne mit der gesteigerten profanen Bildung. Mit derselben Schaffensfreude, mit der der deutsche Lehrer nach abgelegter Abgangsprüfung sich in der Regel auf einem selbstgewählten Arbeitsgebiete betätigt, sucht der jüdische Lehrer sich vor allem mit den Schätzen des jüdischen Schrifttums vertraut zu machen. Dabei wird es ihm kaum in den .Sinn kommen, etwa die wissenjchaftlichen Ergebnisse der protestantischen Bibelkritik einer genaueren Nachprüfung zu unterziehen oder die verschiedenen Dialekte der semitischen Sprachstämme miteinander zu vergleichen. Weder von Cornill noch von Marti wird er sich belehren lassen wollen, wie das israelitische Prophetentum sich entwickelt haben mag. Nicht durch die Brille des Archäologen oder Geologen wird er die biblischen Berichte bewundern oder mitleidig bedauern. Nein, für ihn ist das Gegebene die ,min, eine wirkliche 13min |na. Von dem festen, unverrückbaren, granitnen Standpunkte der Bibel aus wird er Welt und Wissen, Zeit und Ort beurteilen und einschätzen. „Erziehung wird ihm bedeuten — Erhebung der Zeit zur Tbauroh, nicht aber Nivellierung der ,mm nach der Zeit," wie Hirsch so herrlich im 16. seiner neunzehn Briefe ausführt. Daher wird er dem beliebten Götzen „Zeitgeist" kein Opfer bringen, sondern Goethes Wort wird ihm vorschweben: „Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln." Auch Schiller kann uns hier belehren: „Hoch über der Zeit und dem Raume webt lebendig der höchste Gedanke." (Fortsetzung folgt.)