Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1909)
- Date
- 1909-01-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 4 des „Israelit". Samuel da kagiO. Sine jüdische Erzählung aus der spanisch-maurischen Zeit. euilleton (Fortsetzung) Alle Granader teilten den Zorn des Offfzicrs. Am unwilligsten zeigte sich der andere Vologguin, der Bruder des Königs. „Wir müssen sofort die nötigen Maßregeln ergreifen, um die Almerier zu bestrafen." Badis schaute Samuel an und als dieser nickte, sagte er: „Ich verspreche es Dir, Bruder, die Mokaken*) werdet! an mich d nken." Zweites Kapitel. Als Zohair in seine Staaten zurückkehrte, mußte er seinen Weg durch mehrere Engpässe und über eine Brücke nehmen, rach welcher ein benachbartes Dorf Alpuente hieß. Badis und sein Vezier berieten was zu tun sei. „Laß die Brücke abbrechen," sagte Samuel, „und schicke Soldaten zur Besetznng der Pässe aus." „Ich tue wohl, nach Deinen! Geheiß, aber ich muß Dir gestehen, so sehr wie mein Bruder bin ich nicht gegen Zohair erbittert. Zohair läßt sich allzusehr durch seinen Vezier beeinflussen, von Herzen ist er uns gut. Ich habe es deshalb noch nicht ganz aufgegeben, den alten Freund meines Vaters zu einer Sinnesänderung zu bewegen, ich möchte ihn deshalb heimlich'von der ihm drohenden Gefahr in Kenntnis setzen." „Wie, rief Samuel in höchstem Erstaunen, Du willst ihn verfolgen und zugleich heimlich warnen? Also Dir selbst entgegenarbeiten?" „Ja, sprach Badis, nur so kann ich meine widerstreitenden Gefühle beruhigen, nur wenn ich nach beiden Seiten hin tätig bin. Die Gelegenheit zur Ausführung meines Vorhabens ist auch günstig. Noch weilt hier ein berberischer Hauptmann, der in der almerischen Armee diente, ihn tverde ich zu Zohair schicken." Samuel war diese Zwiespältigkeit in der Seele des Königs im tiefsten Inneren zuwider. Er verglich Badis mit Achaschwerosch und Grauen beschlich ihn bei dem Gedanken, daß die Gunst des Königs, trotz aller Verdienste unl das Reich, deren er sich rühmen konnte, sich anch eines Tages von ihm wenden könne .... Der berberische Hauptmann suchte Zohair zur Nachtszeit auf und sprach zu ihm also: „Du kannst mir glauben, Herr, wenn ich Dir sage, daß Du schwerlich morgen die Engpässe wirst passieren können. Ich rare Dir also sogleich abzureisen; dann wirst Du vielleicht noch imstande sein, die Engpässe zu überschreiten, ehe die Granader Zeit gefunden haben, sie zu besetzen, und tvenn sie Dich dann verfolgen, kannst Du ihnen auf der Ebene eine Schlacht liefern oder Dich in einer Deiner Festungen in Sicherheit bringen." Dieser Rat. schien Zohair nicht zu mißfallen; aber Jbn-Abbas, der dem Gespräch beiwohnte, ries: „Nur die Furcht läßt ihn so reden." „Was," sagte nun der Hauptmann, „das wagst Du von mir zu sagen? der ich doch an zwanzig Schlachten teil genommen habe, während Du selbst nicht eine einzige erlebt hast? Nun, Du wirst bald?ehen, daß der Ausgang mir Recht geben wird." Er entfernte sich voll Unwillen. Hinter dem Teppiche, der das Zelt Zohairs von dem seiner Dienerschaft trennte, zischelte es *) Die Affen. leise. „Weißt Du, Bruder," sagte einer der Sklaven, „aus tvelchem Grunde Jbn-Abbas den Rat des berberischen Hauptmanns verworfen hat?" „Nun, weil er ihn schlecht gefunden," lachte sein Genosse. „I, wo denkst Dtl hin, er wünscht nichts sehnlicher, als daß der Zohair getötet werde. Er hat den ehrgeizigen Wunsch, Almeria zu regieren und will, daß Zohair im Kampfe mit den Granadern seinen Tod finde." „Und er selbst?" „Er wird sich durch die Flucht retten und sich zum Herrscher von Almeria aufwerfen." „Ich," sagte der andere, „ich werde dem Zohair morgen früh über Jbn-Abbas die nötige Aufklärung geben." Aber am anderen Morgen war es zu spät. Zohair sah sich von den granadinischen Truppen umzingelt. Seine Soldaten zeigten sich höchst bestürzt; jedoch er selbst verlor nicht seine Geistesgegenwart. Er ordnete seine schwarzen Fußsoldaten, fünfhundert an der Zahl, und seine Andalnsier zur Schlacht und befahl seinem Unterfeldherrn Hodhail, an der Spitze der slavischen Reiterei auf den Feind einzudringen. Hodhail gehorchte, aber kaum hatte der Kamps sich entsponnen, als er, sei es durch einen Lanzenstich oder infolge eines Fehltritts seines Pferdes aus dem Sattel gehoben wurde, und nun ergriffen seine Reiter in größter Unordnung die Flucht. Zugleich wurde Zohair von seinen Negern, ans die er unbedingtes Vertrauen gesetzt harte, verraten. Sie gingen, nachdem sie sich des Waffenvorrats bemächtigt hatten, zum Feinde über. Es blieben also nur die Andalusier übrig; aber diese, überhaupt sehr schlechte Soldaten, hatten nichts eiligeres zu tun, als zu fliehen, und so sah sich Zohair wider seinen Willen genötigt, das Gleiche zu tun. Da die Brücke von Alpuento auf Samuels Rat abgebrochen und die Engpässe von den Feinden' besetzt waren, mußten die Fliehenden Schutz auf de r Bergen suchen. Die meisten wurden von den Granadern, die keinen Pardon gaben, niedergesäbelt, andere fanden ihren Tod in schrecklichen Abgründen, unter ihnen Zohair selbst. Ein zwischen dem Talkessel von Ujijar und dem oberen Teile des Tales von Notaez in nordsüdlicher Richtung sich erstreckender, niedriger Bergrücken, die heutige Lom a de Uator, setzt die südlichsten Vorsprünge der Sierra nevada mit der Gebirgskette Contraviesa in Verbindung. Das reich bevölkerte und fruchtbare Tal schiebt sich nordwärts in die breite öde Hochebne von Padul fort, durch welche der westlichste Vorsprung des Schneegebirges von den» Allmijarrasgebirge geschieden witd und die jenseits Padul sich abwärts senkend unmerklich in die Hochebne von Granada übergeht Hier, eine halbe Legua oberhalb Paduls, liegt am Wege nach Granada jener weltberühmte Punkt, der beinahe fünfhundert Jahre später den Namen „el ultimo sospiro del Moro" (der letzte Seufzer der Mauren) empfangen hat, jener Punkt von wo aus man, aus dem Tale von Lecrin kommend, auf einmal die herrliche Vega samt der Stadt Granada und der hochgetürmten al- Hambrah erblickt, dort wo am 2. Januar 1492 der enrhronte in die al-Pujarras flüchtende Boabdil sein Pferd anhaltend und einen letzten Abschiedsblick auf das ihm auf ewig verlorene Paradies werfend in Tränen ausbrach und rief: „Allah akbar: Wann gab cs je ein Geschick, das dem rneinen gleicht". Auf jenem Punkte, den später die sauren „Fez allah akbar" nannten, standen heute Badis und Samuel. Sie überblickten das Gefilde und in höchstem Glücke gewahrten sie, tvie der Sieg sich an die Fersen ihrer Leute haftete. Ein Hauptmann aus dem granadinischen Heere kam herbeigesprengt. „Heir", rief er, „was soll mit den zahlreichen Beamten Zohairs geschehen?" „Niedermetzeln", schrie Badis. „Das wirst Du nicht tun", rief Samuel, „kriegsunkundige Leute, wie Schafe abschlachten!" „So schone man ihr Leben und mache sie zu Gefangenen". Der Hauptmann entfernte sich. Einen der Ersten, die er gefangen nahm, war Jbn-Abbas. „Kennst Du mich noch, Freundchen, glaubst Du noch immer, daß mir die Furcht Euch den Rat der Abreise erteilen ließ?" „O", sprach Jbn-Abbas, ich gehe freiwillig mit Dir, ich habe von Badis nichts zu fürchten, meine einzige Sorge sind meine Bücher. Mein Gott, mein Gott, was wird aus meinen Packeten werden". „Höre, Freund", sprach er zu dem Hauptmann, „gehe und sage Deinem Herrn, daß er meine Packete wohl in Acht nehme) nichts darf davon zerissen werden, denn sie enthalten Bücher von unschätzbarem Werte". Jbn-Abbas wurde vor Badis geführt. „Nun", sprach der Vezier lachend, „habe ich Deinen Interessen nicht gut gedient, da ich Dir diese Hunde ausgeliefert habe?" Dabei deutete er mit den Fingern auf die slavischen Gefangenen. „Du mußt mir Deinerseits jetzt auch einen Dienst erweisen", fuhr er fort, „Du mußt den Befehl geben, daß man meine Bücher schone; nichts liegt mir so sehr am Herzen". Während er so sprach warfen ihm die. almcrischen Gefangenen wütende Blicke zu, und einer unter ihnen der Hauptmann Jbn-Chabib, rief zu Badis gewandt: „Herr, ich beschwöre Dich bei dem, welcher Dir den Sieg gegeben, laß diesen Elenden, der unseren Herrn gestürzt hat, nicht entschlüpfen; er allein ist Schuld an allem, was sich zugetragen, und wenn ich Zeuge seiner Hinrichtung sein könnte, so würde ich mir selbst gern gleich darnach den Kopf abschlagen lassen". Badis lächelte bei diesen Worten mit besonderem Wohlwollen und befahl den Hauptmann in Freiheit zu setzen. Er war der Einzige unter den Soldaten der sein Leben rettete, alle übrigen wurden nach einander dem Henker überliefert. Jbn-Abbas hingegen war der Einzige unter den Zivilbeamten, welcher nicht die Freiheit wieder erlangte. Der stolze Vezier lernte endlich das Unglück kennen, das er in seiner Tollkühnheit herausgefordert hatte und sah die Prophezeihung des almerischen Dichters sich erfüllen. Er wurde in einem Kerker der al-Hambrah gefangen gesetzt und die Ketten womit man ihn belud, wogen nicht weniger als vierzig Pfund. Er wußte, daß Badis sehr aufgebracht gegen ihn war und daß er an Samuel keinen Fürbitter haben werde. Dessenungeachtet glaubte er, noch nicht alle Hoffnung aufgeben zu müssen - Badis, dem er dreißigtausend Dukaten als Preis seiner Befreiung hatte anbieten lassen, gab ihm zur Antwort, er wolle seine Bitte in Erwägung ziehen, indessen ließ er fast zwei Monate vorübergehen ohne in Bezug auf ihn eine Entscheidung zu treffen. Während dieser Z it bekämpften sich entgegengesetzte Einflüsse am Hofe von Granada: einerseits bemühte sich der cordovanische Gesandte und Schwager des Amiriden Abdal-Aziz von Valencia, Abul- Achwaz Man ibn Comadich, bei Badis dahin, daß er alle Gefangenen töten lasse und Jbn- Abbas vor allen anderen. Abdal-Aziz hatte sich beeilt, das Fürstentum Almeria in Besitz 51t nehmen, unter dem Vorwände, daß es ihm nach dem Heimfallsrecht gehöre, weil Zohair ein Client seiner Familie gewesen sei,' er fürchtete, daß wenn Jbn-Abbas und die Gefangenen wieder frei würden, sie ihm die Herrschaft streitig machen könnten. Badis selbst wußte nicht zu welcher Partei er sich halten solle- Habgier und Rachsucht bekäinpsten einander in seinem Herzen. Samuel der wußte, daß die Freilassung Jbn-Abbas für ihn sowohl wie für Badis kriegerische Verwicklung in Gefolge haben, konnte den Rat ihn freizugeben nicht erteilen, anderseits tvollte er auch kein Blut auf sich laden und nicht die Hinricht ung selbst seines Todfeindes herbeiführen. (Fortsetzung folgt.)