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Der Israelit · 1909-01-14 · Heft 2 (14.1.1909) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 2 (14.1.1909)
Date
1909-01-14
Page
– (sequence 14)
Language
German
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T ^7 ' - jk1» Feuilleton-Beilage zu Nr. 2 des „Israelit". Samuel da ßagid. Eine jüdische Erzählung aus der spanisch-maurischen Zeit. 'euilleton. Zweites Auch. (Fortsetzung) „Dein Minister", sprach Wahrheit, „hat Dein Land seither nicht nach seinem Sinne umgestalten können, weil die Lüge Dich umgibt und Musikklatlg Dich betäubt. Deshalb herrscht noch v'el Elend und Jammer, den Du nicht hörst". Du Haft nicht versucht, Dir zum Herzen Deines Volkes den Weg zu bahnen. Du wolltest nur gebeugte Schultern und lobende Mäuler. Der vor Dir aufrecht stand, wurde wie ein Feind verjagt. Du hast Dein Volk nur wenig geliebt und gar nicht verstanden. Von oben bis unten hat sich die Lüge breit gemacht, sie bindet und löst alles in Deinem Lande". Der König wurde zornig, er warf den kühnen Sohn hinaus und er durfte nicht mehr vor seinem Antlitz erscheinen. Jahre sind vergangen. Der König ist tot, setzen wir seinen echten Sohn Wahrheit auf den Thron, damit das auf Lüge vertrauende Land nicht Zusammenstürze. „Es lebe unser König Vadis, der Beschützer und Hort der Wahrheit", rief man nach dieser Erzählung. „Es lebe Samuel, sein Vezier" riefen andere. Der Scheich fuhr fort: „Ich höre mit Schrecken, daß Ihr Namen nanntet, während ich Euch nur ein Märchen erzählte, so bin ich denn gezwungen, Euch zu sagen, was ich weiß. Heute Nacht waren die vornehmsten Berber und die ersten Juden unserer Stadt in einer Höhle bei Guadix versammelt, bis heulende Wölfe, die durch griechisches Feuer verscheucht nmrden, sie auseinander trieben. Sie haben beschlossen Badis und Samuel zu töten und Bologguin auf den Thron zu setzen, deshalb haltet Euch ruhig, Ihr könntet sonst denselben Weg gehen. Ihr wisset die Barbaren haben die Macht in Händen". Der Versammelten bemächtigte sich eine furchtbare Erregung. „Wo ist Badis", riefen sie, „damit er sich an unsere Spitze stelle. Unter seiner Führung wollen wir den Berbern wie den reichen Juden ihre Köpfe vor die Füße legen". Samul gab Badis einen Wink, unbemerkt wollten sie sich entkernen. Da rief ein Araber, „wer sind die beiden Neger da hinten, in Bauerntracht, die unseren Verhandlungen so aufmerksam lauschten? Es sind gewiß Spione des Bologguin, spaltet ihnen den Schädel". Mit einem ungeheuren Satz waren Badis und Samuel, die sich nahe dem Ausgang befanden, im Freien, hier liefen sie so rasch sie konnten, ihren Behausungen zu. Samuel begab sich in sein Haus, während Badis sich nach der al-Hambrah verfügte. So hatte es Samuel bestimmt, denn er glaubte, daß es die Gegenpartei noch mehr erzürnen würde, wenn man sie beide beisammen treffen würde. Er hatte sich für die Nacht seine Talmudschüler bestellt, beim/ sagte er, muß ich sterben, so will ich es wenigstens während der Beschäftigung mit dem Gegenstand meiner höchsten Freude. Auch im Angesicht des Todes ist die Lehre mein Leben und die Länge meiner Tage. Es lag ihm am meisten von allen feinen Sorgen am Herzen, daß seine Einleitung in den Talmud erhalten bleibe und auf spätere Geschlechter überliefert werde. Er hatte deshalb dreihundert Abschriften anfertigen lassen und verteilte sie nun unter seine Schüler. Er selbst las sie nochmals ben Jüngern vor. Da> Tor des Hauses ließ er während der Nacht geöffnet, denn er hatte Spione in alle Teile der Stadt entsendet, die ihm Nachrichten über den Stand des sich entwickelnden Bürgerkrieges von Zeit zu Zeit überbringen mußten. Samuel begann seinen Schülern Vortrag zu halten: „Der Talmud zerfällt, wie Ihr wißt, in zwei Abteilungen: Mifchnah und Erläuterung der Mischnah. Die Mischnah ist das, was mündliche Ueberlieferung genannt wird, sie ist der Inhalt der Lehre, wie sie von Moscheh bis auf Rabbi Jehuda Ha-Nassi, (Rabbi den Heiligen) überliefert wurde. Dieser schrieb sie nieder, damit sie dauernd bestehe und nicht vergessen und verloren werde. Sie - zerfällt für sich ebenfalls in zwei Teile: in fest angenommene und in nicht rezipierte Halachah. Die festangenommene ist diejenige, welche von Moscheh überliefert wurde, nachdem sie dieser von Gott empfangen; sie mag nun in der Mischnah durch Worte eines Einzelnen oder einer Mehrzahl ausgedrückt sein", er winkte einem Schüler, der fragen wollte: „ich werde dies später noch näher erklären. Da trat hastig einer der von Samuel entsendeten Spione in das Gemach. „Die ganze Stadt ist in Aufruhr, o Herr, die Berber besetzen das Elvirator, Jbn Migas und seine Freunde stehen auf der al-Caiceria, die zwischen dem Zakatin und der Moschee liegt, sie haben in den Bazar eine Menge Leute versteckt, die auf ihren Wink hervorkommen und mit Waffen versehen werden sollen. Der Scheich hat eine große Anzahl - von Arabern zur Verfügung, er hat das Schloß umringt, wenn Du es wünschest, wird er einen Teil seiner Leute zu Deinem Schutze hierher schicken". „Sage dem Scheich, ich brauche vorerst Niemanden, er möge den rechtmäßigen König nur schützen. Wo sind wir stehen geblieben?" frug er seine Schüler. „Ganz recht, an der nicht rezipierten Halachah, sie ist diejenige, welchesich nicht auf Grund bestätigter Ueberlieferung gebildet, sie sei nun von einem oder von vielen vorgebracht. Wird nun jemand fragen, wozu hat Rabbi Dinge ausgenommen, die keine endgültige Halachah sind? Darauf ist zu antworten, daß von den alten Gelehrten ein jeder für sich, was er gelernt niedergeschrieben hatte, so daß Rabbi, der alles redigierte, gezwungen war, auch unbestätigte Halochoth aufzunehmen, damit wenn ein Dritter eine solche vorbringe, man ihm zeige, daß sie zwar niedergeschrieben aber ungültig sei. Aus der Mischnah Edujeth 1 könnt Ihr Näheres ersehen, auch habe ich hier eine handschriftliche Darstellung des Gaon Scherira, die uns zeigt, wie die Milchnah verfaßt wurde". Ein weiterer Bote trat ein und meldete: „Auf dem Bibarrambla verteilt Jsak ben Leon Waffen an die Berber, auf die platten Dächer, Türmchen und Balkone der Stadt hat er Neger hingesetzt, die auf sein Kommando Steine auf die Araber und Juden werfen sollen. Man hat Bologguin aus dem Schlafe geweckt, er soll sich an die Spitze der Berber stellen und seinen Bruder überfallen und erschlagen, und Du sollst ermordet werden und zwar zuerst. Der Scheich bittet Dich, verkleidet zu enrfliehen". Samuel trat an eine Mauerspalt und blickte hinaus Wilde Gestalten mit Speeren, Lanz n und Schwertern bewaffnet zogen, gräßliche Lieder singend, durch die Straßen, einige sandten wilde Flüche zu dem Hanse Samuels empor. „Ich kann nicht mehr fliehen", sprach Samuel, „zu spät. Ich wollte auch gar nicht, fliehen", etzte er wie zur Entschuldigung hinzu, als wenn er damit sagen wollte, daß er nichts versäum habe. „Bleibe hier und lasse Dich in der Speisekammer bewirten. Wir aber wollen in unserem Unterricht weiter fahren". „Die Zweite Abteilung, die Erläuterung der Mischnah läßt sich innerlich in einundzwanzig Teile oder Arten zerlegen: 1. Tosephta, 2. Boreitha, 3. Erklärung, 4. Frage, 5. Antwort, 6. Einwand, 7. Zurechtsetzung) 8. Widerlegung, 9. Stütze, 10. Gegenüberstellung, 11. Gegenbeweis, 12. Nachweis der Prägnanz gegeb ner Beispiele, die Hazrachah, 13. Bestätigung aus der Praxis, 14. Im Lehrhaus Gehörtes, 15. Verhandlung, 16. Beschließende Halacha, 17. Feststellung des Zweifelhaften, Teiku, 18. Haggada, 19. Anweisung über entstandenen Usus, 20. Theoretische Anschauung oder System, 21. Abweichungen von der Mischnah". Samuel war gerade im Begriff seinen Vortrag hier auf kurze Zeit zu unterbrechen, als plötzlich der Lärm des Volkes, das vor seinem Hause auf- und niederflutete, lauter und'heftiger anschwoll: Drohungen, Jubelrufe, Waffenklirren wild durcheinander. Da stürzte ein Mann in da s Gemach Samuels. Ein hochaufgeschossener bronzefarbiger Jüngling, seine Kopfbedeckung war ihm entfallen, seine Arme bis zur Schulter entblößt, in der Rechten ein gezücktes Schwert — Bologguin. „Ha Jüdlein, Dich gelüstet es wohl noch länger Vezier über die Gläubigen zu sein?" „Hier hast Du Deine Würde" und er holte weit aus, um Samuels Brust zu durchbohren. „Nach Dir kommt Badis an die Reihe", rief er höhnisch" Da entriß ihm ein kräftiger Arm das Schwert daß es im weiten Bogen an die Decke des Ge. machs und von hier auf das Ruhebett Samuelsflog. „Wer wagt es", schrie in höchster Wut Bologguin, „er ist des Todes". Und er stürzte sich auf seinen Bändiger — doch plötzlich wie vom Blitz, getroffen hielt er jnne — „Du Rabbi Niffim, mein Freund, mei n Lebensretter, wie kommst Du hierher, was mischst Du Dich in meine Angelegenheiten?", sagte er verwirrt. „Was ich mich hineinmische?", sagte Nissim, „ich dächte ich hätte das Recht Dir zum zweiten Male das Leben zu retten, aber diesmal ni ch nur das diesseitige, sondern auch das Leben nach dem Tode". „Bist Du Dir denn bewußt, was Du tun wolltest? Einen zweifachen Mord wolltest Dü begehen, einen Mord an dem edelsten Menschen, der je gelebt und einen Mord an Deinem eigenen Bruder, ich nehme an, daß Du in diesem Augenblick verhetzt von einer fanatischen Menge den Verstand verloren hast — willst Du, daß die hingemordeten Gestaltelt der beiden Edlen Dich wachend und im Traume Dein ganzes Leben hindurch verfolgen, willst Du Dich am Abend niederlegen und die Geister von SamuÄ und Badis begleiten Dick drohend und rauben Dir ben Schlaf, willst Du des Morgens erwachen in Schweiß gebadet, verfolgt die ganze lange Nacht von unschuldig durch Dein Schwert Gefallenen, ist die Stimme Gottes in Deinem Innern erstorben, weißt Du nicht, daß der Mord der höchste Greuel ist bei all denen, die einen einzigen Gott anerkennen, willst Du auf ewige Zeiten in dem Pfuhl der Hölle leiden und willst Du zeit Deines Lebens auf dieser Welt mit dem Gewicht des Schuldgefühs gebrandmalt umherirren, Bologguin, wache auf und erkenne, was Du zu tun im Begriffe standest". „Aber", sprach Bologguin schon ganz zerknirscht, „muß ich mich nicht auflehnen gegen die Gewaltherrschaft meines Bruders, der Araber und Juden begünstigt und sein eigenes Blut und seinen eigenen Stamm niederdrückt, ert chändet das Erbe der Väter, mit mir erhebt ich das ganze Land, unsere Berge, unsere Flüffe, unsere Zukunft". (Fortsetzung folgte '

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