Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 52 (31.12.1908)
- Date
- 1908-12-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449351--65154-2507779- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mette S. Nr. SS. Arbeit des abgelaufenen Jahres zuteil geworden sei, «ttd gab der Freude darüber Ausdruck, daß eine stattliche Reihe gleichstrebender Körperschaften, in enger Fühlung mit der Bereinigung" stehend, ihre Tagungen gleichzeitig hier abhielten. Er forderte zu regem Besuche aller dieser Veranstaltungen, insbesondere des Sabbath-Tages und der Lehrerversammlung auf und teilte 'mit, daß auch zu einzelnen Kommissionssitz >ngen der „Freien Vereinigung" Gäste nach Verständigung mit den betreffenden Vorsitzenden Zutritt haben würden. Inzwischen hatten sich die zahlreich anwesenden „jüdischen Akademiker" mitten im Gedränge zu emer regelrechten studentischen Tafelrunde formiert und es erklangen bis in die späte Nacht hinein in buntem Wechsel hebräische und deutsche Weifen, in manchen Herzen längst verklungene Töne weckend.- Die ttfentlicfce siaupivriraminlung. Es waren keine Fremde mehr, die sich da am Montag abend zur festgesetzten Stunde in dem großen fünfzehnhundert Personen fastenden Festsaale des „Kaufmännischen Vereins" zu-, sammensanden und nicht nur alle Sitzplätze, sondern auch alle Zwischengänge und Stehplätze, sowie die Gallerie ausfüllten. Die vorhergehenden Tage hatten rasch das große einigende Band um bie Herzen geschlungen, das aus gemeinsamer Arbeit erwächst — die Kommissionssitznngen hatten bereits^stattgefunden - — und nun war es trotz der beinahe 2000 Teilnehmer eine Gemeind e, die sich in dem glanz- und lichterfüllten imposanten Raume zum großen Feste der Gesetzestreue einfand. Eine Kundgebung einzigartig und überwältigend.... Unter allgemeiner Spannung eröffnete um 1XU Uhr der Vorsitzende des Vorstandes Herr Rabbiner Dr. Breuer, die Versammlung, mit ■ einer Ansprache, die nach unserer stenographischen - Aufnahme folgendermaßen lautete: Hochgeehrte Versammlung k Namens des Vorstandes der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, habe ich die Ehre, Sie berzlich zu begrüßen und wlllkommen zu heißen. Es Lereicht uns zu besonderer Befriedigung, daß Sie aus Nah und Fern in s > großer Zahl zu uns herbeigeeilt sind, um an unserem Bereinstag .teilzunehmen. Me haben damit Ihr wärmstes Interesse für die Bestrebungen unserer Bereinigung bekundet, was wir zu Würdigen wissen und dankend anerkennen. — Ich eröffne den Bereinstag und konstatiere zugleich, daß die Einladungen statutengemäß erfolgt sind. Hochgeehrte Versammlung! Es sind nicht ganz zwei Jahre verstrichen, seitdem wir das Werk der Ausgestaltung unserer Bereinigung, die die Heranziehung aller im Deutschen Reiche lebenden orthodoxen Juden zu gemeinsamer Arbeit im Dienste des orthodoxen Judentums zum Ziele hat, in Angriff genommen haben. — " Gelegentlich des Bereinstages, der im .vorigen Jahre in Berlin stattgefunden hat, sprachen wir die _Der!*sraertt_ zuversichtliche Erwartung aus, daß dieses zn Ehren Gottes unternommene Merk der Sammlung das von allen wahrhaft gefetzestreuen Inden sehnlichst herbeigewünschte Ziel erreichen werde, sprachen wir die zuversichtliche Erwartung aus, daß die etwa vorhandenen Gegensätze sich immer mehr und mehr mildern werden, und daß es uns so, selbstverständlich unter strenger, gewissenhafter Wahrung des Grundprinzips, das der große Begründer unserer Vereinigung, Samson Raphael Hirsch uns vorgezeichnet hat, gelingen werde, in gemeinsamer, hingebungsvoller Arbeit die Interessen des orthodoxen Judentums zu fördern. Die wahrlich nicht unwesentlichen Resultate, die wir mit Gottes Hülse, wie Sre dies unserer Berichterstattung entnehmen werden, in diesem einen Jahre zu verzeichnen haben, sie haben unsere Erwartungen in solchem Maße gesteigert und übertrosfen, daß wir den Dtut haben, nunmehr auch von dem Bestände unserer Bereinigung im Sinne unserer Weisen zu reden. — BV*? iVDSID b'D Dn,pnnS HB1D ll'ivV P lehren die Weisen der Mischnah, jede Bereinigung aus reinen Beweggründen zu reinen Zwecken gelangt endlich zum Bestand. DWb ist der Ausdruck für jedes Streben, welches das Gute um des Guten willen, ohne jede unlautere Nebenabsicht zum Ziele hat. Jede Bereinimmg, die um eines idealen Zweckes willen, ohne jede unlautere Nebenabsicht, Zusammentritt, trägt schon dadurch den Grund und Boden ihres Bestandes in sich, daß sich diesem gemeinsamen Ziele jedes Sondeclnterefse unterordnet. Unlautere Ziele und Zwecke führen die Bereinsmitglieder alsbald zu einem Wettkampf um Sondertnteressen, der den Keim einer früher oder später unausbleiblich erntretenden Auflösung in sich trägt. — Wer eS Meint, der will allen Ernstes die Bereinigung, und dieser ernste Witte ist die unerläßliche Vorbedingung für den Bestand einer Vereinigung. Unwillkürlich kommt uns oas Wort des Kwpheten aus der dieswöchentlichen Hafthora in den Sinn: Das Auge des Propheten sieht die einstige Wiedervereinigung des' in Juda und Israel gespaltenen jüdischen Volkes. Als vorbildliches Zeichen für diese Bereinigung soll der Prophet aus Gottes Geheiß zwei Scheite eines gespaltenen Stammes mit den Namen Juda und Israel versehen in die Hand nehmen, und nun ergeht die göttliche Aufforderung an den Propheten: 2“lp1 nrm iS ,nnx Sö in« om«. u d nähere fie, bas eine zum andern, dir zu einem Stamm, QnmtS 1'M, und fie sollen einheitlich in deiner Hand fein. VfTI' ste sollen sein, d. h. sie sollen bleiben. In dem Hilfszeitwort fpFi liegt nämlich der Begriff eines bauernden, bleibenden Seins, so in dm Psalmm: YHptP, ich war wach, ,-f'NXI und blieb es. Ferner: vpl lÖK XI,"7 '2- So auch in der Auffassung unserer Weisen: jpjTVT pIN/l' JTpl VT* Die Wölbung soll eine dauernde und bleibende Gestalt annehmm. Wo überall B'ÖV eine Bereinigung nch vollzieht, da will man m Wahrheit die Bereinigung, da ist es jedem ein Herzensbedürfnis, baß die zerstreuten Glieder sich zu einem einheitlichen Ganzen verbinden- und so kann man auch mit Sicherheit auf den Beistand Gottes rechnen, der die Vereinigung zu einer dauerndm, bleibenden gestalten werde, "in« VVb NNX ÖftlX 2*lpV An dj r liegt es, ward dem Propheten gesagt, das eine dem andem zu nahem und zu einem Stamm zu vereinigen. *jnx VVb “] b- Du mußt, von der reinstm, edelsten Absicht beseelt sein, die gespaltenm Stücke zu Sh Dezember 1908 öan>', dessen kannst Du sicher sein, werden fie auch in Deiner Hand einheitlich sein und bleiben! . Hochgeehrte Versammlung'. BwS in der wahrsten Bedeutung des Wortes, aus reinen Beweggründen, und zu einem reinen, lauteren Zwecke, von der lautersten Absicht beseelt, die zerstreuten Glieder der orthodoxen Judenheit im Deutschen Reiche zu einem Ganzen zu verbinden, zu gemeinsamer Arbeit im Dienste der heiligen Sache zu sammeln, sind wir an die Ausgestaltung unserer Bereinigung gegangen. Noch ist das Werk nicht vollendet, noch harren unser viele und schwere Aufgaben. Doch unser eifrigstes Strebm ist es und wird es sein, dieses große, schöne, verdienstvolle Werk seiner Vollendung entgegenzusühren. Unser eifrigstes Streben ist es und wird es sein, mit unermüdlicher, eiserner Ausdauer, mit der ganzen Beharrlichkeit unserer Kraft und der Festigkeit unseres Willens die Aufgaben, die «nS vorltegen, zu lösen. So weit es an uns liegt, werden wir, getreu dem Grundprinzip unserer Vereinigung, den flDX in seiner ungetrübten Reinheit, frei von jeder fremdartigen Beimischung erhalten, werden wir im Geiste und Sinne des großen Begründers unserer Bereinigung, und darum auch im Geiste und Sinne unserer Propheten “rn# y$b “6 *7PTK Sx *7nx DfllX 2"Ip1, das eine dem andern nähern und zu einem Stamme vereinigen, — und so können wir zuversichtlich auf Gottes Legen rechnen, zuversichtlich hoffen, a'TflK'S TW ■pTQ' daß unsere Bereinigung in unseren Händen eine bauevnbe fein unb bleiben tverbe. Wir werden dann in Wahrheit dauernd dazu beitragen können, bie gesetzestreue Subenbeit Deutschland tn ihren heiligsten Interessen zu fördern, um» wir werden darum aber auch dauernd unsererseits dazu beitragen, das Wohl und Heil unseres deutschen Vaterlandes zu fördern. Denn, dasselbe göttliche Gesetz, das uns zur Sabbatheiligung und zur Nächstenliebe verpflichtet, verpflichtet uns auch in gleichem Maße zur Vaterlandsliebe, zu unerschütterlicher Treue zu Kaiser und Reich. Geeint sind wir in dem festen Streben, unser göttliches Gesetz, so wie wir es von unseren Vätern und Großvätern empfangen haben, unversehrt zu erhalte»! und unseren Nachkommen weiter zu vererben. Geeint sind wir eben darum «berauch in der unbegrenzten Wertschätzung und Verehrung der geheiligten Person unseres geliebten Landesvaters, in dem »vir den Hort des Friedens und den Beschützer unserer Emunah erblicken, und so wollen wir dieser Verehrung Ausdruck geben, indem wir alle uns in dem Wunsche einigen: Seine Majestät, unser allergnädigster Kaiser unb König, Wilhelm II., *fer lebe hoch! hoch! hoch? Die ganze Versammlung erhob sich, um begeistert in den Huldigungsruf einzustimmen und dann durch einen wahren Beifallssturm ihr.er Zustimmung zu den vom "Vorsitzenden gesprochenen kernigen Worten Ausdruck zu verleihen. Sodann erstattete Herr Jacob Rosenheim den umfangreichen Geschäftsberichts dem wir einiges entnehmen: Der Bericht beschäftigt sich zunächst mit der Erweiterung der Organisatron der „Freien Bereinigung", den in Frankfurt Und Berlin errichteten ständigen Bureaux und den Ergebnissen der Propaganda, welcher es geling, die Mitgliederzahl auf nahezu 4000 zu erhöhen. Bedeutungsvoll eines Feuilleton Gbräaen äer Grostts. Skizze von ft. S. «abinowttz. Aus dem Hebräischen übersetzt von Dr. M. Kahn in Eßlingen. Bor der Westwand des Tempels in Jerusalem sitzt der alte Jochanan unb lieft eifrig in seinem Ttkkun chazaus, dem Buche, darin die Lieder verzeichnet stehen, welche die Frauen um den Fall des Heiligtums in ergreifenden Tönen aushauchen, und die sehnsüchtigen Bitten nm dessen Wiederherstellung renthalten. Zusammengekauert, sitzt er da, der greise p Jochanan, als ob er sich ganz in sich zurückziehen '-wollte, wie eine Schnecke in ihr Gehäuse, sein Turban -wallt herab von dem kahlen Haupte und bedeckt noch . einen Teil des schmächtigen, gramgebeugten Körpers. Zn der zitternden Hand hält er ein Lichtchen, dessen fahler Glanz in unruhigem Flackern die Seiten des Büchleins erleuchtet. Bon den Augen Jochanans rinnt Träne nm Träne heiß auf die rote Nase unb fällt bau dieser in den langen, ungepflegten, weißen Bart. Das heilige Büchlein ist zerrissen, aber nicht an den Rändern, wie es wohl der Fall zu fein pflegt, .Lei Büchern,' »velche durch täglichen Gebrauch abge- "sen und zermürbt sind, sondern mitten durch das „jjtein geht ein Riß, wie ihn nur mutwillige Zer- Srungssucht hat erzeugen können. Er ist eine Ermg an den Pogrom, ein Progrom für sich. Aus dem tiefblauen Himmel leuchtete der Mond herab und gdß sein Licht über diese heilige Wand, den Ueberrest unseres Heiligtums. Der Mond und jene Wand, jene Zeugen von all' den unsäglichen Leiden, die unser Volk betroffen haben-seit der fernsten Vergangenheit bis zu jenem Tage, da Jochanan gebückt dasaß und des eigenen Leides, das ihn so schrecklich betroffen hatte, gedachte. Denn, während er in feine Kinoh blickte, trugen ihn seine Gedanken weit hinweg von dem Platze, auf dem er saß, in die Vergangenheit, nicht in jene entfernte, da das Heiligtum zerstört wurde, sondern in eine nahe, in welcher aber Jochanan den Schmerz einer anderen Zerstörung durchzukosten hatte. Gerade vor zwei Jahren hatte bas Ereignis stattgesunden. In jenen Tagen waren Biele noch im Bollrausche der Begeisterung über die Freiheit, welche in Rußland etngezogen war, und es deuchte ihnen, als wäre die vollständige Erlösung gekommen, obgleich das Volk noch nicht deren Wert zu verstehen schien, lind auch, nachdem die ersten Ausbrüche des Freiheitstaumels sich gelegt hatten, hatte sich ihr Rausch noch nicht verflüchttgt und sie ließen den Glauben, daß die Freiheit gekommen fei, nicht fahren. Ngr der alte Jochanan saß im Beth-Hamidrasch seiner Vaterstadt auf einem umgestürzten Stuhle und hielt dieselbe Kinoh in der Hand> in welche er auch in diesem Augenblicke starrte. Der Borbeter trug an jenem Tage mit sanft klagender Stimme bie Trauerbilder vor und die Gemeinde horchte in staunendem Schweigen zu. Man hätte zwar meinen können, daß sie nur einen alt hergekommenen Brauch erfüllten, den ihr Herz nicht mittnachte, denn uralt war ja schon die Wunde, sodaß das Herz abgestumpft sein mußte, gegen die Heftigkeit des Schmerzes. Aber so oft der Chasen seine Stimme höher werden ließ, drang deren schmerzlicher Ton wie ein Messer in verwändet« Herzen und die alten Schwerin wurden wach zusammen mit den neuen, die in jedem Jahre dazu kamen, und es stiegen Seufzer und Jammertöne empor zur Decke des nur ganz notdürftig erhellten Raumes. Plötzlich wurden die Türen des Beth-Hamidrasch aufgerissen, in den Saal herein stürzte eine Rotte von Jünglirwen und jungen Juden und Jüdinnen, bewaffnet mit Säbeln und Lan-?en. Ter Borbeter verstummte, die Gemeinde blickte tarren Schreckens auf die Hereinbrechenden. „Niemand weiche von der Stelle", ließ sich die Stimme eines Jünglings vernehmen, „-vier hinauszugeh'n versucht, wird durchbohrt." Einer von ihnen und zwar Gedaljah, Jochanas Sohn, stieg auf den Almemor, fing eine lange Rede an, in welcher er die Juden verspottete und verhöhnte, daß sie nunmehr 18 Jahrhunderte hindurch trauerten und jammerten um em Land, das längst nicht mehr ihnen, sondern andern gehörte, und daß sie darüber das Land vernachlässigten, in welchem sie wohnten. Während alle Wett an der Kutturarbett der Menschheit sich beteiligte, säßen die Juden müßig da und murmelten veraltete Klagelieder. Tie Wut Jochanans steigerte sich zur Siedehitze. Er sprang auf von seinem Platze, lief zurTribüne^ wollte den Sohn an seinen Haaren fassen und »o« der Empore herunterstürzen. Aber Avei junge Leute hielten ihn mit starker Hand fest, und einer van ihnen riß ihm das Kinohbuch aus der Hand, zerriß es in zwei Stücke und warf es weit hinweg. Nach Grdalljah trat auch ein Mädchen an den Borleseputt und hielt eine lange Rede des Inhalts, daß das Proletariat aller Länder und die Juden zusammen die ersten sein müßten, um sich zu vereinigen. Um die Ketten des althergebrachten zu sprengen, bas Joch