Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 50 (17.12.1908)
- Date
- 1908-12-17
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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4. Jahrgang M 2. üdiacber Volhefromd tu IDonatS'Beiiage tm „Zrraenr YcrantwortKcbc Redaktion t Rabbiner Dl*, ß. Qlolf te Köln. Das Cbanakkablicbt and seine Uorscbriften. I. Wenn den Kindern in der Schule die Chanukkahgeschichte vorgetragen wird, so besteht diese gewöhnlich zur Hauptsache in der Erzählung des Wunders. Das Oel, das sich im Tempel fand und welches nur für einen Tag bemessen war, reichte für acht Tage aus. Dieser Schlußakt eines gewaltigen Geschichtsschauspieles, das in jeder einzelnen Szene überwältigende Allmachtsoffenbarungen und überzeugungskräftige Wahrheitssiege darbietet, wird nun dem Kinde mit auf den Lebensweg gegeben. Für das Kinderherz im Kinderzimmer genügte schließlich Geringeres als dieses Wunder, um einen Entschuldigungsarund zu haben, weshalb das Kind so gütig sein soll, gerade heute Geschenke anzunehmen und sich mit Kuchen und Süßigkeiten und munteren und anregenden Spielen zu erfreuey. Ob aber diese Erzählung allein — trotz ihrer geschichtlichen Wahrheit — noch in der Mannesbrust lebendig genug fortwirkt und im Geiste des Jünglings hoch genug geschätzt wird, um das riesengroße Geschichtsdenkmal, das Chanukkah errichtet, ungeschmälert zu würdigen, das wagen wir zu bezweifeln. Konnten und können doch Wunder allein keinen nachhaltigen Eindruck erzeugen. Wie könnte sonst Israel je von seinem Gotte abgefallen sein? Man vergleiche Maimon. '*712' bn min vm. Es ist mm zwar richtig, daß uns im Talmud nichts Ausführlicheres über Chanukkah berichtet wird. Aber die weisen Ordner unserer Gebete haben uns in wenig Sätzen ein wichtiges Stück Geschichte -übermittelt. Und in diesen ist allerdings von diesem Wunder nicht die Rede, wohl aber von dem weit größeren Wunder der großen Geschichtsepoche der ersten Makkabäer. Da steht es klipp uud klar: Es handelte sich um Sein und Nichtsein der Torah. Wir brauchen unsere Kinder nur — ohne Zusatz und unverblümt — die für die Cbanukkatage vorgesehene Einschaltung des VD2N b& übersetzen zu lassen,' dann sind sie durch das Vorbild der Geschichte gerüstet für jede Wiederholung des heiligen Kampfes. Da steht es deutlich: nicht die Maffe gewährleistet Kraft und Leben, nicht bei der Stärke ist der Sieg. „In den Tagen Mattißjohus, Sohnes Jochanans des Hohepriesters, des Hasmonäers und seiner Söhne, als das tyrannische Reich Jawan gegen Dein Volk Jisroel aufftand, sie lDeine Lehre vergessen zu taffen und sie von den Gesetzen Deines Willens abwendig zu machen . .." Nach einem einzigen Mann wird die Zeit benannt, ein Mann gab ihr die Präge, ein alter, schwacher Greis und doch so stark, ein Mann mit Charakter und Mut, ein Mann des Ernstes und der Tatkraft, ein Mann der Wahrheit und Unerschrockenheit, ein Diener des Friedens und Repräsentant des Kampfes, ein Priester und ein Held. Seine ganze Zeit wog er auf. Vor ihm sind sie nichts. Nichts sie alle, die auf griechische Bildung pochend einherstolzierten, nichts alle die Vasallen des Königs, die in Purpur und Goldbrokat sein Sklavenbrot genossen. Ein Schandfleck all die offiziellen Hohepriester, die mit Geld und Verrat, Lug und Trug ihr Ehrenamt erkauften, die in pfäffigem Eigennutz und sittlicher Verworfenheit die Volksseele vergifteten, den Tempel zur Stätte abscheulichster Schamlosigkeit entweihten, das Volk aussogen bis aufs Mark und mit seinem Blute ihre persönlichen Ränken ausfochten. In ewige Vergessenheit getaucht sind all die stolzen Namen derer, die sich für die klangvollsten ihrer Zeit gehalten, die durch Güter und Ehren glaubten ihr Volk beherrschen und befehligen zu können und außer .sich und ihresgleichen kein Dasein anerkannten. Charakterlos warftzn sie sich dankbar nieder vor jedem gnädigen Fußtritt eines Griechen und in Uebermut bäumten sie sich gegen ein edles Wort zarter Empfindung und ehrlicher Aufrichtigkeit eines Sohnes ihres Stammes. Und doch, nur der Bestgehaßte seiner Zeit, der Fanatiker der Wahicheit, ein Winkelpriester im abseits vom Geräusch der Großstadt liegenden Landstädtchen Modin, erscheint uns als der gute Stern, der am Firmament des Judentums zur rechten Zeit aufgeleuchtet und ihm seinen Weg vom Tod zum Leben wies. Ein Mann, ein Einziger — doch ihm zur Seite — Gott. „Du aber mit Deinem großen Erbarmen standest ihnen bei zur Zeit iyrer Not, führtest ihren Streit, vertratest ihr Recht, nahmst ihre Rache, überliefertest Starke in die Hand Schwacher, Viele in die Hand Weniger, Unlautere in die Hand Reine, Gesetzloser in die tand Gerechter, mutwillige Sünder in die and Deiner Lehre Befliffener." . War es gleich des rasenden Syrers, AntiochuS Epiphanes, Befehl, der den verhaltenen Zorn zu loderndem Brande entfachte: der den Befehl veranlaßte, war auf jüdischer Seite zu suchen. Kein Eroberer und kein Diplomat hat in der Geschichte der Völker — wenigstens des griechischrömischen Altertums — die Gottheit und ihre Verehrung im Kreise der unterworfenen Nationen angetastet.' Alexander der Große hat dem Tempel in Jerusalem Ehre gezollt und auch der Syrer hätte es nicht gewagt und es wäre ihvi schon aus politischen Gründen nie beigefallen, Palästina zu diktieren, was jüdische Religion sei. Zum mindesten Duldung, zumeist Achtung hat das Judentum und seine treuen Bekenner noch je bei seinen Wirtsvölkern erfahren. Es waren Den verstand vergessen. Ich kam ermüdet von der Makkabäerfeier des Kaufmännischen Vereins nach Hause und wollte mich recht behaglich in mein Bett legen. Nun denkt Euch meinen Schreck, als ich das besetzt finde. Erschreckt springe ich an die Türe und will die Hausleute zu Hilfe rufen, als der im Bett Liegende sich aufrichtet und ganz gemütlich zu mir sagt: „Na, na, nicht so eilig! Sieh' mich nur erst einmal genau an, kennst Du mich denn nicht?^ Fast wollte ich zurücksagen, „haben wir auf einer Schulbank gesessen?" Dann fiel mir ein, daß man die Herren Einbrecher respektvoller behandeln muß und ich sah ihn ängstlich von der Seite an. „Also, kennst Du mich wirklich nicht? Ich bin doch Dein Verstand, den Du heute nicht mitgenommen hast, als Du zur Makkabäerfeier gingest!" Richtig, jetzt fiel mir's ein. Ein Freund hatte mich gebeten, ihn zu dem Feste zu begleiten, ich wollte erst nicht. „Mein gesunder Verstand verbietet mir das!" „Na, laß den Krakehler zuhause und komme so mit." Ich lachte. „Meinetwegen^ Also der Verstand bleibt daheim und ich gehe mit." Aber wie hätte ich es für möglich gehalten, daß der Krakehler wirklich das Wort wahr machen würde! Nun wußte ich auch, wieso mir dort so ungemütlich war, über die dümmsten Sachen rnußte ich lachen und ärgerte mich darüber, und trotzdem konnte ich mich nicht zum Weggehen entschließen. „Na also, wie war es?", unterbrach der Verstand mein Nachsinnen. >,Es war wohl recht, daß Du mich zuhause ließest? Weißt Du noch, im vorigen Jahre hattest Du mich in die Ressource mitgenommen und wir hatten gemeinschaftlich geplant, nie wieder in solche Gesellschaft zu solcher Gelegenheit zu gehen. Ich habe Wort gehalten." „Und wie recht hattest Du, lieber Verstand", sagte ich kleinlaut. In Deiner Gegenwart kommt es mir erst recht zum Bewußtsein, was mich dort gestört hat . . . „Nicht wahr?" fiel der Verstand ein, „ohne mich wirst Du doch nicht fertig, das Gemüt hat' Dich vergeblich gewarnt, erst ich bringe Dir Klarheit. Was ist denn diesen Mitgliedern des Kaufmännischen Vereins Chanukkah, diesen Leuten, die keinen Schabbos und keinen Jomtauw kennen. Chanukkafeier oder wie sie sagen Makkabäerfeier! Der Erinnerungstag an die Zeit, da das Keine Häufchen der Makkabäer das mächtige Syrerheer besiegt hat! Das tapfere Häufchen, das den nationalen Geist so mächtig macht! Der nationale Geist!!' Die Thora war es, die ihren Hütern die Waffe in die Hand drückte, als der Syrerkönig ihr den Krieg erklärt hat." ' „Es wurde gut geturnt, es wurde getanzt, gut getrunken, gut gegessen, schön gespielt und schön gesungen." „Ein wohlgelüngenes Fest!" Den Verstand haben sie halt alle vergessen. Die . Thora, die sie nicht mehr kennen wollen, sie ist. ja der Held des Makkabäerfestes.