Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 50 (17.12.1908)
- Date
- 1908-12-17
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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euilleton WM Samuel da Nagln. Sine jüdische Erzählung aus -er spanisch-maurischen Zeit. Zweite» Buch. (Fortsetzung.) Viertes Kapitel. Vergeblich suchte einige Tage nach dem Milahfeste der Vezier in allen Unterkunftshäusern, jüdischen Küchen und öffentlichen Badegemächern, in welch letzteren oft Fremde zu wohnen pflegten, nach seinem Freunde und Schüler Gabirol: er schiert verschwunden. Der junge Dichter dachte es sich wohl, daß Samuel nach ihm fahnden würde, deshalb versteckte er sich. Es lag in der Eigenart des Jünglings, je unselbständiger er inbezug auf äußere Lebensführung war, desto mehr den Schein des aufrechten Mannes zu wahren/ aus diesem Grunde wollte er von seinem Gönner nicht geholt sein. Bon selbst wollte er ihn aufsuchen und so finden wir ihn heute am Eingang von Samuels Wohnhaus. Er betrat es mit höher schlagenden Pulsen. Was hatte sich doch seitdem in seinem Leben alles verändert. Seine guten Eltern waren dahinaegangen in eine schmerzlosere Welt, mit allen seinen früheren Jugendgespielen und Freunden hatte er gebrochen, - sie gewaltsam von sich gestoßen, ihr Treiben war ihm,- der seine Gedanken dauernd in die höchsten Sphären steigen ließ, zu seicht, zu schaal. Würde er nrm an seinem früheren Erzieher, an dem Manne, dem sein Vater allezeit ein Freund gewesen, eine gleichgesinnte Seele finden? Ach, er bezweifelte es sehr. Hat doch ein vornehmer Beamter eines großen Staates selten Zeit und Stimmung, Einschau zu halten in sich selbst. Bei dem Feste hatte er sich ja gut eingeführt. Nun nahm er sich Mut faßte, ein Herz und ging in den Hof, der den ähnlichen Springquell in der Mitte, den gerade nicht beschäftigten jüdischen Dienern zum Aufenthalte diente. In der Ecke kauerten vier jüdische Angestellte des Ministers in so eifriger .Unterhaltung, daß sie den Ankommenden nicht bemerkten. Gabirol reizte es, das Gespräch der Diener zu erlauschen. „Und wenn Ihr auch lacht," sagte der Eine, „es ist 'doch, wie ich sagte. In der vorigen Woche war in der Talmuoschule in Nirbaunoh in Frankreich ein großer Streit, man konnte sich über eine Frage im Talmud nicht einigen. Der Rabbi Nitronai, der im tiefen Afrika wohnt, hörte es zur selben Zeit, er flog innerhalb einer Stunde nach Frankreich, ging in das Lehrhaus legte dort die seither ihnen unbekannte Abschrift des Jerusalemer Talmud vor — man verglich mit dem Talmud babli und alle Rätsel waren gelöst." — „Das sind alles Fabeln", sagte ein anderer der Diener, „kein Mensch kann fliegen, noch auf Hunderte von Meilen hören." „Doch, wenn er vierzig Tage fastet, dann den heiligen Gottesnamen auf ei.n Blatt schreibt und cs unter seine Zunge legt." „Glaubt mir", sagte ein Dritter, „unser Herr versteht auch manches, was gewöhnliche Sterbliche nicht zuwege oringen." „Nenne ein Beispiel." „Er kann sich unsichtbar machen, wie anders könnte er die innersten Gedanken anderer erraten und seine Handlungen danach einrichten? Der Kalif hat die Gewohnheit im Schlafe m sprechen. Samuel steht, für keinen -Menschen sichtbar an seinem Lager und lauscht den verräterischen Worten des Herrschers, am anderen Morgen sagt er ihm dessen eigenen Wünsche und der König hält ihn für einen Propheten." Nun erst bemerkte man Gabirol. Man musterte ihn mißtrauisch und erkundete sein Begehr. „Ich will den Nagid sehen." „Wir können nur Leute zu ihm lassen, die er selbst verlangt, oder die den Nachweis erbringen, daß sie mit ihm befreundet sind." „Ich will es Euch gerne Nachweisen und mein Beweis möge zugleich eine Aufklärung.für Euren Wunderglauben bilden." „Als der Nagid noch in Malaga eine kleine Apotheke versah, damals hatte ich das Glück, mich seinen Schüler nennen zu dürfen. Er gewährte mir Einblicke in die Briefe, die er von dem größten Manne unserer Zeit, dem Gaon Hai erhielt und dieser verspottete darin alle diejenigen, die an das Sichunsichtbarmachen unter Benutzung des heiligen Gottesnamens glauben. Wenn es Jedermann möglich wäre, Wunder zu tun, sagte der Gaon, welchen Vorzug hätten dann die Propheten vor anderen Menschen? Und wenn Jeder Wunder tun könne, dann würde das Wunderbare bald aufhören, eine außergewöhnliche Erscheinung zu sein— Auch die Träume .. Weiter kam der Sprechende nicht. Eine Hand legte sich schwer auf seine Schulter. . „Die Weltgeschichte ist eine Geschichte der Entwicklung der Menschheit", sprach ein während der Rede Gabirols unhörbar näher getretener Mann mit langem schwarzem Barte," die Wunder und Legenden, die wir heute in unserer Phantasie vorahnend geschehen lassen, die Menschheit wird sie vielleicht später als das ewige Gesetz des Schöpfers erkennen. Ascher boroh elokim laaffaus — im Plane der Schöpfung liegt deren Fortentwicklung. Sprich deshalb, mein Sohn, nicht geringschätzig von Wundern und Träumen. Gar viele meiner Träume sind schon — oft leider — in Erfüllung gegangen, heute Nacht träumte ich, ich stünde an der Bahre eines Königs — was mag es bedeuten? Wisse mein Sohn, auch das Wunderbare und Geheimnisvolle hat seine Berechtigung, ehre das Unerforfchliche und du wirst die Welt erobern." . Staunend schaute Gabirol auf den Sprecher, war er doch selbst ein so großer Freund des fheimlichen und Unergründlichen und nur aus ust dem abergläubigen Volke entgeaenzutreten, gab er sich soeben als einen kritischen Besserwisser. „Wer bist Du, Freund," redete ihn Gabirol an, „dessen Worte mir harmonisch in die Seele klingen? Das weiß ich, ein Unbedeutender ist es nicht, der solches sprach. „Ich bin ein Freund des Veziers, Niffim nennt man mich aus Kairuwan, doch folge mir, ich werde Dich zum Großkhatifen geleiten." Im Vorzimmer Samuels mußten die beiden Männer einige Zeit warten, da eine jüdische Gesandtschaft der Gemeinde von Toledo vorsprach. Rabbi Niffim machte inzwischen den jungen Dichter auf einen Teppich in länglichem Formate aufmerksam, der aus Persien durch Vermittlung Niffims in den Besitz des Ministers gelangt war. Er hing von der Decke herab und teilte das Gemach in zwei Teile. Die Längsachse zeigte einen aufsteigenden streng stilisierten Baum, von dem symetrische Zweige mit weißen Rosetten ausgingen. Zwischen den übrigen auf dem Teppich verstreuten kleineren stilisierten Bäumen, Blumen und primittv gestalteten Vierfüßlern, fanden sich auf Hellem Grunde abwechselnd eine R'ofette, ein hebräischer Spruch und eine Pflanze. Gabirol pries bewundernd die Klarheit der Anordnung und die Reinheit der Zeichnung. „Wegen dieser jüdischen Schriftzeichen", sagte R. Niffim, „empfahl ich dem Fürsten den Ankauf, es hat aber kein Mensch sie bis jetzt zu entziffern vermocht." Die beiden Männer bemühten sich um die eingeknüpften buntfarbigen hebräischen Schriftzüge, Hie, obwohl viele hundert Jahre alt, den Anschein erweckten, als sei der Stoff dazu gestern einem prächtigen Angoraschafe entnommen. Da geriet der Teppich. plötzlich in Bewegung. Ein Diener trat hinter chm hervor und meldete, daß der Vezier die beiden Herren erwarte. „Ihr habt gewiß nichts dagegen einzuwenden", rief Samuel den Eintretenden entgegen, „wenn ich in Eurer Gegenwart mir von meinem Katib weiter berichten lasse." Der Schreiber hatte die Stelle, die Samuel selbst einst bei dem ftüheren Minister Jbn Charif einnahm, es war der einzige jüdische Beamte unter Samuels Ministerschaft. Der Katib hatte einen großen Haufen Schriftwerk vor sich liegen, dessen Einzelblätter zumeist am Kopfe in kunstvoll verschnörkelter Zeichnung das Wappen der Könige von Granada zeigten: die Gestalt eines aufgebrochenen Granatapfels." Der Sekretär fuhr in seinen Berichten fort; „Im fünfzehnten Bezirke des Königsreiches ist ein Kadi neu einzusetzen, im dreizehnten ein Hadschib." „Wer ist von den Aeltesten hierfür vorgeschlagen?" „Für den Richter Molewit aus der Familie der Beni Obaid, für den Kämmerer Makil ibn Chani." „Genehmigt. Weiter." „Fünfzig Berberfamilien, die bei den jüngsten Unruhen um Hab und Gut gekommen, bitten den Vezier um Begründung eines neuen Lebensunterhaltes." „Was trieben die Leute seither?" „Sie waren Ackerbesteller und Baumpflanzer." „Man überlasse ihnen aus den königlichen Feldern bei Kadix je fünfzig Acker pachtweise. Mein Freund Niffim wird aus dem Süden Afrikas junge Feigenbäume und Olivenzweige herüberbringen. Die Berber sollen versuchen, diese Früchte in unserem Lande heimisch zu machen. Für die ersten drei Jahre sei ihnen die Pacht gestundet. Weiter." „Die jüdische Gemeinde in Malaga erbittet in der folgenden Sache Deinen Rat: Es sind im Hafen schwarze Sklaven angekommen. Sie behaupten Juden zu fein, tragen aber das Bundeszeichen unseres Vaters Abraham nicht an sich. Sie wollen sich aber, wenn sie ausgelöst werden, sofort in unseren Bund aufnehmen lassen. Da nun der Verdacht rege ist, daß diese Leute keine Juden sind und sie nur um ihrer Befreiung willen sich zu unserem Glauben bekennen, wünscht die Malagenser Gemeinde folgendes von Dir zu hören: Sollen wir die Leute vorher auslösen, damit sie dann zu vollkommnen Juden sich machen oder sollen wir dies als vorangehende Bedingung aufstellen?" „Man untersuche, aus welchem Grunde sie in ihrer Heimat jüdische Gesetze nicht gehalten, ob dieses etwa dort verboten war, auch möchte ich wissen, ob die Gemeinde sie etwa höher als ihren Marktwert oder nur zu dem üblichen Preise auszulösen beabsichtigt. Nach Empfang der Antwort werde ich mich entscheiden." Der Katib fuhr fort: „Die christlichen Untertanen des Königreichs Granada richten an Dich die Bitte, Du, ihr Wohltäter, mögest sie für die Zukunft ebenso wie die Moslem und die Juden von der überaus drückenden Dschisijet (Kopfsteuer) befteien." „Wenn sie sich verpflichten wollen, ebenso wie die anderen Untertanen des Königs Grundsteuer zu bezahlen, sei ihr Wunsch erfüllt, doch mögen sie dafür Sorge tragen, daß die Steuer in Zukunft wenigstens die Hälfte des Erttags der Kopfsteuer, also 300,000 Dinare erbringe." (Fortsetzung folgt.)