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Der Israelit · 1908-12-10 · Heft 49 (10.12.1908) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 49 (10.12.1908)
Date
1908-12-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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J Der Israelit Ein Centralorgan lör das orthodoxe Judentum 49. Jahrgang. Begründe! non Dr. Lehmann in Mainz __e_uc.._, _ m a._ 10. verember 1908. Sfanhfurf a. 01., den 16 K|SlenJ 56ßg JE 49. Ln ZAraelit erscheint jeden Donnerstag. Abonnements r Gewöhnliche Ausgabe MI. 1.50 vierteljährlich, HeftauSgabr auf Kunftdruckpavin Ml. 3.— vierteljährlich. (AuSllnwSprrisr für die gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland 1 Ruo., England 8 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1,20 fl.) Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei d« Expedition. HeftauSgade nur direkt. Inserate: 30 Pfennig für die iechSgrivaltene Tolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch inHaasenstein u. Bögler A.-G. Eonto Set -er dt. A Postsparkasse Wie« 9t«. 79605* Frankfurt a. M. und deren Filialen. Conto bei der Rigaer Commerzbank in Riga Conto bei dem dt. Postsparkassenamt Budapest No. 18484. und deren Filialen in DwinSk, Libau, Bialystok, Reval und Lodz 0er Nachdruck der NrNKel und eorrefponSenren des „Israeli!“ ift nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es lick um größere fluffäbe handelt, nur nach vorheriger Genehmigung gehaftet wie ein Missionar Sie Sescdiscdte des jüdischen üolkes erzählt. Nicht lange nach dem ersten Zionistenkonkreß erschien in Basel eine gut geschriebene Broschüre „Das Erwachen der jüdischen Nation von F. Hem an". Bei oberflächlicher Lektüre der ersten Hälfte des Büchleins konnte man glauben, daß hier ein Nichtjude dem zionistischen Unternehmen Beifall spenden wollte, und selbst überzeugte Gegner des Zionismus empfanden Freude darüber, daß hier jüdische Interessen so warm von einem Nichtjuden vertreten wurden. Hatte man Geduld genug bis zum Schluß weiterzulesen, so wandelte sich das Frohgesühl gar sehr, man war nahe daran, den Verfasser einen verkappten Antisemiten zu nennen, bald aber behauptet sich das Urteil : gleichgültig ob der Autor Freund oder Feind der Juden ist, zu keinem anderen Zwecke hat er seine Schrift versaßt, als um mit Hinweis aus den Zionismus zu lehren, daß die Messiasidee der Kern des Judentums sei und dann auf Umwegen nicht mehr und nicht weniger von den Juden zu verlangen, als daß sie ihren Glauben mit dem des Verfaffers vertauschen sollten. Die Sache war so geschickt gemacht, daß mehr als einmal Zionisten, die nicht aufmerksam genug gelesen hatten, der Meinung waren, Herrn Heman als Kronzeugen für die eigenen Bestrebungen und Ziele aussühren zu dürfen. Nach mehr als zehn Jahren begegnet uns Herr Professor Heman wieder. Heute hat er sich eine ähnliche, aber weit größere Aufgabe gestellt: die gesamte Geschichte des jüdischen Volkes*) von der Zerstörung des Tempels an soll in den Dienst der Mission gestellt werden Dieselbe Bereinsbuchhandlung, die Hemans Geschichte herausgibt, hat vorher Professor Schlatters Geschichte Israels von Alexander d. Gr. bis Hadrian erscheinen lasten, ein Werk, besten Resultate man bekämpfen mag, dem man aber immerhin 'die Anerkennung, die ernstes wissenschaftliches Streben fordert, nicht versagen kann. Das Werk hat auch schon eine zweite Auflage erlebt. Schlatter begründet sein Recht zur Darstellung des genannten Teils unserer Geschichte mit seinem *) Heman, Geschichtedes jüdischen Volkes seit der uw erslörung tuttgart 1 BereinSbnchhandl' ng Sri XU mb 608 <5. und „beharrlichen Verkehr mit den Quellen". Heman, das sei gleich vorausgeschickt, sind die Quellen seiner Geschichte, zum größten Teil unzugänglich und unbekannt. Da er aber eine Dastellung der Geschichte des jüdischen Volkes durch einen Christen für nötig hält, so stürzt er sich kühn in das Unternehmen. Unumwunden gesteht er es auch ein, daß er sich auf sekundäre Quellen verläßt/ als seine „beste Quelle" nennt er das Geschichtswerk von Grätz, dem sich für die neueste Zeit das Buch von Martin Philippsohn anschließt. Kritiklos folgt er Grätz nicht nur hinsichtlich der meisten Tatsachen, nein, große Partien seiner Geschichte sind nichts anderes als eine Wiederholung in gekürzter Form von Grätz's Darstellung, bei der häufig sogar derselbe Ausdruck stehen geblieben ist. Wissenschaftlichen Wert hat eine solche Geschichte natürlich nicht. Hierin sieht auch der Verfasser seine Aufgabe nicht, sein Ziel ist durch Verdrehung und eigentümliche Verwertung des Tatsachenmaterials anderer, die Judenversolger aller Zeiten zu entlasten, den Juden selbst ein gerüttelt Maß von Schuld aufzuladen, ihre Religion herabzusetzen und in erster tünie nach Kräften die mittelalterliche Kirche von dem Vorwurf zu reinigen, den Judenhaß der europäischen Völker - entzündet und geschürt zu haben. Während nun einerseits Heman in Grätz seine „beste Quelle" sieht, so urteilt er wiederum, daß „„Grätz's Geschichte der Juden" nur ein „großes, viele Bände umfastendes Pamphlet ist, durch und durch parteiisch geschrieben, strotzend von übertriebenen und abschätzigen Urteilen, verunstaltet durch seine gehässige Tendenz". Wiederholt und besonders deutlich in der Anmerkung S. 345 wird uns das Kapitel: „Verbrechen des jüdischen Geschichtsschreibers" vor Augen geführt. Dort heißt es: „Es ist daher durchaus unzutreffend und irrig, wenn Grätz immer und immer wieder mit sarkastischer Bissigkeit „die Religion der Liebe" für die Greuel der deutschen Völkerschaften verantwortlich machen will." Uns bleibt es unbegreiflich, wie Heman „immer und immer tötetet" die kirchlichen Gewalten des Mittelalters als unschuldig an den Judenverfolgungen hinstellen kann, wo er doch selbst bei der Darstellung vieler Zeitabschnitte und der verschiedensten christlichen Reiche „immer und immer wieder" berichten muß, daß es die Kirche war, die den ersten Anstoß zu der Befehdung der Juden gegeben hat. Nicht an Grätz liegt die Schuld, wenn sich seine Darstellung der jüdischen Geschichte wie.ein Pamphlet gegen die Kirche des Mittelalters liest, bildet doch die jüdische Geschichte an sich in der Gestalt, die sie durch den Einfiuß der Kirche angenommen hat und selbst nach Hemans apologetischer Zeichnung eine unwiderlegliche Anklageschrift gegen zahlreiche Vertreter und Führer der mittelalterlichen Kirche. Wer darf einen Tadel wagen, wenn die Trauer, das Entsetzen und der Unwille über beispiellose Leiden, dem richtenden Historiker scharfe Worte für sein Urteil geben? Herr Professor Heman lese einmal Schleiden's „Die Romantik des Martyriums bei den Juden im Mittelalte^ die nur einen einzigen Weheschrei und Entrüstungsruf bildet, und er wird zugeben müssen, daß Schleidens Urteil ein weit strengeres ist, als das des jüdischen Geschichtsschreibers. Wie ein roter Faden zieht es sich durch die Darstellung Hemans, daß der durch Wucher und Menschenhandel (?) erworbene ungeheure Reichtum der Juden die erste Ursache der Verfolgungen gewesen sei. Ohne sich bemüßigt zu fühlen, auch nur die Spur eines Beweises dafür zu liefern, betrachtet es Heman als ein Axiom, daß die Juden stets Wucherer und Menschenhändler waren. Für Spanien ist es ihm ganz entfallen, was dort Juden für Ackerbau und Weinkultur geleistet haben, in anderen Ländern, wo die Juden durch den Handel sich ehrlich und zum Segen der Bevölkerung ihr Brot verdienten, muß man seinem Gedankengang folgend zu dem Schluffe kommen, daß das Gewerbe des Kaufmanns nie und nirgends vom Makel der Unehrlichkeit frei fei. Haben Juden in Worms und Prag und wo sonst es sein mag, mit bewundernswerter Freigebigkeit Synagogen und gemeinnützige Einrichtungen gefördert, so wird boshaft auf den sich hier manifestierenden Reichtum der Juden hingewiesen und ein Mordechai Meisel wird nur deshalb, weil er reich war, zum Wucherer gestempelt! Die Juden müssen als Verbrecher hingestellt werden, um aus diesen Verbrechen heraus den Haß gegen sie zu erklären und vergeffen zu machen, daß Mönche und Bischöfe durch ununterbrochene Hetzarbeit die sonst den Juden wohlgesinnten und dankbaren Völker zu ihren Feinden machten. S. 356 schreibt Heman einen Satz nieder, den die deutschen Judenhaffer der Gegenwart sich schmunzelnd zu eigen machen werden. „Zivilisation und Kultur waren so durch und durch in christlichem Geiste auch in Deutschland entwickelt, daß man die Juden auch hier als ein störendes, der Aufnahme in die christliche Gesellschaft unzugängliches Element, als einen widerwärtigen Fremdkörper empfand, der aus dem Organismus deutschen Wesens müsse ausgeschieden werden." m 1

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