Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 43 (29.10.1908)
- Date
- 1908-10-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449342--64985-2507601- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Israelit. Sette 14 Nr. 43. 29. Oktoöer 1908 all des Menschen Tugend, und wo kein. Kampf, da ist auch keine Macht. Mir selber ließ man nicht zu fehlen Zeit. Als Knabe schon den Helm auf schwachem Haupt, als Jüngling mit der Lanze hoch zu Roß, dos Aua' gekehrt auf eines Gegners Dräun, blieb mir rein Blick für dieses Lebens Güter, und was da reizt und lockt, lag fern, und fremd. Daß Weiber es auch gibt, erfuhr ich erst" — hier wandte er sich galant zu Zabra — „als man dich, Holde, mir als Gattin brachte, die wirklich ohne Fehl und Tadel. Doch darf ich teilnehmen an Eurer Unterhaltung, was macht der große Stagirit und sein erlauchter Zögling Alexander?" Zwei schwarze Sklaven erschienen, stellten sich in die Mitte des Empfangsteppichs und warfen sich mit dem Antlitz zur Erde. „Was gibts?" frug der Emir. Die Sklaven erhoben sich. „Hoher Herr, eine Deputation der jüdischen Hochschule in Pumpedita wünscht des großmächtigen Emir Antlitz zu schauen, um Beschwerden gegen den Kalifen und seinen Richter vorzubringen." Der eben noch so poetische Beha verfiel auf einmal in eineu ganz anderen Ton. „Ich will die Bande nicht sehen.' Die moslemfeindliche Gesellschaft soll nur dem. ewig liebebedürftigen Kalifen tüchtig blechen, desto weniger fällt er mir zur Last." Fatima horchte hoch auf. Eine Deputation der jüdischen Hochschule! Sie ahnte Plötzlich durch ein ihr unbewußtes Gefühl geleitet, daß durch das Zusammentreffen mit dieser Gesandschaft eine Wendung in ihrem Geschicke sich vorbereiten sollte. Wurde doch die Sehnsucht nach ihrem Geliebten in ihr nachgerade so übermäßig, daß sie sich trotz aller äußeren Erfolge innerlich tief unglücklich fühlte. Aber durch die Nebel und Schatten ihres tiefen Seelenleids stieg nun wie verklärend der Gedanke: Sollte nicht jetzt die Rettung nahe sein? Gerade wollte sie dem Emir auf seine sie so sehr verletzende Bemerkung antworten. Da nahm Zabra das Wort. „Mein Herr und Gebieter," sprach sie, „der noch soeben in so herrlichen Worten mich seiner Liebe versichert hat. Fern sei es von dir, daß du irgend welches Unrecht zuläffest in deinen Landen und die Juden verdienen unseres besonderen Schutzes, wie kein anderes Volk auf Erden. Mit Ausnahme der Bekenner der Lehre Mohammeds sind sie die einzigen, die sich den Glauben au den allmächtigen Gott als ein einiges, einziges Wesen bewahrt haben. Soeben habe ich noch mit Fatima, die ja auch dem jüdischen Glauben huldigt, ausführlich diese merkwürdige Tatsache besprochm und wir haben uns von der wunderbaren Reinheit ihrer Lehre überzeugt. Also ich bitte dich, Geliebter, höre sie an und lasse ihnen Gerechtigkeit widerfahren." ' . „Ei," sagte der Emir, „ich dachte ja gar nicht 'daran, daß unsere schöne und geistvolle Fatima Jüdin. Laß hören, Kind, wie du für deine Glaubensgenoffen sprichst, aus deinen Reden ist immer zu lernen." „Ich höre soeben," sprach Fatima, „daß tiden von Sunniten verfolgt werden. Die unniten glauben nicht an die Willensfreiheit des Menschen, sie denken von Gott sei vorher alles bestimmt und jeder Mensch könne nicht aud.rs handeln, als wie er es tut. Wie kann unter diesen Umständen ein sunnitischer Richter überhaupt Jemanden bestrafen wollen? Du aber, hoher Herr, der Du der Sekte der Schiiten angehörst, glaubst wie wir Juden, daß der Mensch das Gute tun und das Böse lasten kann oder auch daß er das Böse vollbringen und das Gute nicht auszuüben braucht. Es ist also Deine Pflicht, die Juoen dem Gerichte deiner und ihrer Gegner zu entziehen und sie unserem und euerem Gerichten zu überweisen. Auch sind die Juden Deine Stammesgenoffen, da sie wie Du von dem ersten Sohne Noachs *) abstammen, während die Sunniten aus fremden Gebirgen kommen, besten Bewohner ihre Abkunft von einer Familie leiten, die bisher niemand nennen hörte. Entziehe •*) Die Mohammedaner verehren Noach als Pr phetcn. also Deine Verwandte den Fremden und gebe sie unter die Deinigen." „Unsere Fatima trifft stets das rechte Wort," sprach der Emir. Die Teppichvorhänge öffneten sich und hereintraten sieben ehrwürdige Greise, deren sieben lange gleichmäßigen weißen Bärte auf die Anwesenden einen ehrfurchtgebitenden Eindruck hervorriefen. Es waren von den zehn Gelehrten der ersten Reihe die sieben Resche Kallah, die Scholarchen. „Ihr seid die Vorsteher der jüdischen Hochschule zu Pumbedita?" Die Greise verneigten sich stumm. „Ihr Juden seid ein merkwürdiges Volk," sagte der Emir, „Ihr habt Hochschulen in Sura und Pumbedita, aber gewöhnliche Schulen, wie andere Nationen haben, besitzet Ihr nicht,' zuerst müßte man doch die niedrigen Schulen besuchen, ehe man sich an eine Hochschule wendet." „Verzeiht, hoher Herr," ergriff nun der älteste der Männer das Wort. „Wir Juden brauchen keine gewöhnlichen Schulen. Denn nicht wie die Kinder der übrigen Völker sind die Kinder Israels, bevor sie noch das Elternhaus verlosten haben, ist ihr Misten schon größer wie manches desjenigen anderen, die lange eine Schule besuchten. Jedes jüdische Haus ist eine Schule. Uns ist es zur heiligsten Pflicht gemacht, selbst unseren Kindern einzuschärfen das Gesetz, mit ihnen zu sprechen davon in dem Hause, auf der Reise, beim Niederlegen und beim Aufstehen. Jedes Kind, das in einem echt jüdischen Hause erzogen, braucht eine weitere Schule nicht zu besuchen. Trotzdem besitzen auch wir Volksschulen und bereits vor mehr als tausend Jahren hat Simon ben Schetach, ein Bruder der Königin Salome Alexanda die erste jüdische Volksschule begründet." „Erzählt uns ein wenig von der Einrichtung Eurer Hochschule, auch unsere Fatima wird das gerne hören." Fatima verneigte sich zustimmend und der zweite der Resche Kallah ergriff das Wort. „Unsere Methibtha, hoher Herr, besteht außer dem Rektor aus siebzig ordentlichen Mitgliedern, den Alufim und dreißig außerordentlichen Mitgliedern, den B'ne Kijume. Wir sieben haben jeder an einem anderen Tage der Woche zu fungieren und .unsere Funktion besteht in der lauten Wiederholung des vom Rektor gehaltenen Vortrags. Dieser eröffnet die täglichen Sitzungen des Kauah-Monates entweder mit der Aufforderung an die erste Reihe, einzelne Teile des im Semester durchgenommenen Traktates des Talmuds zu diskutieren, oder an Alle, gewisse Vorschriften, Halachoth genannt erklären. In beiden Fällen ergreift der Rektor erst später das Wort) im ersten um die Diskussion mit einer alle Einzelheiten beleuchtenden Ausführlichkeit zum Abschluß zu bringenim zweiten, um die einzelnen Erklärungen von einem durch den ganzen Umfang und die ganze Tiefe des Traktates gebotenen Standpunkte zusammenzufaffen. Unsere nach Hunderten zählenden Jünger, welche hinter den außerordentlichen Mitgliedern der Akademie, den B'ne Kijume ihre Plätze haben, kommen in der Regel erst, nachdem einer der unsrigen, der Scholarchen geendet hat, dazu, unter einander die behandelnde Materie zu diskutieren. Mit derselben Gründlichkeit werden täglich die während des Semesters bei den Akademien eingelaufenen Anfragen behandelt. Das von den Mitgliedern der Methibta beschlossene Gutachten bringt der Sekretär sofort zu Papier, um es vom Rektor unterschreiben zu lasten. Am 4. Sabbath des Kallah-Monates findet in Gegenwart der ganzen Akademie die Semestral-Prüfung statt. Examinator ist natürlich unser Rektor. Er weiß seine Fragen so zu stellen, daß er sich von dem größeren oder kleineren Fortschritte der Einzelnen überzeugen kann." „Nun", sagte der Emir, „find denn die Antworten immer befriedigend?" „Nicht immer", fuhr der Angeredete fort, „in diesem Falle setzt ihm der Examinator um so härter zuer erteilt ihm öffentlich eine Rüge, verringert die ihm bisher gewährte Unterstützung - dann bezeichnet er dem zu Prüfenden ganz genau die Partien, bei welchen er es an Fleiß und Eifer hat fehlen lasten, und endlich macht er ihn darauf aufmerksam, daß im Wiederholungsfälle die Benefizien ihm ganz entzogen werden." „Ihr seid aber außerordentlich streng," bemerkte der Emir. „Diese Strenge", erwiderte der Scholarch, „verfehlt aber niemals ihre Wirkung und unsere Jünger bestreben sich aufs Eifrigste, vor dem Examinator sich keine Blöße zu geben. Am Ende wird noch der im nächsten Semester durchzunehmende Traktat des Talmud bezeichnet und bevor dies geschehen, darf kein Jünger die Methibta verlassen." „Ich würde gerne auch einmal einem Vortrage von Euch beiwohnen", sagte lachend der Emir, „wenn ich nicht befürchten müßte, einem so strengen Examen unterzogen zu werden." „Das braucht Euch nicht abzuschrecken zu uns zu kommen, denn außer den ordentlichen Hörern, die sich dem Examen unterziehen müssen, giebt es noch Personen verschiedenen Alters, welche im Vorhofe des Akademie-Gebäudes den Vorträgen und Verhandlungen folgen können, es sind die B'ne Tharbizai. Sie sind an keine Geschäftsordnung gebunden, sie können kommen und gehen und brauchen nicht den Schluß der Sitzungen abzuwarten. Das bemerke ich für den Fall, daß Ihr, wie ich vermute unerkannt uns besuchen wollt, sonst ist selbstredend für Euch der erste Ehrenplatz bereit." „Ich danke Euch", sagte der Emir, „Ihr habt mir die Einrichtung Eurer Schule sehr gut geschildert, worin liegt aber die Bedeutung Eurer Schule für das Judentum? Das ists was ich gern wissen möchte. Ich glaube, Du Fatima, die Du in knappen Worten die schwierigsten Dinge klar zu machen verstehst, Du wirst mich auch hierüber belehren können." „Hoher Herr, Ihr überschätzt mein Misten, ich kann Euch hierüber weiter nichts sagen, als das, was ich oft von meinem Vater darüber gehört. Die mündliche Lehre der Israeliten, ist in Mischnah und deren Erläuterungen dem Talmud niedergelegt. Von letzterem Werke giebt es zwei verschiedene Niederschriften, die eine entstand im heiligen Lande, die andere hier in Babylon. Der jerusalemitische Talmud mußte vor vielen hundert Jahren durch die Verfolgungen der Nazarener, die den Verfall der Lehrhäuser bewirkten, jäh abgebrochen werden, er ist ein Rohbau, der weil nicht rechtzeitig unter Dach gebracht, durch der Zeiten Stürme furchtbar viel gelitten hat. Der babylonische Talmud hingegen, ist ein architektonisches Meisterwerk, dessen Riesenmauern während dreier Jahrhunderte aus Granitsteinen aufgeführt wurden, ein Bau, an welchem man selbst nach seiner Vollendung noch weitere 150 Jahre gearbeitet hat. Nach Rav Aschi und Rabina die Saboräer und dann die Gaonen dessen Scholarchen hier so demüttg vor dir stehen. Denn glaube mir, o Herr, zum Gemeingut des über die ganze Erde zerstreuten jüdischen Volkes, haben den Talmud einzig und allein die Gaonen gemacht. Diese deine Provinz Irak wurde durch sie zu der Bedeutung emporgehoben, welche Judäa einst für die ganze Judenheit gehabt. 'Die entlegensten Gemeinoen der Welt, wenden sich mit ihren Fragen an diese Hochschulen und durch ihre Antworten haben die Gaonen den Talmud überallhin verbreitet. Ohne ihre Arbeit wäre der Talmud ein verschlossenes Buch. Nicht nur bei uns im sonnigen Spanien, auch weit weit im fernen Gallien und Germanien, auf fernen Inseln im kalten Norden werden Kommentare zum Talmud verfaßt, die ohne die Leistungen dieser Männer nicht denkbar wären. Gebäude von Holz und Stein zerfallen, und wenn sie tausend Jahre bestanden, das Gebäude, das diese Männer und ihre Genoffen errichtet, es wird bestehen, solange es Juden geben wird." Der Emir lauschte gespannt auf die mit Begeisterung vorgetragene Rede des jungen Mädchen. _ (Fortsetzung folgt.)