Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1908)
- Date
- 1908-09-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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tz. jüdischen Depüttrter betrachtet habe und Laß er auch von Andern nur -als solcher angesehen wurde. In der Duma sei man ihm mit Ehrerbietung begegnet, weil er die Mahnung gewisser Kreise, daß für die Juden das Schweigen am zweckmäßigsten sei nicht beachtet habe. Er habe in der Duma nicht geschwiegen, er nahm jede Gelegenheit wahr, auf die bedrückte Lage der Juden hinzuweisen. Und da er gewiffermaßen als. oer einzige bewußte Vertreter eines ganzen Volkes angesehen wurde, ward er in verschiedene Kommissionen gewählt und konnte auch dann zu Worte kommen, da man Andere nicht zu Worte kommen ließ, und seinen Worten wurde stets Beachtung gezollt, besonders wenn er für die Juden das Wort ergriff. Abgeordneter Niffelowitsch teilt durchaus nicht den Pessimismus der Don jüdischer Seite der jetzigen Duma etttgegengebracht wird. Er glaubt vielmehr mit Bestimmtheit annehmen zu ürfen, daß selbst diese Duma manches zur Erleichterung des schweren Loses der rufftfchen Juden beitragen werde. Aus Astrachan kommen immer noch schaurige Nachrichten über die Maffenausweisungen der Juden und über die drakonische Art wie diese Austreibungen ausgeführt werden. Alle Interventionen der leitenden Kreise der hiesigen Juden erwiesen sich als erfolglos. Die Unglücklichen von Wien das . harte Geschick des Exiles nicht mehr lchzuwenden - ist, sollen nun wenigstens so weit unterstützt werden,daß sie freiwillig die Reiseantreten können und nicht wie Verbrecher auf dem Etappenwege abgeschoben werden müffen. Zu diesem Zweck wurde hier eine Hilfsaktion eingeleitet. , > Petersburg, 15. Sept. In keinem Jahre wurden die Vorschriften über die prozentuale Zulassung jüdischer Schüler an den russischen Schulen so streng gehandhabt, wie in dem soeben beginnenden Schuljahre. Nicht die geringste Nachsicht wurde geübt und so blieb denn Heuer eine ungewöhnlich große Zahl jüdischer Schüler, die auf Grund ihrer Zeugnisse einen Anspruch auf Aufnahme in eine höhere Schule gehabt hätten, unberücksichtigt. Die liberale Zeitung „Sowremennoje Slovo" (Zeitgenössische Stimme) knüpft hieran die folgenden beachtenswerten Bemerkungen: „In der kurzen Freiheitszeit wurde die Perzentnorm für Juden abgeschafft und die Juden wurden in die höheren Bildungsanstalten im selben Maße ausgenommen, wie Nichtjuden. Wäre nun die Theorie der Reakttonäre richtig, daß der Terrorismus und der Aufruhr an den Schulen nur von Juden stamme, fy hätten in den letzten Jahren die meisten stu- . dentischen Unruhen Vorkommen müffen, denn niemals war die Zahl jüdischer Studenten so groß, wie in den letzten Jahren. In Wirklichkett waren die letzten zwei Jahre an den Universitäten die ruhigsten. Das Leben hat also me reaktionäre. Theorie Lügen gestraft. Wie aus Srwastop ol gemeldet wird, hat der dortige 'Generalgouverneur Admiral Boström veranlaßt, daß die im Rayon der Militärkasernen wohnenden Juden ihre Wohnungen zu räumen haben; in Zukunft soll Jude,, nicht einmal ein kurzer Aufenthalt in jenem Rayon gestattet werden. Die Zahl der durch jene Verfügung getroffenen jüdischen Familien beträgt 50. England. London, 15. September. Wie aus Montreal gemeldet wird, sind die Bestimmungen für die Einwanderung in Kanada sehr erschwert worden. Speziell den Emigranten, die mit amerikanischen Schiffen eintreffen, werden Schwierigkeiten vielfacher Art in den Weg gelegt. Bon den Auswanderungsbureaus wird daher den Kanadareisenden geraten, ausschließlich englische Linien zu benützen, welche allein sich nach wie vor eines ungestörten Schiffsverkehrs mit Kanada erfreuen. , Der JSraelit. . ein prlnrenwort. (Bon unserem Korrespondenten.) Konstantinopel, 17. Sept. Gestern hielt Prinz Sab ah ed bin*) im Theater vor einer dicht gedrängten Menge aller Nationalitäten und Religionen eine politische Rede, die, richttg verstanden, von eminenter Bedeutung für die freie Entwicklung der einzelnen Nattonalitäten sowohl wie der verschiedenen religiösen Parteien werden dürfte. „Ad6m-i-Merkesi^t“: „Dezentralisation", war das Stichwort, an welches der Prinz, auf einem goldenen Stuhl vor einem grünen Tische sitzend, in künstlerisch oratorischen Redewendungen sein politisches Programm anknüpste und meisterhaft entwickelte. Es gäbe eine doppelte Dezentralisation, eine polittsche undeine administrative, das türkische Volk, das so lange unter Druck und Knechtschaft lebte, sei für die polittsche Dezentralisation leider noch nicht reif. Aber was verlangt werden muß, das sei die administrattve Dezentralisation. Nur dieses System könne das Vaterland stark und glücklich machen, nur dieses System vermöge die Einmischung der Fremden fern halten. Diese Worte des Prinzen, in besten Gesichtszügen gewiffermaßen eine Synthese des Orients und Occidents ausgedrückt ist, wirkten elektrisierend. Die Beifallsbezeugungen wollten kein Ende nehmen. Nicht nur Griechen und Armenier, sondern selbst die hohe türkische Geistlichkeit, die in großer Zahl vertreten war, zollte dem Redner den größten Beifall. „Auch Sie," fragte ich einen türkischen Geistlichen, „wären mit Dezentralisation zufrieden?" „Gewiß," antwortete er, „auch bei uns gibt es verschiedene Richtungen, um nicht zu sagen Sekten. Eine Entwicklung derselben ist nur durch das Prinzip der administrativen Dezentralisation möglich." Es war mir interessant, aus dem Munde angesehener Vertreter zweier verschiedenen Konfessionen und Nationalitäten einen Gedanken aussprechen zu hören, der sich, angesichts der hie-, sigen Verhältnisse, auch in Bezug auf die jüdischen Gemeinden, jedem aufmerksamen Beobachter mit Notwendigkeit aufdrängt. Heute bilden Sephardim und Aschkenasim in der Türkei der Regierung gegenüber eine geschloffene Einheit- und nicht nur jede einzelne Gemeinde wird , von dem sephardischen Chacham Baschi vertreten, sondern auch, die Gesamtheit der Türkischen Juden, Aschkenasim und Sephardim, durch das Konsistorium in Konstantinopel mit dem Chacham Baschi an der Spitze, zu einer Einheit zusammengefaßt. Eine so straffe Zentralisation wäre gefahrlos und vielleicht sogar von großem Nutzen, wenn und so lange innerhalb der jüdischen Gesamtheit die gleiche Austastung von der Berpstichtungskraft der jüdischen Religion und des jüdischen Gesetzes herrschte. Leider ist dies heute auch in der Türkei nicht mehr der Fall. Wohl steht die große Masse der Bevölkerung, der Aschkenasim sowohl wie der Sephardim, man darf ruhig ruhig sagen, 95 Prozent der Bevölkerung, treu und unentwegt auf dem Standpunktte des alt-überlieferten Judentums. Aber schon wächst unter dem erzieherischen Einflüsse der Schulen der „Alliance Jsraelite Universelle"' ein Geschlecht heran, das sich gegen die Traditton der Väter mit Ungestüm auflehnt und von dem aus Frankreich importierten Geiste des religiösen Leichtsinns und der bewußten Abstreifung aller religiösen Fesseln beseelt ist. . In welchem Umfange wenige Radikale Einfluß auf die Oeffentlichreit gewinnen und die Behörden verwirren können, yat sich erst unlängst in Jerusalem gezeigt, wo Herr Antebi durch einen künstlich arrangierten Straßenkrawall' und durch eine Bittschrift von 200 Unterschriften den Gouverneur in Bewegung fetzte Und die Zentral- *) Der jetzt aus dem Exile heimgekchrte Neffe beS Sultans, der oaS Hauptüer Jungtürken in Parisniar. Red. S4. September 1SDL regieruna in Äonftanttnopel gegen den von Üer ganzen Bevölkerung hochverehrten Chacham Baschi Panniiel aufzuhetzen gewußt hat. - Ein ähnliches Schauspiel bietet sich jetzt hier, wo die Geschicke der türkischen Judenheit in der Hand .eines Mannes liegen, der im schärfsten religiösen Gegensätze zu der ungeheuren Mehrheit der türkischen Juden steht. Gewiß würde es gut organisierten und entschlossen auftretenden orthodox-jüdischen Wählern gelingen, diese unjüdischen Einflüsse abzu chütteln,' allein bis die Erziehung der Massen soweit vorgeschritten ist, kann das größte Unheil angerichtet werden. Aus diesem Grunde gibt es nach meiner Ueberzeugung keinen anderen Weg, als: sofort beim Zusammentritt des Parlaments eine Umgestaltung der jüdischen Gemeinde-Verfassung anzustreben. Diese Umgestaltung muß ganz im Sinne der Ausführungen des Prinzen Sabaheddin nach der Richtung der Dezentralisation geschehen. Es ist unbedingt notwendig, daß den einzelnen Gemeinden ihre Selbständigkeit wiedergegeben, und daß der Chacham Baschi zu Konstantinopel, selbst wenn man ihn als politische, Vertretung beibehalten sollte, auf alle Fälle nicht den geringsten Einfluß auf die inneren Verhältnisse der jüdischen Gemeinden ausüben soll. Auf diesem dem liberalen Gedanken vollkommen entsprechenden Wege würden sich die wirklich gleichgesinnten Gemeinden rasch zu natürlichen und lebensfähigen freien Vereinigungen zusammenfinden können, um gemeinsame Zwecke zu verwirklichen, und es wäre den jetzt drohenden endlosen Kämpfen die Spitze abgebrochen. Es wäre weiter zu erwägen, ob nicht auch die politische Vertretung der türkischen Juden in der Hauptstadt gleichmäßiger unter Sephardim und Aschkenasim verteilt werden sollte. Es ist nämlich Tatsache, daß die aschkenasinschen Gemeinden unter dem zersetzenden Einfluß der „Alliance"-Erziehung weit weniger gelitten haben, als die sephardischen und daß daher von ersteren mehr für die religiöse Zukunft des Judentums erhofft werden darf. Immerhin ist die Trennung zwischen Sephardim und Aschkenasim ein Punkt, der noch vieler Erwägung bedarf. Würden ja durch eine Zusammenfassung beider Gruppen den Sephardim -außerordentlich wertvolle religiöse und intellektuelle Kräfte zugeführt, und es käme nur darauf an, dafür zu sorgen, daß die Vertretungen der Gemeinden den religiösen Gesinnungen der Aschkenasim auch vollkommen entsprächen. Schon bei der jetzt bevorstehenden Wahl eines definitiven Chacham Baschi von Konstantinopel wird es sich zeigen, welches Maß von religiöser Entschiedenheit und welchen Grad von Unabhängigkeit gegenüber den Alliance-Leuten unsere Sephardim, die ja den Ausschlag geben, heute noch besitzen. Bon dem Ausfall dieser Wahl wird für die Zukunft des Judentums in der Türkei außerordentlich viel abhängen. Es kann jedenfalls keinem Zweifel unterliegen, daß man in jungtürkischen Kreisen für den von uns vertretenen Gedanken der Gemeinde-Autonomie, wie die Ausführungen des Prinzen Sabaheddin zeigen, volles Verständnis besitzt. Hierzu kommt noch der auch von Ihnen mit Recht schon hervorgehobene Gesichtspunkt, daß es ja völlig unmöglich ist, die frommen Juden in den türkischen Untertanenverband überzuführen, wenn sie dort den schlimmsten Gewissenszwang befürchten müffen. Die natlonaljüdischen Kreise sind daher ebenfalls in hohem Grade daran interessiert, eine moderne Abänderung der Konsistottalwirtschaft durchzusetzen. Die politischen Vorbedingungen für eine Reform der jüdischen Verfassung in der Türkei find also nach jeder Richtung gegeben, und eS fragt sich nur, ob unsere Gesetzestreuen soviel Korpsgeist und polittsche Reife besitzen, um dem Parlamente und der Regierung gegenüber ein Durchführbares Programm zu entwickeln und zu vertreten. ' ' >:• , - . tv ,1:' __.; ,