Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-09-24 · Heft 39 (24.9.1908) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 39 (24.9.1908)
Date
1908-09-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449338--64882-2507494
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Der Israelit Ein Centralorgan iOr das orthodoxe Judentum Begründet oon Dr. Lehmann in Maier 49. Jahrgang. gssn Sranhfurfa.ni., den 24. September 1908. 28. £iul 5668. JK 39. Der ZAraelit erscheint jeden Donnerst«» Vlvpnnements r Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.60 vierteljährlich, HestauSgabe auf Kunstdruckpa-ier Mk. 3.— vierteljLhrlich. (Auslandspreise für die gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich'Ungarn 2 Kr., RuAand 1 Huo., England S sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1,20 fl.) Abonnements bei allen Postanstalten» Buchhandlungen» sowie direkt bei der Expedition, HestauSgabe nur direkt. Inserate r 30 Pfennig für die sechsgespaltene Lolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch inH aas enstein u. Bögler A.-G. Lonto Sei der ft. ft. Postsparkasse «Sie» 91«. 79605. Frankfurt a. M. und bereit Filialen. «onto bei der Rigaer «ommerzdauk in Riga Eouto bei dem ft. Postsparkasseuamt Budapest -io. 18424. und deren Filialen in DwinSk, Libau, Bialystok, Reval und Lodz per Nscköruck Ser Artikel ung eorrelvonöenren Se§ „Israelit“ iff nur unter genauer Quellenangabe, und, forueit es [ich um gröbere fluffäbe hanöelf, nur nach norheriger Genehmigung gestattet Scbofartöne und Scbofarecbo. Es ist ein tiefes, schönes Wort, daß die Menschheit , in Spirallinien vorwärts schreite, ein Wort, duffen Kommentar sich ungemein deutlich aus der Geschichte des „rwn wki-Gedankens" im Kreise der Allmenschheit ergibt. Nicht umsonst auch sür den außer jüdischen Kreis ist jener erste Schofarrus auf Horebshöhen erklungen. Der Schofarklang, der in" seiner Wucht und Fülle in Judas Ohr drang, hat ein Echo drgußen bei den „Sternenanbetern" gefunden. Daß „über dem Sternenzelt ein Vater" wohnen müsse, dessen Kinder alle Menschen, vor dem es kein Hoch und Nieder durch den Zufall der Veburt gibt, das war die erste Frucht, gepflückt am Baum jüdischer Erkenntnis und ergriffen mit schmachtender Sehnsucht von einer Welt die ohne diese ausrichtenden Gedanken dem Untergänge verfallen schien. Einfache Vorposten zu sein für Menschenglück war unseres Volkes Beruf seit jeher. Wie sonderbar mag den machtstolzen Nachbarn jener Jubel der fteigelassenen Sklaven geklungen haben, der alle fünfzig Jahre vom 1. bis 10. Tischri in Judäas Gauen erschallte, wenn die Sklaven, die Arbeiter — noch von Sokrates und Plato dem Tiere gleichgestellt — ohne jedes Entgelt in die Freiheit zogen, ins neu wieder geschenkte väterliche Erbe, dessen Neubefltz ebenso wie die neugeschenkte Freiheit nichts anderes kündete, als die in die Tat umgesetzte natpn V8i-Wahrheit, daß Gott Weltenschöpfer und Welteneigner sei, und Er d mMenschen.Eigenrecht und Eigentury nur in den von Gott gesteckten Grenzen gegeben. Und wie hat stch doch das kopfschüttelnde Staunen der Nachbarvölker im Laufe der Jahrtausende umgewandelt in ehrfurchtsvolle Bewunderung vor „Israels sozialer Gesetzgebun ", die die beste und bis heute nach unerreicht ist" (Henry George). Die einschneidende Jobel-Jnstitution sowie alle anderen großen Tatendenkmäler jener twn Wahrheit obiy mn orn, jene Tatensymbole, die den Juden das Leben hindurch begleiten, die blieben freilich vorerst unser höchsteigenes Privateigentum. Die „Umwertung der Werte" will Zeit haben. Zunächst mußte der Gedanke von der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen sich die Geister und Gemüter erobern. Naturgemäß waren es vor allem die vom Schicksal Enterbten, von mißbräuchlicher Gewalt Entrechteten, die Schwachen und Ohnmächtigen, die einem zujauchzten, der sie auf einen Gott verwies über dem Getriebe der irdisch n Welt und somit auf eine Kompensation in einem Jenseits für die Leiden des Diesseits. Der neue Glaube war dadurch zunächst ein Glaube für die Armen und Elenden, und für sie war dieser Glaube an und für sich ein wertvoller, ein Ideal, das sie hinweghob über die Niederungen ihres alltäglichen Leidens. Als dann aber, ergriffen von der Wahrheit, auch die Starken und Reichen, die kraftvollen Genießer des Diesseits, sich dem neuen Glauben zuwandten, da entstand im Laufe der Zeiten der unvermeidliche Zwiespalt zwischen Glauben und Leben. Der für die Armen zugestutzte Glaube lehrte das hieniedige Sein als Jammertal zu erachten, und doch machte das Leben seine Rechte geltend, und es erschien der Menschennatur widerstrebend, Besitz und Genuß hienieden als sündhaft zu brandmarken. Immer mehr und mehr suchten alle schon hier glücklich zu werden, und wenn sie es nicht werden konnten, jedenfalls es zu erstreben. Ein Streben, das die Religion folgerichtig für unnütz, ja sogar für unrecht erklären mußte. Und doch ließ sich die Wahrheit von dem Gott, der über uns thront, und vor dessen Augen die „Weltengebilde alle gleich jungen Lämmern vorüberziehen" nicht verleugnen. Und so entstand eine Zeit — die Zeit, in der wir leben —, die ratlos vor dem Rätsel steht, wie man das Diesseits behalten kann, ohne das Jenseits zu verscherzen, wie man glücklicher, heiterer Erdenbürger zu sein vermag und doch nicht zu jenen zählt, die da „schwerer ins Himmelreich gelangen, als ein Kamel durch ein Nadelöhr." Vergebens waren die Versuche, den Gottesgedanken abzuschütteln. Ohne ihn war das Weltbild ein Halbes, und mit ihm schien Besitz und Genuß eine Sünde. So bereitet sich die Zeit vor, in der — wenn auch sachte und langsam — die Menschen reif werden für die zweite große Wahrheit des Judentums, daß der Glaube allein in der Tat nicht selig macht, sondern erst das Gesetz. Dieses aber adelt Besitz und Genuß derart, daß unser hieniediges Leben mit seinen Gütern sich harmonisch einfügt in die Weltenordnung als „Vorhalle des Jenseits", die zu durchschreiten nötig ist,- die gangbaren Wege und Sträßchen dieser Vorhalle?eigt uns das göttliche Gesetz, die min. So reuen wir uns des schmerzlichen Ringens der Gegenwart, ihres unbefriedigten Gottesheimwehs, es lehrt uns, daß so wie vor 2000 Jahren die körperlich Elenden der Botschaft des Judensprosses lauschten, es dtreinstens die innerlich Armen, die bangen Frager und Verzager der Gegenwart tun werden, wenn sie bei uns die Harmonie der Lebensfreude und Jenseitsbereitschaft erblicken. Bis dahin aber ist es unsere Pflicht, hochzuhalten unser Eigenstens, die Ergänzung des Gottesgedankens, die zweite n//mu Wahrheit D'öS’iy W TOJT DVn, daß für uns die Gottesidee Tatenkonsequenz fürs ganze erwerbende und genießende Leben hat. Doch wehe uns, wehe denen, die dereinstens bei uns die Wahrheit suchen werden, wenn wir, die F üh rer, zu Geführten Herabfinken, hinüberschielen nach jenem Teilstück unseres großen, ganzen, unteilbaren Lebensgesetzes, den Begriff „Religion" durch nichtjüdische Verkleinerungsgläser betrachten und ihn zu dem reduzieren, waS er im nichtjüdischen Kreise bisher galt. Und doch — in diesen Tagen des Erkennens und Bekennens unserer Fehler müssen wir es eingestehen, hier liegt unsere größte Schuld und hier ist der Anfang des Riffes, der — Gott sei's geklagt — nunmehr ein Jahrhundert lang einen Teil der Judenheit vom Judentum trennt. Da lehren jüdische Lehrer „jüdische Religion" und versichern mit rührender Naivetät, sie lehrten nur das allgemein Menschliche. Das spezifisch jüdische Gesetz aber, das überlassen sie dem jeweiligen Belieben des Hauses ... Da predigen jüdische „Geistliche", leitartikeln jüdische Journalisten von der Wahrheit des Monotheismus und der Höhe der neminem lascke-Moral, so daß man sich verwundert fragen muß, ob denn in der Tat die Künder solcher Halbwahrheiten garnicht merken, daß sie 2000 Jahre zu spät gekommen, daß, wenn bloß Lehrer des „Glaubens an einen Gott" zu sein unsere Bolksbestimmung wäre, wir dann ruhig in dem Bewußtsein, unser Pensum bereits gelöst zu haben, die nunmehr überflüssig gewordene Religion mit „allgemeinem Menschentum" vertauschen könnten. Verkennen denn diejenigen unserer Stammesgenoffen, die so gern „zeitgemäß" sein möchten, so ganz die Sttmmen unserer Zeit, hören sie es nicht, wie ja eben das Grab aller Religionen ihr loser Zusammenhang mit dem L e b en ist, wie die schärfsten Geister und wärmsten Herzen es sich zum Hochziel ihres Strebens setzten, die Formel zu finden, die Körper und Geist gleich berücksichtigt, die das ganze Leben verttefte zu einem Leben mit geistigen Werten und Zielen in jeder Spanne des Daseins eine Formel die dem ganzen Lebensvrozeß Einheitlichkeit verleiht? So hat sich denn in der Gegenwart auch das ganz eigenarttge im alten Judentum völlig ungekarmte Verhältnis entwickelt, in welchem der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.