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Der Israelit · 1908-09-17 · Heft 38 (17.9.1908) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 38 (17.9.1908)
Date
1908-09-17
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 38 des „Israelit". r.r>.-c» euiUeton. Samuel da Nagicl. Eine jüdische Erzählung auS der spanisch-maurischen Zeit. Erster Band. Erstes Kapitel. Hast Du, freundlicher Leser, schon eine Luftfahrt unternommen, in jenes Land und in jene Zeit, da die zerstreute aus ihrem Reiche verjagte Lämmeryerde Israels noch einmal einen Sammelpunkt gefunden, von dem aus sie zu den höchsten Höhen des Lebens sich emporschwang? dem deine Brüder Diirstkn gewesen und deme Väter die Geschicke Per Völker leiteten? Kennst Du es nicht? o dann laß uns eilen aus den Tagen der Pogrome und der den Semiten feindlichen Bewegung, dahin/ wo Semiten Könige waren und die Bekenner des Einig-Einzigen zu ihren Beratern erwählten. Laß uns abschütteln die Erdenschwere der Gegenwart und laß uns flüchten unter die Schatten der Pinienhaine, in die langen dunklen Reihen der tiefgrünen Myrthen, an .die Ufer der leichtbewegten Flüsse, wo man das Flattern des bunten Schmetterlings zu hören glaubt, wo das alles die Seele umfängt und sie füllt mit süßen Träumen von weltf^mer paradiesischer Glückseligkeit. Wohlan denn, Essen wir unsere Toten aufer.stehen, die ritterlichen Dichter und die talmudgelehrten Minister^ die in den süßen Wohllauten unserer Helligen Sprache des Herren Ruhm und des Ewigen Preis verkündeten. ... Am Südabhange des Sierra de Cordoba, am rechten Ufer des Quadalquivir liegt von alten Mauern mit Türmen umgeben, die Stadt Cordoba. Heute kaum 60000 Einwohner zählend mit geringem .Gewerbefieiß und unbedeutendem Handel, ein verlassenes und schläfriges Provinznest, hatte diese Stadt zur Zeit, da unsere Erzählung spielt, gegen Ende des zehnten Jahrhunderts die Hohe ihres Glanzes erklommen. Der Sitz des im Jahre 755 unserer Zeitrechnung von Abd er Rahman I, begründeten Kalifates, war sie bald der blühendste und wichtigste Platz der iberischen Halbinsel. Sie galt zu jener Zeit als eine dem Islam heilige Stadt, das „Mekka des Westens" und sechs Stunden soll man gebraucht haben, wenn man vollständig um sie herum gehen wollte. Sie hatte eine Million Einwohner, 600 Moscheen, 60000 größere Gebäude, 900 öffentliche Bäder, eine Universität mit einer Bücherei von 600000 auf gebeizte Lammfelle geschriebenenBüchern und 80 Freischulen. Die Pracht der Hofhaltung und der königlichen Paläste — die Residenz Azzahra hatte allein 4300 auf goldenen Füßen ruhende Marmorsäulen — grenzte ans Märchenhafte. Dabei war sie der Hauptsitz der Poesie, der Künste und Wissenschaften, und Industrie und Handel standen in höchster Blüte. Selbst die florentmischen Medicäer können sich nicht rühmen, in so kurzer . Zeit so herrliche Sammlungen von Kunstwerken, Büchereien und Handschriften angelegt, so prächtige Gebäude aufgeführt und aus ihrer Hauptstadt den Mittelpunkt aller Gelehrsamkeit, die Heimat der Dichter und Phllosophen gemacht zu haben. Ja die Fürsten selbst waren zugleich Dichter und Gelehrte, und nicht nur aus der gesamten muhammedanischen Welt, sondern auch aus den en Ländern strömten Lehrende und Lernende hier zusammen, als an den vornehmsten und lautersten Quell irdischer Weisheit. Daß auch die zahlreich daselbst wohnenden Juden den Duft dieser reichen Blüte gierig sogen, bedarf wohl kaum einer besonderen Erwähnung* Wohnten sie auch meist in den winkeligen, nach dem Berge zu gelegenen, mit spitzen Bachkieseln gepflasterten Gäßchen oder in den Türmen der alten Stadtmauer, so gab es doch auch sehr viele unter ihnen, die herrliche Paläste oder Sommerhäuser in der Borstadt Sekunda besaßen, nach außen zwar streng abgeschlossen, aber mit Höfen, in deren Mitte blühende Orangenbäume köstlichen Wohlgeruch und mit frischem Quellwasser gespeiste Springbrunnen angenehme Kühle verbreiteten. Auch ftir die jüdische Wiffenschaft war in der Karta Tuba, der großen Stadt, so soll sie bei ihrer Gründung von den Phöniziern genannt worden sein, in jeder Hinsicht gesorgt. In dem Lehrhause des Rabbi Chanoch wurde der reiche und schwierige Stoff des Talmud den Schülern lichtvoll erläutert und in die Feinheiten der hebbegierigen Jünger ein. Die nichtjüdischen Quellen der Wiffenschaft standen den Söhnen Israels nach allen Seiten hin offen, und sie benutzten diese reichlich, um sich in der Heilkunde, der Astronomie und der Mathematik Kenntnisse anzueignen. Selbst der edlen Dichtkunst und der Musik brachten sie ihre Huldigungen dar. Aus Merida, einer kleinen Stadt am rechten Ufer des Guadiana, war der daselbst herrschenden Unruhen wegen, der Mische Korduanmacher Joseph mit seiner Gattin nach Cordoba gezogen. Hundertsiebenundsiebzig Jahre vor der Zeit unserer Erzählung war dieser Ort von den Mauren zerstört worden und konnte sich seitdem nicht recht wieder erholen. Joseph vernahm, daß die Koiduanindustrie neben der der Pergaminarii, der Pergamentmacher, d. i. die Herstellung eines besonders feinen und berühmten Leders in Cordoba außerordentlich erblüht sei und daß sie namentlich durch Glaubensgenossen bedeutende Verbesserungen erfahren habe. Und da er ein tüchtiger Arbeiter in seinem Fache war, so hoffte er seine Lage in Cordoba wesentlich zu verbessern. Er hatte sich nicht getäuscht. Es waren zu jener Zeit die Korduanmacher in Kordoba sehr gesucht und drüben auf dem linken Ufer des Flusses entstanden zahllose, hart an das Wasser gebaute Hütten, von denen aus die zarten Ziegenfelle, aus welchen das feine Luxusleder, das dem Saffian und dem Maroquin beinahe gleichwertig war, gemacht wurde, stets benetzt werden konnten. Joseph errichtete nun ebenfalls hier seine Hütte und seine besonders für Buchbinder gefertigten Sorten erfreuten sich gar bald großen Begehrs. Es ging ihm soweit gut, doch eines fehlte ihm zu seinem Glück-. Der Herr hatte ihm den Kindersegen versagt, und wenn seine gottesfürchtiae und sanfte Gattin darob sich manchmal härmte, pflegte er sie mit den Worten Elkanahs zu trösten: Warum weinest Du und warum iffest Du nicht und warum ist deinem Herzen wehe? Bin ich Dir nicht lieber denn zehn Söhne? Und sie antwortete darauf ähnlich wie Hannah: Wenn der Herr das Elend seiner Magd flehet und ihr männlichen Samen gewährt, so soll er ein Diener Gottes werden und ein Helfer, ein Freund und ein Retter seinen Brüdern. Bald darauf im Jahre 993 unserer Zeitrechnung genas Josephs Gattin eines herrlichen Knäbleins, dem sie eingedenk ihrer Worte den Namen Samuel beilegte. Zweites Kapitel. Joseph und seine Gattin gaben dem kleinen Samuel eine überaus sorgfältige Erziehung. Das geistliche Oberhaupt der jüdischen Gemeinde von Kordoba mußte Samuel unter feinen besonderen Schutz nehmen und er hatte so viele Freude an dem aufgeweckten Knaben und seinen klugen Fragen, daß der Meister inbezug auf ihn die Worte Rabbi Chanina's anwendete: Biel habe ich gelernt von meinen Lehrern, mehr von meinen Genossen, am meisten von meinen Schülern. (Tanis 7) Auch bei den arabischen Lehrern erfteute er sich der höchsten Gunst und ein berühmter Astronom sagte einst zu ihm: Ein Schüler, der nur Gedächtnis besitzt aber keinen schöpferischen Geist, der gleichet einem Esel, der Bücher trägt, Du aber, mein Sohn Samuel, kannst mit einem stolzen Rosse verglichen werden das alle vornehmen Eigenschaften in sich birgt. Bei Rabbi Jehuda Chajugg' begründete Samuel seine Kenntnis der hebräischen Sprache. Die Hochschule mit ihrem schier unerschöpflichen Bücherschatz gaben ihm Gelegenheit, sich fast allen damals gepflegten Wissenschaften zu widmen, doch machte ihm das Studium der arabischen Literatur und das der Medizin ganz besonderes Vergnügen. Sehr betrübt war daher der achtzehnjährige Jüngling eines Tages, als sein Vater ihm m rfff"2nws 'Kaufmanns zu bestimmen. Sein Vater hatte die Auffassung, daß man als Händler viel eher alle Wissenschaften betreiben könne, denn als zünftiger Gelehrter, der von zu vielen Menschen abhängig sei. Samuel entschloß sich seinem Vater nachzugeben. Beeinflußt wurde er in diesem seinem Entschlüsse dadurch, daß er einer holdseligen Jungfrau, der kleinen Fatime, der Tochter eines jüdischen Gelehrten rrnd Schriftstellers in heißer Liebe zugetan war, rrnd die Eltern des Mädchens nur dann in eine Verbindung zu willigen neigten, wenn der junge Samuel eine gewisse Selbständigkeit erlangt habe. So wurde denn Samuel Kaufmann, aber auch bei der Wahl dieses Berufes zeigte es sich, wie schon der Jüngling allen seinen Handlungen eine tiefere Bedeutung beizulegen suchte. Bei einem der hervorragendsten Lehrer der Hochschule hörte Samuel Vorlesungen über Heilkunst. Das Lieblingsthema dieses Lehrers war die m Spanien noch immer nicht durchgeführte Trennung der Pharmazie von der Heilkunst, während in Bagdad bereits im achten Jahrhundert eine Apotheke, freilich die einzige im ganzen Lande bestand. Zwar hatte im neunten Jahrhundert, bereits ein arabischer Arzt eine Pharmaköpöe ein Arzneimittelverzeichnis herausgegeben, aber in Spanien wurde die Einsammlung und Zubereitung von Medikamenten noch immer von den Aerzten ausgeübt. Wohl gab es „Szandalani" Händler mit SP zereien, die wie ihr Name erkennen läßt, hauptsächlich den Verkauf von Sandelholz „@§mu dal" betrieben, aber aus diesem Handel Hatte sich noch nicht wie späterhin durch Einführung komplizierter Präparate in de» Arzneischatz das Gewerbe zu einer besonderen, vornehmlich dem Arzneiverkehr dienenden Beru'sklaffe entwickelt. Erst ein Studiengenosse Samuels, der später noch öfters, aber auf ganz anderem Gebiete den Lebensweg Samuels stark berühren sollte, hatte ein lateinisch geschriebenes Buch über die Mittel Und über die in der Medizin gebräuchlichen Maße und Gewichte verfaßt und der Lehrer Samuels empfahl diesem nach dem Buche Ganachs — so hieß der Genosse — die erste Apotheke in Kordoba zu errichten. Samuel folgte diesem Rate, da er in diesem Berufe immerhin noch mehr den Wissenschaften wie dem Geschäfte leben konnte, aber er mußte es sich gefallen lassen, daß seine zukünftigen Schwiegerettern von einer Hochzeit vorerst nichts wissen wollten, da sie sich noch nicht überzeugt hatten, daß das Gewerbe des jungen Samuel dem Paare eine sorgenfreie Zukunft gewähren, werde. (Fortsetzung folgt.)

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