Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1908)
- Date
- 1908-08-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 35 des „Fsraelit". Der €nkel. euilleton Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung) „Verzeihen Sie —" „Ja lieber guter Edwin, ich will Ihnen gern alles verzeihen, nur sollten Sie nicht so sehr zurückhaltend sein und sich das, was ich in Ihrem Interesse m wissen wünschte, nicht immer erpressen lassen. Kommen Sre, kommen Sie!" Einige Schritte gingen sie rascher, dann ward Edwins Schritt wieder langsamer, der Doktor preßte die Lipven aufeinander, sein Schüler sah es und wechselte die Farbe. Dann begann er: „Herr Doktor —" „Was giebt's Edwin?" „Glauben Sie — meinen Sie —" „Ja mein lieber Junge, ich meine und glaube manches, aber was Sie glauben und meinen das kann ich doch nicht erraten, Sie müßten sich entschließen offen mit mir zu reden. Also was möchten Sie?" „Ich möchte den Brief zurück haben, den ich in den Briefkasten geworfen habe." „Den Brief an den Pater Anastasius? Sie haben vergessen ihn mit Marken zu versehen? Das ist Schade, daß Sie ihn zurückbekommen können, glaube ich nicht, ich würde Ihnen empfehlen, dem hochwürdigen Herrn eine Karte zu schreiben und sich zu entschuldigen, daß Sie ihm einen unfrankierten Brief geschickt haben." Edwin schüttelte den Kops. „Nein," sagte er schwer aufatmend „das Markieren habe ich nicht vergessen, aber ich hätte den Brief nochmals durchlesen sollen, bevor ich ihn abgeschickt." „Ich wüßte nicht, was das hätte nützen sollen. Das Konzept haben Sie mir gezeigt, und ich habe Sie auf einige Ausdrücke, die ich geändert wünschte, aufmerksam gemacht. Sie haben diese Ausdrücke geändert, haben dann den Brief abgeschrieben, denselben nochmals durchgelesen und mit dem Conzept verglichen und dann erst kuvertiert — was hätte das nochmalige Durchlesen bezwecken sollen?" „Ich fürchte, ft'irchte sehr, daß mein Schreiben den hochwürdigen Herrn unangenehm berühren wirb." „Das ist allerdings nicht unwahrscheinlich, doch das ist nicht Ihre Schuld. Sie sind doch faktisch nicht imstande, den Anforderungen des Paters zu entsprechen, Sie können nicht, entgegen dem ausdrücklichen Verbot Ihres Vormunds, mit Ihrer Mutter und deren s.g. Bräutigam verkehren und den Ihnen von Ihrem Vormund bestellten Lehrer können Sie auch nicht so mir nichts, dir nichts abschütteln." Er hatte bei diesen Worten Edwins Arm ergriffen und einem eben vorübersahrenden Droschkenkutscher gewinkt, als derselbe hielt, rief er ihm zu: „nach dem Stadtwald!" „Kommen Sie, Edwin, steigen.Sie ein, mit Ihnen heute svazieren zu gehen ist kein Vergnügen. — halb zog sie ihn, halb sank er hin" deklamierte er lachend. „Und ward nicht mehr gesehen" ergänzte Edwin trübe lächelnd, indem er sich in die Wagenecke drückte. Der Wagen hatte sich in Bewegung gesetzt, Edwin starrte wiederholt seufzend vor sich nieder, der Doktor blickte ihn kopfschüttelnd an. „Edwin, lieber Edwin, wer wird sich denn das Leben so schwer machen." „Ich mache es mir nicht schwer" erwiederte der Andere, abermals schwer aufatmend, „aber es ist oft schwer, o so schwer!" „Das kommt Ihnen nur so vor, weil Sie u keinem Menschen Vertrauen haben außer zu em Pater Anastasius." „Das ist nicht wahr! rief Edwin, indem er sich hastig aufrichtete und die Hand des neben ihm Sitzenden ergriff „zu Ihnen Herr Doktor, habe ich vielleicht noch mehr Vertrauen als zu dem hochwürdigen Herrn." Der Doktor schüttelte ungläubig lächelnd den Kopf. „Wer wird Ihnen das glauben? — Nun freilich, Sie haben sich saldiert, vielleicht, vielleicht — zehnmal vielleicht ist noch nicht einmal gewiß." „Aber nein, ganz gewiß, ich habe zu Ihnen am meisten Vertrauen." „Edwin, wenn das Ihr Ernst wäre — das wäre für mich eine große Freude." „Es ist mein Ernst, bitte, glauben Sie mir es doch, Herr Doktor. — Es ist ja wahr, ich bin dem Pater Anastasius zu großem Dank verpflichtet, als ich ihm noch ganz fremd war auf dem Schiff, da hat er mich Tag und Nacht gepflegt und st'ir mich gesorgt und hat eine ganze Nacht an meinem Bette gewacht, und dann hat er mich unterrichtet in allem Möglichen — dafür bin ich ihm doch sicherlich zu großem Dank verpflichtet. — Aber Vertrauen — Vertrauen — Früher hatte ich allerdings vollkommenes Vertrauen zu ihm, es imponierte mir, daß er mich in allem ohne Bücher unterrichtete, es kam mir auch nie nur der leiseste Zweifel an semen Worten — Aber seit Sie mich unterrichten, Herr Doktor, seitdem kommt mir so vieles ganz anders vor. Sie unterrichten mich doch auch gewöhnlich ohne Bücher, aber am Schluß sagen Sie fast immer, nun wollen wir sehen, ob wir uns nicht geirrt haben, oder ob auch alles stimmt. Und dann lassen Sie mich in den verschiedensten Werken über dasjenige lesen, was Sie Nlir erzählt oder erklärt haben, aber Sie haben Sich noch nie geirrt —" „O doch" fiel der andere lachend ein, „einmal habe ich mich geirrt und zwar um nicht weniger als zweihundert Jahre. Erinnern Sie sich nicht?" „Gewiß" stimmte Edwin gleichfalls lachend bei „aber das war doch etwas so Belangloses und dann haben Sie mich auch damals aufgefordert, nachzulesen, ob Sie sich nicht geirrt hätten. Ohne diese Aufforderung wäre ich nie auf den Irrtum gekommen." „Da sehen Sie,, wie recht ich habe, wenn ich Sie warne, nie so leicht zu glauben, sondern sich möglichst zu überzeugen." „Ja, das sagen Sie immer, und grade darum habe ich zu keinem Menschen so unbedingtes Vertrauen, wie zu Ihnen — Ich weiß nicht, vielleicht ist es ein Unrecht von mir — Pater Anastasius ist doch ein Priester — aber ein Priester ist auch nur ein Mensch, und jeder Mensch kann sich irren und ich habe ihn doch so höflich ersucht, mir die Stellen anzugeben, wo es im alten Testament geboten ist, daß die Juden alle Nichtjuden hassen und betrügen sollen, und daß der Judengott ein Gott der Rache ist, der nie verzeiht, sondern noch die Sünden der Väter rächt bis ins tausendste Geschlecht usw. Aber er hat mir nicht eine einzige Stelle angegeben, sondern nur geschrieben, ich müßte seinem Priesterwort glauben, die heilige Schrift wäre nicht für Laien verfaßt, sondern für Geistliche." „Wenn der Pater Anastasius da von dem Neuen Testament gesprochen, so will ich mich darüber jeden Urteils enthalten, wenn er damit aber auch das Alte Testament, die fünf Bücher Mosis gemeint hat, so muß ich dem entschieden widersprechen. „Sehen Sie hier," er zog ein kleines Büchlein aus der Tasche, es war ein hebräisches Gebetbuch mit deutscher Uebersetzung. „Lesen Sie hier:" „Und liebe Gott, deinen Gott, mit deinem anzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit einer ganzen Fassungskraft. Es seien diese Worte, die ich dir heute gebiete, dir auf deinem Herzen, und schärfe sie deinen Söhnen ein und sprich von ihnen, wenn du in deinem Hause sitzest und wenn du auf dem Wege wanderst, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst." — Sie sehen, diese Worte find keineswegs nur an die Geistlichkeit gerichtet, sondern an das ganze Volk Israel, an alle Nachkommen Jakobs. Das ist eben der große Unterschied zwischen der jüdischen Religion und andern Religionen und zwischen den heiligen Schriften der Juden und denen anderer Völker. Die heiligen Schriften anderer Völker sind, wie der Pater Anastasius Sie belehrt, nur für die Geistlichkeit bestimmt, dem Laien sind, sie gradezu verboten. Die heiligen Schriften der Juden sind jedoch nicht nur das geistige Eigentum des ganzen Volkes, sondern jeder Jude ist verpflichtet, in dem Gesetze zu forschen Tag und Nacht." Edwin fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Damit ist das Talmudstudium gemeint, nicht wahr?" „Freilich, dieses Gebot bezieht sich auf das Studium des Talmuds, der die Erklärung der Gottesgesetze enthält." „Mein Vater hat sich auch fast alle Tage mit dem Studium des Talmuds beschäftigt, am Sabbat am Tage und sonst an jedem Abend — O, wenn mein Vater mir nicht so frühe entrissen worden wäre, es wäre alles anders, alles —" Sie hatten den Stadtwald erreicht, der Wagen hielt, sie stiegen aus. Arm in Arm wandelten sie dahin in den schönen wohlgepflegten Waldwegen, wo die heißen Strahlen des Tagesgestirns sie nicht zu erreicheu vermochten. Leise säuselnd fuhr der Westwind durch das Laub der Bäume, deren Kronen sich neigten und wieder aufrichteten, nur um sich nochmals zu neigen. „Als ob sie beteten," sägte Edwin halblaut, „so, grade so hat mein Vater beim Beten sich geneigt." „Kennen Sie nicht das Psalmenwort: „Er wird wie ein Baum, gepflanzt an Wafferbäche, der seine Frucht giebt zur Zeit, und dessen Blatt nicht welkt; und Alles, was er tut, führt er glücklich aus — So war Ihr Vater. Ich habe ihn zu meinem Bedauern persönlich nicht gekannt, aber alles, was ich von ihm gehört habe, entspricht diesem Bilde." „Sie haben Recht," entgegnete Edwin mit leiser bebender Stimme „so war mein Vater — Und sein Sohn — sein einziger, unglückseliger Sohn — wenn er auf ihn herabsehen könnte, ich glaube — er würde sich seiner schämen." „Edwin! um's Himmelswillen, wie können Sie so reden!" „Wie ich so reden kann? ach, Sie wissen nicht —" Der Doktor blickte ihn betroffen an, indem er die Lippen aufeinander preßte. Danil änderte sich der Ausdruck seiner Züge. „Sie sind im Irrtum, Edwin, ich weiß mehr, als Sie glauben — ich weiß sogar mehr als Sie wissen." „Das ist selbstverständlich, ich bin ein Ignorant und Sie sind ein Gelehrter." „Wollen Sie mich absichtlich mißverstehen?" „Nein, Sie haben Recht, es nützt nichts den Kopf in den Sand zu stecken. Aber wenn ich auch sehr wohl weiß, daß Sie das nicht gemeint haben, so weiß ich doch nicht, was Sie eigentlich damit sagen wollten, daß Sie mehr wissen als ich weiß." (Fortsetzung folgt.)