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Der Israelit · 1908-08-13 · Heft 33 (13.8.1908) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 33 (13.8.1908)
Date
1908-08-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ü Der israelifj m Ein Centralorgan für das ortfiodoxe Judentum Begründet dod Dr. Lehmann in fflainz 49. Jahraanfl. saa franftbirfa.nl.. Sen M 33. Dt« JSr-elit erscheint jeden Donnerstag. NVoimementS r Gewöhnliche Ausgabe Mt. ILO vierteljährlich» HestanSgäbe auf Kunstdruckpapier Mk. 3.— vierteljährlich. (Auslandspreise für die gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn S Rußland 1 Luv., Englands slu, Amerika so cts., Niederlande 1,20 fl.) Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen,sowie direkt bei der Expedition, HestauSgade nur direkt. Inserater 30 Pfennig für die sech-gespaltene Lolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme um durch inHaasrnstrin u. Vogler AL-G. ikonto bet der ft* ft* Postsparkasse Wien No. 79605. Frankfurt a. M. und deren Filialen. Eouto bet de« Rigaer tkommergdaak in Riga Lonto bet de« S. Poftfparkaffenamt Budapest Ro. 18424. und deren Filialen in DwinSk, Libau, Bialystok, Reval und Lodz. ver NscKSrucK Ser NlliKel unS eorresponSenren Ses „Israelit“ if! nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fleh um gröbere flufföbe handelt, nur nadi norheriger Genehmigung gestattet Jüdische l>üir$orgaHi$ationen. Die große Konzentrationsbewegung innerhalb der westeuropäischen Judenheit, die, in den achtziger Jahren einsetzend, gegenüber den auflösenden Tendenzen der Zeit Stammesgeftthl, historisches Bewußtsein, rechtliche Solidarität und schließlich das jüdische Nationalgefühl ins Feld zu stellen suchte, scheint noch nicht auf ihrem Höhepunkte angelangt zu sein. Haben sich in den einzelnen Ländern der Diaspora im Laufe der Jahre zahlreiche jüdische Organisationen gebildet, die zum Teil praktisch-philantropischen Aufgaben dienen, zum Teil repräsentativer Natur sino, so liegt der Gedanke ungeheuer nahe, diese verschiedenen, zum Teil zu Macht und Einfluß gelangten Organisationen im Sinne der Konzentrationsbewegung zu einer Einheit züsammenzuschließen. Damit würde eine starke Repräsentativbehörde der gesamten Judenheit geschaffen, die mit gesammelter Kraft nach außen die Gesamtheit vertreten und im Innern eine einheitlich geregelte Verwendung der materiellen und ideellen Mittel verbürgen könnte. Unter den Vertretern dieser Idee, die mit inimanenter Notwendigkeit aus dem Gedankenehalt unserer konzentrationsfreudigen Zeit georen werden mußte, sind zwei Achtungen zu unterscheiden. Die einen sind lediglich von praktischen, von Zweckmäßigkeits-Rücksichten geleitet: sie wünschen, daß im Falle der Not, bei großen Katastrophen von einer Zentralstelle aus ohne viel Verhandeln und Erwägen der große Apparat internationaler jüdischer Hülfeleistung in Beweguna gesetzt werden könne und daß dann von dieser Zentrale aus auch die Beteilung der zusammenströmenden Gelder, die Verteilung der emigrierenden Menschenmassen nach einheitlichem Plane bewirkt werde. Nebm dieser Auffassung — man könnte sie diejenige der philantropischen Realisten nennen — geht eine andere einher, die mit der befürworteten- Zentralisation weitere, idealistische Pläne verbindet. Es soll ein sichtbarer Ausdruck der jüdischen Solidarität, eine Vertretung des Judenvolkes vor den Thronen der Fürsten und den Kabinetten der Staatsmänner geschaffen und damit — neben jenen auch von den Idealisten gewünschten praktischen Vorteilen — zugleich der Gewinn erzielt werden, daß über die das jüdische Volk zeÄlüftenden Faktoren hinaus auch nach innen für daS Bewußtsein des einzelnen Juden ein festes Einigungsband um die jüdische Gemeinschaft geschlungen wird. Bisher hatten die Bestrebungen beider Parteien keinen Erfolg gezeitigt : die Brüsseler Konferenz, die obgleich von zionistischer Seite einbernfen, mehr die praktische Seite betonte, ebensowenig wie der englische Einzelvorschlag eines jüdischen Parlamentes. Aber eine Idee, die fest im Boden der Zeit wurzelt, läßt sich nicht töten, sie kehrt immer wieder. So hat neuerdings ein junger Beamter des „HülfsVereins der deutschen Juden", Dr. Klatzkin, in Amerika und Deutschland für den „Zusammenschluß" Propaganda gemacht, zunächst für den bloßen Zusammenschluß zu Hülfszwecken, aber mit deutlichem Ausblick auf die Entwicklungsfähigkeit einer solchen Zentralbehörde in der Richtung einer Volksrepräsentanz. Es schien ihm gelungen zu sein, Jacob Schiff für seinen Gedanken zu erwärmen und dem Einfluß dieses letzteren Herrn gehorchend, bequemten sich JCA, „Alliance israelite“ und „AngloJewish Association“ dazu, in eine Verhandlung über den Plan einzutreten. Diese drei kapitalkräftigsten, zu einem Concern gehörigen Körperschaften wollten an und für sich früher von einem Zusammenschluß nie etwas wissen. Sie fühlten sich stark genug, allein zu wissen, was gut und was böse ist, und weder die starke ideale Spannkraft in den zionistischen Organisationen, noch das lebhafte Eigenintereffe der russischen Juden an einem für sie bestimmten Hülfswerk, noch endlich der machtvoll sich entfaltende „Hülfsverein der Deutschen Juden" vermochte den potenten Herren in Paris und London sonderlich zu imponieren. Man darf sogar annehmen, daß die manchmal in recht kleinlicher Weise sich äußernde Eifersucht der deutschen „Konferenzgemeinschaft der Alliance" auf den „Hülfs - verein" nicht zum wenigsten dazu beitrug, die Herstellung einer internationalen Hülfsgemeinschaft zu erschweren. Als uns daher vor vier Wochen aus London gemeldet wurde, der Alliance-Concern habe nachgegeben, allerdings nur im Sinne einer losen Organisation, die ein Zusammenarbeiten von Fall zu Fall gewährleistet, da schien uns das Problem aufs beste gelöst. Denn, um es offen auszusprechen, em festgefügter Zusammenschluß mit permanenter Spitze und straffer Organisation wäre nach unserer Ueberzeuguna unter den heutigen Verhältnissen ein Unglück, aus praktischen wie aus ideellen Gründen. Genauso wie auf technischem Gebiete die Monopolisierung eines Betriebs erst dann von Vorteil sein kann, wenn er die höchste technische Vollkommenheit erlangt hat und daher des fteien Wettbewerbs, des Probierens und Experimentierens entraten kann, genau so scheint uns auch auf dem Wege zur Lösung der tausendfachen Probleme der Judennot der Zeitpunkt noch lange nicht gekommen, in dem wir der anfeuernden Macht der Konkurrenz zu entbehren vermöchten. Grade die Großmachtstellung der Alliance iflraälite, ihre Einseitigkeit und ihre Verständnislosigkeit für religiöse und nationale Forderungen, zeigt deutlich, wie verkehrt es wäre, die glücklicherweise bestehenden Einzelorganisationen in ihrer Aktionsfreiheit einzuschränken und schließlich zu einer großen Alliance israelite zusammenzukoppeln. Was wir brauchen, ist eine enge freundschaftliche Fühlung unter den Organisationen, nicht aber einen straffen, ständigen Zusammenschluß. Zu dem gleichen Ergebnis gelangt man vom religiösen Standpunkt aus. Jeder Versuch zur Schöpfung einer internationalen Gesamtvertretung der Judenheit muß von den esetzestreuen Juden der ganzen Welt aufs schärfste ekämpft werden. Wer immer die Personen wären, die eine solche Gesamtvertretung bildeten, immer bliebe nur die bange Wahl zwischen Vergewaltigung oder Ignorierung der religiösen Interessen und beides perhorreszieren wir aus innerster Ueberzeugung Es giebt ja kaum ein internationales jüdisches Problem, in das nicht religiöse oder, was für den Juden dasselbe ist, kulturelle Interessen hinein spielen, und es wäre geradezu ein Verhängnis, wenn bei wichtigen Anlässen (z. B. bei der jetzt bevorstehenden Wahl eines Ehacham-Baschi der türkischen Juden) ein „internationales jüdisches Comitö" seine Autorität (offziell oder offiziös) auszuspielen und damit unbefugter und einseitiger Weise den Geschicken Hunderttausender die Richtung zu geben vermöchte. In der Sache also sympathisierten wir mit der in London angenommenen Form des Zusammenschlusses : „Zusammenwirken von FallzuFall". Selbstverständliche Vorbedingung hierfür allerdings war es auch uns, daß alle maßgebenden Faktoren in die internationale Verständigung mit einbezogen würden. In dieser Beziehung nun scheinen Alliance und Jca, wie aus einem Proteste Dr. Klatzkins hervorgeht, rxcht thöricht Vorgehen zu wollen. Wir wollen vorläufig annehmen, daß Dr. Klatzkin falsch unterrichtet ist, denn wenn es uns schon denkbar ist, daß sich die Alliance zu vornehm dünkt, mit den Zionisten, den Russen und der Orthodoxie zu verkehren, so kann es ihr doch unmöglich in den Sinn kommen, 1

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