Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1908)
- Date
- 1908-08-06
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Der JLraetti. Seite 20. Nr. 32. sie nicht in ihrer jetzigen Einteilung, „auf den Zknieen müßten wir sie von Haschem erflehen" Wenn wir auf diese Weise die Tefilloh als eine der wichtigsten Hebel unserer ethischen Ver vollk mmnung und als einen Regulator unserer Gedanken und Handlungen auffaffen, dann können wir nicht anders, als jederzeit freudig zur Tefilloh heranzutreten. Und ist uns erst die Tefilloh nicht ein zu bewältigendes Zeithindernis, sondern ein uns ideelles und daher unbedingt auch praktisch förderndes Moment, so erfüllt sich die weitere Bedingung, die Sammlung, die Konzentration oder sagen wir einfach die Andacht wie von selbst. Andere Kreise können dieser Sammlung rum Gebete füglich entraten, ihre Liturgie besteht rumeist aus Liedern, bei denen es auf eine Pflege des Rein-musikalischen hinausläuft, oder aber es handelt sich bei ihnen um Bittgebete, bei weichen, wenn sie aus der Tiefe des Herzens strömen, eine nüchterne ruhige Beobachtung der Sachlage schwerlich denkbar ist. Nichtjüdische Kreise fühlen sich ja zu gottesdienstlichen Gebeten meist nur in dem Augenblicke erweckt, in welchem sie etwas zu erbitten und erflehen haben. Ihr Beten leitet sich von Bitten ab. Zu seinem Gott aber nur dann zu beten, wenn man eine Bitte'vorzutragen hat, bedeutet absolut nicht die Höhe gottesdienstlicher Huldigung. Welten trennen das nichtjüdische Gebet von der jüdischen Tefilloh. Tefilloh leitet sich von „Polal" ab. „Polal" heißt richten, urteilen. „Polal" ist ein geistiges Neberblicken. „Polal" aber ist auch mit „Bolal", „mischen" verwandt. «Polal" ist demnach ein geistiges Mischen, etwas Fremdes in sich aufnehmen, sich von etwas Außenliegendem durchdringen lassen. „Hispaleil" bedeutet demnach, über sich zu Gerichte sitzen, sich mischen oder durchdringen, d. h. „sein Inneres neu tränken mit den Gedanken und Gefühlen der Reinheit und Lauterkeit". Tefilloh ist also nicht ein passives untätiges Erflehen, sondern ein Urteilen, ein Entscheiden. Es bedeutet die Durchdringung des ganzen Innern mit den geisterleuchtcnden und herzveredelnden göttlichen Worten. Dieser Mischungsprozeß der unverrückbar feststehenden göttlichen Wahrheit und der schwankenden eignen Empfindungen und der eignen Gedankenwelt ist eine geistige Selbstarbeit, die bei jeder Tefilloh neu wieder geleistet werden muß. * Daher ist die Sammlung, die nüchterne geistige Klarheit, beim Gebete unumgänglich nötig, daher die vielen Vorschriften über die Kewonoh und über das, was sie hindern und fördern kann, daher auch der Satz eines unserer Weisen: Al taas tefillos-cho kewa. Verrichte Dein Gebet nicht wie eine Dir lästige Pflicht. Gehen wir hier auf den Ursprung unserer Tefilloh zurück, auf die im Heiligtum dargebrachten Opfer, so wird uns die Notwendigkeit der Kewonoh erst völlig klar. Konnte doch schon eine Gedankenabschweifung, geschweige denn eine völlige Gedankenverwirrung die Opferhandlung als solche einfach entwerten. Jawohl, die Tefilloh hat genau dieselben Ziele, die einst in unserm Lande der Opferdienst anstrebte. Opfer und Gebete, beide wollen durch symbolische Taten ausdrücken: „Ich gebe meinen persönlichen Willen auf, unterstelle ihn dem göttlichen Gesetz und will nunmehr mein ganzes Irdisches in allen seinen Funktionen und Zwecken zu Haschems Wohlgefallen gestalten." So will das jüdische Gebet nichts anderes als Erzieher sein im Leben des Jehudi. Wir sagten, die Tefilloh ist eine von außen auf uns ein wirkende Bereicherung des Geistes- und Gemütslebens, denn wäre sie das nicht, so wäre es ja purer Wahnsinn, wenn eine Anzahl Menschen zu einer bestimmten Zeit wörtlich vorgeschriebene Gebete ausspräche. Vergegenwärtigen wir uns, was geschieht, während wir beten, während wir denkend beten. Die Tefilloh entführt uns fast immer schon mit dem ersten Wort aus dem winzigen Umkreise unserer Gedanken und Gefühle und führt uns hinauf auf die hohe Warte einer unvergänglich idealen Lebensbegreifung. Indem sie das tut, entäußern wir uns selbst mit einem Schlage und lernen schon hierdurch unser eigenes Leben gleichsam aus der Vogelperspektive betrachten. Standen wir vor der Tefilloh noch mitten im Leben drin, so stehen wir, wenn wir unsere Gebete denken, plötzlich frei über unserem 'Leben und je länger wir dann unsere Tefilloh sprechen, oder besser gesagt, je länger die Tefilloh dann zu uns spricht, umso freier und weiter dehnt sich unser Blick. Bor unseren sinnenden Augen breitet sich die Ewigkeit, die Unvergänglichkeit aus. Schon mit dem ersten Worte des Morgengebets, zum Beispiel mit dem Adaun Aulom, werden wir an den Uranfang unserer Welt geführt. Wohin wir blicken, werden wir aus das einzige Wirken Hascheims hingewiesen, wir sehen ihn als Schöpfer der Natur, als Ordner der Welt, als Vater der Mlmenfchheit, als Leiter des jüdischen Volkes und wir sehen, wie alles Lebende und alles Leblose ihm fortgesetzt huldigt und in der Beobachtung ihrer gesetzmäßigen Verpflichtungen die Erfüllung ihrer Daseinsaufgabe erblickt. Und wir sehen ferner in unserer Tefilloh die Geschichte der Menschheit in großen Zügen vor uns aufgerollt und wir hören Gottes Schritt durch die verworrenen Gänge der Jahrhunderte Hallen. Während uns so Haschems Größe, seine Machtsülle in der Welt und feine Leitungsweise im Geschick der Völker und Einzelwesen in erdrückender Weise zu Bewußtsein kommt, tritt unser eigenes kleines Geschick wie von selbst in den Hintergrund. Mo anachnu, me chajenu, me chasdenu, ma zidkausenu, me jeschuosenu, ma kauchenu, uma gewurosenn." „Was sind wir, was unser Leben, was unsere Liebe, was unser Wohltun, was unsere Hülfe, unsere Kraft und unsere Stärke?" und in der Tat: Was sind wir. Was bedeutet unser Leben? ein Nichts! Welcher Mensch kann es um den millionsten Teil einer Sekunde verlängern. Und was ist unsere Liebe? Kann die sorgfältigste Pflege der besorgtesten Mutter ein Unheil abwehren, das über dem Haupte des Kindes bedrohlich schwebt? Was ist unser Wohltun? Erweist sich nicht die. verschwenderischste Wohltat unserer Gönner häufig als traurige Unzulänglichkeit? Ma Kauchenu, was ist unsere Kraft im Kampfe mit der Existenz? Und endet nicht Gewurosienu, unsere Stärke häufig genug in einem kläglichen Zusammenbruw- Halau kol hagibaurim keajin lefonecho. „Sind nicht alle Helden wie nichts vor dir", sind nicht alle Menschen von Namen wie nie gewesen, sind nicht die Weisen wie Unverständige, sind nicht alle Vernünftigen wie bar der Vernunft, denn die meisten ihrer Handlungen sind nichtig und ihre Lebenstage sind vergänglich vor dir." Jawohl, Ki Rauw Maasehem Tauhuh, die meisten ihrer Handlungen sind nichtig, das ist das Bekenntnis, das uns die jüdische Tefilloh vor allem in den Mund legt: Jgnoramus, wir wissen nichts, gar nichts. Doch halt, wir wissen nichts? O doch? Wir wissen etwas. Wir Juden wissen, wie wir wurden und was wir sollen und das ist so wenig nicht, das ist schon mehr als alle Errungenschaften der Technik und der Wissenschaft zusammen. Wir wissen, wie wir unser ganzes kleines Leben, diese vom Universum erdrückte Miniaturwelt, groß, unendlich groß, größer als das Universum) selbst gestalten können. Wir wissen es durch unsere Geschichte, diese einzigartige Geschichte, die sich von Mund zu Mund, von Familie zu Familie, von Geschlecht zu Geschlecht verpflanzte und die darum, jawohl darum echter ist, als alle Chronika, alle Historia der Welt. Denn man darf wohl füglich behaupten, auf welch ttefem geistigen oder sittlichen Niveau die Juden auch, gestanden haben mögen, so sehr war niemals ein jüdischer Vater geistig oder sittlich entartet, daß er es gewagt hätte, seinem Kinde irgend etwas als Tauroh oder jüdisch-geschichtliche Wahrheit zu hinterlassen, was Tauroh oder jüdisch-geschichtliche Wahrheit nicht gewesen wäre. Gottlob hat 5. August 1908 sich niemals ein Jude erdreistet, den göttliche» Siegel unseres Volkstums so zu verletzen, geschweige denn auszulöschen. Und. so wissen wir aus unserer Geschichte, beweiskräftiger als irendwoher, wem wir unseren ideellen Beruf deranken. Awol Anachnu amcho bnei brisecho. Tie unendliche Hoheit unseres Berufes verdanken wir demnach dem Umstande, daß wir das göttliche Volk und Bundesgenossen Hascheims sind, daß wir Söhne seines hingebungsvollen Awrohom, Söhne des opferwilligen Jizchok, Söhne des so schwer heimgesuchten Jaakauws waren. Und in der Tat, da wir das Wappen dieser ältesten Adelssamilien der Menschheit tragen, dessen einziger heraldischer Schmuck die beiden kleinen Worte „Kiddusch Haschem" bilden, so muß der Weg unseres hieniedigen Berufes völlig klar vor uns liegen. Und nicht nnr dann klar, wenn schwere schwüle Wolken trübsten Unglückes darüber hangen, sondern auch dann, wenn der Azurhimmel eines sonnigen Glückes darüber lacht. Lefichoch Anachnu chajowim lehaudous lecho. Jawohl, deswegen sind wir verpflichtet, Gott zu danken, ihm durch Taten zu danken, unser ganzes Leben im Hinblick auf ihn oinzurichten und danach zu streben, ihn mit jedem Atemzuge unseres Lebens, jedem Teilchen unserer Habe, jedem Flügelschlage unserer Seele mekaddeisch zu sein, das heißt, ihm selbst in unserer Person ein Mikdosch, eine Gottesstätte, zu werden. Dieses Beispiel aus der Tefilloh muß als typisch genügen. Man könnte Beispiele dieser Art vervielfachen, denn wir treffen immer wieder auf den Gedankenkreislauf'. Anerkennung des göttlichen Königs, die unendliche Distanz zwischen Ihm und allen menschlichen Vasallen, Jisroeils Bevorzugung unter seinen Völkergenossen, bestehend in derartiger Diensterschwer u n g, daß sie undienstüche Stunden überhaupt nicht kennt, bestehend in der lebenfüllenden Verpflichtung, Kiddusch Haschem, kurz bestehend also in potenziertest em Menschtum. Wir resümieren bis hier her. Unsere Tefilloh. will sich nicht auf Bittgebete beschränken, die wir übrigens nicht als Tefilloh, sondern als „Tachanunim" bezeichnen, unser Gebet will sich ferner nicht auf Absingung von Chorälen und Hymnen beschränken, sondern unser Gebet will etwas viel ernsteres und mühsameres sein, unser Gebet wilb die Vergegenwärtigung oder doch der Erkenntnis-Prozeß eines aus Wahrheiten sicher ruhenden Lebens- Programmes sein. Die Gewinnung und Einhaltung dieses Lebens-Prögrammes haben wohl auch die Mizwaus zum Zwecke, die der Tefilloh beigegeben sind. Natürlich verlangen auch sie das Bewußtsein ihrer Bedeutung. Traurig, wenn beispielsweise die Erfüllung der Zizis- und Tefilingebote nur Schale ohne Kern ist, oder allmählich geworden ist. Glücklich aber der, auf den Zizis jeden Morgen auf sittlichem Gebiete die Wirkung ausüben, die der Schlaf auf seinen Körper ausgeübt hat. Glücklich also der, dem Zizis jeden Mprgen die sittliche Kraft neu verjüngt, glücklich der, dessen Innerstes leuchtend durchstrahlt wird durch den tiefen Adelsinn der Tefilin, und glücklich der, der jeden Morgen sich durch Tefilin wieder mit Hirn, Herz und Hand, also mit Geist, Gemüt und Tat seinem Schöpfer bereitwilligst zu Gebote stellt. Natürlich enthält auch unsere Tefilloh viele Stellen des subjektiven menschlichen Empfindens, also auch Bittgebete, doch etwa nur im Verhältnis von einem Achtel oder einem Zehntel des Ganzen. In unserem „Aschre" zum Beispiel vergehen in der Tat sieben Verse, in welchen wir Gott in allen möglichen Ausdrücken besingen und preisen, ehe wir diejenigen Eigenschaften Haschems erwähnen, deren Ausstrahlung uns zu Gute kommt. Erst im 8. Vers heißt es: „Gnädig und barmherzig ist Gott, langmüttg und reich an Liebe." (Fortsetzung si-lgt.)