Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1908)
- Date
- 1908-07-30
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 5\ des „)sraelit euilleton. ver knlcel. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung) „Nun wozu rät der Herr Doktor?" „Der Herr Doktor findet beides sehr bedenklich und meint, wir sollten die cm ihn adressierten Briefe Edwin ohne weiteres übergeben." „Wirklich?" fragte Irma gedehnt mit dem Ausdruck unverhohlenen Stairnens. Um die Lippen des jungen Mannes zuckte ein kaum merkliches Lächeln, doch in seinen Augen blitzte es schalkhaft. „Dürste ich mir vielleicht erlauben, der gnädigen Frau mitzuteilen, was Sie meinem Vermuten nach jetzt eben gedacht haben?" „Nun?" fragte Irma gleichfalls lächelnd. Wenn auch vielleicht nicht denk Wortlaut so doch dem Sinne nach lauteten Ihre Gedanken: dieser junge Mensch ist doch noch gar zu grün, um in solch wichtiger Angelegenheit zu Rate gezogen zu werden." Irma lachte hell auf, wiedersprach jedoch nicht, auch die beiden andern lachten. Gotthold sah auf die Uhr. „Es wird spät," sagte er \mb ich weiß noch immer nicht, was ich tun soll." „Hallen Sie es denn wirklich für unbedenklich, Herr Doktor, die Briefe des schlauen Geistlichen unserm harmlosen Knaben in die Hände zu geben?" fragte Irma. „Für vollständig unbedenklich möchte ich das keineswegs erklären, gnädige Frau. Aber ich halte es für nahezu ausgeschlossen, daß es Ihnen gelingen würde den brieflichen Verkehr Ihres Enkels mit dem Geistlichen vollständig zu unterdrücken. Wollen Sie nicht vergessen, daß Sie es höchst wahrscheinlich mit einem Jesuiten zu tun haben. Erhält derselbe auf seine wiederholten Briese keine Antwort, so werden Sie ihn demnächst hier sehen, oder wahrscheinlich würden Sie ihn auch nicht sehen, er aber würde Gelegew heit suchen und auch sicherlich finden, Ihren jugendlichen Enkl he.mlich zu!ehen und zu sprechen und es würde ihm höchst wahrscheinlich gelingen, Ihren Unschuld gen Knaben zu einem brieflichen Verkehr mit ihm hinter ihrem Rücken zu überreden. Ich kann nur wieder holen, was ich bereits vorhin gesagt habe, nach nieiner festen Ueberzeugung arbeiten Sie dem Pfaffen in die Hände, wenn Sie Ihren Enkel gegen sich erbittern. Ich kann allerdings auch einen offenen Briefwechsel nicht für vollständig unbedenklich erklären, aber gegen das, was offen zu Tage tritt, kann man offen zu wirken suchen — gegen einen geheimen Briefwechsel jedoch wäre man machtlos." Gotthold und sein Frau sahen einander an, Jguii wandte sich Irma an den jungen Mann. „Ich bitte Sie herzlich um Entschuldigung, err Doktor, wegen dessen, was ich vorhin gelacht habe" > „Aber ich bitte sehr, Gedanken sind zollfrei." „Sie beharren demnach bei Ihrer Ansicht, daß ich meinem Enkel den betreffenden Brief ohne weiteres übergeben sollte? — Es wird mir sehr schwer." „Das begreife ich, aber bitte zu bedenken, daß es doch von zwei Uebeln das kleinere wäre. Außerdem möchte ich Sie bitten den betreffenden Brief Ihrem Enkel in meiner Gegc, wart übergeben und ihm dabei der Wahrheit gemäß mit teilen zu wollen, daß Sie ursprünglich ent schlossen waren, ihm den Briefwechsel mit dem Geistlichen nicht zu gestatten und nur auf mein Zureden hin Ihren diesbezüglichen Entschluß ge ändert haben." Gotthold blickte ihn kopfschüttelnd an. „Wenn Sie darauf Wert legen, will ich Ihrem Wunsche entsprechen, doch zu welchem Zwecke eigentlich?" „Um mir gleich im Vorhinein einen Stein im Brett bei Jhrenr Enkel zu verschaffen. Er wird sich mir dadurch verpflichtet fühlen, wird mir Zutrauen entgegen bringen und würde es mir dadurch vielleicht ermöglichen, ihn dahin zu bringen, daß er mir, ohne daß ich ihn direkt darum ersuche, Einsicht in den empfangenen Brief gewährt." „Ich sehe schon," sagte Gotthold zu seiner Frau gewandt „daß wir in dieser Sache nichts Besseres tun können, als den Anordnungen des Herrn Doktors blindlings Folge zu leisten." „Daß Sie meinen Anordnungen blindlings Folge leisten, nein das möchte ich nicht, die Verantwortung wäre mir zu groß. Nur wenn Ihnen meine Argumente einleuchten „Seien Sie unbesorgt, Herr Doktor, das eben wollte ich sagen." Er war bei diesen Worten aufgestanden, hatte an den Schellenknopf gedrückt und den darauf eintretenden Bedienten aufgefordert, seinen Enkel herbeizurufen, der sehr bald ins Zimmer trat. Gotthold, der es bereits sehr eilig hatte, stellte ihn seinem künftigen Lehrer vor, übergab ihm den Brief mit der von dem Doktor gewünschten Erklärung und verließ dann mit hastigem Gruß eiligen Schrittes das Zimmer. Seine Frau folgte ihm. Edwin war bei der Erklärung seines Großvaters dunkelrot geworden, als er sich jetzt mit seinem Lehrer allein sah, reichte er diesem die Hand. „Ich danke Ihnen sehr, Herr Doktor für Ihre gütige Fürsprache bei meinem Großvater, wenn ich den Brief des hochwürdigen Herrn nicht erhalten hätte, das hätte mir sehr wehe getan." „Das habe ich mir gedacht" erwiderte der Andere „ich b n nicht viel älter als Sie, kann mich daher leichter in Ihre Empfindungen versetzen als Ihr Großvater, und überdies kann ich mir nicht denken, daß der geistliche Herr Ihnen irgend etwas schreiben würde, das schädlich auf Sie wirken könnte." „Ach gewiß nicht, mein Großvater hat eben ein Vorurteil gegen alle nichtjüdischen Geistlichen, er kennt sie nicht.". „Wissen Sie, was ich Ihnen raten würde? Nachdem Sie Ihren Brief gelesen haben, lassen Sie auch Ihre Großeltern denselben lesen. Da- )urch zerstören Sie am leichtesten das etwa vorlandene Vorurteil." „Ja, ja Sie haben Recht, das werde ich tun." „Und wissen Sie, was ich Ihnen noch raten würde? — Sie betrachten Ihren Bnef beständig mit sehnsuchtsvollen Blicken, ich glaube bevor Sie den Inhalt desselben kennen, werden Sie dem Unterricht wenig Aufmerksamkeit schenken. Also lesen Sie ihn zuerst, ich werde indessen einen Blick in die Zeitung werfen, bevor wir mit dem Unterricht beginnen." Edwin errötete abermals. Besten Dank!" murmelte er, indem er das Kouvert zerriß und )en ersehnten Brief entfaltete und sich sofort in )as Lesen desselben verttefte. Der Doktor hatte die Zeitung genommen, die er aufmerksam zu lesen schien, dabei wandte er jedoch keinen Blick von dem intelligenten Angesicht des lesenden Knaben, der wiederholt die Farbe wechselte. Endlich ließ Edwin die Hand, in der er beti Brief hielt, sinken und blickte sinnend vor sich nieder. „Nun?" fragte der Doktor „haben Sie gute Nachricht von Ihrem Freunde? ist er gesund?" „Von seiner Gesundheit schreibt er nichts, doch grade darum hoffe ich, daß dieselbe nichts zu wünschen übrig lassen wird. Aber — aber —" „Was haben Sie, Edwin? — irgend etwas scheint doch nicht in Ordnung zu sein." „Aber nein, das könnte ich doch nicht sagen —" „Aber so reden Sie doch, was ist Ihnen? — Sie sehen, ich meine es gut mit Ihnen." „Ja gewiß, das sehe ich, ich bin Ihnen doch schon großen Dank schuldig, ohne Ihre Fürsprache hätte ich den mir so teuren Brief nicht erhalten. Und ich sehe auch ein, es wäre das Beste, wenn ich denselben den Großeltern zeigen würde —" „Nun also, sobald Ihr Großvater nach Hause kommt, geben Sie ihm den Brief." „Ich weiß doch nicht recht, ob ich das tun soll. — Wenn Sie vielleicht die Güte haben wollten, den Brief vorher zu lesen, Herr Doktor und wenn Sie mir dann raten wollten —" „Wenn Ihnen eine Gefälligkeit damit geschieht, daß ich den Brief lese, so geben Sie ihn her." Er nahm das Blatt und las. Der Brief war in höchst weihevollem Styl gehalten,, zuerst erteilte der Schreiber feinem Schüler seinen Segen, dann sprach er die Hoffnung aus, daß derselbe die Heimat glücklich erreicht und seine Angehörigen in bester Gesundheit getroffen. Dann ermahnte er ihn, die Lehren der Religion der Liebe, die er ihn gelehrt nie zu vergessen und sich zu bemühen, dieselben auch seiner Umgebung zu eigen zu machen, um wenigstens die ihm zunächst Stehenden dem jüdischen Un- und Aberglauben zu entreißen usw. usw. Ein spöttisches Lächeln zuckte hin und wieder um die Lippen des Lesenden, Edwin gewahrte es nicht, er harrte in Spannung des Urteils des Andern. „Nun, Herr Doktor, wie raten Sie mir, soll ich den Brief den Großeltern zeigen?" Der Doktor zuckte die Achseln. „Ob der Brief Ihren Großeltern gefallen wird, weiß ich nicht, der hochwürdige Herr scheint ein arger Judenfeind." „Pater Anastasius ein Judenfeind? Da sind Sie im Irrtum Herr Doktor, der hochwürdige Herr ist keines Menschen Feind am allerwenigsten eines Juden Feind. Oft habe ich von ihm gehölt, alle Völker wären dem jüdischen Volke zu Dank verpflichtet, da der Heiland demselben entsprossen. Nur den barbarischen jüdischen Lehren ist er Feind, die nur den Gott der Rache kennen und Haß und Lieblosigkeit gegen alle Nichtjuden ehren' —" Der Doktor richtete sich auf und blickte den Knaben groß au. „Sie würden mich sehr verpflichten, lieber Edwin, wenn Sie mir Mitteilen wollten, in welchem Buche jene schrecklichen Lehren enthalten sind." „Nun selbstverständlich im Alten Testament." „Im Alten Testament? das sind die fünf Bücher Mosis, — ich habe die fünf Bücher Mösis, ich weiß nicht wie oft, nicht nur durchgelesen, ondern durchstudiert, und es wundert mich, daß mir alle derarttgen Lehren entgangen sind. Dort auf dem Bücherbord haben wir gleich ein Altes Testament, ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir die Lehren von dem Rachegott und von dem gebotenen Haß gegen alle Nichtjuden zeigen wollten. Bitte, wollen Sie das Buch herunter Nehmen." Edwin errötete über und über, unwillkürlich entsprach er der Aufforderung seines Lehrers, nahm das erwähnte Buch herunter und legte es auf den Tisch. „Nun bitte, lieber Edwin, zeigen Sie mir die betreffenden Lehren." Edwin blätterte in dem Buche, es war der Pentateuch in hebräischer Sprache mit deutscher Lebersetzung. „Ich habe seit zwei Jahren kein solches Buch in der Hand gehabt" sagte er, wie sich entschuldigend. (Fortsetzung folgt.)