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Der Israelit · 1908-07-16 · Heft 29 (16.7.1908) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 29 (16.7.1908)
Date
1908-07-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Crzid^ung und Le() PlJ^OjlK^C Beil Die Ausbildung von Kantors für kleine Gemeinden. Auf der 20. Jahresversammlung des Vereins Jüdischer Lehrer der Ostprovinzen hielt Herr- Kollege Becker-Wollstein einen Vortrag: „Der Lehrerüberfluß, seine Ursache und die Mittel zur Abhilfe". Schon die Ankündigung dieses Referats erschien uns als ein schlechter Scherz. Seit Monaten wird die Frage erörtert, wie man den dringendsten Mangel an qualifizierten Lehrkräften auf legitime Weise beseitigen könne und nun erfahren wir plötzlich, daß sogar ein Ueberfluß an solchen vorhanden ist! Man konnte früher, durch die Tatsache veranlaßt, daß eine gar-nicht geringe Anzahl von Lehrern ihrem Berufe Valet sagten, der Meinung sein, daß von einem eigentlichen Lehrermangel, der außerordentliche Maßnahmen erfordere, keine Rede sei. Nach den Veröffentlichnngen der jüngsten Zeit aber kann gar kein Zweifel mehr darüber aufkommen, daß ein ganz bedenklicher Mangel an Lehrern mit feminarischer Vorbildung besteht und daß leider ar keine Aussicht vorhanden ist, ihn in abseharer Zeit 511 beseitigen. Nus liegen die Rechenschaftsberichte der drei größten Lehrerbildungsanstalten Deutschlands vor. Im Berichtsjahr 1907 verließen nur zwei Schüler nach bestandenem Examen düs Seminar zu Hannover, während vier andere die Anstalt vorzeitig verließen. In Cöln haben vier Zöglinge ihr Lehrerexamen abgelegt und in Würzburg waren es deren fünf. Das sind zusammen elf abgehende Lehrerin Berlin, Kassel und Münster war die Zahl wohl noch geringer. Der Seminarbericht von Cöln enthält aber auch einen äußerst interessanten statistischen Nachweis, nach welchem in drei Jahren nicht weniger als 62 Gemeinden mit dem Gesuch um Zuweisung von Abiturienten an die Anstalt herantraten, darunter 19 aus dem Rheinland. Wenn man nun ferner erwägt, daß in Ostpreußen von 49 Lehrern nur 10 seminarische Bildung besitzen, in Westpreußen von 38 Religionslehrern nur 13, so braucht man sich wahrlich nichr den Kopf darüber zu zerbrechen, wie die Ueberproduktion an Lehrern zu beseitigen ist. Man muß umgekehrt an der Tatsache, daß eine ganze Anzahl kleiner Gemeinden sich vergeblich bemüht, auch nur einen ungeprüften Lehrer zu erhalten, den Schluß ziehen, daß für diese Gemeinden ein religiöser Notstand besteht und es muß unsere ernste Sorge sein, ihm abzuhelfen. Wir wollen im Nachfolgenden auf ein Mittel Hinweisen, das uns geeignet erscheint, dem dringendsten Bedürfnis zu genügen. Es mag ja für unsere Eigenliebe einigermaßen beschämend sein, aber es bleibt trotzdem wahr, daß unsere Gemeinden nicht so sehr auf den Lehrer als auf den ftn und BfW reflektieren - den ersteren kann man eventuell monatelang entbehren, die letzteren kaum eine Woche. Ein Lehrer kann, wie dies tatsächlich vorkommt, in 7—8 Zwerggemeinden Religionsunterricht erteilen, aber er kann nur in einer einzigen das Kantorat versehen. Es handelt sich vor allem darum, diesen Gemeinden einen Borbeter zu verschaffen. Wir haben erst jüngst darauf hingewiesen, daß die Zahl der Privatleute, die das Kantorat m2*ü ot^7 ausübten, bedenklich in der Abnahme begriffen ist. Das erscheint aus mehr als einem Grunde bedauerlich. In der Regel waren sie es doch, die den religiösen Geist in der Gemeinde aufrecht erhielten, die noch allein den kannten und häufig junge, aber unerfahrene Lehrer im mitn unterwiesen. Sie konnten zuweilen den Kultusbeamten auch wohl unbequem werden, aber ihr Schwinden bedeutet einen schweren Verlust für unser ganzes religiöses Leben und es muß die Aufgabe der Lehrer sein, für einen geeigneten Nachwuchs zu sorgen, denn wir erweisen damit nicht nur den Zwerggemeinden, sondern auch uns selbst einen wesentlichen Dienst. Uns selb st vor allemdenn eine Gemeinde, deren Gottesdienst befriedigend geleitet wird, macht keine unnötigen Anstrengungen mehr, einen Kultusbeamten von oft zweifelhafter Oualität zu engagiereri, sondern überträgt den Religionsunterricht und ofr auch die ntt'rw dem Lehrer der benachbarten Hauptgemeinde. Auf diese Weife wird das Einkommen des Letzteren durch Versehen einer Filiale erhöht und zugleich wird die Nachfrage und das Bedürfnis nach" ungeprüften Lehrkräften schwinden, besonders wenn diese Dilettanten-Kantoren, wie wir sie nennen wollen, auch imstande sind, Geflügel zu schlachten. Auf welche Weise soll nun die Ausbildung solcher Kantoren geschehen? Ein Teil der Aufgabe bewegt sich innerhalb des Rahmens des Religionsunterrichts. . Es ist doch von Wichtigkeit, daß alle Knaben ohne Unterschied lernen, die Werktagsgebete würdig, korrekt, sinngemäß und mit richtiger Betonung vorzutragen, damit sie sich später an den Jahrzeitstagen nicht allzugrobe Verstöße zu schulden kommen lassen, wenn sie vor dem noy stehen. Es ist ferner dringend geboten, die gebräuchlichsten und schönsten Melodien der Sabbath- und Festtagsgebete einzuüben, denn das bringt Leben und Abwechslung in den Unterricht und mildert feinen Ernst. Als dritte Aufgabe erscheint die Einübung des Trapp. In der Regel geschieht diese erst kurz vor der mXB "O. Da wo eine größere Anzahl von Knaben vorhanden, empfiehlt es sich, sie gemeinsam darin zu unterrichten und sich nicht auf die Erlernung einer nans zu beschränken, sondern diesen Unterricht so lange fortzusetzen, bis die Schüler geläufig im Chumesch leienen können. Nun gilt es, diejenigen stimmbegabten Knaben auszuwählen, die voraussichtlich am Orte bleiben und die auch Lust und Liebe znr Sache habe». Wie wir aus Erfahrung tviffen, fällt es nicht schwer, mit diesen zunächst die Sabbathgebete einzuüben und sie auch mit dem ppn vertraut zu machen. Im Anfang gebe man ein kleines Pensum, einige Verse, auf und schreite so langsam vorwärts, bis der Schüler eine ganze nanfi selbständig leienen kann. Das ist die Zeit, wo man ihn zum erstenmal als "032* itVb' an rrnnn nte-np austreten lassen kann: Eine solche Gelegenheit, das Gelernte praktisch zu betätigen, wird die Lernlust bedeutend steigern und für den angehenden Kantor ein Ansporn sein, das ihm gesteckte Ziel auch zu erreichen. Als etwas Selbstverständliches sehen wir es an, daß ein solcher Schüler nicht nur formell das für einen 7711 Nötige erlerne, sondern auch mit den wichtigsten D'n vertraut gemacht werde - ebenso muß er in die OD'OL eingeführt werden. Wir leugnen keineswegs, daß der Lehrer einer solchen Aufgabe, wie wir sie vorgezeichnet haben, manche freie Stunde opfern muß, aber es ist eine lohnende Aufgabe und der Erfolg lohnt die aufgewandte Mühe. Er hat jetzt einen Stellvertreter, wenn er eine Ferienreise unternehmen will, oder durch Unwohlsein an der Ausübung des Kantorats verhindert ist. Für weit wichtiger aber halten wir den Umstand, daß in diesen Dilettanten-Kantoren für unsere kleinen Gemeinden, deren Zahl ja ständig wächst, die geeigneten Kräfte zu erblicken sind, die allein den Fortbestand der religiösen Institutionen gewähreisten können und darum dürfen wir die Arbeit nicht scheuen - sie wird reichliche Früchte tragen. Neuerscheinungen auf dem Gebiete der jüdischen Schnlbvcherllteratnr. Referat, gehalten auf der Hauptversammlung des unabhängigen Lehreroereins für das Großherzogtum Hessen. Als vor ca. 20 Jahren, anläßlich einer Versammlung jüdischer Schulmänner in Berlin die Lehrabteitung des Gemeindebundes eine Lehrmittelausstellung veranstaltete, da verflieg sich einer der Referenten zu der kühnen Behauptung, die jüdische Schulbücherliteratur habe den Vergleich mit der profanen gar nicht zu scheuen. Allgemeiner Beifall lohnte seine Worte; man spekuliert nie vergebens auf den Chauvinismus. In der Wirklichkeit zeugt diese Aeußerung von einer naiven Selbsttäuschungentweder der betreffende Herr kannte die jüdische Schülbücherliteratur nicht genau, trotzdem ca. 300 verschiedene Lehrmittel vor ihm auf dem Tisch lagen, oder er kannte die profanen Lehrmittel nicht. Es

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