Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1908)
- Date
- 1908-07-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 13. Nr. 27. . Der JSraeltt. zu schwer sein, und alle Kräfte müssen angespannt werden, um das Seminar in seinem Aufwärtsstreben zu unterstützen. Möge ein jeder bedenken, daß nicht nur zur Aiegsfühning Geld und wieder Geld gehört, sondern daß auch im Kampfe um die höchsten Ideen materielle Mittel vonnöten sind. Imin nnp p« on Die wimtbaftiicbe Lage der jüdische» Eebrer. (Fortsetzung.) Die Denkschrift des bayerischen Lehrervereins ist keine bloße Arbeit aä hoc, sondern eine sozialpolitische Studie, deren Wert auch dann nicht geringer würde, wenn sie ohne Erfolg bliebe, was aber trotz der augenblicklich ungünstigen Konstellation kaum anzunehmen ist, denn sie ist zwingend durch die Schlagkraft ihrer Gründe für die Notwendigkeit der Besserstellung der Religionslehrer und durch die Gründlichkeit und Sachlichkeit mit der sie den Nachweis führt, wie leicht die Beseitigung des größten Notstandes zu erzielen ist, wenn die größeren Gemeinden ihrer moralischen Verpflichtung Nachkommen. Zwei Dinge berühren vor allem besonders angenehm: die Entschiedenheit, mit der die Errichtung jüdischer Volksschulen gefordert wird — die Thesen Dingfelders-München sind frei von jeder Verbeugung gegen die Simultanschule — und die Selbftverständ lichkeit, mit der hier die Verbindung der nöTitr mit dem Lehramt das Wort geredet wird. Es ist eine Versündigung gegen die jüdischen Lehrer, wenn ihnen fortwährend vorgeredet wird, die Ausübung der nto^nir bröcfe sie in ihrem Ansehen herab, ohne daß man ihnen einen Weg zeigt, wie man sie für den entstehenden Ausfall in ihrem Einkommen entschädigen könne. Wir leben doch nicht in Utopien und unsere Gemeinden werden doch nicht aus lauter Bosheit ihre Lehrer mit diesem Amte betrauen, sondern weil einerseits diese am vertrauenswürdigsten und darum am geeignetsten für diese heilige Funktion sind und weil in den meisten Fällen die Einnahmen daraus gar nicht entbehrt werden können, um dem Lehrer ein einigermaßen anständiges Einkommen zu sichern. So erfüllt es uns denn mit einiger Genugtuung, daß die Denkschrift es als eine Wohltat für die kleinen Gemeinden mit einer jüdischen Volksschule erklärt, wenn die Lehrer auch die ntO'ntP ansnben. Was nun das statistische Material anlangt, so kann man nicht genug die Sorgfalt rühmen, init der es zusammengestellt, von sachverständiger Seite bearbeitet und einer wiederholten und eingehenden Nachprüfung unterzogen wurde,- eS ist mit einem Worte erstklassig, sowohl das von der Vereinsleitung gesammelte, als das anderen Werken entnommene. Tabelle I veranschaulicht die Verteilung der Juden auf Stadt und Land und stellt fest, daß faßt 70 Prozent der bayerischen Juden in den Städten und nur 30 Proz. auf dem flachen Lande oder in Landstädtchen wohnen. Tabelle III zeigt, wie rasch die Entvölkerung des flachen Landes vor sich geht und wie umgekehrt die großen Städte die jüdische Landbevölkerung wie mit Polypenarmen an sich ziehen. Ebenso intereffant ist der Nachweis, daß nur an 82 Orten Gemeinden mit mehr als 100 Seelen bestehen. Da diese Seelenzahl, - 25 Familien eigentlich das Minimum dessen ist, bei welchem eine Gemeinde in der Regel noch für ihre Kultusbedürfnifle ohne allzu große Anstrengung aufkommen kann, so ergibt sich ohne weiteres die Schwierigkeit für zirka 220 Lehrer eure auskömmliche Existenz zu schaffen. Dieses unerfreuliche Bild wird noch mehr getrübt durch die Art und Weise, wie die Kultusbedürfniffe aufgebracht werden. In unserem vorjährigen 2. Jultt 1906. Aufsatz „Zur Lage der jüdischen Lehrer in Bayern" hatten wir schon darauf hingewiesen, wie ungerecht oft die Besteuerungsverhältnisse in Bayern, ja wie sie geradezu ein Hohn auf jede soziale Gerechtigkeit seien, indem sie gerade die schwächsten Schultern, die der armen und kinderreichen Familien am meisten belasten. Die Denkschrift zeigt die Richtigkeit unserer Darstellung an einem recht vorsichtig gewählten Beispiele. Es gibt aber noch viel kraffere Fälle,- es kommt vor, daß arme Makler fast das Doppelte an Steuern aufbringen müffen wie notorisch wohlhabende aber kinderlose Ehepaare. Es ist ein Verdienst der Denkschrift, daß sie zum ersten mal vor einer größeren Oeffentlichkeit den Finger auf eine recht schmerzhafte Wunde gelegt und dieses elendste aller Steuersysteme energisch gekennzeichnet hat. Die Armen und Gedrückten werden es den Lehrern danken, daß sie nicht egoistisch an sich allein gedacht, sondern auch einen offenen Blick gehabt haben für Schäden des Gemeindelebens. Aber auch in anderer Beziehung zeigt die Denkschrift, daß unsere bayerischen Kollegen das Herz aus dem rechten Fleck sitzen haben: sie suchen in erster Linie, da zu helfen, wo die Not am größten ist, und sie sind Realpolitiker genug, vor allem das Erreichbare anzustreben. Auch die jüdischen Volksschullehrer Bayerns stehen gegen ihre christlichen Kollegen im Gehalte zurück, da ihre Alterszulagen erst von dem Datum chrer staatlichen Anstellung an berechnet werden und es ist eine wichtige Aufgabe der Vereinsleitnng, durch wiederholte Eingaben auf diese Ungerechtigkeit hinzuweisen und Abhilfe zu verlangen. Dringender aber ist die Sorge für die R eligionslehrer deren Lage teilweise mehr als bedauernswert ist, denn unter 119 haben 82 ein Einkommen von weniger als 1000 Mk. und nur 27 darüber, Für diese beklagenswerten Existenzen kämpft die Denkschrift. In ihren Vorschlägen zur Besserstellung der Religionslehrer beschreitet sie ungefähr den Weg, den wir im vorigen Jahre angedeutet haben, indem sie sich an den „Landesverein" wendet, nnd sie weicht nur insofern von unserem Vorschlag ab, als sie die Mittel nicht durch freiwillige Beiträge von Privaten und Gemeinden aufgebracht wissen will, sondern indem sie vorschlägt, daß jede Gemeinde zirka 6 Proz. ihres Jahresetats an die Zentralkaffe des „Landesvereins" abführt, oder durch progressive Besteuerung von 7 Prz. abwärts bis zu % Prz. Dieser Modus, der ja den großen Vorzug der Einfachheit besitzt, würde unseren vollen Beifall haben, wenn er nicht auf einer ganz unmöglichen Voraussetzung aufgebaut wäre, daß sich nämlich ausnahmslos alle Gemeinden dieser freiwilligen Selbstbesteuerung unterwerfen. Wir halten das, solange das Prinzip der Freiwilligkeit besteht, für ausgeschlossen. Erleichtert wird allerdings die Aufbringung des Bedarfs dadurch, daß nur für Gewährung eines Mindesteinkommens von 1200 Mk. plädiert wird. Das ist eine bescheidene Forderung und im Prinzip ist sie schon längst als berechtigt anerkannt, ebenso wie die moralische Verflichtung der größeren Gemeinden, leistungsschwachen Synagogenverbänden die Beschaffung ihrer religiösen Bedürfnisse durch Gewährung von Beihilfen zu erleichtern. So hat, wie bereits früher mitgeteilt, ein um das jüdische Religionsschulwesen recht verdienter Beamter, Herr Provinzialdirektor Dr. Breidert, Gießen unter Zugrundelegung eines Mindestgehaltes von 1100 Mark — dieser gilt auch für die pensionsberechtigten Religionslehrer — den aufzubringenden Bedarf für Oberheffen auf 5500 Mk. berechnet, und in einer unter seinem Vorsitz abgehaltenen Versammlung der israelitischen Vorstände Oberjeffens verpflichtete man sich anstandslos zur Aufbringung dieser Summe, obwohl nur eine einzige Gemeinde mit mehr als 500 Seelen dort vorhanden ist. Es sind also weder neue Ziele noch neue Wege, die die Vereinsleiltung verfolgt, ändern ihr Verdienst liegt in der weisen Beschränkung, die sie sich auferlegt, in der maßvollen Weise, wie sie ihre Forderungen vorbringt und sie begründet und in der Entschiedenheit, mit der sie für die jüdisch-soziale Fürsorge in den Grenzen des Heimatlandes eintritt. Mit zirka 54000 Mk. berechnet die Denkschrift den Bedarf, der, wenn er ganz ausgebracht, allen Religionslehrern ein Minimalgehalt von 1200 Mk., den Lehrerinvaliden eine Pension von ca. 900 Mk. und auch den Lehrerrelikten einigermaßen angemessene Bezüge sichern würde. Dabei würden auch die übrigen Kultuszwecke, die der bayerische Landesverein subventioniert, nicht Slot leiden, denn die bisher dafür gewährten Unterstützungen sind mit 4400 Mk. in obiger Summe einbegriffen. 54 000 Mk.! Eine kleine Summe, wenn man bedenkt, daß der Jahresetat der Münchener Gemeinde allein 200000 Mk. beträgt. Wir wünschen der Denkschrift den besten Erfolg, und wir wünschen ferner, daß unsere Kollegen im Reich ebenfalls bald praktische Vorschläge machen, wie der Lehrernot, d. h. der Not der Religionslehrer abgeholfen werden kann, Vorschläge, die sich auf gewiffenhaft. geprüftem statistischem Material aufbauen. Mit ihnen sollen sie sich aber auch an die richtige Adresse wenden. Als solche sehen wir aber nicht den Verband der deutschen Juden, die Logen usw. an, sondern die Provinrialverdände. Wenn Berlin als Centralkaffe smr den notleidenden Osten, aus dem sich ja sein Zuzug hauptsächlich rekrutiert, fungieren will, umso beffer. Und mit noch einer Fiktion muß gebrochen werden, mit dem irrigen Glauben nämlich, daß es notwendig sei, das soziale Gewissen unserer Glaubensbrüder nochmals in unserem Sinne zu schärfen. Das ist in zwanzigjährigem Kampfe in mehr als genügender Weise geschehen. Jetzt heißt es positive Arbeit leisten, entweder »rach Art der Ostpreußen ober nach der der Bayern. Darum wacker ans Werk! £orre$pottdenzen u. Nachrichte». Würzburg, 18. Juni. Gestern begann in der hiesigen israelitischen Lehrerbildungsanstalt bezw. dem katholischen Schuüehrerseminare das Austrittsexamen des Oberkurses. Die jüdischen Zöglinge hatten in dreistündigem Arbeitstermine folgende Aufgaben aus der Religionslehre schriftlich zu behandeln: 1. Welche Vorschriften enthält die Bibel über den geschäftlichen Verkehr? 2. Welche Bedeutung hat das Gebot der Tephilin? Was enthalten dieselben? An welchen Tagen werden sie nicht gelegt und warum? 3. Maimonides, sein Leben, sein Wirke»! und seine Bedeutung Frankfurt a. M., 17. Juni. Wie uns der „Bund gesetzestreuer jüd. Lehrer Deutschlands" mitteilt, findet während der Sommerferien bei genügender Beteiligung, ein Kursus für Kantoren statt. Kollegen, die sich an den: Kursus beteiligen wollen, werden ersucht, sich baldigst, mit Angabe ihrer Ferienzeit, an Herrn Oberkäntor Pesachowitsch, Frankfurt a. M., Ostend ftraße 29, zu wenden. Reisezuschuß wird gewährt. Berichtigung. Wie uns Herr Kollege Rosenwald-Steinbach (Pfalz) mitteilt, ist ein Beschluß, in corpore iu den bayerisch?» Lehrervereln ciuzutretcu auf der Konferenz der freien Vereinigung israelitischer Lehrer und Kantoren der Pfalz in Kaiserslautern nicht gefaßt worden, sonderr es wurde nur den einzelnen Mitgliedern der Beitritt empfohlen, es wurde daher beschlossen, an die Verwaltung des „Landesoereins" dr? Ersuchen zu richten, der genannten Vereinigung Si^. u.rü Stimme im Armschutz zu gewähren.