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Der Israelit · 1908-06-25 · Heft 26 (25.6.1908) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 26 (25.6.1908)
Date
1908-06-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 26 des „Israelit". ver knkel. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung) euilleton. Spornstreichs rannte sie durch die Straßen und rief jedem Bekamrten, dem sie begegnete, schon von der Ferne zu: „Edwin komint heute Abend, Edwin kommt?" Mehrere Minuten vor der angegebenen Zeit hatte sich Gotthold mit Frau und Tochter auf dem Bahnhof eingefunden, zu ihrer Ueberraschung trat ihnen Schröder freudestrahlend entgegen. Der alte Herr war schon seit einer Reihe von Monaten nicht ausgegangen, aber die Freude schiert ihn verjüngt zu haben, seine Haltung war wieder stramm wie ehedem, sein Gang elastisch wie früher. „Komm Tantchen," sagte er, indem er Elcmentinens Hand aus seinen Arm legte, „laß uns herumlaufen, mich duldet's iticht aus einem Fleck.", Lachend entsprach sie seiner Aufforderung und lachend und scherzend rannte das ungleiche Paar auf dem Perron auf und nieder. Endlich ertönte das Signal, untvillkürlich blieb Schröder stehen. „Jetzt hält der Zug eine Minute in Althof und drei Minuten daraus ist er hier." „Aber' unerhört, wie lange die drei Minuten dauern!" „Das kommt, weil wir hier so ruhig stehen, lassen Sie uns wenigstens trippeln von einem Fuß auf den andern, da vergeht die Zeit rascher. Und sehen Sie nur, sehen Sie nur, da kommt schon der Zug. Dort die Rauchsäule, die kerzengerade in die Höhe steigt, das ist er. Ich höre ihn schon rasseln." „St! st! machte er. Sie lachte hell auf. „Ich habe Sie sehr lieb, Herr Schröder, weil Sie vor Freude beinahe so viel Unsinn reden wie ich." Er erwiderte nichts, ihm war in diesen Augenblick, alle Lust zum Unsinn vergangen. Das Herz zog sich in ihm zusammen, es war als .wäre ihm eine schwere Kugel bis hinaus in den Hals gestiegen und machte ihm das Atmen nahezu unmöglich. Näher und näher kam der Zug laut rasselnd, man konnte schon die einzelnen Wagen unterscheiden. Jetzt ertönte eilt schrilles Pfeifen. Unwillkürlich fuhr der alte Mann zusammen, unwillkürlich legte Clementine ihren Arm um ihn, als müsse sie ihn stützen. Noch näher und näher kam der Zug, jetzt war er bereits in die Halle eingefahren. Aus dem ersten Fenster des dritten Wagens lehnte sich ein sonnverbrannter junger Mann, sein helles Auge schweifte suchend über den Perron. Jetzt hatte er sie erkannt. „Prostpapa! Tantchen!" rief er jauchzend. ,Edwin!" jubelten beide wie aus einer» Munde und unwillkürlich streckten sie ihm die Arme entgegen. Aber die lange Wagenreihe war rasch Weiler gerollt, jetzt stand sie still. Und jetzt begann in Wirklichkeit ein Wettlauf zwischen dein alten Mann und dem kleinen Mädchen, wie im Fluge eilten sie den Perron entlang und hatten gteichzerttg den drittletzten Wagen erreicht, und noch , Vetter begrüßt, er müsse erzählen, erzählen, und bevor der Lchasfner die Tür geöffnet hatte Edwin erzähle», vor dent Essen und während des Essens dieselbe aufgerissen und sprang direkt in die ihni und nach dem Essen. Erst nachdent auch die anentgegengestveckten Arnte seines Großvaters. mutige Hausfrau sich zurückgezogen hatte, und Laut schluchzend drückte dieser den Heini I der Oberst seinen Gast in das für denselben begckchrten an keine wogende Brust. „Atem Edwin I stimmte Zimmer geleitet hatte, kam cs zu einer mein Liebling! - mein Eins und mein I vertraulichem Aussprache zwischen den Vettern. Alles!" I „Also, gute Nacht, Alex, schlafe wohl und „Lieber, lieber Großpapa!" I träume entweder nichts oder nur Schönes. Aber Doch hinter ihm noch im Eoupee stand I ehe ich daran vergesse, was ist denn das für hochanfgerichtet in tiefster Trauerkleidung seine eine bestimmte Aussicht, von der du bei deiner Mutter. Namenloses Entsetzen malte sich auf I Ankunft in Althos gesprochen hast?" ihre geisterbleiche Züge, als jic aus ' oen I , „Na, du weißt doch, es ist dieselbe wie Allen blickte, der wieder und immer wieder seinen I früher. Enkel an sich drückte. War das Wirklichkeit? I „Pardon, ich erinnere mich nicht." oder äffte sie eilt Traum? — Mit ihrer I „Ach, du wirft dich doch erinnern, ich habe schwarz behandschuhten Hand griff sie an ihre! dir wiederholt von ihr erzählt, die liebreizende bleiche Stirn, um sich ihres Wachseins zu ver I Malwine, verwittivete Gotthold, Tochter des reigewissern. I chen Schröder." „Nun, Edwiit, hast du denn uns ganz ver- I „Jo, ganz recht, voit der hast bn mir ergessen?" zählt, aber du hast mir auch gesagt, daß ihr Sie erkannte die vor Erregung bebende I Barer ihre Verbindung mit dir nicht zugeben Stimme ihres Schwiegervaters, sah wie ihr Sohn I will und mit Enterbung gedroht hat, falls sie sich aus den Armen des einen riß, um sich iit I sich taufen lassen würde." die des anderen zu werfen.! „Nun ja, das war auch so, aber da er doch „Lieber, lieber Großpapa, sage mir nur I jetzt tot ist, kann er nichts mehr dreinreden, vor Allem, daß du mir nicht zürnst." I „Der reiche Schröder ist tot? Davon habe Was Gotthold antwortete, konnte sie nicht I ich nichts gehört. Wamt ist er denn geverftchen, denn in diesem Moment begegnete sie I storben?" dem auf sie gerichteten Blicke ihres Vaters. Sie Mit Bestimmtheit kaitn ich Dir seinen Todesglaubte ein Hohnlächeln auf seinen Lippeit zu I tag iticht angeben, als wir in Capstadt waren, sehen und hatte im Nu das gaitze Manöver I überbrachte ein dort wohnender Better meiner erraten. I Braut die Todesnachricht mit dem Bemerken, „Betrogen?" murmelte sie, „schändlich be I daß die hiesige Behörde Malwinens möglichst trogen!" - I schleunige Heimkehr wünschten wegen der Ueber- Sie lehnte sich aus dem Coupee und ohne I nähme der Erbschaft. Wir sind auch sofort abihren unten stehenden Angehörigen irgend welche I gereist und zwar direkt hierher, sonst wären wir Beachtung zn schenken rief sie mit lauter gellen- I noch lange reicht gekommen." der Stimme: „Träger! hierher!" — I Der Oberst schüttelte wiederholt den Kopf Der Gerufene war sofort zur Stelle, sie be- I „Deine Worte in Ehren, lieber Freund, aber fahl ihm ihre Effekten zu eincr Droschke zu I aber die Geschichte stimmt nicht." bringen und folgte ihm mit stolz zurückgeworsenem I „Stimmt nicht? was willst du damit Kopfe. sagen?" Wenige Minuten vorher als der Zug in I „Na, das kannst du dir doch denken. Der Althof gehalten, hatte sich Baron Brandow von I alte Schröder hat zwar in sozialer Beziehung ihr verabschiedet und war ausgestiegen. Da sie I nie eine hervorragende Stellung eingenommen, wußten, daß Edwin seineAnkunft telegraphisch I Aber er soll ja doch der reichste Mann im angekündigt, hatte ein letzter Nest von Anstand Lande seiit. Und wenn ein solcher Krösus stirbt, sie zurückgehalten im selben Coupee in der Heimat I daß inan davon gar nichts gehört haben sollte anzukommen. Brandow hatte deshalb seinem I daß iticht alle Blätter voll davon gewesen Better telegraphisch mitgeteilt, daß er um sieben I finb " Uhr elf Minuten in Althof eintreffen werde, der I „Gar nichts gehört hast du davon?" fragte Oberst stand daher auf dem Perron und bagrüßte I der Barmt ftauneitd. den Angekommenen herzlichst. I „Gar nichts habe ich davon gehört. Nur Oberst Max Brandow war ein gutmütiger I einmal hieß es, daß der alte Schröder schwer Mensch, hatte zwar das Pulver nicht erfunden, I erkraitkt wäre und zwar durch die Schuld seiner nahm es jedoch mit seinen Pflichtett überaus I Tochter, die ihr eigeites Kind entführt habe, streng. Er war, wie er sich auszudrücken liebte, die trostlose Familie habe keine Ahituitg wohin, genau so auf dem Hund gewesen, wie sein Vetter I Die Geschichte hat dainals viel böses Blut gemacht Alex, hatte jedoch das Glück gehabt, die aufrichtige! urtd habe ich mich aufrichtig gefreut, daß aus Zuneigung der einzigen Tochter eines der reichsten deiner geplanten Verbindung mit der Betresfen- Bürger zu erringen und da dieser über den Charakter I den nichts geworden ist, dieselbe ist in einem des von seiner Tochter Geliebten nur Gutes er- I allzu ungünstigen Licht erschienen." fahren, so hatte er nicht gezögert seine Einwilligung I Der Baron wechselte wiederholt die Farbe, zu ihrer Verbindung mit dem vermögenslosen I „Ich begreife nicht, wie man da voit einer Ent- Leutnant zu geben, der es ihm gegenüber nicht führung sprechen kann, wenn eine Mutter mit einmal in Abrede gestellt hatte, vaß er die leiden-! ihrem Kinde eine Reise ntachen will, braucht sie chaftliche Zuneigung seiner Braut nicht in dem- I doch niemanden um Erlaubnis zu fragen." selben Maße erwidere, ihr jedoch von Herzen I „Du bist im Irrtum, eine Mutter ist nicht zugetan wäre, und es ihr nie vergessen werde, I berechtigt, ohne Wissen und gegen den Willen des daß er einzig und allein ihrer Liebe sein ma-! Vormunds mit ihrem vaterlosen Kinde eine Reise terielles Glück verdanke. I zu machen." Diese offene Erklärung hatte das Vertrauen! „Aber ich bitte Dich - " eines Schwiegervaters zu ihm noch erhöht und! „Lieber Freund, wenn es auch deine Braut hatte derselbe es nie bereut, seine Einwilligung I ist, die das getan hat, zu entschuldigen ist das zur Verbindung der jungen Leute gegeben zu I nicht. Namentlich der Umstand, daß sie, wie die haben, denn Oberst Brandow war ein Ehren- I Blätter berichteten, mit raffinierter Schlauheit mann vom Scheitel bis zur Sohle und seine Ehe I das Kind den Leuten, bei denen es in Pension mit der bürgerlichen Erbin die denkbar glück-! war, entlockt hat, das stempelt die Sache doppelt ichste. und dreifach zu einer wirtlichen Entführung." Mit lautem Jubel hatte die Familie des I „Aber ich begreife nicht " Oberst den aus fernen Landen heimgekehrten I (Fortsepung folgt)

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