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Der Israelit · 1908-06-25 · Heft 26 (25.6.1908) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 26 (25.6.1908)
Date
1908-06-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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<J}c Wart lllcrai^is üu$ der Aerkrtatt moderner beligionrpdilosopben. Bon Dr. Wohlgemutin Berlin. Unsere Popular-Philosophen und Theologen find fleißig bei der Arbeit. Es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht die alte Religion immer wieder feierlich bestattet wird, und wir mit einer neuen Welt- und Lebensanschauung beglückt werden/ Man kann beim besten Willen nicht mehr von all den schönen Theorieen Notiz nehmen. Darum sei im folgenden nur ein kurzer Streifzug durch die jüngste Literatur, die mit der Erörterung religiöser Probleme sich an die breite Oeffentlichkeit wendet, unternommen. Am harnrloseften sind die Herren, die auf ein paar Bogen einen Ueberblick geben wollen über die Geschichte und Bedeutung, über Ursache und Folgen von Geiftesbewegungen, die über Jahrtausende sich erstrecken. Es sind mir da drei Schriften aus der Sammlung „Kulturträger" zugegangen über Moses, Zarathustra und Tolstoi. *) Zur Charakteristik wird es genügen, wenn wir darauf Hinweisen, daß der Verfasser in dem Schriftchen über Moses auf etwas mehr als 70 Seiten spricht über die Themata: Israel in Aegypten, der Auszug aus Aegypten und die Offenbarung am Sinai, auf dem Wege nach Kanaan, die Auserwähltheit Israels, zur Bibelkritik, der Kampf um die Offenbarung, Babel und Bibel, Glauben und Wissen, und die Weiterentwicklung -der Religion. Dabei wird uns nicht nur das- Tatsachenmaterial gegeben, sondern-auch eine Kritik der entgegengesetzten Meinungen - säst die Hälfte des Buches nehmen Zitate ein aus Lessing, Ewald, Nietzsche, Schräder, Delitzsch, Weinel u. a. Voll einem festen Standpunkt ist nicht das geringste zu verspüren. Einerseits Kompromiß mit der Bibelkritik, andererseits Verteidigung religiöser Grundgedanken des gesetzetztreuen Judentums, das ganze macht den unerquicklichen Eindruck einer Anbiederung an die Bekenner des Al:en und Vertreter des Neuen und ist so recht gee gnet ein Schulbeispiel dafür abzugeben, welche Kost heute den Halbgebildeten geboten werden kann. Wirkliche Belehrung wird man aus dem Buche des Jenenser Universitätsdozenten Völlers: „die Weltreligionen in ihrem geschichtlichen Zusammenhänge"**) schöpfen können. Es ist vor allem für die, denen das teure umfassende Werk über *) Kollektion Kulturträger. Verlag von Hermann Seemann Nachfolger, Berlin und Leipzig. Preis pro Band i Mk.: MoleS und sein Werk von Dr. JuliuS Reiner, 77 S. — Zarathustra von Dr. Julius Reiner, 73 S. — Leo Tolstoi der Führer von Jnng-Rußland von Dr. Ernst Lübben, 83 S. **) Karl Böllers: Die Weltreligionen in ihrem geschichtlichen Zusammenhang. Jena 1907, verlegt bei Eugen DiederichS, 199 S. die Religionsgeschichte von Chantep:e de la Sauf-saye nicht zugänglich und die nicht gerade zu wissenschaftlicher Arbeit es benutzen wollen, von großem Wert, denn es gibt in Kürze außerordentlich viel Einzelheiten über die Religionen, die in der Geschichte die hervorragendste Rolle gespielt haben, über Judentum, Christentum und Islam, über die persische Religion und den Buddhismus. Wenn wir von der Belehrung sprechen, die wir aus dem Buche von Völlers gewinnen, so haben wir natürlich nur seine Darstellung der Retigionsgeschichte der nichtjüdischen Religionen im Auge. Ueber das Judent!M gibt er die alte Erbweisheit der Bibelkritik und diese wird in so vielen populären Darstellungen geboten, daß es einer neuen Erörterung hierbei nicht bedürfte. Es sind immer dieselben Theorien auf Grund der Graf-Wellhausenschen Hypothese, hier aber natürlich als „gesicherte Ergebniffe" der altteftamentlichen Bibelforschung verkündet. Anerkannt soll werden, daß der Verfasser nicht wie Harnack, Bossuet u. a. mit verschiedenem Maße mißt, je nachdem es sich um unsere Bibel oder die Evangelien handelt. Für uns wird es ja imnier unbegreiflich bleiben, wie Männer, die in dem festgefügten Bau der altteftamentlichen Schriften keinen Stein auf dem anderen lassen, vor den fast nur in Widersprüchen sich ergehenden Berichten der Evangelien ehrfürchtig Halt machen. Nach Völlers dürfte es schwer sein, ein Gleichnis, eine Handlung des im neuen Testament geschilderten Jdeaimenschen mit geschichtlicher Sicherheit aus den christlichen Reiigionsftister zurückruführen. Ja selbst für die Geschichtlichkeit seiner Person können nach des Verfassers Meinung keine absolut entscheidenden Argumente beigebracht werden. Es sei möglich, ja wahrscheinlich, daß er den Anfloß zur Entstehung des Christentums gegeben hathöchst unwahrscheinlich sei cs aber, daß ihm auch nur annähernd die Stellung und Bedeutung zukomme, die die evangelische Ueberlieferung aut ihn übertragen hat. Völlers' Buch will rein geschichtlich sein, eine Auseinandersetzung mit den religiösen Problemen der Gegenwart liegt ihm an sich fern. Doch die rein religionsgeschichtliche Betrachtung gibt auch eine Antwort, nämlich die Antwort, daß es sich bei allen Religionen um vergängliche Gebilde handelt, die dem Tode geweiht sind. Vor allem gilt das von denen, die nicht in echt volkstümlichen Anschauungen wurzeln. Der Verfasser stellt daher dem deutschen Protestantismus ein ungünstiges Prognostikon. Man könne Zweifel darüber hegen, ob hier noch ein dauerhaftes, der Fortbildung fähiges Element im religiösen Volksglauben zu finden sei. Es herrscht überhaupt — wir werden das später bei der Erörterung über das Buch von Ellen Key besonders betonen müssen — bei den Modernen eine allgemeine Abneigung gegen den liberalen Protestantismus der Neuzeit. Die Halbheit, die diesem eigen ist, das Schwanken zwischen Glauben und Wissen, der Rationalismus, der sich da unerträglich breit macht, das willige Aufgeben jedes positiven Glaubensgehalts, verbunden mit dem Festhalten an Worten und Begriffen, die ihrer eigentlichen Bedeutung entkleidet sind, das alles stempelt die liberale Eheologie in den Augen der Modernen zu einem Zwitterwesen, das ihnen noch viel unsympathischer als der derbe und vollsaftige Katholizimus ist. Diese Abneigung kann man verstehen angesichts einer Schrift, wie die von König*): „Zwischen Kopf und Seele." Was der Verfasser will, sagt er sehr deutlich in der Einleitung: dieses Buch möchte der Religion dienen,. . . Es will nicht betonen, was die Modernen von den Kirchlichen trennt, sondern was beide eint. Es fordert gemeinsame religiöse Arbeit und dies im Interesse einer gesunden Bolkskulrur. Es soll der Versuch gemacht werden eine Religionsanschauung zu bieten, die vielleicht den Anspruch erheben darf, eine Grundlage gemeinsamer religiöser Entwicklung sürKirchliche und Moderne zu werden. Das will der Verfasser, wie er sagt. Aber entspricht die Tat dem schönen Wunsche? Nein! Denn dieser Wunsch ersehnt Unmögliches, unüberbrückbare prinzipielle Gegensätze dadurch versöhnen zu wollen, daß man den Vertretern ein falsches Bild vortäuscht. Es ist unmöglich die immer geistvollen und oft durchaus wahren Gedanken, die der Verfasser dazu in einer blühenden bilderreichen Sprache gibt, hier alle anzudeuten. Sie find an fich wertvoll, bringen ihn aber keinen Schritt seinem Ziele näher, weil eben das Ziel nur eine kata mo-gata, aber an sich unerre chbar ist. Es seien ein paar schöne Bemerkungen aus dem Buche hervorgehoben, Bemerkungen, die wir unterschreiben können, die freilich ausgewählt find und daher nicht die Meinung des Verfassers geben. Der erste Abschnitt ist betitelt: „Zwischen Kops und Seele". Er will auseinandersetzen, daß den beiden Seelenkräften im Menschen, die so oft in Widerspruch geraten, dem Denken und Fühlen das gleiche Recht zusteht: „Wir kommen aus einer Zeit her, in der der Kopf die Seele tyrannisiert hat. Das war die Größe der Zeit und ihre Kleinheit. Es soll hier kein Loblied angestimmt weiden und auch kein Klagelied. Es war notwendig, daß der Intellekt einmal Führer und Tyrann war. So konnte er zeigen, was er leisten kann. Wir find jetzt soweit, beurteilen und ohne jegliche Leidenschaft, die blind macht, einschätzen zu können, was das Kopfregiment, bedeutet, wieweit wir cs aufrecht erhalten müssen und wieweit es einer Ergänzung bedarf Das Kopfregiment bedeutet die konsequente Durch- *) Karl König, Zwischen Kopf und Seele; zum Problem dieser Tage. Verlegt bei Eugen DiederichS. Jena 1908. 178 S

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