Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1908)
- Date
- 1908-06-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449325--64650-2507249- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
r ©ft JKtaAtt. «ette ». So. 26 regiMiören, antwortet eU HWtthr Er habe -en Hm erteilten Befehl angeführt, darüber hinaus gehe ihn nichts an. Die Nachmittags-Verhandlung beginnt mit der Vernehmung des Telegraphen beamten Zinzewitz. Er hörte Schöffe, weiß aber nicht, ob sie von Juden abgegeben wurden. Er sah dann Soldaten anmarschieren, die sofort niederknieten und Salven abgaben. Ihr Ziel war unbestimmt, doch sah er eine Menge flüchtender Juden zusammenbrechen und viele jüdische Häuser brennen. Auch gegen die Staatsbank schoffen die Soldaten. (In der Anklageschrift heißt es, die Revolutionäre hätten selbst die Bank beschoffen.) Ein Jude namens Schapiro habe bei ihm im Postbureau Zuflucht gesucht, die er ihm auch gewährt hätte. Ein anderer hinzugekommener Beamte hätte aber den Juden auf die Straße hinausgedrängt, wo er bald ermordet wurde. Dieser sagt beruhigend: „Wir haben Militär genug in der Stadt, um Ausschreitungen unmöglich zu marken. Im gleichen Sinne sprach sich der Gouverneur aus Grodno aus. der Zeuge von seiner Depesche an die Dumamitgiieder und der Intervention der letzteren erzählt, fällt ihm der,Präsident ins Wort mit der Mahnung, im R.'hmen der Verhandlung zu bleiben. Der Zeuge bestätigt des ferneren, daß die organisierten christlichen Arbeiter sich am Pogrom nicht beteilgigt hätten. Nach dem Pogrom sei ein Gymnapallehrer aus Moskau angekommen, der in öffentlicher Versammlung Hetzreden gegen die Juden hielt und die Zeugen beeinflußte. Es werden verhört: Der Kapitain Manzirow und der Pristaw Kostetzki. Beide geben zu, daß Polizei und Svldmen auf die Juden eingehauen und geschaffen hätten, bemühen sich aber Die Zeugin Menzel trägt sehr geläufig ein I das Märchen von der Provokation durch die . _ r r iY r. _/s. n r / Ai w u + I ' ... gut eingeschärftes Sprächet vor. Sobald aber oer Präsident oder einer der Anwälte mit einer Frage dazwischen tritt, fällt sie aus ihrem Konzepte, gerät in Verwirrung und widerspricht sich mit jedem Satze. Auch ein Toter tritt als Zeuge auf. Der P r i e st e r T i s o l i w, dessen angebliche Ermordung während der Prozession zur Anstachelung der verrohten Masse gegen die Juden diente, steht heute lebend und wohlerhalten vor Gericht und gibt folgendes an: Er habe bei der eingetretenen Panik sein Meßhcmd abgeworfen und sich in das Postgebäude geflüchtet. Das im blutigen Straßenkote gefundene Gewand gab Anlaß zum Gerüchte von seiner Ermordung durch die Juden. Auch ihm waren die fremden, unheimlichen Teilnehmer an der Prozession aufgefallen. Es treten noch einige bekannte Mitglieder und Agitatoren des „Rnss. Verbandes" auf. Sie sahen natürlich alle, wie die Juden Bomben warfen und Schüsse abfeuerten. Selbst aus dem jüdischen Krankenhause wären Schüsse gekommen. Einer dieser Zeugen Bigon sah einen Juden in langem Kaftan fortwährend aus einer Flinte schießen. Er konnte zwar den Knall nicht hören, dagegen sah er den Rauch ganz deutlich. Als darüber allgemeines Lachen, selbst auf der Richterbank, entsteht, wird der Zeuge sehr gereizt und schimpft ganz allgemein auf die Juden. Der Vorsitzende nimmt ihn gegen die Bemerkungen der Rechtsanwälte energisch in Schutz. Wassilew, früherer Redakteur eines Lokalblattes, weiß aus bestinnnten Quellen, daß die Witwe des ermordeten Herkatschew gegen eine Beteiligung der Juden am Begräbnis ihres Mannes nicht uur nichts einzuwenden hatte, sondern sich im Gegenteil eine solche als Ehre angerechnet hätte. Der Pristaw Scheremetiew habe aber dagegen protestiert und mit einem Pogrom gedroht. Der Zeuge sah auch, wie ein Polizist an der Spitze einer Bande eine Lndenthüre einbrach. Der Polizeibeamte Koslowki gibt an gesehen zu haben, wie Inden große Kasten, die voll mit Revolvern bepackt waren, trugen. Auf die Frage des Anwaltes, woher er wisse, daß die Kisten Revolver enthielten, antwortete er. „Was könnten die Judew sonst darin gehabt haben?" Der Geistliche Beressin sagt, die Schilderungen des Pogromms seien stark übertrieben. Die Plünderungen seien unbedeutend gewesen. Ermordet wurden höchstens 79 oder 80 Juden. (!) Dr. Heigorotski schildert nocheinmal ausführlich das bedrückende Gefühl, das sich der^ jüdischen Bevölkerung bemächtigte, als man ihre Teilnahme an der Beerdigung Herkatschews, die den reinsten aufrichtigsten Motiven entsprang, so brutal ablehnte. Er und der Rabbiner Dr. Mohliwer machten noch einige Versuche nach dieser Richtung. Doch der Pristaw Scheremetiew schrie sie an: Ich will euern Kranz nicht, auch wenn er der Witwe genehm sein sollte. Und wenn Ihr ihn dennoch niederleget, so werdet ihr es schon na.ch zwei Tagen alle bitter bereuen. Der Zeuge habe dann diese Aeußerung des Polizeioberften dem Rittmeister Geibojedow mitgeilt, ebenso dem General Bader. mden auftecht zu erhalten. Ebenso der Pristaw Bondartschuk. Doch muß letzterer, durch Anwalt Skariatin einem Kreuzvehör unterzogen, zugeben, daß man bei allen ermordeten, verwundeten und arretierten Juden zusammen nnr einen ein zigen Revolver gefunden hätte. . Nach Anhörung einiger Geistlichen, die nichts wesentliches hinzuzufügen wiffen, wird die Aussage des nicht erschienenen Gouverneurs aus Grodno, Kister, verlesen. Sie ist ganz im-Sinne der Anklageschrift gehalten und schiebt wie diese alle Schuld den Juden zu. Der jüdischen Deputation, die bei ihm mit Anklagen gegen die Polizei und mit dem Ansuchen um militärischen Schutzes erschien, konnte er keinen Glauben schenken. An den kritischen Tagen, da ihm von den Vorgängen in Bialystok telephonisch berichtet wurde, war er amtlich verhindert, sich dorthin zu begeben. Erst am 3. Juni begab er sich an Ort und Stelle und habe, da sich die Juden über das Militär beklagten, die Zurückziehung der Militärpatrouillen veranlaßt. Die Offiziere der Kasaner Division, die damals in Bialystok stationiert waren, werden vernommen und sagen aus, daß sie Befehl hatten, alle Häuser, die im mindesten sich verdächtig machten, zusammenzuschießen. Drei christliche Frauen, von denen es hieß, daß sie von Juden ermordet oder tätlich verwundet wurden, werden unter großer Spannung der Anwesenden verhört. Zwei wiffen nichts von Verwundungen, eine namens Minkowskaja wurde durch einen Schuß an der Hand und an der Brust verwundet. Man sagte ihr später, daß die Verwundung von einer jüdischen Bombe herrührte und daran hält sie heute noch fest. Mit der Bombe scheint es indes seine Richtigkeit zu haben. Nur liegt die sehr berechtigte Vermutung vor, daß die Zeugin selber diese geworfen und sich so die Verletzung zugezogen hat. Darauf weisen viele glanbwürdige Zeugen hin, die die Minkowskaja im Zuge mit einem Kästchen hantieren sahen, am meisten aber die Aerzte, die sie nach der Berwundung behandelten. Einem Kreuzverhör nach dieser Richtung seitens der Anwälte macht aber der Vorsitzende mit der Bemerkung ein Ende, es gehöre nicht zur Sache. Einen erschütternden Eindruck machen die Angaben der Berta Lapidas. Ihre beiden Brüder und ihre Schwester wurden vor ihren Augen ermordet, ihre meisten Verwandten sind ebenfalls dem Progrom zum Opfer gefallen. In der Erwartung eines Progromes hatte sich am kritischen Tage die ganze Familie in ihrem.Hause versammelt, das sich in der Nähe des Polizeiamres und der Reichsbank befand und daher als geschützt inlt. Gleich nach der Prozession kamen viele chriften in den Hof und auch in ihre Wohnung gelaufen, die sich vor einer angeblichen Bombe retten wollten, während von der Straße Schüffe ertönten. Als auch Soldaten in den Hof traten fühlten sich die Hausbewohner etwas sicherer. Ein junger Offizier forderte sie auf, aus dem Hause zu kommen. Ihr Bruder Aron, der sehr nervös war, geriet in unaussprechliche Erregung - und wurde, da er infolge derselben nicht gleich der Aufforderung links zu gehen, folgte, auf der Stelle getötet. Die anderen, die auf die Straße hinausgedrängt wurden, fielen den Hooligans in die Hände und wurden alle mtt Ausnahme der Zeugin ermordet. Die Zeugenvernehmung ist damit abgeschloffen. Ein Antrag des Rechtsanwalt Skariatin auf Jnaugen'cheinnahme der betroffenen Häuser und Plätze durch den Gerichtshof wurde nach kurzer Beratung abgelehnt. Ebenso der Antrag oeS Herrn Weißmann, den Bericht der Abgeordneten der ersten Duma, die nach dem Progrom eine Untersuchung an Ort und Stelle anstellten, zur Verlesung zu bringen. Am Abend begannen die Plaidohers. Der Staatsanwalt wiederholt im wesentlichen die Behauptungen der Anklageschrift die alle Schuld den Juden zuschieben. Die Verteidiger der Angeklagten knüpfen an die Rede des öffentlichen Anklägers an, noch mehr die, reine Unschuld ihrer KlienM betonend und be< antragten Freisprechung für alle Angeklagten. Die Verteidiger der Geschädigten können kaum zu Worte kommen, da sie bei jeder Wendung, die zur Feststellung des Tatbestandes dringlich notwendig ist, vom Präsidenten mit der Mahnung politische Entgleisungen zu vermeiden, unter- ' krochen wurden Nachdem sich der Gerichtshof zur kurzen Beratung zurückgezogen hatte wird das Urteil verkündet: 17 Angeklagte wurden freigesprochen, 12 zu je 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Nur e i n Angeklagter erhielt wegen wiederholten Mordes 3 Aahre Gefängnis. Galizien. Wadowice, 13. Juni. Vor dem hiesigen Schwurgericht wurde gestern nach zweitägiger Dauer eine Verhandlung zu Ende geführt, welche die Entführung eines jüdischen Mädchens, der 13 jährigen Balbine Gdlofinger, betraf. Die Vorgeschichte dieses Prozesses ist folgende. Der Schankwirt Goldfinger wunderte mit seiner Frau und drei Kindern aus Zembryce nach Amerika aus, nnd nur seine jüngste Tochter, Balbine Goldfinger, konnte wegen eines schwere» Augenleidens nicht nachfahren und blieb bei ihrer Tante Sala Leibner, die sie in das Krankenhaus in Wadowice brachte. Balbine Goldfinger beschloß nun, unter dem Einflüsse der Nonnen, die als Krankenwärterinnen fungierten, sich taufen zu lassen. Als ihre Tante sie im Juni vorigen Jahres aus dem Krankenhause abholen wollte, erfuhr sie, daß Balbine Goldfinger sich nicht mehr im Spitale befand, und erst weitere Nachforschungen ergaben, daß die Goldfinger, die sich in Wadowice viel an den gemeinsamen Gebeten beteiligt hatte, gemeinsam mit der Nonne Lasciak fortgefahren war. Irr Krakau war sie in das. Nazaretinerinnenklofter gebracht worden. Von dort ab fehlte jede Spur des Mädchens, und erst als eine Revision des Klosters angedroht wurde, kam zu Tage, daß Balbine Goldfinger sich erst in das Felicianerinnenkloster in Krakau, von da nach Beuten, später nach Wien begeben hatte, wo sie unter dem Namen Anna Haase bei dem Tischlermeister Johann Holuja in Dienst getreten war. Sie verblieb dort bis 22. November v. Js. und reiste dann wieder nach Krakau, wo sie dann vernommen wurde. Trotz dieses Vorfalles wurde sie in der Jesuitenanstalt in Bobrka untergebracht, verschwand aber auch von dort wieder am 15. Dezember. Bis heute ist es den Nachforschungen der Behörden noch nicht gelungen, ihren Aufenthalt zu eruieren. Alle Angeklagten stellten entschieden jedes Verschulden in Abrede. Sie hätten dem Mädchen, das behauptete, obdachlos zu sein, auf ihre Bitte Unterkunft gewährt. Der Vertreter der klagenden Familie wies auf die in letzter Zeit überhand nehmenden Fälle von derartigen Entführungen und dieNotwendigkeit, diesem unerhörten Unfug einmal von Gerichtswegen einen Riegel rorzuschieben. Die Verhandlung endete trotzdem mit der Freisprechung aller Angeklagten, da die Geschworenen die Schuldfragen auf Entführung einer Person unter 14 Jahren verneinten.