Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Religionsphilosophisches in 5. R. Hirsch’s Kommentar zum Pentateuch. Von Prof. Dr. Ellas Fink in Frankfurt a. M. Die folgenden Zeilen setzen sich zum Ziele, aus dem Hauptwerke des genialen Mannes, dessen hundertster Geburtstag in diesen Blättern gefeiert wird, die Grundlinien seiner Weltanschauung in gedrängter Kürze zusammen zu stellen. Für den modernen Juden, der auf dem Boden des altüberlieferten Glaubens seiner Väter steht, kann es nicht ohne Reiz sein zu sehen, wie ein ebenso gelehrter, wie fein gebildeter Jünger des talmudischen Judentums, der doch Samson Raphael Hirsch unbestritten gewesen ist, die vielfach umstrittene Harmonie zwischen Glauben und Wissen herzustellen verstanden hat. Eine liebevolle Vertiefung in das Studium des tröin-Kommentars von S. R. Hirsch zeigt aber nicht nur dies, sondern sie wirkt an sich auch fruchtbringend und wird den Leser selbst zu dem angedeuteten Ausgleich führen, in dem er im Strudel der von anderswo auf ihn eindringenden mannigfachen Lebensanschauungen den rocher de bronze finden wird, der ihm nimmer wankende Stütze gewährt und ihn mit dem stolzen Bewußtsein erfüllt, selbst den neuesten materialistischen Behauptungen gegenüber sieghaft bleiben zu können. Es wäre nicht zu schwer, an der Hand dieses iPoin-Kommentars ein vollständiges System der jüdischen Religionsphilosophie zu entwickeln, das uns eine in sich geschlossene Erkenntnistheorie ebenso gut böte, wie eine lückenlose Kosmogonie und eine wohlbegründete Ethik. Leider legt der hier zugemessene Raum uns große Beschränkung auf, in deren Folge wir auch auf jede Kritik verzichten müssen. Unsere Darstellung möchte daher nur mehr als einfache Sammlung von Lesefrüchten in der bezeichnten Richtung gelten. An die Spitze unserer Erörterung stellen wir die grundlegende Lehre von dem göttlichen Ursprung der mn und ihrem ewig unabänderlichen Charakter, denn dieses Prinzip bestimmt zugleich die Grenzen alles jüdischen Philosophierens, das niemals die Übereinstimmung mit der min einbüßen darf. Für die Göttlichkeit der min werden zahlreiche Beweisgründe angeführt, von denen wir wenigstens die wichtigsten hervorheben möchten. Obenan steht hier die Tatsache, daß wir Juden trotz unserer politischen Ohnmacht, nur mit der min in der Hand, einen so beispiellosen Gang durch die Zeiten haben vollbringen können. Der heftige Widerstand, den Moses’ Zeitgenossen dem Gesetz entgegenstellten, ist ein ebenso untrüglicher Beweis für die Wahrhaftigkeit und Göttlichkeit der heiligen Schrift wie die Verwirklichung des angekündigten Zerstreuungsschicksals. In welch fundamentalem Gegensätze das Volk ursprünglich zu dem Gesetze stand, beweist doch zur Genüge der eine Umstand, daß es nach bloß vierzigtägiger Abwesenheit ntro’s sich das goldene Kalb schuf; wie hätte da aus seiner eigenen Mitte als zeitgenössisches Produkt ein Gesetz hervorgehen sollen, in dem das Heidentum so tiefe Verabscheuung erfährt? Und von den Aegyptern konnte Moses auch nichts entlehnt haben, denn dann hätte er doch gewiß die Priesterkaste in ihren Einkünften nicht abhängig gemacht von dem guten Willen des Einzelnen, sondern ihr Grund und Boden, sowie festes Einkommen gewährt. Er hätte ferner die Beschädigung von Tempelgütern, für die die mm nicht einmal Ersatz vorschreibt, gewiß mit den höchsten Strafen belegt und wohl auch die Lehre von der Seelenwanderung und Erhaltung des Individuums durch Einbalsamieren herübergenommen, während doch nach jüdischer Anschauung gerade umgekehrt die Seele verharrt und der Körper wandert, indem er zum Staube zurückkehrt. Daß aber ntro aus sich selbst heraus unmöglich dem Volke Gesetze gegeben haben kann, erkennt man aus seinem | Kraftmangel und seiner beispiellosen Bescheidenheit, wie denn auch die erste staatliche Einrichtung des jüdischen Volkes und rwo’s Bitte um den Beistand seines Schwiegervaters beweisen, daß er eben doch nicht wie andere Gesetzgeber bloß ein schlauer Führer war, der eine aus den Bedürfnissen seiner Zeit hervorgegangene Gesetzgebung ins Werk setzte. Seine Verzweiflung an sich selbst und der anfängliche Zweifel des Volkes an seiner Sendung, die Tatsache, daß es später einen solchen Zug durch die Wüste unter seiner Führung mitgemacht hat, ja für die mm freudig in den Tod gegangen ist, dies alles kann nur aus der Erkenntnis geschehen sein, daß die mm unmittelbares Gotteswerk ist. Institutionen wie die des mir oder des Snv-Jahres wären als auf menschlicher Anordnung beruhend geradezu Verbrechen, wie es unsere Weisen mit den Worten ausdrücken: nrvo 2'm row *i. Moses wäre überhaupt s. v. v. ein großer Tor gewesen, wenn er ein Gesetz gegeben, von dem er sich selbst bewußt war, daß es auch nach Jahrhunderten noch nicht ins Volk gedrungen sein werde, und als dessen Garanten Himmel und Erde angerufen hätte. Als ruma, als Gottesschöpfung mitten in der Menschengeschichte aufgestellt, verliert die Sendung Moses’ alles Widersinnige. Sie ist als solche einzig in ihrer Art und kann mit nichts verglichen werden, was sonst unter den Völkern als Religion oder Gesetz entstanden ist. Aber auch über jede Art von Prophetie ist sie hoch erhaben, wie wir dies noch weiter unten sehen werden. Diese unsere göttliche mm hat nun aber keineswegs den Zweck im Auge, uns eine Metaphysik zu geben, um uns Gott erkennen zu lehren, vielmehr will sie uns bloß in der irdischen Welt orientieren und uns zeigen, wie wir diese und uns aus Gott verstehen können. Daher lehrt sie die Unsterblichkeit der Seele so wenig wie das Dasein Gottes mit ausdrücklichen Worten. Wohl aber zeigt sie uns — und das ist zugleich die Basis der ganzen Gesetzgebung am Sinai — Gott als den Lenker unserer Geschicke und den Leiter unserer Handlungen. In freier Unterordnung unter das Gottesgesetz sollen die Menschen den Charakter ihrer höheren Gattung verwirklichen, denn der große Zweck, den Gott mit der Schöpfung hat erreichen wollen, wird nur erzielt, wenn jeder das Gesetz erfüllt, das Gott ihm gegeben hat. Dieses Ziel der Schöpfung ist auch ein wesentlicher Punkt in der Aufstellung des jüdischen Gottesbegriffes. Er wird nämlich nicht erschöpft durch das Attribut des Erschaff ens der Welt und des in ihr nach unabänderlichen Gesetzen verlaufenden Geschehens, sondern Hauptmoment dieses Begriffes ist das AnN, worin die freie Herrschaft über die Gestaltung der Zukunft zum Ausdruck gelangt. Zu ihrer Verwirklichung hat Gott das persönliche, absolute, freie Wesen, den willensfreien Menschen als Mitarbeiter geschaffen. Dem jüdischen Gottesbegriffe gemäß ist Gott freier Herr über sein Werk, das ihm also niemals über den Kopf wachsen kann. Denkmal der Schöpfung ist daher nicht sowohl diese selbst, als vielmehr ihr Aufhören am mir. Er ist demnach ein Grundpfeiler unserer religiösen Anschauung und seine strenge Feier eines unserer wichtigsten Symbole. Dieser bedarf Gott, um den Menschen das von ihm geforderte Menschliche zu vergegenwärtigen, nicht aber um ihm etwas Göttliches zu demonstrieren, denn Gott anschauen sollen wir ausschließlich in seinen Werken, nicht in einem Bilde. Zum Bewußtsein der Gottesgegenwart sollen wir lediglich durch den Segen des irdischen Daseins gelangen, durch die ganze Gestaltung des inneren und äußeren Lebens, wie es angedeutet ist in den Worten: “prcmi rmn w n« vrm hpk oipon . Des' Menschen Sorge soll daher nicht die Gestaltung seines Geschickes sein, sondern nur die seiner Taten. Gott zu begreifen ist dem Menschen weder als Aufgabe gestellt noch überhaupt möglich. Die äußerste Grenze, die in dieser Hinsicht ein Mensch hat erreichen dürfen, und auch nur ein 28