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Der Israelit · 1908-06-04 · Heft 23 (4.6.1908) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 23 (4.6.1908)
Date
1908-06-04
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Tf '.'V.^N;■■ SK. 83. 4. Juni 1908. Der Israelit. Sette" 13. sinh, wohl aber wird dadurch verhindert, daß die beim Gebrauch sich ergebenden Mängel bei einer Neuauflage verbessert werden. Und doch wäre das genannte Werk größere Beachtung wert, denn es leistet jedem Lehrer,, der nnw-Unterricht zu erteilen hat, wertvolle Dienste. Lederer nennt es ein Lehrbuch zum Selbstunterricht und dieser Titel mag zum Teil den geringen buchhändlerischen Erfolg verursacht haben, aber in der Hand des Lehrers erfülltes seinen Zweck, und Lederer verspricht nicht zu viel, wenn er in der Einleitung sagt: „Auf diese Weise das ganze erste Heft (es sind deren drei) mit seinen 26 Nummern durchgenommen, liefert es dem Lernenden einen ziemlichen Einblick in die Technik, die Sprache, die Dialektik und den Geist des Talmuds, welcher nach und nach aufhört, für ihn ein mit sieben Siegeln versiegeltes Buch zu sein und er ist schon jetzt im Stande, ein leichteres Stück im Talmud ohne viel Schwierigkeit zu lesen, nach mehrmaligem Lesen inhaltlich zu begreifen und sich dabei des Kommentars Raschi zu bedienen." In der Einleitung gibt der Verfasser einen Auszug aus dem "TiD7nn too des Samuel Hanagid, der den Schüler rasch orientiert. Wir würden nicht mit so großem Flachdruck auf diese 'und ähnliche Hilfsmittel Hinweisen, wenn es sich nicht um künftige Lehrer handelte, die ja ^^3 min sein sollen und darum mit allen Waffen ausgerüstet werden müssen, die geeignet sind, die Schwierigkeiten des „Lernens" zu beseitigen. So unjüdisch aud; der Geist war, der die russischen ü'b'DWß in ihrer großen Mehrheit beseelte, der Eifer mit dem sie an der Verbesserung der Methode des Hebräischen gearbeitet hab?n, verdient alle Anerkennung. Die von unfern osteuropäischen Glaubensgenossen im Schulwesen gemachten Erfahrungen, ihre Methode und ihre Lehrbücher sind schon zu lange von uns vornehm ignoriert worden. Es ist Zeit, daß wir sie unseren Verhältnissen anpassen und sie uns zu Nutze machen. Besonders aber ist zu verlangen, daß in unseren Lehrerbildungs- Anstalten alle Neuerscheinungen auf diesem Gebiete sorgsam geprüft und auf ihre Verwendbarkeit hin erprobt werden. Die Methode hat schon Wunder gewirkt, warum sollte sie es nicht auch ermöglichen, das in der Religionsschule zu lehren, was wir jetzt in so bescheidener Weise von den zum Examen antretenden Lehrern verlangen? Ein persönliches Erlebnis mag veranschaulichen, was wir erhoffen. Ein gerade im Staatsexamen stehender Lehrer besuchte vor ca. 35 Jahren das Seminar, dem er seine Ausbildung verdankte. Auf unsere Frage nach der Art der mathematischen Aufgaben erwiderte er, sie seien sehr schwer gewesenes sei sogar die Zahl 3,14 darin vorgekommen. Ein anderer christlicher Kollege bekannte freimütig, das Ausziehen der Quadratwurzel habe er nie begriffen - heute gehört dies Operation zum Pensum der oberen Klaffe einer Volksschule. Dabei ist die Zahl der für Mathematik angesetzten Unterrichtsstunden nicht vermehrt worden. Vor einigen Jahren kam Schreiber dieses im Gespräch mit einem jungen Kollegen, der schon mehrere Trauungen vollzogen hatte, zu der Gewißheit, der junge Prediger aus Norddeutschland habe keine Ahnung davon, daß ein pD keine nama heiraten dürfe. Sollte es ganz ausgeschlüffen sein, daß-in 30 Jahren ein Volksschüler darüber entrüstet ist, wenn man die Kenntnis dieses biblischen Verbots nicht bei ihm voraussetzt? Wir sind hoffnungsfreudig genug, dies und noch manches andere von einer neuen Generation von Lehrer zu erwarten, die in den Lehrerbildungsanstalten nicht nur mit einem reichen jüdischen Wissen, sondern auch mit der Fähigkeit ausgestattet worden sind, das Erlernte zu lehren. Und wenn ein um die Zukunft des jüdischen Volkes Besorgter uns wieder fragt: „Wo bleibt der Talmud?" so wollen wir ihm antworten: „Er ist im Begr.ff, sich die Religionsschule zu erobern, denn ein neues Geschlecht ist herangewachsen, das die alten Schwierigkeiten nicht kennt." Piutint als Unterrichtsstoff. „Ihrem wesentlichen Inhalte nach ist die ganze jüdische Literatur von einem Geiste durch drungen, denn die Religion, diese ist der Gegenstand, den fast alle Bücher der jüdischen Litera tur, je nach ihren verschiedenen. Seiten und Richtungen behandeln. Insofern aber entweder lehrend der denkende Geist oder erbauend das fühlende Herz sich ausspricht, ist die Literatur entweder eine rein wissenschaftliche oder eine poetische, welche beide auch zuweilen vereinigt und miteinander verbunden sind. Außerdem unterscheidet sich aber die wissenschaftliche und die poetische Literatur größtenteils auch durch ihre äußere Form, im Gebrauche der Wörter zur Bezeichnung der Begriffe und in der Aufeinanderfolge der Wörter nach einem bestimmten Silben-(Bers-)Maße, in dem Reime der Endsilben zweier oder mehrerer Verse, auch durch eine bestimmte Reihenfolge der Anfangsbuchstaben eines jeden Verses. Diese Literatur nun, die poetische, ist die am meisten, selbst sogar von Juden, vernachlässigte.".„Dennoch vermag niemand zu leugnen, daß das jüdische Volk das denkwürdigste aller Völker ist, daß seine Geschichte und Literatur vorzüglichste Beachtung verdient." So äußerte sich Franz Delitzsch in seinem Werke: „Zur Geschichte der jüdischen Poesie" vor ungefähr 70 Jahren. Mehr denn 2 Menschenalter sind seitdem vergangen; die Hochflut der Reform ist vorübergerauscht und hat an vielen, vielen Orten die alten Gebetsordnungen beseitigt; an zahlreichen Orten geht man an den Festtagen zur sog. nöDt^nJ, wobei die Piutim nicht gesagt werden und man kann ohne Uebertreibung behaupten, daß die Kenntnis wenigstens von diesem Teile der jüdischen Poesie seit jener Zeit sich noch wesentlich gemindert hat. Auf dem flachen Lande, besonders in Süddeutschland, da hält man ja noch draußen in den Dörfern, am alten, synagogalen Ritus säst ängstlich fest, da will man kein Wörtlein von den Gebeten der Väter aufgeben, aber auch hier ist es kein bewußtes Wollen, das sich auf Kenntnis von Ursprung, Inhalt, Wesen der Piutim gründet, sondern mehr ein unbewußt pietätvolles Nachahmen des altehrwürdigen Väterbrauches; ist doch mit dem Medergange jüdischen Wissens im allgemeinen auch die Fähigkeit geschwunden, den nicht immer einfachen, mitunter sogar recht schwierigen jüdischen und aramäischen Worten und Redewendungen zu folgen, ja selbst das bloße Lesen dürfte nicht immer vor dem Richterstuhle der Kritik zu bestehen vermögen. Wohl jeder Lehrer und Vorbeter ist in der Lage mit diesbezgl. Erfahrungen dienen zu können. Dabei genügt ein einfaches „Uebersetzenkönnen" lange nicht, um ein Verständnis der Piutim zu erzielen. Diese enthalten so oft Zitate aus der Bibel, Anlehnungen an Midrasch- und Talnmdstellen, setzen so vielfach ziemliche Vertrautheit mit den jüdischen Volksbräuchen und zuweilen auch mit schwierigen halachischen Gebieten voraus, basieren mitunter auf Ereignissen aus der jüdischen Geschichte, haben hie und da kabbalistische Anschauungen zum Vorwurf, daß es schon ziemlicher Schulung bedarf, sich durchzuarbeiten. Wohl fehlt es nicht an Uebersetzungen, aber es sind eben nur Uebersetzungen, als solche Surrogate, die der Jugendfrische und der urwüchsigen Kraft des Originals entbehren. Tie Gefahr liegt nahe, daß in der Heranwachsenden Generation der Sinn für Pietät nicht Mehr stark fienug sein könnte, die Piutim im Gottesdienst estzuhalten. Das „Nichtverstandenwerden" einereits, die schnellere „Erledigung" des Gottesdienstes anderseits sind für den, der Gründe sucht, Grund genug. Die Ausmerzung der Piutim aus dem Gottesdienste und damit gleichsam aus dem Volksleben bedeutet aber,, ganz abgesehen von der religiösen Seite, einen sehr schweren Rückgang in diesem Volksleben, namentlich was geschichtliches und poetisches Gebiet betrifft. Es muß darum darauf hingearbeitet werden, nicht nur die fynagogale Grefte der Piutim im Volke zu erhalten, sie vielmehr lebendig wirksam zu gestalten, indem eine größere Vertrautheit mit diesen Perlen jüdischen Denkens und Empfindens angestrebt wird uitd da ist wieder — wie auf so vielen anderen Gebieten — der jüdische Lehrer die berufenste Persönlichkeit, die iit Tätigkeit zu treten hat, umsomehr als der Lehrer in den meisten Fällen ja auch zugleich Vorbeter ist, die Piutim also iir sein eigenstes Gebiet einschlagen. Ich halte es allerdings für ausgeschlossen, daß die Piutim Uebersetzungsstoff der Bolks- Religionsschule werden könnten. Hat doch mancher Lehrer seine liebe Not, auch nur Tefilloh und Chumesch durchzuarbeiten, aber der jüdische Lehrer ist ja in seiner Gemeinde auch nicht Lehrer der Kinder allein. Auch auf die Erwachsenen hat er einzuwirken und gerade da bilden die Piutium ein reiches Feld der Stofflieferung für Schiurim, Vorträge, Lernabende u. dgl. Auch die reifere, schulentwachsene Jugend bringt dem Gegenstände, wenn er recht behandelt wird, reges Interesse entgegen. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, daß in einer Gemeinde, in der ich früher wirkte, sogar die jungen Damen mich baten, mit ihnen derartige Lernstunden einzurichten, da durch meine Schiurim mit Dew jungen Herren das Interesse geweckt worder war; ich hatte damals die Piutim des Neujahrsfestes besprochen. Voraussetzung ist natürlich, daß der Leh rer selbst Lust und Liebe zur Sache habe und den Stoff beherrsche. Ist aber der Stoff gleich wichtig und schwierig, so ergibt sich als notwendige Folgerung, daß schon, arn Seminare auf die Behandlung und Durcharbeitung von Piutim Gewicht zu legen ist. So wenig ich es für möglich halte, ganz "j"3n durchzuarbeiten, — übersetzen ist nicht durcharbeiten*) — so wenig geht es mit der Gesamtheit des Piutim, ist aber auch nicht nötig; der eigenen Weiterbildung muß Stoff und Raum bleiben. Wie ich mit den Unterricht in Piutim am Seminar denke, darüber s. G. w. in einem späteren Auffätzchen. — A. -r ' Korrespondenzen n. Nachrichten. München, 27. Mai. Der Berwalttmgsgerichtshof hat betr. einen Anstellungsvertrag der Stadtgemeinde Nürnberg, den dieselbe mit ihren Bediensteten geschlossen hatte, eine höchst wichtige Entscheidung zu Gunsten der letzteren getroffen, die im Prinzip für die auf Grund von Verträgen angestellten jüdischen Lehrer von gleichem Werte sein dürfte. Der Stadtmagistrat der alten Noris hatte in jene Vereinbarungen die Klausel gesetzt, daß den Kontrahenten jederzeit das Recht gegenseitiger Kündigung eingeräumt und in diesem Falle keinerlei Ansprüche mehr erhoben werden können. Von diesem Rechte machte der Magistrat auf Grund des Vertrages Gebrauch und entließ jüngstens 2 Schutzleute, weil sie nachgewiesenermaßen bereits dienstunfähig waren. Die Schutzleute verlangten aber eine Pension als Mitglieder der städtischen Pensionskasse, was der Stadtmagistrat nach jener klaren Bestimmung verweigerte. Die hiergegen eingelegte Beschwerde fiel jedoch beim Verwaltungsgerichtshofe zu Gunsten der Schutzleute aus, und wurden ihnen 7/io ihres Gehaltes als Pensionsversorgung zuaebilligt, die der Stadtmagistrat Nürnberg als Dienstgeber zu entrichten hat und besonders dabei hervorgehoben, daß die erwähnte Vertragsklausel gegen die guten Sitten verstoße und infolge dessen rechtsungiltig sei. Nach dem Satze: Gleiches Gesetz und Recht für alle Untertanen, dürsten auch die nach analogen Vertragsklauseln geknebelten jüdischen Religionslehrer in erster Linie Berücksichtigung finden, wenn derartige Fälle, die nicht zu den Seltenheiten gehören, vor den Verwaltungsgerichtshof komme. *) Unfern abweichenden StarÄPunlt haben wir erst jüngst dargelegt. Die Red.

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