Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1908)
- Date
- 1908-04-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449317--64450-2507041- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
?: I Crzid^ung and Deljre PiJ^ogi<cl)«Beil Zur cedrerbilSuugrttage. Die beiden Artikel des Herrn Rabbiner Dr. Bleichrode-Berlin haben ihren Zweck erfüllt. Es ist ihm gelungen, die von verschiedenen Seiten gegen die Bereinigung jüdischer Religionslehrer Berlins erhobenen Borwürfe als unbegründet zurückzuweisendennoch glauben wir, daß sich noch lebhafte Auseinandersetzungen daran knüpfen werden, und wir wollen schon heute einen Punkt vorweg nehmen. Herr Dr. Bleichrode hat nämlich den Vorwurf daß die Berliner Prüfungsordnung zu geringe Ansprüche an die Examinanden stelle, höchst wirksam durch den Nachweis widerlegt, daß die der Lehrerseminare auch nicht wesentlich darüber hinausgehen. Damit hat er aber den Finger auf eine offene Wunde gelegt und uns g^ergt, wie bescheiden wir in den Anforderungen an die Ausbildung unserer Lehrer in den jüdischen Religionsfächern geworden sind, besonders soweit die hebräischen Disziplinen in Betracht kommen. Nun ist diese Frage aber höchst aktuell. Seit ca. 3 Fahren haben wir eine wahre Sündslut von Referaten nnd Leitartikeln über die Notwendigkeit der Umgestaltung der Methode des hebräischen Unterrichts'in der Religionsschule über uns ergehen laffen müssen und auch in „Erziehung und Lehre" hat Herr Seminaroberlehrer Stoll- Würzburg das Wort zu dieser Frage ergriffen. Aber eines haben alle Referenten vergessen: es ist unseres Wissens keinem von ihnen eingefallen, die Forderung aufzustellen, daß vor allem das hebräische Hissen des Lehrers vermehrt und daß damit schon in der Praparandenschule begonnen werden müsse. Und doch lag sie so nahe. Als die Reformbestrebungen im fremdsprachlichen Unterricht einsetzten, da trat man sofort dafür ein, daß vor allem das sprachliche Können der Lehrer eine Bereicherung erfahre und man verlangte von den angehenden Neuphilologen einen längeren Aufenthalt im Auslanddurch Gewährung von Neisestipendien ermöglichte man es auch den älteren Lehrern, ihre sprachlichen Kenntnisse zu vervollkommnen und zu ergänzen. Die beste Methode, so sagte man sich, wird wertlos sein bei mangelhaftem Können seitens des Lehres. Der Erfolg hat dieser Erwägung recht gegeben. Wem aber der Hinweis auf ein dem unsrigen so nah verwandtes Gebiet nicht genügt, den verweisen wir auf die Geschichte der Volksschule aus dem abgelaufenen Jahrhundert. Am Anfang desselben sah der Lehrer diejenigen Schüler, die geläufig lesen und schreiben und ein wenig rechnen konnten, schon als angehende Gelehrte an, denn viel mehr konnte er ja in manchen Gegenden auch nicht. Bald aber wurde es bei den Lehrern zum Axiom, daß je höher ihr Wissen, ihr ganzes geistiges Niveau, desto höher auch die Leistungen in der Schule und durch unablässigen Kampf für diese ihre Ueberzeugung haben sie es dahin gebracht, daß die deutschen Seminarien mustergültig geworden sind und daß alle maßgebenden Faktoren jene Anschauung teilen. Die preußischen Regulative würden heute auch bei den reaktionärsten Politikern kaum mehr einen Verteidiger finden, und die Tatsache, daß der Seminarist vor ca. 50 Jahren sein ganzes Wissen aus einem mäßig dicken Leitfaden schöpfte, scheint der jetzigen Generation kaum glaublich. In verhältnismäßig kurzer Zeit sind die Leistungen der Lehrerbildungsanstalten und damit auch die der Volksschule ganz bedeutend in die Höhe gegangen, sodaß ein Präparand heute mehr wissen muß als ein Lehrer vor 30 Jahren. Ueberall also, wohin wir blicken, ein Aufschwung, ein Vorwärtsdrängen, ein gewaltiger Fortschritt und nur bei uns ein Stillstand, oder richtiger gesagt, ein Rückschritt auf einem Gebiete, das unser Lebensebement ist. Bei unseren christlichen Kollegen heißt es stets: Es muß Raum geschafft werden für die neuen Erfordernisse, bei uns beruft man sich auf die Ungunst der Zeltverhältnisse, auf die Vermehrung des profanen Lehrstoffs, auf das drohende Veto der Regierung usw., als ob nicht auch hier das Wort seine Geltung hätte: Where is a will, there is a way. Bekanntlich lehnten es die Lehrer von drei jüdischen Seminarien vor mehreren Jahren kategorisch ab, in eine Erörterung über die Vermehrung des Lehrstoffs in den jüdischen Disziplinen einzutreten und Herr Seminarlehrer Gut-Cöln sah sich infolgedessen gezwungen, aus der Kommission für Lehrerbildung auszutreten. So bxwegen wir uns in einem falschen Zirkel. Die Leistungen der jüdischen Lehrerbildungsanstalten gehen in den Religionsfächern zurück, weil die Zöglinge bei ihrer Aufnahme in die Präparandenschulen mangelhafte Kenntnisse aus der Religionsschule mitbringen und die der Religionsschule werden immer geringer, weil wir immer bescheidener werden in unseren Ansprüchen an das jüdische Wissen der angehenden Lehrer. Wir unterschätzen keineswegs all die ungünstigen Faktoren, die den Erfolg des Religionsunterrichts beeinträchtigen, aber die ungeeignete Methode trägt nicht die Hauptschuld an dem Krebsgang. Alle Bemühungen, eine geistbildende, die Selbsttätigkeit der Schüler anregende Methode zu finden, sind selbstverständlich mit Freuden zu begrüßen und schon die Debatten darüber wirken klärend und sind nutzbringend, aber man hüte sich auch vor der Ueberschätzung dieser an und für sich löblichen Bestrebungen. Und nicht unten, bei der Religionsschule müssen die Reformversuche einsetzen, sondern in den Lehrerbildungsanstalten. Dort liegt noch ein ganz großes Feld brach, wo eine neue, bessere Methode vielleicht Wunder wirken könnte: bei densogen< rabbinischen Fächern. Hier muß ein Weg gesuchtwerden, um eine Erhöhung der Lehrziele mit Erfolg durchführen zu können. Ueber das Wie nächstens ausführlich. nsgn Korrespondenzen u. Hacbricbten. Nürnberg. Nachdem der hiesige Fortbildungskurs bereits das zweite Jahr seines Bestehens zurückgelegt und den Beweis für seine Daseinsberechtigung erbracht hat, gilt es, vor dem Forum der Oeffentlichkeit Rechenschaft abzulegen über das, was in der abgelaufenen Arbeitsepoche geleistet wurde. Die Zusammenkünfte fanden mit Ausnahme der Hauptferien in dreiwöchentlichen Zwischenräumen im hiesigen tr^cn n'3 (Essenweinerstraße) regelmäßig statt. Dazu fanden sich nicht nur Kollegen aus Nürnberg, Fürth und der nächsten Umgebung, sondern auch aus ferngelegenen Orten ein, was besondere Anerkennung verdient. Es wurden im ganzen 16 Blatt tnea — nnw rooe — und in natftt Traktat moy und einige Abschnitte aus rviairo, sowie einige für das Lehramt wichtige Kapitel aus dem ntrn durchgenommen. Die Fortbildung erstreckte sich auch auf das matn, und Herr Oberkantor Neufels stellte seine Kraft in uneigennütziger Weise in den Dienst der guten Sache. Auch schriftliche Referate, teils wissenschaftlichen,teils methodischenJnhalts,wurdenseitenK der Herren Rabbiner Dr. Weinberg, Dr. Bamberger, des Herrn Kollegen Stern-Straubing u. a. m. erstattet. Der Nürnberger Fortbildungskurs übte auch das Recht der Gastfteundschaft gegenüber den Nachbarkonferenzen in Fürth, Ansbach und Neustadt a. d. Aisch aus und es fand eine schöne und erhebende Tagung statt, auf welcher wichtige interne Angelegenheiten beraten wurden. Herr stad. Ehrmann aus München, den wir jüngst als Gast in unserer Mitte zu sehen das Vergnügen hatten, sprach in recht wirksamer Weise über die Bestrebungen d«r „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums". Es bedarf wohl keiner besonderen Hervorhebung, daß auch über Standesangelegenheiten recht ausführliche Erörterungen stattfanden. So herrschte reges, pulsierendes Leben in unserem Kreise und der Eifer für die gemeinsame Fortbildung hat nicht nur keine Abschwächung erfahren, sondern ist in ständigemWachsen begriffen. Zu dem günstigen Erfolg trägt nicht wenig die umsichtige Leitung des Kurses durch. Herrn Distriktsrabbiner Dr. Weinberg-Sulzbürg bei, der sich auch die Beschaffung der materiellen Mittel angelegen sein läßt. Sowohl der bayerische Landesverein, als auch der „Bund g. j. Lehrer"