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Der Israelit · 1908-04-02 · Heft 14 (2.4.1908) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 14 (2.4.1908)
Date
1908-04-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1 ar EA-ft. Geistige Strömungen der Gegenwart in ibrer Beziehung zum Judentum. Nietzsche. (Schluß). In keinem Punkt ist Nietzsche so leicht falsch zu verstehen und auch in der Tat falsch verstanden worden wie inbezug auf seinen „Jmmoralismus". Keinem Denker ist vielleicht das Problem des undefinierbaren „du sollst — du sollst nicht" in des Menschen eigener Brust so schwer gefalleit, keinem wurde die Frage nach der inneren Begründung unserer Handlungen, nach dem Recht, die eine „gut", die andere „schlecht" zu nennen, so sehr zur Frage aller Fragen, zur eigentlichen, einzigen Ausgabe des Denkens, wie gerade Nietzsche. Und wenn wir — rein äußerlich betrachtet — von unserer jüdischen Warte aus die Geschichte menschlichen Denkens überschauen, so dürften wir gerade in Nietzsches „Umwertung der Werte" einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Annäherung an das Fundament unserer jüdischen Wahrheit erblicken. Hundert Jahre vor Nietzsche wurde der grandioseste Bau einer Ethik ohneOffenbarung rein aus dem Menscheninneren heraus versucht. Kants „Kritik der praktischen Vernunft" stellt den am wenigsten mißlungenen Versuch dar, dem Menschen eine Maxime des Handelns zu geben, die der Mensch aus sich selber heraus schöpft. Und hundert Jahre später wurde dieses Gebäude des „Alleszermalmers" selber zermalmet durch — Nietzsche. Auch Nietzsche, ausgehend von der rein menschlichen Vernunft, stellte Maximen des Handelns aus, die aber der Kantischen entgegensetzt waren und also wiederum das große Fragezeichen hinschrieben, daß Kant beantwortet zu haben vermeinte. Soviel über das Verneinen der üblichen Moral bei Nietzsche. Aber er will die Moral nicht bloß verneinen, er will fie überbieten durch eine höhere Lebensordnung. Er verdammt an der bisherigenMoral nur das LebenSchwächende, das Verflachende, das dem Leben seine Werte Raubende. Seine Frage ist: wie muß, wie müßte eine Moral beschaffen sein, die zum Leben so, wie es ist, „Ja" sagt, und da schuf er dann jene Moral, die über die bisherige hinaufweisen will. (Die sprichwörtlich gewordene „blonde Bestie" war ihm keineswegs Vorbild des Menschen, sondern nur ein prähistorisches, prämoralisches Symbol ungebrochener Naturkraft.) Das Wesen seiner Moral, abgesehen von ihren einzelnen Betätigungen, drückt er aber selbst so aus: „Du sollst gehorchen irgend wem und auf lange, sonst gehst du zu Grunde und verlierst die letzte Achtung vor dir selbst!" Der Fehler Nietzsches war nun der, daß er, spottend des Begriffes der historischen Entwicklung, neu das Ideal schaffen wollte, das anzustreben Inhalt der Moral sein müffe, als den „großen zündenden Gedanken" des „ttebermenschen". Für uns kommt in erster Linie der durch Nietzsche demonstrierte Schiffbruch der philosophischen Begründung einer autonomen Moral in Betracht. Und ferner : Unsere jüdische Moral steht derart auf dem Boden des Lebens, daß man sie wohl dahin charakterisieren kann, daß sie in ihrer Gesamtheit eine Beherrschung des Lebens im Sinne einer Veredlung, einer Vergeistigung desselben darstellt. Das Judentum lehrt uns das Leben lieben, ja zeigt uns die einzig mögliche Art das Leben lieben zu lernen, indem es schon das irdische flüchtige Sein mit himmlischen, ewigen Blumen schmückt. Aber unsere Lebensmoral wurzelt auf historischem Boden, gegeben von dem Schöpfer des Lebens, der, seiner Wesenseinheit parallel, durch sein Gesetz uns die Lebenseinheit gab. — irpinn ycw oSiy "ni- Wir haben in den vorstehenden Versuchen das Bestreben gehabt zu zeigen, daß auch für uns Wertvolles aus dem Geistesleben der Gegenwart zu schöpfen ist. Nur andeutungsweise konnten wir an dieser Stelle den Gedanken im Einzelnen ausführen. Wir haben hier nur ein Denkerpaar behandelt — Fechner und Lotze —, dem wir in gar vielem zu folgen vermögen und das als wirksames Gegengewicht gegen monistische Bestrebungen angesehen werden darf — und ein zweites Denkerpaar, von dem wir glaubten durch ruhiges Betrachten einen Teil des Vorurteils bannen zu können, mit dem unsere Gesinnungsgenossen es des öfteren ansehen. Ein großer Teil der Ausführung unseres Grundgedankens muß einem anderen Rahmen Vorbehalten bleiben — wir erinnern an die Neukantianer und last not least an einen unser tiefsten, zukunftsreichsten Denker: Eucken*) —. Es werden unserer min gegensätzlich scheinende Richtungen im Kampfe der Geister noch manche gegangen werden, aber auch dieses „Ausleben" aller Geistesrichtungen — bz N2 *i"2 niötwn — ist Vorbereitung — ihre Trümmer sind das Fundament jener Zeit, da alle geistigen Strömungen sich zu gemeinsamem Höheziel geeint haben, wie einst symbolisch in unserem teiligtum der Lichtträger es kündete?) und der eher vom Sproß aus Jischais Wurzelstamm es aussprach: nonn nn 'n nn riy nroi .'n nxvi nyi nn .111221 nxy nn n:m __ 8. E. *) Sein Werk „Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt", 2. Aufl. 1907, Bett u. Co. Leipzig, möchten wir angelegentlichst empkehlen. Eine überrasi ende Kongruenz mit unserer Lebensauffassung findet fich darin vor. *) Hirsch, Ges. Schriften 3 Bd. S. 427-447. iZJ fr. m Hscherscha«. zvnnb n"i"x iddd w pin i"n"x *>D2n ibd nwnö vn '2vn D'O'nn ni2üo noi2i nr6m ^12 1fctf?D IX 12W D'»3ÖT«D1 IJJDNTxVd DnOD '•12PI01 plDDi:xii rmoxn mbnp vbv2 annuo aipo : M1V^X2 n*?p •Vterva 2V1' DVppn?8pin' nxD Deutscher Titel: (S. Duckesz, Chachme AHW. Biographien und Grabsteintnschristen der Dajanim, Autoren und der sonstigen hervorragenden Männer der drei Gemeinden, Altona, Hamburg, Wandsbeck. Ins deutsche übertragen von Salomon Goldschmidt. A. Goldschmidt, Verlag. Hamburg 1908. 4 und 154 und 55 S. 8". Der gelehrte Verfasser, der im Jahre 1903 den ersten Teil dieses Werkes unter dem Titel 2V1I2^> MX veröffentlichte, läßt nun den 2. Teil unter obigem Titel folgen. Mit Hilfe der Grabsteintnschristen, Memorbücher, Protokolle und Archive in den Dreigemeinden bietet der Verfasser 145 Biographieen der Rabbinatsaffefforen und sonstiger hervorragender Männer in lichtvoller Darstellung und entsprechender Ausführung. Der sichtbare Fleiß, den der Berfaffer aufwandte, um sich in die Lebensanschauung und die äußere Lebensgestaltung der von ihm geschilderten Persönlichkeiten zu versenken, ist ebenso anerkennenswert, wie die Liebe zu seiner mühevollen Arbeit, und das Bestreben, dem H stor.ker wertvolle Beiträge zur Geschichte jüdischer Gelehrten zu liefern. Unter diesen erwähne ich beispielsweise die Biographieen vor: Chajim Hameln (Nr. 8), Samuel Orgilas, Berf. des Tön rfrljn t12V n^iy (Nr. 13), Samson C ofid Bloch, Berf. des DHgrtn niDDin (Nr. 33), Mordechai Hena, Berf. des '211V 1VXV (Ar. 49), Jakob Emden (p"2p' Nr. 55), Prof. Gumpel Schnapper (Nr. 77), Dr. Ludwig Steinheim (Nr. 120) u. a. m. Ein hervorragendes Verdienst des Vers, erblicke ich in seinem B streben, den bekannten und vielbesprochenen Etbeschütz—Emden Streit in einer andern Beleuchtung erscheinen zu lassen, als dieses in jenen Kreisen zur Gewohnheit geworden ist, die an der Hand historischer Dokumente und mit Zuhilfenahme gedruckter und ungedruckter Quellenschriften den hochberühmten R. Jonatan Eibeschütz zu einem Krypto-Sabbattaner stempeln wollen. Sind wir Männer der Jetztzeit nicht stümperhafte Pygmäen gegenüber jenm Heroen talmudischer Wissenschaft, gegenüber einem R. Jonatan Eibeschütz und einem R. Jakob Emden? Und wir sollten uns ein Urteil darüber anmaßen, wer von beiden im Rechte war? Allein wenn wir schon den „Amulettenstreit" berühren, wenn wir schon in eine Detailfchtlderi ng uns einlassen, dann dürfen wir schon a s Gerechtigkeitsgefühl nicht in den Fehler verfallen, nur die R. Jonatan bela 'enden Momente ins Treffen zu führen: dann ist es eine Forderung der Billigkeit und wie soll ich sagen — deS literarischen Anstandes, auch in die Charakteristik der treibenden und schiebenden dunklen Gestalten einzutreten, denen eine Hauptrolle in dieser traurigen Angelegenheit zufiel. Man lese 2V1vb ,11X p- 41; man lese 1".1X D2.1 Nr. 48 und 55 und man — urteile. — - Indem ich dem lehrreichen Buche viele Verständnis

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