Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1908)
- Date
- 1908-04-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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2. April 1908. Der JSraelit. Ro. 14. Seite 9 irgendeinen Gegenstand verkauft, ausgestellt oder zu Verkaufszwecken angeboten hat, 2. ) daß sie zum Zwecke des Gewerbebetriebs an demjenigen Sonntag, an dem die Uebertretung stattgefunden haben soll, kein anderes Personal als solches jüdischer Konfession beschäftigt hat, 3. ) daß die Nebertretung, welche verfolgt werden soll, nicht nach 3 Uhr nachmittags am Sonntag stattgefunden hat. Inzwischen hat sich eine der guten Sache jedenfalls höchst schädliche Meinungverschiedenheit in Bezug auf die von jüdischer Seite zu befolgende Taktik allmählich zu großer Schärfe herausgebildet. Während Lord S w a y t h l i n g „ wie man sieht, in Uebereinstimurung mit dem Standpunkte des Board of Deputies sich nicht gegen eine Erweiterung der Sonntagsruhe wendet, sondern nur eine den besonderen Verhältnissen der Juden entsprechende erleichternde Bestimmung für diese wünscht, kämpft die zum allergrößten Teile aus Juden bestehende Union der Kleinhändler und Straßenverkäufer mit erbitterter Energie gegen die Sonntagsruhe überhaupt. Sie beruft sich für ihre Stellungnahme darauf, daß in ihren Reihen auch eine Anzahl christlicher Interessenten sich befinden, die es als einen Verrat betrachten würden, wenn die Juden unter Anerkennung des Sonntagsruheprinzips nur ihr eigenes Schäfchen ins Trockne bringen wollten. Die Union befürchtet, daß im Falle der Annahme des Lord Swaythling'schen Vorschlages allmählich doch Mißhelligkeiten entstehen, der Brodneid der nichtjüdischen Händler wachgerufen und auf diese Weise die mühsam erlangte Ausnahmebestimmung wieder gefährdet werden könnten. Auch aus diesen taktischen Gründen möchte sie eine Bekämpfung der Sonntagsruhe überhaupt. Erscheint der Standpunkt der Union auch menschlich verständlich, so ist doch lebhaft zu wünschen, daß die Politik der offiziellen jüdischen Kreise den Sieg davon trägt. Man hat niemals gehört, daß die in der englischen Fabrikakte bereits vorhandene Bestimmung zu Gunsten der den Sabbath beobachtenden jüdischen Fabrikanten zu Reibungen u.id Schwierigkeiten geführt hätte oder daß ihre Aufhebung beantragt worden wäre. Dagegen kann es nicht nur in prakttsch-politischer Beziehung, sondern auch vom religiösen Standpunkte aus als eine Errungenschaft von höchster Bedeutung angesehen werden, wenn es gelingt, durch eine gesetzliche Anerkennung des jüdischen Sabbaths stärkend und ermutigend auf die Schwachen und Schwankenden in unserer eigenen Mitte zu wirken. Endlich ist die Haltung der Kleinhändler-Union, selbst wenn man ihre eigenen Absichten in Erväguna zieht, taktisch ganz verkehrtdenn durch den Verdacht, daß es vorwiegend jüdische Interessen seien, die die Union zu ihrem Kampfe gegen die Sonntagsruhe überhaupt bestimmen, wird die'Durchschlagskraft dieser Bewegung in den Augen der Gesamtheit nicht gefördert, sondern wesentlich geschwächt. Amerika« Die Sabbaf-Beroegung in flmeriha. (Bon unserem Korrespondenten.) New-Aork, 5. März. Am 1. März hielt die jüdische Sabbat-Association ihren Jayreskonvent ab. Es fanden zwei Sitzungen, den topographischen Verhältnissen der Riesenstadt New-Aork gemäß, statt, eine am Nachmittag in der oberen Stadt in der neuen Synagoge der ungarischen Gemeinde p"tX "25118 und eine am Abend in der Synagoge der Kalvarier- Gemeinde. Bei der ersten Sitzung, die von den Delegierten von elf Gemeinden nebst anderen Mitgliedern besucht war, verlas der Präsident, Rabbiner Dr. Bernard Drachmann, seinen Jahresbericht. Derselbe erzählte die Einzelheiten der nützlichen und fruchtbaren Tätigkeit des Vereins während des verflossenen Jahres. Die Zahl der Bäckereibesitzer, die sich verpflichtet haben, nicht am Sabbat zu backen, ist von vier auf zwölf gestiegen, eilte Anzahl anderer Ladenbesitzer, deren Zahl sich aber nicht genau ermitteln läßt, ist durch die Agitation des Vereins zur Schließung am Sabbat veranläßt worden und die erfreuliche Zahl von 318 Personen hat durch die Bemühungen der Stellenvermittelungs-Abteilung des Vereins in verschiedenen Berufszweigen Arbeit ohne Sabbat- Entweihung erhalten. Der Präsident kündigte gleichzeitig an, daß auf Veranlassung des Vereins eine Gesetzes-Borlage in der Legislatur durch Assembly-Mitglied Strauß eingebracht worden sei, laut welcher Leute, die den siebenten Tag als Sabbat feiern, ihre Geschäfte am Sonntag betreiben dürfen und daß ein Verhör darüber vor dem Legislatur Komitee stattfinden würde, bei welchem der Verein vertreten zu sein gedenke. Der Bericht rief großen Enthusiasmus hervor. Bei der Abendsitzung waren die Delegaten von vierzig Gemeinden und eine enorme Masse des Publikums erschienen. Außer den formalen Geschäften wurden begeisterte Ansprachen durch die terren Rabbiner Dr. drachmann, Philipp Klein, srael Klein, Mendes und Morais und von den Assembly-Mitgliedern Glück, Graubart, Stern und Strauß gehalten. Ein Direktorium von 25 wohlbekannten und geachteten gesetzestreuen Herren wurde für das kommende Jahr gewählt, und der Konvent schloß unter allgemeiner Begeisterung. Am 11. März fand das Verhör vor dem Legislatur-Komitee in Albany, der Hauptstadt des Staates New-Iork, statt. Nach hiesigem parlamentarischem Usus hat dieses Komitee darüber zu entscheiden, ob eine vorgeschlagene Bill oder Gesetzes-Borlage überhaupt der Legislatur vorgelegt werden soll und der Zweck der Verhöre ist, den Bürgern, sowohl den Gegnern wie den Befürwortern, Gelegenheit zu geben, durch Vertreter ihre Ansicht bekannt zu geben. Das Verhör gestaltete sich zu einer imposanten Demonstration für die Sache des Sabbat. Etwa 300 jüdische Delegaten, darunter an 20 Rabbinen, waren aus allen Teilen des Staates nach Albany zur'Unterstützung der Strauß'schen Vorlage gekommen. Großen Eindruck machte das Erscheinen zweier christlichen Geistlichen, der Reverends Lewis und Edwards, als Vertreter der den siebenten Tag als Sabbat feiernden Sekten der Baptisten und der Adventisten, die mit großer Wärme für die Annahme der Bill eintreten. Reverend Edwards erzählte, daß im Staate New-Aork 120 Adventisten-Gemeinden vorhanden seien mit einer Mitgliedschaft von 4000 Familien, die alle den Sabbat streng feiern. Die jüdischen Befürworter der Bill waren, außer Herrn Strauß, die Rabbinen Dr. Drachmann, Mendes und Silvermann, Dr. Friedenwald und die Herren Friedenberg, Barnett und Behar. Alle betonten, daß es ein himmelschreiendes, eines zivilisierten, freiheitlichen Staates unwürdiges Unrecht sei, Menschen, die durch ihr Gewissen gebunden seien, den Sabbat zu feiern, einen anderen durch Staatsgewalt aufzuzwingen. Die Opposition war nur durch zwei Redner vertreten, Reverend Hubbell und Es-Senator Brusch. Sie hatten fast kein anderes Argument, als daß d.e Minorität sich in allen Dingen der Majorität zu fügen habe. Was das Ergebnis der Verhandlung sein wird, ist natürlich vorläufig unbekannt. Zu optimistisch können wir nicht sein. In Fragen, die das Judentum betreffen, ist leider die Kraft der ererbten Vorurteile nur zu häufig größer als die der Gerechtigkeit. Jedenfalls ist das Judentum in unserem Staate noch nie so würdevoll aufgetreten und wir hoffen davon die besten Resultate. New-Dort, 7. März. Zwei der bekanntesten russisch-jüdischen Gelehrten in vlew-Iork, Judah Löb Saßnitz und Abraham Chaim Rosenberg, haben vor kurzem ihr 70. Lebensjahr erreicht. Bei dieser Gelegenheit wurden den beiden greisen Gelehrten große Ehrungen von Seiten ihrer zahlreichen Freunden und Bewunderern zu Teil. Soßnitz ist hauptsächlich durch sein Werk 21Kön, eine religionsphilosophische Abhandlung, und Rosenberg als Autor des 1818, einer biblischen Encyklopädie, bekannt. Hervorzuheben ist, daß beide aus gesetzestreuem Boden stehen, was nicht immer bei russischen der Fall ist. Herr Henry Bergh, Präsident des Tierschutz- Vereins hat einen Preis von Lstr. 500 für die Erfindung eines humanen Lege-Apparates bei der Schlachtung von Tieren ausgesevt. In der Schrift, die das Preis - Ausschreiben begleitet, unterzieht er die Lege-Methode bei der Schechita einer scharfen Kritik, greift diese selbst aber nicht an. Merkwürdig ist, daß sein Vater, ebenfalls Henry Bergh genannt, vor 40 Jahren die jüdische Schlachtmethode heftig angriff) er wurde aber von dem bekannten damaligen Schochet Aaron Friedmann eines Besseren belehrt und blieb nachher ein Freund der Schechita. Die Erzählung über diesen Vorgang und die Abhandlung des Rabbi Friedmann über die Schechita sind in dem Werk GytD 21v zu finden. Das Werk machte seinerzeit solches Aufsehen, daß es in mehrere Sprachen übersetzt worden ist. vermkcdter. Berlin, Ein Weltkongreß der jüdischen Jargonschriftsteller soll demnächst auf Initiative von chriftstellern in Amerika in Czernowitz stattfinden. Als Punkte der Tagesordnung find in Ausficht genommen: 1) Die jiddische Orthographie. 2) Die jiddische Grammatik. 3) Fremde und neue Wörter. 4) Ein jiddisches Wörterbuch usw. Bingen, 21. März. Eine ergreifende Doppelbeerdigung fand heute auf dem Binger israelitischen Friedhofe statt, nämlich die des 87jährigen RenMers Isaak Simon und die seiner 24 Stunden nach ihm verstorbenen 84jährtgen Ehefrau. Letztere wußte bei ihrem Hinscheiden noch nichts von dem Tode ihres Ma nes. Karlsruhe, 24. März. Die israelitische Landessyn de ist auf den 10. April einberufen. Wien, 26. März. Ein Unteroffizier des Deutschmeister-Regiments in Wien wurde wegen roher Mißhandlung jüdischer Rekruten, die der Kriegsminister im Abgeordnetenhause bestätigt hatte, zur Degradation und 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Budapest, 25. März. Der gestern hier verstorbene jüdische Unternehmer Moritz Bernseld hat die Hälfte seines auf 2 Millionen Kronen geschätzten Vermögens für wohltätige Zwecke der verschiedenen Konfessionen testiert. Das größte Legat im Betrage von 390000 Kronen erhält der Hilfsfond der ungarischen Landwehr. New U ork, 1. April. Nach der offiziösen amerikanischen „Annual Resorts of the Commisstones-General of Jmmigrations" sind im Laufe der letzten neun Jahre aus Ratzland nach den Bereinigten Staaten im Ganzen 594035 Juden eingewandert, was ein Jahresmittel von 66006 Personen ergibt. Nimmt man nun die Auswanderung rufftscher Juden nach anderen Ländern mit einem Fünftel obiger Summe an, so kann man die Gesamtauswanderung aus Rußland für den erwähnten Zeitabschnitt auf 742500 Emigranten schätzen, d. h. im Jahresdurchschnitt 82300 Juden. Diese Auswanderung wiegt den ganzen natürlichen Zuwachs der jüdischen Bevölkerung Rußlands auf. In Einzeljahren überwog sogar die Ziffer der Auswanderung die des natürlichen Zuwachses. veremrvere«. Berlin, 24. März. Zu einem äußerst stimmungs vollen, echt jüdischen Feste gestaltete fich das diesjährige Purimfest des ,^Jsr. FortbildungsveretnS, „Montefiore", welches im großen Saale des Vereins Berliner Musiker unter zahlreicher Beteiligung stattfand. Die Festlichkeit wurde durch einen humorvollen Prolog eingeieitet, auf den verschiedene musikalisch-dramatische Aufführungen folgten. Couplets, launige Chorlteder und einige schöne Jargonlieder wechselten in bunter Reche ab und lösten eine selten gemütliche Purimstimmung aus. Erst spät nach Mitternacht erreichte das schöne Fest mit seinen durchweg vorzüglichen Darbietünaea sein Ende. Der „Montestore-Beretn", dessen Tätigkeit fich hauptsächlich aus das Lernen erstreckt, hat damit gezeigt daß er seiner wetteren Aufgabe, seinen Mitgliedern auch jüdische Geselligkett zu bieten, voll und ganzaewachsen ist. Berlin, 2J. März. Vorige Woche fand im Sitzungssaal der jüdischen Gemeinde in Berlin ein Deleatertentag des Verbandes der deutschen jüdischen Krankenpflegerinnenvereine statt, der eine große Anzahl von Teilnehmern und Teilnehmerinnen versammelte. Vertreten waren folamde Vereine, die fich mit der Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen befaffen: Großloge für Deutschland 11. O. B. B. VIII. Berlin, ferner die Vereine : Berlin, Beuthen i. Schl, Breslau, Hamburg, Köln, Mannheim, Metz, München, Nürnberg, Stuttgart, Frankfurt a. M. Würrburg, im März. Die iSraelittsche Lehrerbildungsanstalt ist gelegentlich des PurimfesteS mit einer Veranstaltung an die Oeffentlichkett getreten, die verzeichnet zu werden verdient. Eine musikalisch-theatralische Abächunterhaltung im großen Saale des Huttenschen Gartens, bot dem Seminarorchester Gelegenheit, Proben seiner Leistungen abzulegen. Eine nach vielen Hundert« zählende Zuhörerschaft, die den Saal bis aus den letzten Puch besetzt hatte, lauschte mit Spannung dm auserlesenen must alischm Konzertvorträgen des von 20 Semina-