Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1908)
- Date
- 1908-03-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Heuilleton-Beilaae;u Nr. 12 des ..Israelit". euilleton Der €nkd. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzuug) Sie selbst kam auch zuweilen hinaus in den Wald, aber die Kinder behaupteten, daß sie den Wald in seinen schönsten Stunden, das wären die frühen Morgenstunden, noch nie gesehen habe, denn sie liebte die Morgenruhe und 'trennte sich' nicht leicht von ihren weichen Betten. Das hatte ihr ihre kleine Schwägerin neulich in Gegenwart einer Anzahl Damen und Herren lachend vorgeworfen, darum mußte sie sich doch einmal früh herausreißen, um das kleine kecke Persönchen bei ähnlichen Vorkommnissen Lügen zeihen zu können. Die Kinder glaubten daher ihren Augen nicht trauen zu dürfen, als sie eines Morgens zu ihrem Lieblingsplätzchen hinaus in den Wald kamen und Malwine an ihrem Tische trafen. Jubelnd eilten sie auf sie zu und begrüßten sie. „Nicht wahr Mama, so schön hast du den Wald noch nicht gesehen?" Sie zuckte die Achseln. „Wo die besondere Schönheit steckte, wüßte ich gerade nicht, ich muß sogar offen gestehen, ein gutes Frühstück würde ich im Augenblick schöner finden als den ganzen Wald." „Ach Mama, das kann doch nicht dein Ernst sein." „Warum nicht?" lachte Clementine," wenn deine Mama Hunger hat." „Hast du wirklich Hunger, Mama? da kannst du doch mit uns frühstücken, willst du?" „'Mal sehen, wenn Jean genug mitgebracht hat." Der Alte nickte lächelnd und begann den Korb auszuleeren, den er in dem Rollseffel mitgenommen. Zuerst deckte er den Tisch, breitete ein. Damasttnch darüber," ordnete Taffen, Teller, Löffel etc. darauf, dann Brod und Butter, Semmel, Honig, Eier, eine große Kanne Milch und eine ncttie 'Kanne» mit - KaW: « <. * .. „Was ist denn darin?" fragte Edwin. „Kaffee für die gnädige Frau," erwiderte der Bediente. „Ach so" rief Clementine „du hast zu Hause schon Auftrag gegeben, daß das Frühstück für dich mit hergebracht wird. Das war wirklich gescheidt von dir." „Meinst du denn kleines Persönchen, daß du die Gescheitheit allein aufgegeffen hast?" fragte Malwine halb ärgerlich, halb amüsiert. „Ach nein, das meine ich gar nicht, aber ich habe mich nur gefreut, daß du jetzt auch effen und trinken wirst und daß dir dann unser Wald auch besser gefallen wird." „Unser Wald?" wiederholte Malwine spöttelnd, „gehört er dir auch?" „Gewiß so lange ich darin bin gehört er mir auch. Aber horch nur, wie schön die Vögel singen. Das ist ein Stieglitz, der macht immer ftig, li, li, litz." „Und der, der jetzt so hübsch pfeift, das ist eine Droffel," fiel Edwin ein „und der andere Vogel, der da drüben zwitschert, das ist eine Anffel." «Woher wißt Ihr denn das?" fragte Malwine. „Das hat uns Jean gesagt, der weiß sehr viel von den Vögeln. Pass' nur auf, Mama, da wirst du gleich hören, wie die Vögel sich mit einander unterhalten. Hörst du? jetzt hat der von da drüben gerufen, und jetzt - Mama, ich bitte dich, merk' auf, jetzt giebt der andere, der von Rechts her ihm Antwort. Und jetzt fingt einer von links dazwischen, hörst du's Mama? und jetzt hat der Erste wieder angefangen, und —" Clementtne stieß einen Schreckensruf aus, ein Hase kam durch den Wald gelaufen, ein großer Hund hinter ihm drein, doch wie derselbe die kleine Gesellschaft am Frühstückstisch erblickte, schien er des Häschens vergessen zu haben, wandte sich dem Tische zu, direkt dem kleinen Mädchen, das ihm am besten zu gefallen schien. Clementine schrie, als ob sie am Spieße stäke, denn der große Hund hatte ihr zutraulich seine breiten Vorderpfoten auf den Schoß gelegt. Malwine schüttelte sich vor Lachen: „Sei doch nicht sg, kindisch, er .tut hir doch nichts. . Inzwischen bemühten sich der alte Jean und Edwin dett Vierfüßler zu vertreiben. Doch das ging nicht so rasch, er schien sich bei dem schönen Kinde sehr behaglich zu fühlen und bellte diejenigen an, die ihm den Platz nicht zu gönnen schienen, worüber Clementine noch gellender schrie und Malwine noch lauter lachte. „Phylax! Phylax! rief plötzlich eine Stimme aus dem nahen Gebüsch. Sofort sprang der Hund auf alle Viere und lief schweifwedelnd dorthin, woher der Ruf gekommen war. Im selben Moment trat ein Herr höflich grüßend näher, bat um Entschuldigung wegen der Zudringlichkeit seines Hundes und versicherte, daß derselbe ein sanftes Tier und noch nie Schaden angerichtet habe." „Aber das sieht man ja" versetzte Malwine, „meine kleine Schw^erin ist nur furchtsam wie die meisten kleinen Mädchen." „Aber nein" fiel Clementine grollend ein, „gewöhnlich bin ich gar nicht furchtsam, aber der Hund ist so groß und hat seine schmutzigen Füße auf mein Kleid gelegt. Wenn er dir das getan hätte hättest du auch geschrieen." „Das war in der Tat eine große Unverschämtheit von dem Hunde" sagte sein Herr, „Phylax, bitte das kleine Fräulein dort um Entschuldigung." Sogleich richtete sich der Hund auf den Hinterbeinen auf und richtete die zusammengehaltenen Vorderpfoten. dorthin, wohin sein Herr gezeigt hatte. Es sah drollig aus, alle lachten. „Genügt dem keinen Fräulein diese Satisfaktion?" fragte der HNr. ), > och ich rrtu| mir erlauben, mich vorzustcllen. Baron Brandow, der nächste Gutsnachbar von Waldhof." Malwine neigte grüßend das Hanpt. „Mein Name ist Frau Gotthold," „Vermutlich die Herrin von Waldhof." Malwine schüttelte lächelnd den Kopf. „Herrin von Waldhof bin ich nicht. Mein Vater war Besitzer des Gutes, hat dasselbe jedoch vor einigen Wochen meinem Sohne geschenkt, zur Feier seiner Genesung." „Potztausend junger Herr, das ist aber ein großartiges Geschenk, habe noch nie gehört, daß ein Großvater seinem Enkel eine solche Schenkung gemacht hätte. Da wünsche ich Ihnen von Herzen weiter solches-Glück, Herr Gutsnachbar — Edwin — nicht wahr?" „Edwin Gotthold," ergänzte der Knabe, indem er seine schmale durchsichtige Hand in die ihm entgegengestreckte des Barons legte. „Woher wissen Sie meinen Vornamen?" fragte er, schüchtern zu ihm hinüberblickeud. „Bon. Ihrer Billa her, da strahlt e? doch weithin in's Gelände in großen goldenen Buchstaben." Edwin errötete und wie entschuldigend sagte er: „Der Großpapa hat geglaubt, daß mich das freuen wird." „Nun, ich denke —" Er ward durch einen halbunterdrückten Aufschrei des kleinen Mädchens unterbrochen, der Hund, von allen unbeachtet, hatte sich wieder an sie herangeschlichen und stand nun schweifwedelnd auf den Hinterbeinen neben ihr, ohne sie jedoch mit den ausgestreckten Vorderpfoten zu berühren. „Fürchten Sie nichts, kleines Fräulein," sagte der Baron" der Phylax tut Ihnen nichts, er ist ein großer Freund von schönen kleinen Mädchen und will Ihnen nur seine Verehrung ausdrücken." „Der Hund hat sich in dich verliebt," lachte Malwine „kannst stolz sein auf deinen vierfüßigen Verehrer." „Mir wäre lieber, er hätte sich in dich verliebt," grollte Clementine, den Hund und die Schwägerin mit unfreundlichen Blicken betrachtend. „Geh', Phylax, geh' dorthin zu Malwine." , Der Hund drehte wohl für einen Moment seinen Kopf in die Richtung, die sie ihm mit der Hand zeigte, aber er wandte sich sofort wieder zu ihr, kam ihr sogar noch um einen Schritt näher. „Er bleibt dir treu," rief Malwine noch lauter lachend. „Ist das ein Jagdhund?" fragte Edwin. Der Baron schüttelte verneinend den Kopf. „Ich brauche keinen Jagdhund, denn ich habe leider keinen Jagdgrund." „Warum sagen Sie leider?" fragte Clementine. „Weil es mir leid tut, dem edlen Vergnügen der Jagd mich nicht widmen zu können." Die Kleine blickte ihn betroffen an. „Die Jagd ist ein edles Vergnügen? — wenn man die armen Tiere hetzt, bevor man sie tötet, das ist edel?" „Haben Sie noch nie vom edlen Weidwerk gehört, kleines Fräulein?" fragte Baron Brandow lächelnd. „Ich glaube, ich habe das schon gehört oder gelesen, aber darum begreife ich doch nicht, was daran Edles sein kann." „Du verstehst das nicht, weil du noch ein Kind bist" sagte Malwine verweisend, denn es ärgerte sie, daß in Gegenwart des hochgeborenen Barons von einer ihrer Angehörigen solch' plebejische Ansichten geäußert wurden. Die etwas verwöhnte Kleine nahm jedoch von niemanden weniger als von ihrer Schwägerin eine Belehrung ohne Erwiderung entgegen." „Mir scheint, du verstehst's auch nicht." "* „Da bist du im Irrtum^ persetzte Malwine errötend „ich begreife sehr wohl das Hochgefühl, das des glücklichen Jägers Brust erfüllen muß, wenn er —" „Da begreifst du vermutlich auch das Hochgefühl, das der Katze Brust erfüllenmuß, wenn sie das arme Mäuschen — " „Hör' auf, hör' auf du schreckliches Kind!" rief Malwine lachend und gleichzeitig schaudernd, „Sre müssen entschuldigen, Herr Baron, als spätgeborenes einziges Töchterchen ist die Kleine ein wenig verwöhnt. „Sie ist darum nicht weniger lieblich" entgegnen der Baron, dem schönen Kinde freundlich zunickend. Da er noch keine Miene machte sich zu entfernen, lud Malwine ihn ein, sich zu ihnen zu setzen, welcher Aufforderung er auch sofort entsprach und sehr bald war eine heitere Unterhaltung im Gange, denn Baron Brandow war bekannt als geistvoller Gesellschafter und Malwine war ihm in dieser Beziehung vollkommen gewachsen. Nachdem die Kinder ihr Frühstück eingenommen hatten, sprachen sie flüsternd das Tischgebet, dann erhoben sich beide. „Wir haben der Großmama ein Körbchen voll Erdbeeren versprochen, du hast doch nkchts