Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1908)
- Date
- 1908-03-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit Qb Ceitrafergai fSrdas irfMm Jofentu ilifrUM M lüUlwnlifflÜB 40. Jahrgang. Sranhfurf a. lN.. Sen 12. ma» 1908. Jtöarll 5668. „ewkhuLrche AwSgabe: OeÜerreich-Ungarn 2 Lr., RManü 1 Lao., England 2 stu. Amerika 50 ets.. Niederlande 1,20 fl.) Abonnements bei allen Postanftalten, Bllchhandlungm. sowie dirett bei der Ervedition. HestamSgade tmr direkt. Inserater 80 Pfennig für die sech-gespaltene Lolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannabme nur durch inHaasitNfttin «. Bögler A.-G. «anta bei der *. R. Vostsparkaffe. «Re» R-. VA SOS. Frankfurt a. M. und deren Filialen. «onta bei der SNgaer «Umwerjtmrf t* Stt,a ' «ontbei dem ft. P-ftfparkaffeuamt »udapest »o. 184S4. und deren Filialen in DwinSk, Libau, Bialystok, Reval und Lod AüSircbrr Ldauvinirmnr. Man hat oft die Sehnsucht der jüdischen Zerstreuten nach der ihnen verheißenen einstigen Bereinigung.in dem Lande ihrer Väter und die unentwegte Hoffnung auf ihre Verwirklichung mit der krankhaften politischen Richtung in Verbindung gebracht, die um jeden Preis einen alten Kriegsruhm wiederherstellen möchte, und die man kurzweg Chauvinismus nennt. Unter den Belegen für das, wessen sich denn die ganze übrige Menschheit von den Juden zu versehen habe, haben unsere. Feinde mit Vorliebe die Mahnung derausgegrffen: Denke, was dir Amalek getan, auf dem Wege deines Auszugs aus Mizrajim!" Daß diese Sachor-Mahnung keine bloße platonische, akademische Bedeutung habe, dafür gilt ihnen als vollgültiger Beweis die Geschichte des Purimfestes, mit seinem Haman und dem Schicksal seiner - Getreuen, die unter jr'idischen Schwertern ihr Leben aushauchten. Und dieser alte Haman stirbt nicht. Jedes Jahr wenn seine Geschichte verlesen wird, lebt er anf's neue auf. Sein bloßer Name weckt alle das ganze Jahr hindurch schlafenden Klopfgeister, die ihn in effigie aufs neue bearbeiten auf Grund eines alten Brauchs, den der Schulchan Aruch nicht nur codifiziert, sondern den er sogar mit der Mahnung begleitet, keinen Brauch aufzuheben und keinen zu bespötteln, denn jeder habe seine Begründung. 'Sch. A. 1 Kap. 690 § 17). Nimmt man noch die Anmerkung der alten jüdischen Weisen hinzu, welche die einstige Besitzergreifung des heiligen Landes geradezu als Lohn der Mizwa, Amaleks zu gedenken, bezeichnet, so ist der jüdische Chauvinismus fertig') Daß zu dem „Gott der Rache" auch ein „Corps der Rache" gehört, das wir selber bilden, steht der böswilligen Beschränktheit, die uns diese Ausgeburten ihrer unlauteren Phantasie angedichtet hat, so fest, daß sie für alle Erwägungen unzugänglich ist, durch welche die Unmöglichkeit dieses Phantoms schon seit undenklichen Zeiten nachgewiesen wurde. Die folgenden Betrachtungen wenden sich daher nicht an dies judenfeindliche Vorurteil außerjüdischer Kreise, sondern sie möchten für unsere eigenen Reihen die Momente betonen, welche das Verständnis und die rechte ') Sifre zu V. B. M. 25. 19: n mäD TDW3 BHY) fOjQ miDKn* Man bergt, damit die Parallelstelle unmittelbar tarauf am Eingang von '3 'D wo rS vor D'iyiDZ JT?2flD heißt: und achte darauf, wie im ersten Falle von. der nizwa miD#n H1UD NVP p»*? arnn mpÄW pajo an und für stch, im zweiten Falle von ihrer Erfüllung der Lohn abhängig gemacht wnh. — Mir verdanken diese,: Hinweis und die Erklärung MMet Ahrenfeld i 3 in m Würdigung der Pflicht von Sechiras Amalek erleichtern. Gottes Wort giebt selber keinen Grund für diese Vorschrift an. Da es aber Rache und das Nachtragen von Haß und Groll ausnahmslos allen Menschen gegenüber verbietet, so kann die Begründung dieses Gebotes nicht in dieser Richtung liegen. Die Pflicht kann nur den Sinn haben, uns durch dieses Gedächtnis die Wahrheiten immer gegenwärtig zu halten, welche unser erstes Zusammentreffen mit Amalek für alle Zeit in so reichem Maße lehrt. So haben es die Weisen unseres Volkes jeder Zeit läutert. Wie weit ab diese Erläuterungen von den rohen Instinkten des Grolls und des Hasses liegen, aus welchen sich der Chauvinismus rekrutiert, ja in wie schneidendem Gegensatz sie zu ihm stehen, dafür möge aus den zahllosen hierher gehörigen Ausrächen unserer Weisen nur die oben zitierten lorte des Sifre herausgeariffen werden. orte des Sifre herausgegriffen \ Es liegt in der menschlichen Natur, leichter Wohltaten als Mißhandlungen zu vergeffen. Beleidigungen, Angriffe auf Gut nnd Blut nicht zu vergeffen, dazu bedarf es nicht erst der Mahnung. Welche hohe, edle Gesinnung setzt die Thora daher bei ihrem Volke voraus, wenn sie mahnt zu gedenken, was ihm Amalek getan und die erfahrenen Unbilden nie zu vergessen.' Ein solches Volk wird keinen Rachekrieg führen, wird sich nicht ländergierig auf den Boden anderer Völker stürzen, es wird nur das ihm von Gott angewiesene Erbe antreten und in Folge solcher Selbstbeschränkung dieses Ziel auch erreichen. Nicht die Erfüllung der Pflicht, dessen zu gedenken, was Amalek getan, sondern diese Pflicht an und für sich und die ganze Denkart, die sie voraussetzt, trägt den Lohn und die Bürgschaft in sich, daß diejenigen, an welche sie sich wendet auch das Ziel glücklich erreichen, das sie anstreben. Wir besitzen noch den Wortlaut, in welchen sich die Seelen stimmung kleidet, mit welchem der erste jüdische Feldherr zum ersten male den Fuß auf das von ihm zu erwerbende heilige Land setzte. Sie bewegt sich ganz in derselben Richtung und diese Richtung ist so Gemeingut, des Mischen Volkes geworden nnd geblieben, daß sie mit dem täglichen Mahle verwoben allen geläufig ist ^). Im Begriff das Schwert zu ziehen, und das Land unserer Verheißung durch Besitznahme seiner Bestimmung zuzuführen, dankt beim Betreten des heiligen Bodens der Führer des GottesvolkS in einem Kampf mit sieben Völkern und einunddreißig' mächtigen Königen Nicht in «st« Reihe *) -p» DN2V )vo p»n nma on? pn jranrv VsjgA: für das Land, sondern dafür, daß es sich hi« nicht um einen Eroberungskrieg, im gewöhnlichen Sinn des Wortes handelt. Daß Josua nicht etwa die rechtmäßigen Eigentümer, sondern nur .die augenblicklichen Inhaber des heiligen Landezu veroränaen hatte, weil Gott dieses Land bereits den Vätern als Erbe angewiesen hatte, das ist ihm der erste Gegenstand des Dankens. 'irrnDK*? n^run.tp 'n rrro 'in mon Es ist dies eine so bedeutsame Wahrheit, daß unsere Weisen daran erinnern, wie die ganze Thora deshalb auf ihren ersten Blättern Gott als Schöpfer der Welt und ihr« Güter lehrt, damit man uns niemals den Borwurf machen könne, vnn D'DD1?, auch Israel hätte räuberischer Weise durch Vergewaltigung anderer Völker, sich den Boden für seine spätere Entfaltung erobert. Gott, d« die Welt geschaffen und damit das Recht hat über dieselbe zu verfügen, hat das Land uns«« Bestimmung bereits den ersten Stammvätern Israels als Erbe überwiesen. Wohl braucht nach den Satzungen des üblichen Staaten- und Völkerrechtes die einmalige brutale Vergewaltigung eines Volkes durch Eroberung und. Depossedierung nur v«jährt zu sein, um überall als Recht anerkannt zu werden. Ab« dem Gottesvolke, das Jahrhunderte unter dies« brutalen Staatsraison gelitten hatte und ohne Gottes wundermächtiges Eingreifen ihr unter? legen wäre, diesem Volke hätte es schlecht angestanden, durch gewalsame unrechtmäßige Kriegführung sich seine Heimat zu erobern. Deshatv dankt der Führer, daß Gott das Land, das sie soeben betreten, bereits seit Jahrhunderten den Vätern als Erbe überwiesen habe. Dieser Dank feiert somit nach jedem Mahle dieselbe Tatsache, welcher das Händewaschen vor dem Mahle symbolischen Ausdruck giebt, indem es mahnend daran erinnert, daß die Hand rein sein müsse, die ein Stück Broö zum Genüsse bricht. In dem Pflicht-Codex der Privat- und Einzel-Moral hat diese Forderung auch heute weit über den jüdischen Kreis hinaus Geltung und Anerkennung gefunden. In der Staats¬ und Völker-Moral unserer Politiker und Diplomaten entscheidet jedoch nicht die Reinheit, sondern die Macht 0« Hand, welche das Schwert führt. Ein Feldherr, der wie Josua, Gott dafür dankt, daß sein Schw«t nicht gewalttätiger Eroberung, sondern der Wiedererlangung des von Gott selber zugeficherten Bäter«bes zu dienen berufen ist, und ein ganzes Volk, daß diesen Dank täglich seit Jahrtausenden seinem großen Führ« nachbetek, braucht gegen den Borwurf des Chauvinismus keine andere B«teidigung. Wie wenig die Betonung eines besonderen