Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1908)
- Date
- 1908-01-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2. Seite 8. Der JSraeltt. 9. Januar 18(8 den Herrn Geheimrat und seine Kollegen kostet die Vertretung ihrer Ueberzeugung keinen roten H eller; sie betreiben ihre Agitation auf Kosten der Zentralkasse und mit Hilfe des Beamtenapparates. Es wird sich aber vielleicht in der Synode Gelegenheit bieten, anzusragen, ob denn das Geld der Steuerzahler fo ohne weiteres für parteipolitische Zwecke verwendet werden darf. Die Gesetzestreuen dürfen mit Zuversicht den kommenden Wahlen entgegensehen. Wenn nicht ganz besondere Wahlmanöver angewendet wer den, so darf man hoffen, daß der gesunde Sinn der badischen Judenheit das Gebetbuch zurück weisen und daß sie damit ihren Widerwillen gegen diese Art der Förderung des religiösen Sinnes deutlich dokumentieren wird. Oesteweirh. Ra d a u tz, 5. Januar. Am 22. Dezember v. I. fand im Radautzer Gemeinderatssaale eine jüdische Volksversammlung unter dem Vorsitze des Herrn Dr. Vierer statt. Gegenstand der Verhandlung war „Die Landtagswahlreform und die Juden". Der Referent Dr. Diamant (Czernowitz) führte in einstündiger Rede aus, datz der Entwurf des Landesausschusses die Agrarier gegenüber dem gegenwärtigen Gesetze noch mehr bevorzuge, daß den Juden im Gegensätze zu den übrigen Nationalitäten des Landes sichere Wahlkreise" nicht gegeben würden, und forderte für die Juden die Schaffung von acht Wahlkreisen, die er vorschlägt. Gemeinderat Menschel führte aus, daß die Erfahrungen bei der Reichsratswahlreform rasches Eingreifen erforderlich machen. Advokat Dr. Lurtinger schloß sich diesen Ausführungen an' und beantragte die Einsetzung eines Fünferkomitss zur Einberufung eines Juden tages. Dr. Vierer resümierte die Ergebnisse und brachte die Resolution des Referenten und des Dr. Luttinger zur Abstimmung. Beide wurden angenommen. In das Konnte zur Einberufung eines Judentages wurden gewählt die Herren Dr. Vierer, Dr. Luttinger, G. R. Menschel, Schaffer und Hart. Frankreich. Paris, 3. Januar. Binnen kurzem wird die Wahl des Großrabbiners von Frankreich vollzogen werden. Als Wähler fungieren die Mitglieder des Zentralkonfistoriums zusammen mit einer gleichen Zahl eigens ernannter Delegierter der der Zentralorganisation angeschlossenen Kultusvereine. Das Zentralkonsistorium hat für das Amt des Großrabbiners ein Jahresgehalt von 20,000 Frcs. ausgesetzt. Die Kandidatenliste ist noch nicht offiziell mitgeteilt,' jedoch weiß man, daß folgende Persönlichkeiten in Betracht kommen: I. H. Dreyfuß, der Pariser Großrabbiner; Rabbiner Israel Levi, der Schwiegersohn des verstorbenen Großrabbiners von Frankreich; Isaak Levy, der Großrabbiner von Bordeaux; Alfred Levy, der Großrabbiner von Lyon-Bloch, der Großrabbiner von Nancy, und Weiß, der Großrabbiner von Marseilles. Man spricht auch von der Möglichkeit einer Kandidatur des Pariser Rabbiners Hagenau. Rufttand. St. Petersburg. Vom Herrn Neichsdumaabgeordneten Nisselowitsch erhielten wir als Erwiderung auf die Ausführungen unseres Petersburger Korrespondenten in Nr. 46 v. Jahrgangs ein Schreiben, welches wir hier mit einigen formellen Aenderungen wiedergeben: „In einer Korrespondenz aus Petersburg, die in Nr. 46 Ihres geschätzten Blattes zum Abdruck gekommen ist, heißt es unter anderem, ich hätte mich ehemals in meiner Entfernung vom Judentum fo weit fortentwickelt, daß ich Mitarbeiter des äußerst judmstindlichen „Nabljudatel" des Erzantifewiten Pjatkowsky gewesen sei. Diese Mitteilung ist, wenn sie nicht auf einem Mißverständnis verrcht, eine Verleumdung, gegen die ich entschieden protestiere. Daß ich beim „Nabljudatel" mitarbettete, ist allerdings richtig, aber dies zu einer Zeit (es find die Jahre 1888—1893), da von einer jubenfeindlichen Richtung des genannten Journals nicht im mindesten die Rebe sein konnte, da in ihm tourend dieser Periode die Judensiage absolut mit keinem Worte berührt wurde. In allen anderen Fragen aber gehörte der damalige „Nabljudatel' zu den liberaloppositionellen Organen der russischen Presse, die fortschrittlichsten russischen Schriftsteller wie Michailoff, Jossinsky und der jüdische Dichter Minsky (Wilenkin) zählten zu seinen Mitarbeitern. Ick behandelte „unsere inneren Angelegenheiten", u. a. die Budgetfrage, und das Journal harte nicht selten unter dem Druck der Zensur zu leiden, die soweit ging, es zweimal zu ststieren. Pjat kowsky selbst gebürte als früherer Mitarbeiter des von Tscheürin-Saltykoff, dem berühmten russischen Satyriker, herauegegebenen „Otetschcstwerryje Zabiski" zu den sog. „Männern der sechziger Jahre," den liberalsten Politikern des vorigen Jahrhunderts. Im Jahre 1893 sattelte der Herausgeber des „Nabljudatel" infolge pekuniärer Bedrängnisse um. (Solche Metamorphosen sind in Rußland nicht selten vorgekommen, so war z. B. das Reichsratsmitglied Uschakoff in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhundert wegen revolutionärer Umtriebe als Offizier zum Tode verurteilt und, vom Zaren begnadige, zu lebenslänglicher Galeerenstcafe nach Sibirien deportiert worden. Später aber trat er, nach endgültiger Begnadigung, wieder in den Dienst ein, brachte es zu einer hohen Charge und ist heute als extremster Reaktionär bekannt.) Er schrieb nämlich die Verschlechterung seiner Lage dem Umstand zu, daß er die damals „moderne" Judenfrage vollständig ignoriert hatte, und glaubte > un, durch den großen Erfolg der „Nowoje Wremja" des Antisemiten Suworin geblendet, ebenfalls in der Bekämpfung der Juden sein Heil finden zu können. Pjatkowsky war ehrlich genug, mir das offen zu erklären, und so trennten wir uns von einander, um nie wieder zusammerzukommen. Daß er sich mit Wut in die Arme des Antisemitismus warf, half ihm übrigens auch nicht viel, denn er starb einige Jahre daraus als Bettler. Der engere Kreis meiner Freunde, denen meine Mitarbeiterschaft beim Nabljuoatel" bekannt war, erfuhr auch rechtzeitig meinen Bruch mit Pjatkowsky. (Ich spreche von dem engeren Kreis meiner Freunde, weil meine Artikel im .Nabljudatel" mic Ausnahme eines Vortrags, den ich in einer hie g n Gelehrtengesellschaft hielt und dessen Stenogramm in dem Blatte abgedruckt wurde, nie meine Namensunterschrift trugen.) Ihrem Korrespondenten, der ja über meine literarische Laufbahn ziemlich aut unterrichtet zu sein scheint, sollte diese wichtige Tatsache ebenso bekannt sein wie jenem engeren Kreise meiner Freunde. Daß sie es nicht ist, das erscheint mir als ein Rätsel. Jedenfalls hätte er sich, bevor er einem Erwählten des jüdischen Volkes einen Makel anheftete, über die Zuverlässigkeit seiner Angaben erst genau informielen sollen. — Ich benutze diese Gelegenheit, um energisch die Anklage Ihres Korrespondenten geg n die sogenannten „jüdischen Revolutionäre" zurückzuweisen Ich betrachte es als meine Hauptpflicht, gerade gegen diese Entstellung der Tatsachen von der Tribüne des Parlaments Front zu machen. Es gibt eben bei uns keine „jüdischen Revolutionäre", sondern nur durch Druck und Unglück revolutionierte Juden." Hierauf sendet uns unser Korrespondent folgende Entgegnung: „Die Bemerkung des Herrn Nisselowitsch, was der engere Kreis seiner Freunde rechtzeitig erfahren habe, müsse auch mir bekannt geworden sein, letzt mich ln Erstaunen, da ich weder zum engeren noch zum weiteren Kreis seiner Freunde gehöre. Im übrigen möchte ich jedoch hier an der Hand der Tatsachen zeigen, wie es um die Behauptungen des Herrn Niffelowitsch steht. Bor allem hat sich die judenfeindliche Richtung des „Nabljudatel" bereits im Jahre 1887 gezeigt, also bereits ein Jahr, bevor Herr Nisselowitsch seine Mitarbeit begann, und in den Feuilletons „Fonograf" des pseudonymen Esim Prostofferdow recht deutlich offenbart. Dort finden wir gelegentlich der Angriffe auf den jüdischen Juristen Kulischer die gröbsten antisemitischen Schimpfereien allgemeiner Art, und auch in den „Hebräischen Melodien" begegnen uns gemeine Beleidigungen der jüdischen Gesamtheit. Ferner: Gerade in den Jahren 1888-1892 (besonders 91 und 92), in denen Niffelowitsch nach seinem eigenen Geständnis am „Nabljudatel" mitgearbeitet hat, brachte dieser eine ganze Reihe antisemitischer Artikel. Ich muß mich, um nicht zu oiel Raum in Anspruch zu nehmen, kurz fassen. Aber es genügt an die Artikel ..Was machen wir mit der jüdischen Frage?" von Th. N. Leontowitz, „Der babylonische Talmud" und „Der Schulchan-Aruch" von A. A. Bükow (1891, Nr. 4 und 5), „Eine neue Waffe gegen den jüdischen Betrug" (gelegentlich des Erscheinens des Buches von DninSkh), vom Redakteur des „Nabljudatel" selbst, ganz besonders aber an die Artikel im „Fonograf" (Nr. 2 und 5) — es genügt an diese Artikel, die zu dem schändlichsten Geschreibsel der antisemitischen Preffe aller Länder gehören, zu erinnern, um zu zeigen, wie ausgesprochen antisemitisch das Blatt schon damals war und daß eS schon damals in dieser Beziehung den Höhepunkt erreicht hatte. Im Jahre 1892 — also noch vor dem Bruche Niffelowitsch' mit Pjatkowsky — lesen wir in dem „Nabljuoatel" folgendes: „Wir haben auS unserem fortschrittlichen Programme für immer und entschieden alle jüdischen Sympathien auSgesckloffen, die in unsere Preffe anfangs unter der liberalen Flagge der religiösen Bildung eingedrungen find und jetzt ausschließlich durch den Druck deS jüdischen lshidowSky als Schimpfwort gebraucht) Kapitals unterstützt werden. Mindestens ist eS schwer, ein ehrlicher und überzeugter Verteidiger einer viele Millionen starkm Rotte von Ausbeutern zu sein, nachdem auSgewäblte Stücke aus dem religiösen Ctvtlwbex der Jubm (Schulchan-Aruch) übersetzt und die vrakMchen Folgen tbrer Anwendung erörtert wordm find. Wir haben besondere und — hoffen wir — nicht unfruchtbare Mühe aufgevoten, um die liberale Maske der jüdischen Berfinsterungswut vom Gesicht zu reißen, sowohl in s lbständigen Artikeln, als auch in read.tionellen Auslastungen in den /Politischen Chronik und in der /Inneren Rundschau^ des Journals." („Nabljudatel" Nr. 1, 1892, S. 61.) Möge Herr Niffelowitsch nun selbst sagen, wie sich diese selbstbewußte, auf seinen antisemitischen Standpunkt pochende Erklärung des ..Nabljudatel vom Jahre 1892 sich mit seinen, des Herrn Niffelowitsch, Behauptung zusammen - reimt, der Antisemitismus des „Nabljudatel" habe erst im I chre 1893 zur Zeit des Bruches mit ihm zu existieren angefangen. He-r Niffelowitsch erklärt, er habe seinerzeit die Rubrik „Unsere inneren Angelegenheiten" behandelt. Wenn das wirklich wahr wäre, so wüßte ich nicht, was ich von Herrn Niffelowitsch halten sollte. Denn ttn Dezember 1890 ist diese Rubrik ausschließlich der jüdischen Fraqe gewidmet. Und wir finden dort auf 11 eng bedruckten Setten eine Blütenlese, die aus den schnödesten' Verleumdungen antisemitischer Pamphlete und Zeitungen Westeuropas zusammengestellt ist und in folgendem Resümee gipfelt: „Dieses sind die Resultate der Gleichstellung der Juder auf beiden Halbkugeln unseres Planeten. Die Juden haben augenscheiplich nichts gelernt und nichts vergeffen seit der Zeit, da die Umstände sie zu einer boshaften menschenfeindlichen Sekte machten... Im übrigen Europa wie auch in Rußland haben die hartnäckigen Semiten ihre, mittelalterliche Art beibehalten und flüstern die alten Drohungen gegen die „Gojim", welche sie unter sich ausgenommen haben. Was Wunder, wenn vernünftige und überzeugte Denker in Europa — um mit Sarce zu sprechen — bezweifelten, ob es nicht übereilt war, einer schädlichen Genoffenschaft die Bollberechtigu g zu verleihen, bevor man sie unschädlich gemacht und in die von den Gesetzen der zivilisierten Völker geschaffenen Rahmen gebracht hat. Nach den Erfahrungen, die Europa und Amerika gemacht hat, ist es auch Rußland gestattet, sich nicht mit der Aufhebung des Ansiedlungsrayon zu beeilen, der weit genug ist für fruchtbare kulturelle Tätigkeit, aber, selbstverständlich, zu eng für unersättiiche Gewinnsucht und Ausbeutung." („Nabijadatel" Nr. 12, 1890, S. 31.) Wir können nicht glauben, daß das ein Jude geschrieben hat. Und zur Ehrenrettung des Herrn Niffelowitsch wollen wir gerne annehmen, daß er wenigstens nicht alles, was unter der Rubrik „Unsre inneren Angelegenheiten" stand, „behandelte". Jedenfalls zeigt auch der Inhalt dieser Rubrik, daß der „Nabljudatel" schon lange vor ir-93 die jüdische Frage „berührte" und daß sein Antisemitismus schon 1890 außer allem Zweifel stand. Nicht viel glücklicher als mit seinen chronoiogischen Argumenten ist Herr Niffelowitsch mit personalen Beweisen. Er bezieht sich auf die Mitarbeiterschaft des „jüdischen" (!) Dichters Minsky-Wilenkin und des russlschen Belletristen Joffinsky. Sollte Herr Nisselowitsch als ein alter Petersburger Journalist wirklich nicht wissen, daß der „jüdische" Dichter Minsky-Wilenkin bereits seit Anfang der achtziger Jahre getauft ist, seit Jahren demonstrativ sich als Christ gebärdet und in christlicher Mystik machr. Oder sollte es Herrn Niffelowitsch unbekannt sein, daß Jossinsky als Belletrist gar manche antisemitische Sünde auf dem Gewissen, hat. Es genügt, seine Verunglimpfung Kulischers zu erwähnen. Mit demselben Erfolg wie Herr Niffelowitsch sich selbst wegen seiner Mitarbeiterschaft im „Nabljudatel" zu rechtfertigen sucht, wird er freilich auch die Teilnahme entarteter jüdischer Jünglinge und Mädchen, die Gott Lob durchaus nicht zahlreich sind, an der ruffischen revolutionären Bewegung entschuldigen können. Jedermann weiß, daß nur der völlige Abfall vom Judentum den Anschluß dieser Elemente an die revolutionäre Bewegung möglich machte. Es ist oft genng gezeigt worden, daß die Revolutionäre aus jüdisch:« Kreisen nichts mit dem Judentum zn schaffen haben und seine schlimmsten Feinde sind. Zum Schlu» möchte ich noch betonen, daß mir nichts so fern lag, als Herrn Nisselowitsch durch die Erinnerung an etwaige Jugendsünden zu kränkenwas ich bezwecken wollte, war einzig und allein die Mahnung an die jüdische Bevölkerung in Rußland, daß sie nicht gar zu vertrauensselig hinsichtlich ihrer „Erwählten" sein mögediese Mahnung hat nun Herr Niffelowitsch mit seinem obigen Protest bekräftigt, wie wohl kein anderer es nachdrücklicher hatte tun können." England. London, 3. Januar. Dem „Jewish Chronicle" wird geschrieben, der Sultan in Konstantinopel habe auf das wiederholte Gesuch der Gemeinde Saloniki die Wahl R. Jakob Meirs zum dortigen Cham-Baschi bestätigt. R. Jakob Me'ir werde nun binnen kurzem unter den üblichen Feierlichkeiten in sein Amt eingeführt weroen. London, 3. Januar. Der dritte Kongreß für Religionsgeschichte wird im September d. Js. in Oxford abgehalten werden. Die beiden ersten Kongresse, in 1900 und 1904, fanden in Paris und Basel statt. velmircdter. Molkereidntter Frankfurt a. M., 30. Dezember. Der jüngst von uns veröffentlichte Bericht Über eine vor einer Berliner Strafkammer stattgehabte Verhandlung gegen