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Der Israelit · 1907-12-12 · Heft 50 (12.12.1907) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 50 (12.12.1907)
Date
1907-12-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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7 Tebefh 5668. 4ö. janrgang. sranRiuna.ui.. oen •/■K S8» Der JSraeltt «scheint jede» Donnerstag. ABonnementS r Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50 vierteljährlich, HestauSgabe auf KunWruckpapier Mk. 3.— vierteljährlich. (Auslandspreise für ruzewvhnliche Ausgabe: Oesterreich-Unga s Kr., RuNand 1 Rno., Englands sh., Amerika 60 cts., Niederlande 1,20 fl.) Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlung«, sowiedireNBsid« nEchesNön. HestanSgade nur direkt. Inserater 30 Pfennig für die sechsgespaltene Eolonel-Zeile; Rabatt »ach Tarif. Jnseratenannahme nur dmcch iuHaasenste-in «. Bögler MDL , -. VoMarraste P»<-« A»^»aSS. Frankfurt a. M. und deren Filialen. Laut» Lei der MiOaer (KMtwtttfcmS In «Hfl» “" lMM* uni) deren Filialen in DrvinSk, Libau» Bialhstok» Revaf und ver tetklc Caimwdheros der Reform. vor einigen und vierzig Jahren die Reform in ihrer Blütezeit stand, als sie den Hader mit vollen Händen in die Gemeinden streute, die Gotteshäuser entweihte, die Gemeindeinstitutionen dem Verfall und der Verkümmerung überwies, als sie durch ihre Kanzeln, ihre Literaturvereine und ihre Zeitungen noch die jüdische öffentliche Meinung unumschränkt beherrschte, damals glaubte sie allen Ernstes dem überlieferten, historischen Judentum, das man als das orthodoxe verfehmte, den Todesschein ausstellen, dagegen für die junge Mode- und Zwitterreligion ihrer Mache die Zukunft reklamieren zu dürfen. Eine so furchtbare Nemesis, einen so jähen Zusammenbruch hat noch selten eine Zeiterscheinung erlebt, wie das Reformjudentum unserer Tage. Die Ratten haben längst das Schiff verlaffen. Heute will keiner mehr dabei gewesen sein, der bloße Name ist verpönt. Die heute ihr Leben ohne den Ballast der jüdischen Pstichtgebote in der freien Luft der „modernen Kultur" zu genießen verstehen, die tun das nicht aus Grund eines Prinzips oder gar ihrer Zugehörigkeit zum Reformjudentum, sondern lediglich, weil es ihnen so gefällt. Eine religiöse Vertretung und Verbrämung ihres Leichtsinns und Abfalls haben sie Gingst nicht mehr nötig. Sie lassen ihre-Prediger predigvr, ihre Rabbinerversammlungen dettamieren und dekretieren, soviel sie Lust haben, irgend einen Einfluß auf die Tat ihres Leben haben diese Deklamatoren nicht. Die alten Gevattern und Taufpaten der jungen Religion brauchten nur zu sterben, um ihrer Schöpfung dasselbe Schicksal zu sichern. Als vor 40 Jahren das Reformjudentum noch durch sein hohles Pathos flacher Weltlinge imponierte und die Gemüter vieler "Livtt mit bitterem Weh erfüllte, schon damals sagte uns ein weitschauender, jugendlicher Greis biesen vollendeten Bankerott voll prophetischer Zuversichtlichkeit voraus. Ja man brauchte gar «in Prophet zu sein, man brauchte nur die Dinge, wie sie liegen, ins Auge zu fassenum über diesen Ausgang sicher zu sein. Diese „Modernen" sind bequeme Kinder der Zeit und haben daher das Schicksal zu gewärttgen, das den Kindern der Zeit schon die alte griechische Mythe nahegelegt hat, indem sie Kronos, den Gott der Zeit, seine eigenen Kinder verspeisend darstellte. Weil sie mit der Zeit gehen, vergehen sie mit der Zeit, mit ihrem Gigantenschritt schreitet die eherne Zeit über die Häupter ihrer Schmeichler hin. ln unS alten, eckigen, ungefügigen und knorrigen;en hat sich schon manche Zeit ihre Zähne ausgebissen, ohne uns bewältigen zu können. Dagegen die glatten, runden, füg- und schmiegsamen Weltkinder schluckt sie so ohne jede Beschwerde, daß keine Faser und Fiber von ihnen übrig bleibt. Jener Greis pflegte dann mit Vorliebe das Psalmwort auf unsere nächste Zukunft auzuwenden: 1)))) uron Ivipv by jw öyo „Nur ein Weniges noch und es ist der Gesetzlose hin, du stehst sinnend bei seiner Stelle und er ist nicht mehr" (Ps. 37,10). Er meinte, wir würden vielleicht noch die Zeit erleben, in der es keinen mehr gibt, wenigstens keinen von dem alten Schlage, der seine Thorakunde verwendet, um Steine in den Brunnen zu werfen, aus dem er getrunken, um aus dem Boden der Thora selber die Steine zu ihrer Steinigung zusammenzutragen. Die Krochmal, Frankel, Löw, Fasset, Geiger, Grätz, und wie sie alle heißen, konnten unserer heiligen Sache nur dadurch so bitterbös schaden, daß sie in der Jugend selber richtig die Thora gelernt hatten. Aber nachdem sie mit ihrem Herostratentum die Entgöttlichung und Verweltlichung der Thora in ihrem Kreise zuwege gebracht haben, werden sie an ihrer eigenen Impotenz aus Mangel an Nachwuchs zugrunde gehen. Wenn Gottes Wort wirklich, wie sie uns bereden möchten, nicht das Wort Gottes, sondern bloßer Menschenwahn ist, wer wird dann noch so töricht sein, einem solchen Studium die Jugend und das Alter, die Tage und ^die Nächte, Gut und Blut, kurz ein ganzes Leben hinzugeben, wie es die Thora bis zum letzten Atemzuge verlangt, wenn sie wirklich geistiges Eigentum ihrer Jünger werden soll! Eine Generation, die in Geringschätzung und Mißachtung von Thora und Mizwoth erzogen utrd ausgebildet ist, wird keine WV3N keine □HO')1? erzeugen, wird höchstens leere Hüllen und hohle Masken prpouÄeren, denen mit der funkensprühenden Jugerwthora bie nttnip nrnvi fehlen, ohne welche die unschädlich sind. Versunken und vergessen, das ist der Fluch, der auf den Schriften der großen Zahl unserer Reformatoren lastet, die in ihrer Scheingelehrsamkeit das alte Judentum mit seinen eigenen Waffen schlagen und es so dem Untergang preisgeben zu können vermeinten. — Eine der wenigen Ausnahmen von dieser Regel bildet ein Werk des letzten Talmudheros der Reform, das seinen Verfasser überlebt hat und noch heute die Giftfaat wissenschaftlicher Leichtfertigkeit und religiösen Abfalls in ganz verherender Weise ausstreut- Es ist das Buch: wrrn m m von I. H. Weiß. Es hat in den zwanzig Jahren, die seit seinem ersten Erscheinen verflossen jtnö, fünf Auflagen erlebt, ein Erfolg, der selbst bei Schriften leichteren Kalibers auf dem jüdischen Büchermärkte ungewöhnlich ist, aber bei einem Buch, das in dem Gewände strenger talniudischer Wissenschaftlichkeit austritt, ganz einzig dasteht. Dabei ist das Buch in Deutschurno wenig verbreitet, sein Hauptabsatzgebiet ist her europäische Osten und besonders Rußland, wo eS den Grund zu dem religiösen Nihilismus gelegt hat, der dort von Tag zu Tag größere Dimensionen annimmt. Es hat dort gerade die gottesfürchtigen, thorakundigen Kreise in einer Weise vergiftet, die von den bewährten Führern der russischen Judenheit schon seit einer Reihe von Jahren erkannt und schmerzlich empfunden wurde. Das Buch hat seinen Eingang in die Geistes und Gemüter der thorabefliffenen Jugend dadurch erschlichen, daß sein Verfasser sich nicht als Apostel der Reform, sondern als Schirmvogt. des gesetzestreuen, von den Vätern überlieferten Judentums einführt. Während z. B. die Reform die Abfaffungszeit unserer heiligen Urkunden nicht tief genug herabsetzen kann, tritt er für ihr hohes, ehrwürdiges Alter ein und leugnet, nachdem der Leser diese Maske für Ernst genommen hat, die Göttlichkeit der mündlich überlieferten und der niedergeschriebenen Thora. Er wirft mit einem Wust von gelehrten Zitaten allen den Fehdehandschuh hin, die für die Jugend unseres heiligen Schrifttums eintreten, und weist ihr hohes Atter nach. Dann hinkt der Pferdefuß, der lange und sorgfältig durch die Unmasse taunudischer Beleg-' stellen verhüllt bleibt, in der Behauptung nach: das Alter der Thora reicht nicht nur bis Moses, sondern noch viel weiter zurück. Die Staaten und Völker, die zu Zeiten Moses' und vorher bestanden, hatten ja auch ihre Kultur, ihre Einrichtungen, Sitten und Gesetze. Was Moses unter diesen für geeignet hielt, das nahm er in seine Thora auf, was er für schädlich und unrecht erachtete, schied er aus, jenes sind die Gebote, dieses die Verbote der Thora!! Wir haben also keine Thora Gottes, sondern eine Thora Moses' in unseren Händen. Die Thora ist allerdings o’T! min, aber nicht in dem Sinnewie es seit aller Zeit im jüdischen Kreis gilt, eine Thora für das Leben, eine Thora, die uns das zeitliche und ewige Leben sichert, sondern eine Thora, die aus dem Leben geschöpft ist, die ihm einst angepaßt wurde, und die auchheuten och dem Leben anzupassen und zeitgemäß znz u st u tz e n i st. Und diese Leugnung der Göttliche von Thora und Mizwoth, dieses Sacrllegium an unwiesen, daß schon eine gewisse Routine und Berttautheit in der Handhabung des Talmud erforderlich ist, um diese Spiegelfechtereien zu erkennen

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