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Der Israelit · 1907-12-05 · Heft 49 (5.12.1907) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 49 (5.12.1907)
Date
1907-12-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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// euilleton. Der €nkel. 16 Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) „Wann ist er denn eigentlich geboren?" „So genau weiß ich das nicht, ich habe nicht auf die Uhr gesehen, dem Glücklichen schlägt bekanntlich keine Stunde, aber meiner Vermutung nach dürfte er bereits vierzig oder fünfzig Minuten alt sein." „Da war es allerdings schon hohe Zeit über seine Erziehung nachzudenken", sagte Gotthold indem er einen lächelnden Blick mit dem ihm gegenübersitzenden Gelehrten wechselte. Dieser erhob sich und reichte den beiden andern die Hand. „Gestatten Sie mir Ihnen auch Masseltow zu sagen zur Geburt Ihres Sohnes und Enkels." „Ich danke Ihnen, Herr Grünfeld", erwiderte Theodor, „aber wissen Sie, ich habe auf Sie gerechnet, Sie müffen mir helfen." „Mit Vergnügen, Herr Gotthold, vorausgesetzt, daß es in meinen Kräften steht." „Gewiß steht das in Ihren Kräften, es ist doch Ihr Beruf, ich meine nämlich. Sie sollen meinen Sohn unterrichten, mit ihm lernen." „Auch das werde ich mit Vergnügen tun." „Aber heute Abend doch nicht mehr," fiel Gotthold lächelnd, „heute ist's zu spät." „Freilich ist es heute zu spät," stimmte Theodor heiter zu, „und überdies, bevor Sie meinen Sohn unterrichten, müssen Sie mich unterrichten, das Hähnchen darf doch nicht mehr wissen als oer Hahn. Wo sollte denn sonst der Respekt Herkommen? Herr im Himmel! wenn ich mir denke, was der Junge für Fragen stellen könnte und ich wüßte sie nicht zu beantworten, müßte immer sagen: Frage den Großvater oder den Herrn Grünfeld. — Nein, nein, Sie müssen mich'' unterrichten, ich muß lernen, lernen für meinen Sohn." Das kam alles hervorgesprudelt wie das Ergebnis einer übermütigen Laune und doch war es dem jungen Mann Ernst damit, heiliger Ernst. Dem Vater war es noch nicht recht^klqL, wie er es nehmen sollte, der Gelehrte beurteilte ihn richtiger. „Sie haben einen braven Sohn, Herr Gotthold," sagte er, nachdem Theodor sich entfernt hatte, „denn wie Einer in der Freude sich gibt, so ist er und was Einer in der Freude gelobt, darauf kann man meistenteils rechnen. Im Unglück lernt man die Menschen meiner Ansicht nach nicht so leicht kennen, da find oft die Hochmütigsten gebrochen und zerknirscht, aber schon übermorgen recken sie den Hals wie vorher, und was sie im Unglück geloben — wenn der Sturm vorüber ist, oo sie es halten? — Sie aber werden noch viele Freuden erleben an Kindern und an Kindeskindern, deffen bin ich sicher." „Das gebe der Himmel!" entgegnete Gotthold. * * * Es war am folgenden Tage. Mit seinem Söhnchen auf den Knieen saß Theodor an dem Bette der Wöchnerin und flüsterte bald der Einen bald dem Andern Schmeichelworte zu, denen Malwine glückstrahlend lauschte. Da klopfte es leise an die Tür und leise ward dieselbe geöffnet, drehte sich lautlos in den Angeln. „Darf man näher kommen?" fragte Gotthold. „Papa! lieber Papa!" rief Malwine, ihm beide Hände entgegenstreckend. „St! mein liebes Töchterchen, st! so laut darfst Du heute noch nicht sein." „Aber wo ist denn der junge Herr?" „Hier ist er, lieber Vater? „Ein prächtiges Kerlchen. Wem sieht er denn eigentlich ähnlich?" „Ich glaube der Mama", sagte Theodor. „Das heißt Dir," siel Malwine ein, „Du hast ja ganz die feinen, sanften Zügen der Mama." „Wirklich? das habe ich nicht gewußt. Du sagst doch oft, ich schaute so sauertöpfisch drein, das hat doch von Mama niemand sagen können." „Frellich nicht," bemerkte Gotthold, „trotzdem finde auch ich, daß Du der Mama sehr ähnlich siehst und Dein Söhnchen Dir und ihr." „Aber jetzt ist es Zeit, daß ich mich auf den Weg mache." „Adieu liebes Kind! halte Dich weiter brav." „Adieu lieber Papa! habe Dank für Deinen Besuch. Machst Du uns heute nicht nochmals das Vergnügen?" „Wenn es die hohe Sanitätsbehörde gestattet, komme ich Abends nochmals." „Auf Wiedersehen! — Nein, bleibe Du nur bei Deiner Familie, ich finde den Weg schon allein," sagte Gotthnld, den Sohn, der ihg, hinausbegleiten wollte, zurückschiebend. Vergnügt' lächend ließ sich Theodor wieder neben dem Bette nieder. „Wie gut der Papa wieder aussieht und wie kräftig er mich da zurückgeschoben hat, als wäre ich ein kleiner Junge." Als Gotthold abends aus dem Contor kam, begab er sich zuerst in die Wohnung seines Sohnes, um sich nach dem Befinden seiner Schwiegertochter zu erkundigen und ihr eine gute Nacht zu wünschen. Länger wollte er sich nicht aufhalten, da die Wöchnerin, wie er behauptete, der Ruhe bedürfe. Wie am Morgen wollte er den Sohn, der ihn hinausbegleiten wollte, zurück in das Zimmer drängen, Theodor aber folgte ihm lachend. „Dieses Mal war ich stärker als Du, Papa. Mußt mich mitnehmen, denn ich möchte mir Deinen Rat erbitten in einer nicht unwichtigen Angelegenheit." „In diesem Falle will ich Dich gern mitnehmen, aber wenn Du mich nur begleiten willst, damit ich nicht allein gehe — das kann ich nicht leiden." „Warum nicht Papa? — es macht mir doch Vergnügen." „Wenn es Dir Vergnügen macht, dann will ich Dich nicht wieder zurückyalten, aber sonst. —" . „Heute Morgen hat es mir allerdings auch Vergnügen gemacht, als Du mich zurückgeschoben hast, denn das hast Du mit einer Kraft getan, die ich Dir nicht zugetraut habe." „Die Du mir nicht mehr zugetraut hast" ergänzte Gotthollächelnd. „Aber' ich bin doch noch nicht gar so alt, am Ende könnte ich's noch mit Dir aufnehmen." „Ich würde sicherlich den Kürzeren ziehen." „Selbstverständlich, denn Du würdest Deine Kraft mir gegenüber nicht in Anwendung bringen. Doch lassen wir den Unsinn," fügte er hinzu, indem er die Tür seiner Wohnung öffnete und vorausaing. „Komm, gleich ins Speisezimmer, ich mutz jetzt effen, später kommt Grünfeld. Also mein Junge, fange an, ich bin ganz Ohr." „Lieber Vater, Du wirft Dich erinnern, daß ich Dir im vorigen Jahre das Versprechen gegeben habe, fortan am Sabbath keine der mir als verboten bekannten Arbeiten zu verrichten." „Du Haft Dein Wort gehalten, nicht wahr? und wirft es auch fernerhin halten." „Selbstverständlich, was ich versprochen habe, halte ich. Du wirst Dich erinnern, Du wolltest damals, ich sollte Dir auch versprechen, am Sabbath nicht ins Contor zu gehen. — Das glaubte ich nicht halten zu können und habe es deshalb nicht versprochen." „Ich erinnere mich." „Nun aber bin ich in gewisser Beziehung in eine Enge geraten. Als ich unser süßes Bübchen zum erstenmal gesehen habe — ich kann Dir nicht beschreiben, wie mir da war — ich — ich — nein, derartiges läßt sich nicht in Worte kleiden, das läßt sich nur empfinden. — Was ich da empfunden habe — und wenn ich hundert Jahre alt würde, vergessen werde ich das nie. — In jener Stunde habe ich mir gelobt, nie und auch nicht um des größten Vorteils willen irgend etwas zu tun, was man als eine verbotene Handlung bezeichnen könnte." „Gott segne Dich, mein lieber Junge" sagte Gotthold, die Hand des Sohnes ergreifend und innig drückend. Theodor wechselte die Farbe und preßte einen Moment die Lippen aufeinander, dann fuhr er fort: „Jetzt kommt dasjenige, worüber ich mir Deinen Rat erbitten möchte. — Du hast zwar seitdem nie wieder davon gesprochen, aber damals war es Dir, wie ich glaube, nicht recht, daß ich Dir nicht versprechen wollte, den Sabbath ganz so zu halten, wie Du ihn hältst." „Freilich war mir das nicht recht — wie hätte mir denn das recht sein können?" „Nun, ich habe Dir doch damals versprochen — und ich wiederhole, ich habe es strengens gegehalten, nie habe ich seitdem persönlich eine am Sabbath verbotene Arbeit verrichtet." „Wenn Du das sagst, dann bin ich allerdings überzeugt, daß Du selbst glaubst, waS Du da gesagt hast. Aber sage mir, was tust Du denn eigentlich am Sabbath im Contor?" „Vor allem lese ich die eingelaufene Korrespondenz und sorge dafür, daß dieselbe entsprechend beantwortet oder in sonstiger Weise verwertet wird und bespreche das Erforderliche mit meinem Schwiegervater." „Jetzt sage mir aufrichtig, glaubst Du selbst, daß man dasjenige, was T>u da allsabbathlich tust, nicht als verbotene Handlung bezeichnen könnte?" Theodor wechselte die Farbe. „Du meinst also — „Pardon, ich habe gefragt, was Du meinst." „Ja, ich glaube, in Wirklichkeit habe ich keine verbotene Tätigkeit vollbracht, aber ich habe allerdings andere veranlaßt, solche zu vollbringen — doch wenn ich sie nicht veranlaßt hätte, hätten andere sie dazu veranlaßt." „Das ist für Dich keine Entschuldigung. Wenn Du unbeaufsichtigtes Geld vor Dir siehst und Du nimmst davon, unter der Voraussetzung, wenn Du nicht davon nimmst, so nehmen es andere, hast Du da nicht gestohlen? — Nein, Kind, wenn Du andere Juden veranlaffest, am Sabbath verbotene Arbeiten zu vollbringen, so hast Du dadurch kaum weniger unrecht getan, als wenn Du selbst sie vollbracht hättest. Aber auch das Besprechen geschäftlicher Angelegenheiten am Sabbath ist nicht zu billigen." Theodor wechselte wiederholt die Farbe, dann sagte er schwer aufatmend. „Demnach bliebe mir nichts anderes übrig — „Als am Sabbath das Contor nicht zu betreten." „Das wird einen harten Strauß mit einem Schwiegervater geben." „Ich bedauere aufrichtig, daß ich Dir denselben nicht erleichtern kann." „O, sei unbesorgt, Papa, ich fürchte mich nicht. Verkauft habe ich mich nicht. — Ich sehe allerdings ein, was ich jetzt tun werde, hätte ich von Anfang an tun müffen. Ich war zu feige. Aber was kann mein Schwiegervater mir denn tun? — nichts, absolut gar nichts. Schreien, schimpfen, Lärm machen wird er, aber im übrigen — höchstens kann er mir die Gemeinschaft kündigen, nun, dann muß er mir die Mitgift meiner Frau herausgeben, das wäre auch ein genügendes Betriebskapital." „Außerdem könntest Du jederzeit wieder in mein Geschäft eintreten," sagte der Vater. „Besten Dank. Ja, je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr sehe ich ein, daß es meinerseits ein großes Unrecht war, daß ich Dir nicht gleich im vorigen Jahr das von Dir verlangte Versprechen gegeben habe. Es ist allerdings nicht unwahrscheinlich, daß ich mir für später durch mein beabsichtigtes Vorgehen wesentlich schade, doch zu leben werden wir haben." - (Fortsetzung folgt.) ÜS äüü

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