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Der Israelit · 1907-09-05 · Heft 36 (5.9.1907) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 36 (5.9.1907)
Date
1907-09-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 36 des „Fsraelit". euilleton. ver €nkel. Erzählung von Friedrich Rott. 5) (Fortsetzung.) Gotthold wechselte die Farbe und preßte die Lippen aufeinander, dann erwiderte er in demselben Ton: „Wenn alle nichts anderes gegessen hätten, als was wir gegessen haben, meine Frau und ich samt dem Brautpaar, dann könnten wir in Wirklichkeit uv^orevb elokenu benschen." Der andere blickte ihn betroffen an. „Sprichst Du im Ernst?" „Im vollen Ernst — aber ich bitte dringend um Verschwiegenheit — wenigstens in Betreff des Brautpaares. Ich habe meine triftigen Gründe." „Dann habe ich Dir Unrecht getan, verzeihe! — aber — aber — ob Du Recht getan hast?" „Lieber Freund, wenn Du mich morgen besuchen willst, bin ich gern bereit, Dir Rede zu stehen. Heute und hier ist es unmöglich." Noch heiterer und lauter ward die Sttmmung, mehrere Tischlieder wurden gesungen, dann sprach der Gastgeber mit erhobener Sttmme: „Gesegnete Mahlzeit!" und reichte den ihm zunächst Sitzenden mit leichtem Kopfnicken die Hand. Und „Mahlzeit!" „Mahlzeit!" „Mahlzeit!" so tönte es von Mund zu Mund durch die ganze Tischgesellschaft und alle reichten einander die Hände. Die Verwandte des Gastgebers, die ihm geholfen hatte, die Honneurs zu machen, stand auf, alle Anwesenden folgten ihrem Beispiel, das Brautpaar eilte zu den Eltern, auch ihnen „Mahlzeit" zu wünschen, Malwine reichte, wie sie sich ausdrückte, ihren beiden Papas die Stirn zum Kuffe, dann umarmte sie ihre geliebte Mama, während Theodor allen die Hand drückte. Da ertönten aus dem Empfangssaal, der inzwischen zum Tanzsaal hergerichtet worden, die heiteren Klänge eines Strauß'schen Walzers und luden die Jugend und alle Freunde Terpsichorens zum Tanze, während die Nebenräume für's Spiel, für's Rauchen und der Erholung Bedürftige bestimmt waren. „Da^ ich Sie um die Ehre bitten, gnädige Frau, mit mir den Ball zu eröffnen?" wandte sich der Vater der Braut an die Mutter des Bräutigams. „Ach bitte, nein," erwiderte diese errötend, „ich habe seit länger als fünfundzwanzig Jahren nicht getanzt, ich bin viel zu alt dazu." „Ich bin doch noch weit älter," entgegnete Schröder lachend, „aber mit einer schönen Dame den Ball zu eröffnen, das getraue ich mich doch noch. Wenn meine Frau noch lebte, würde ich Herrn Gotthold ersuchen, mit ihr den Ball zu eröffnen, aber so — lassen Sie sich erbitten, gnädige Frau!" . Frau Gotthold sah mit einer gewiffen Aengstlichkeit von dem Einen zum andern. „Ich weiß wirklich nicht." „Tue meinem Schwiegerpapa den Gefallen, liebe Mama," bat Theodor, „mache uns allen die Freude, Dich auch im Tanze bewundern zu können." „Ach, ich bitte Dich!" „Ziere Dich nicht länger, Alte!" sagte Gotthold lachend, indem er die Hand auf ihre Schulter legte, „ich habe Dich zwar noch nicht tanzen sehen, aber ich weiß im vorhinein, was Du tust, das machst Du gut und schön." „Nun denn, meinetwegen." Sie legte ihre Hand auf den Arm, den er ihr bot und ging mit ihm in den Tanzsaal, voll woher die lieblichen Weisen noch immer lockend ertönten, das Brautpaar folgte Arm in Arnr und dann kamen eine ganze Anzahl tanzlustiger Paare, die sich rasch gefunden hatten. Gotthold hatte mit einigen Freunden ein Spielchen verabredet, aber er wollte doch erst seine Frau tanzen sehen, in sich hineinlachend rieb er sich vergnügt die Hände, während er den Klängen der Musik nachging. Richttg, da schwebte sie schon dahin an des alten Schröders Arm, der seine Sache auch nicht schlecht machtewer sah es dem flotten Tänzer an, daß er sein fünfundsechzigstes Jahr schon hinter sich hatte? Aber seine Frau — nun, das war geradezu staunenswert, durch die Bewegung beim Tanzen echauffiert, schien sie kaum älter als ihre Schwiegertochter und ihm erschien sie heute noch schöner als die liebreizende Malwine Schröder. Und wie leicht, wie anmutig sie dahin schwebte — Jetzt war ihr Blick dem seinen begegnet und sie hatte ihm fteundlich zugelächelt, Malwine hatte es gesehen, hatte ihm gleichfalls zugelächelt, und hatte ihren Bräutigam aufmerksam gemacht, daß sein Vater dem Tanze zusah und auch des Sohnes glückstrahlendes Auge war dem seinen begegnet. Er fühlte sich so froh, so glücklich — so glücklich hatte er sich noch nie gefühlt. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter, er wandte sich hastig um und in der Meinung, einer der Freunde, mit denen er das Spiel verabredet hatte, wolle ihn rufen, sagte er unmutig lachend: „Nun, nun, die Karten laufen doch nicht davon. — Aber ich komme sofort." „Ich möchte Sie um eine kurze Unterredung bitten — aber sofort." „Ah, Sie sind's, Herr Doktor! — Pardon, ich hatte geglaubt, es wäre der Arnold Weigner, der mich zum Spiel rufen wollte. Aber sehen Sie nur, wie meine Frau da tanzt, das muß Sie, als ihr langjähriger Arzt doch auch interessieren." „Gewiß interessiert mich das. Frau Gotthold sieht ja aus, als wäre sie ihre eigene Tochter. — Sie feiern aber auch heute ein schönes Fest und ich hoffe, Sie sind überzeugt, welch innigen Anteil ich an ihrer Freude nehnie." „Aber gewiß, Herr Doktor." „Dennoch muß ich Sie bitten, mir unverzüglich in ein anderes Zimmer zu folgen." „So dringend ist es?" „Würde ich Sie sonst stören?" „Also bitte, dort an jener Seite finden wir wohl ein leeres Zimmer." Der Arzt ging voran und zwar ziemlich rasch, Gotthold folgte kopffchüttelnd, in dem er sich vergebens bemühte zu erraten, was der andere von ihm wollte. Am unteren Ende des Saales öffneten sie eine Tür und traten in ein leeres Zimmer, Gotthold drückte die Tür hinter sich ins Schloß. „Ich denke, hier werden wir nicht gestört werden. Also Herr Doktor, wenn ich bitten darf." — „Sie wollen baldigst wieder zur Gesellschaft — aber so rasch geht das nicht, ich möchte Sie doch bitten, sich zu setzen." Unmutig lächend ließ sich Gotthold in einen Sessel nieder, der andere setzte sich ihm gegenüber. „Warum ist eigentlich ihr ältester Sohn nicht zu dem Feste gekommen? — zur Verlobung seines einzigen Bruders." „Er schrieb uns, es sei seine feste Absicht gewesen herzukommen, aber es sei ihm im Augenblick nicht möglich, abzukommen. Ich verstehe ja seine Sache nicht, aber er versicherte, er könne im Augenblick nicht abkommen, es sei unmöglich.,, „Es wäre besser gewesen, wenn er hergekommen wäre," sagte der Arzt schwer aufatmend „es ist geradezu ein Verhängnis, daß er nicht gekommen ist." Der andere blickte ihn betroffen an. „Ich verstehe Sie nicht." — „Das können Sie auch nicht. Mein armer, armer Freund!" „Um Gotteswillen! Herr Doktor! Was ist geschehen?" rief Gotthold aufspringend. „Reden Sie! reden Sie!" Mit sanfter Gewalt drückte der Arzt ihn zurück in den Sessel. „Ich werde reden, leider! leider! Ich darf es Ihnen nicht länger verschweigen. — Schon vor zwei Stunden habe ich eine Depesche aus M. erhalten — ich konnte mich nicht entschließen, Ihnen dieselbe während Ihres Freudenmahles zu übergeben, aber jetzt" — „Geben Sie!" stammelte Gotthold, dessen sonst stets ftisch gefärbtes Antlitz aschfarbene Blässe überzogen hatte. „Seien Sie ein Mann, Herr Gotthold," sagte der Andere, indem er ihm ein entfaltetes Blatt reichte, „bedenken Sie, daß Sie in wenigen Stunden abreisen müssen." Ein heftiges Zittern hatte den sonst so starken Mann befallen, vor seinen Augen flimmerte es, er war nicht imstande die wenigen Worte auf dem Blatte zu entziffern. „Ich kann nicht," flüsterte er, „bitte — lesen Sie." Der Arzt nahm die Depesche und las: „Explosion im Laboratorium, Gotthold schwer verwundet, Eltern müssen sofort Herkommen. Dr. Merz. Gotthold schien dem Ersticken nahe, vergebens rang er nach Worten, er brachte keinen. Laut hervor. „Fassen Sie sich, Herr Gotthold," bat der Arzt, „denken Sie an Ihre arme Frau, sie müssen sie stützen." Der Unglückliche preßte die Lippen aufeinander und ballte die Hände, als könne er dadurch ein Wort erzwingen, mächtig arbeitete es in seiner Brust. Endlich gelang es. Er preßte beide Hände gegen die Brust und sprach flüstern!^ „Wann geht der Zug?" „Der nächste Zug nach M. geht um vier Uhr hier ab, jetzt ist sehr bald Mitternacht, ich glaube, es wäre die höchste Zeit auch Ihre Frau Gemahlin in Kenntnis zu setzen." Eül Wimmern entrang sich Gottholds Brust. „Meine arme, arme Frau! — Ist es denn notwendig, muß sie es wissen?" Der Arzt zuckte die Achseln. „Ich wüßte nicht, wie Sie es ihr verschweigen könnten. — Und überdies, wie ich sie kenne, würde sie es Ihnen nie verzeihen, wenn Sie zögen, wiirden, es ihr mitzuteilen." Gotthold rang die Hände. „Ich kann nicht! — Großer Gott! — ich kann nicht! — „So gestatten Sie, daß ich es ihr mitteile, es wäre Frevel sie in Unkenntnis zu laffen. Bleiben Sie hier, ich werde Ihre Frau berfüyren und wir werden es ihr so schonend als möglich beibringen. Inzwischen werde ich einen Wagen bestellen lassen, denn Sie müffen sich in unauffälliger Weise entfernen. Herrn Schröder werde ich au fait setzen, dem Brautpaar werde ich jedoch sagen, daß Ihre Frau sich nach dem Tanz etwas ermüdet gefühlt hat und daß ich Ihnen deshalb geraten habe, mit ihr nach Haufe zu fahren. Aber Sie dürfen sich nicht so hingeben, sonst könnten wir Ihre Frau nicht glauben machen, daß die Sache nicht so arg ist." „Sie haben Recht," sagte Gotthold gepreßt, „ich danke Ihnen." Der Arzt entfernte sich, schon nach wenigen Minuten kam er mit Frau Gotthold zurück. (Fortsetzung folgt.)

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