Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-08-29 · Heft 35 (29.8.1907) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 35 (29.8.1907)
Date
1907-08-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449280--63758-2506320
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Lruillrton-Beilage zu Nr. 55 des „Israelit". euilleton. ver knirel. Erzählung von Friedrich Mott. 4) (Fortsetzung.) Malwine hatte die Schwiegermutter gebeten, ihrem Vater gegenüber nichts davon zu erwähnen, daß sie fest entschlossen war, ihren künftigen Haushalt rituell zu führen. Sie wolle es gegenwärtig nicht zu einer Controverse mit ihm darüber kommen lasten, denn sie glaube nicht, daß er ihr Borhaben billigen wen>e. Gegenwärtig stehe sie noch unter seiner Botmäßigkeit, aber später wenn sie erst ihrem geliebten Theo angetraut sein werde, dann habe sie nach keinem andern mehr zu fragen. Gotthold und seine Frau konnten die Berechtigung ihrer Bitte, so wie die Richtigkeit ihrer Anschauungsweise nicht bestretten und um den alten Schröder nicht vorzeitig LU kait zu setzen, beschlossen sie, aus dem Borhaben ihrer Schwiegertochter überhaupt ein Geheimnis zu machen. Für Frau Gotthow war dies in der Tat ein schwerer Entschluß, sie glaubte schon die Fragen ihrer verschiedenen Freundinnen und Bekannten zu hören, wie sie es denn mit dem Essen machen würden, da Malwine Schröder bekanntlich an koschere Küche nicht gewöhnt war. Sie würde dann schon erzählen, daß ihre Küche ihrer Schwiegertochter allabendlich vortrefflich munde, aber auf weiteres würde sie sich nicht einlaffen, sie durste dem herzigen Kinde keine Schwierigkeiten bereiten. Der große Tag war gekommen und neigte sich rasch zu Ende, denn man befand sich im letzten Viertel des Dezember. Das prächtige Wohnhaus des Millionärs erstrahlte in einem Meer von Licht, die ganze Straße, die die Wagen, die die Gäste herführten, passieren mußten, war dadurch erhellt. Galonnierte Bediente huschten hin und her, treppauf, treppab, die ankommenden Gäste in die Garderobe zu geleiten und dann in den Prächtigen Empfangssaal, wo der Gastgeber sie erwartete und eine ältere Verwandte ihm behilflich war, die Honneurs zu machen, denn auf seine Tochter gknckte er heute nicht rechnen zu können: Ueberdies sollte Malwine nicht sichtbar werden, bevor nicht wenigstens die Mehrzahl der Gäste beisammen, und dann — er hatte das reiflich überlegt, es schien überhaupt nicht ratsam, seine Tochter mit den Geladenen in Kontakt treten zu lassen, bevor er ihre Verlobung veröffentlicht hatte. Das Mädchen war ja nie zu berechnen und jetzt weniger als je. Ihm näher stehende Freunde und Bekannte halten sich schon nach seiner Tochter erkundigt, die Tochter des Hauses ward bereits allgemein vermißt, man war gewohnt siie mit ihrem lebhaften Wesen bald hier, bald dort zu sehen, gewöhnlich umringt von einer Schar Verehrer, und heute — man mochte sich umschauen, wie man wollte, nirgends eine Spur von ihr. „Hat sich vermutlich mit der Toilette verspätet", hatte ihr Vater auf alle diesbezügliche Fragen geantwortet, niemand hatte es ihm geglaubt und es war bereits eine gewisse Spannung unter den Anwesenden eingetreten, das Vorgefühl eines ungewöhnlichen Ereignisses, die Wahrheit ahnte keiner. Mit Befriedigung gewahrte Schröder bald hier, bald dort ein Zischeln, wie sich die Blicke erwartungsvoll bald auf diese, bald auf jene Tür richteten. Er rieb sich vergnügt die Hände, so hatte er's gewollt. Der große Saal schien ihm endlich genügend gefüllt, er blickte sich nach allen Seiten um, die bedeutendsten Persönlichkeiten seines Kreises waren bereits anwesend, auf diejenigen, die noch fehlten beschloß er nicht langer zu warten, man muß . doch Mitleid haben mit der prickelnden Neugier, die sich auf den Gesichtern wenigstens sämtlicher Damen kenntlich machte. „Verzeihen Sie, lieber Freund", wandte er sich an einen Herrn, mit dem er sich eben in lebhafter Unterhaltung über den ungewöhnlichen Frost der jüngst vergangenen Tage befunden, „bitte, mich einen Augenblick zu entschuldigen." Er hatte bei diesen Worten in die Brusttasche gegriffen und aus derselben einen Schlüssel hervorgezogen. Mit dem Schlüssel in der Hand durchschritt er den weiten Raum. Er fühlte aller Blicke auf sich gerichtet, denn in der zahlreichen Gesellschaft herrschte plötzlich lautloses Schweigen, das Zeichen gespannter Erwartung. Bor einer am unteren Ende des Saales seitwärts gelegenen Tür machte er Halt, schob den Schlüssel in das Loch und schloß auf. Man hörte wie der Schlüssel im Loch sich drehte, so still war es ringsum. Er öffnete die Tür und trat ein. Die Anwesenden sahen einander an, was sollte das bedeuten? was ging vor. Ein Diener öffnete jetzt die Flügeltüre des Nebenzimmers und der Gastgeber trat wieder in den Saal. An seinem rechten Arm führte er seine Tochter. Malwine war berückend schön in ihrer bräutlichen Erregung und in ihrer einfachen und doch zauberhaft duftigen Toilette. Blendend weiße schimmernde Gaze umhüllte ihre schlanke geschmeidige Gestalt unb rauschte in weißer silbern schimmernder Wolke als Schleppe hinter ihr einher. Myrthenzweige und Orangenblüten waren wie hingestreut aus das prächtige Gewand. An seinem linken Arm führte er den jungen Gotthold, glückstrahlend als junger Bräutigam. Ein Laut des Staunens ging durch die Versammelten, das hatte Niemand geahnt. Langsam und feierlich trat der Gastgeber mit seinen Kindern bis in die Mitte des Saales, stellte sie seinen Gästen als Brautpaar vor und erbat in wenigen, aber wohlgesetzten Worten die Glück- und Segenswünsche der Freunde zu dem Bunde der Herzen, die sich in Liebe gefunden. Die Musik fiel mit brausendem Tusch ein und dann folgte ein Jubel und ein Trubel, mit Worten kaum zu schildern. Der Vater der Braut und die Eltern des Bräutigams umarmten das Brautpaar und dann wurden sie von allen Anwesenden umringt, Jede und Jeder brachte die herzlichsten Glückwünsche und sprach von der unvergleichlichen Ueberraschuna, die ihnen geworden und wie die jungen Leute für einander geschaffen schienen. Sie waren in Wirklichkeit ein schönes und glückliches Paar, man sah, das war in Wirklichkeit ein Bund der Herzen, den nicht die Convenienz geschlossen. Anfangs war die innige Zustimmung allerdings mehr auf Seite der Braut gewesen, hätte sie kein nennenswertes Vermögen gehabt, er hätte sich schwerlich um sie beworben, io freundlich sie ihm entgegen gekommen und so ehr es auch seiner Eigenliebe geschmeichelt hatte von der allgemein bewunderten Schönheit in auffallender Weise ausgezeichnet zu werden. Aber Malwine war nicht nur schön, sie war auch klug, überaus klug, man konnte sie sogar schlau nennen. Sie hatte es daher auch rasch herausgefunden, daß der junge Mann, den sie vergötterte, ein ausgezeichneter Sohn war und sie glaubte sich seiner Neigung nicht besser versichern zu können, als wenn sie seinen Eltern die innigste Liebe und Verehrung bewies. Das war ihr auch durchaus nicht schwer geworden, denn Gotthold und seine Frau waren feingebildete, liebenswürdige Leute, die die Braut ihres Sohnes aufrichtig in ihr Herz geschloffen hatten. Seitdem erwiderte Theodor ihre zärtliche Zuneigung beinahe mit gleicher Innigkeit und man konnte sich kein glücklicheres Brautpaar denken als das- Szf dessen Verlobung soeben proklamiert en war. Als endlich die allgemeine freudige Aufregung in einigermaßen ruhigere Bahnen geleitet schien, war es an der Zeit zu Tische zu gehen. Malwine teilte ihren Schwiegereltern in der Stille mit, sie habe mit dem Küchenchef vereinbart, daß zu jeder Schüssel, von der sie nichts genießen könnten, eine zweite herumgereicht werde, mit nicht animalischen Bestandtellen. So konnten sie, ohne ihr Gewissen zu verletzen und ohne Aufsehen zu erregen, an dem Mahle sich beteiligen. Gotthold zog sein geliebtes fürsorgliches Töchterchen an sich und küßte es auf die Stirp. Seine Frau dankte ihr zwar auch, aber im Innersten ihres Herzens war sie sich noch immer nicht klar, ob sie sich nicht doch versündige durch ihre Teilnahme an diesem Mahl. Doch was wollte sie tun? — wer A gesagt hat, mutz auch B. sagen. Man ging zu Tische. Der Brautvater führte die Mutter des Bräutigams und unterhielt sich lebhaft mit der noch immer schönen liebenswürdigen Frau, die eher für die Schwester des Bräutigams als für dessen Mutter gehalten werden konnte. „Wissen Sie, Frau Gotthold, daß ich zuweilen in Wirklichkeit eifersüchtig auf Sie bin?" „Auf mich?" fragte sie lächelnd. „Ja, ja auf Sie. Meine Malwine gibt well mehr auf ihre geliebtes Mama als auf ihren allen Vater. Theo's Papa steht bei chr allerdings auch sehr hoch, aber die geliebte Mutter doch noch ungleich höher. Ich glaube, Sie könnten alles mll ihr durchsetzen." „Ich glaube, Malwine ist überhaupt nicht schwer zu lenken, man muß sich nur an ihren Verstand wenden, der erfaßt alles überaus rasch." Der alle Schröder brach in ein lautes Lachen aus. „Meine Malwine wäre leicht zu lenken? Da kennen Sie sie schlecht. Zwar Verstand hat sie genug, übergenug. Aber bocksbeinig ist das Mädchen! — Herr im Himmel, was hat sie nicht schon alles mit mir durchgesetzt!" Trotz der lebhaften Unterhaltung ringsum hatte Malwine die Worte ihres Vaters vernommen und verstanden. Rasch sprang sie auf und eilte hinter Frau Gottholds Sessel und umschlang sie mit ihren Armen. „Glaub's nicht, Mama, ich bin nichtsweniger als bocksbeinig, ich bin ein sanftes Schäfchen." Ihr Vater lachte noch ärger und streichelte ihr lachend die rosigen Wangen. „Gewiß, so sehen die Schäfchen aus. Sie werden sich schon überzeugen Frau Gotthold, meine Malwine ist die personifizierte Sanftmut." Jetzt schlug der Gastgeber an sein Glas und brachte in launigen Worten den ersten Toast aus auf die Helden des Tages, auf das Brautpaar aus. Er hob sein Glas und schloß mit den Motten: „Hoch sollen sie leben! Hoch! In brausendem Jubel siel die Tischgesellschaft, von der Musik begleitet, ein: „Hoch sollen sie leben! Hoch sollen sie leben! hoch! hoch! hoch!" Und Nun folgte Toast auf Toast, die Sttmmung ward immer animietter. Da trat ein Jugendfteund des älteren Gotthold zu diesem, um mit seinem Glas an das des anderen anzuftoße». Dabei neigte er sich zu ihm und sprach flüsternd: „Wir könnten oo^oreob elokenu benschen, meinst Du nicht, Louis?" (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.