Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1907)
- Date
- 1907-07-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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» Sifrfiifff mb Br.LdiRUiiillbiB 48. Jahrgang. a m »an II. Juli 1907. Sranhfurf a. UI.. 9en 29. Tamus 5667. M Der JSkaelit erscheiNt jeden Donnerst^. Ndmmements r Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50 vierteljährlich, HestauSgabe auf Kunstdrn<^a-ier Mk. 3.— vietteljLhrlich.(Äu-lmckiwreise Mt die gewöhnliche Aufgabe: Oesterreich 2 Kr., Rußland 1 Rub., England S sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1,20 fl.) Abonnementbei allen Postanstaltrn, Buchhandlungen, sowie direkt -drk/der ^LrPkdlt^. Hrstau-sal'' nur direkt, gstchesater M Pfennigs für die sech-gespaltene Tolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnferatcnannahme irmr durch Haaßenstein u..B»sl<r 8-O» i» Sottta der der ist. ft» PostspckedaWe Wie« 94«. 79005. Frankfurt a. M. und deren Filiale«. Taut» bei de« ft. Mßttcht Zmttst- „kmavripation". Der Abschnitt der russischen Staatsgeschichte, der mit der Auslösung der zweiten Duma begann, ist vom Zaren in vielversvrechender Weise eingeleitet worden. Der Verband der „wahrhaft russischen LerM", dessen sehnlichster Wunsch durch die Beseitigung der Duma erfüllt wurde, hatte dem Zaren sogleich seine Dankbarkeit ausgesprochen. Das Telegramm, mit dem diese Huldigung erwidert worden ist, hat allenthalben Aufsehen erregt. Und dies mit Recht. Denn wenn man es auch versteht, daß der Zar die Verherrlichuna der Autokratie und die Agitation für deren Wiederherstellung nicht ungern sieht, so mußte doch die Art, wie in der Antwort des Zaren die.Rotte, die das Blut zahlloser unschuldiger Menschen auf dem Gewissen hat, gelobt und ermuntert wurde, auch dem Skeptiker Verwunderung abringen. Daß der Mann, der eben im Haag seine Diener für den Weltfrieden wirken läßt, im eigenen Reiche den Menschenmord sanktioniert, ist auch bei aller Würdigung der abnormen Verhältnisse des Zarentums ein aus dem Rahmen des Gewöhnlichen heraustretender Vorgang. Das an den Verband der russischen Leute gerichtete Telegramm ist ein zeitgeschichtliches Dokument von -erschreckender Eigenart, ein Dokument, das der Nachwelt einst künden wird, wie am Anfang'tzes tzo. Jahrhunderts ein Herrscher Über Hunderte von Millionen die Pflicht verstand, für das Wohl seines Volkes zu sorgen. Es ist eine erfreuliche Tatsache, daß das Zarentelegramm selbst in nicht gerade judenfreundlichen Kreisen ernste Mißbilligung erfahren hat. Man sagt, daß auch der Premierminister Stolypin nicht damit einverstanden war,und daß darauf die Entlassung des berüchtigten Regierungskontrolleurs Schwanebach zurückzuführen ist, der als der Urheber der kaiserlichen Kundgebung gilt. Man muß zugeben, daß Stolypin im allgemeinen bemüht ist, Ausbrüche der Schwarzen Banden gegen die Juden zu verhindern. Und es ist auch möglich, haß er dies nicht nur aus irgend welchen äußerlichen Motiven tut. Zuweilen freilich hat man den Eindruck, daß er — um es mit dem mächtigen „Verband" nicht zu verderben — die Zügel einigermaßen schleifen und die nötigen Anweisunger^zum Schutz der Juden nicht mit dem erforderlichen Nachdruck ergehen läßt. Sonst Wäre es nicht mögkch-daß nun schon wochenlang in Od effa zwar nichtMassenpogröme,aber ununterbrochene blutige Angriffe auf jüdische'Einwohner verüvt werben. Wie aus den letzten Odeffaer MeldurHen ersichtlich ist, nimmt h«s«c Pogrom an Ausdehnung zu, sodaß die Spitäler der Judengemeinde reichliche Beschäftigung haben. Wenn, wie anzunehmen ist, Stolypin wirklich daran liegt, daß es nicht wieder zu großen Metzeleien kommt, dann wird er dem Treiben der Mordbuben vom wahrhaft russischen Verband endlich energisch Halt gebieten muffen. Man kann das Programm Stolypins in der Judenfrage dahin zusammenfassen: Keine Pogrome, aberauchkeineRechte. Für die Emanzipation der Juden ist dieser Mann offenbar nicht zu haben; auch nicht für eine Emanzipation im kleinen Stil. Alle seine Kundgebungen über Rechtserweiterungen für die Juden sind bis jetzt ohne praktisches'Resultat geblieben. Die Vorschläge der zweiten Reichsduma hat er natürlich als viel zu weitgehend zurückgewiesen. Und von seiner eigenen Initiative ist in dieser, die Lebens intercssen von Millionen russischer Staatsbürgerangehenden Frage noch kaum etwas zu merken gewesen. Auch die jüngste Regierungsverordnung, die er in Betreff des Wohnungsrechtes der Juden hat ergehen taffen, bedeutet keinen nennenswerten Fortschritt. Es ist bemerkenswert, daß die Ansätze zu Rechtserweiterungen, die bisher zu verzeühnen sind, sich immer nur auf die außerhalb des sogen. Ansiedlungsrayons wohnenden Juden beziehen, die nur einen ganz kleinen Bruchteil der gesamten jüdischen Bevölkerung darstellen. Auch diesmal werden nur die Juden bedacht, die außerhalb des Ansiedlungsrayons ihren Wohnsitz haben. Sie sollen, falls sie sich vor 1. August 1906 dort niedergelaffen habiM, vorläufig nicht ausgewiesen werden können, unter der Bedingung freilich, daß sie sich nicht politisch unliebsam betätigeneine Bedingung, die der Willkür der Berwaltungsbeamten weitesten Spielraum gewährt und damit den Wert dieser an sich schon so unbedeutenden Maßregel noch geringer erscheinen läßt. Man merkt deutlich, daß Stolypin hier nur den Zweck verfolgt, ur »liquid feeisse videatnr. Die politische Gesamtlage des Zarenreiches zeigt keine Aussicht, daß in der nächsten Zeit für die Verhältnisse der Juden eine Besserung herbeigeführt werden könne. Man kann davon absehen, daß bei den Neuwahlen im Herbst kaum ein einziger jüdischer Kandidat durchzudringen hoffeil darfdenn dies ist von minderer Bedeutung. Aber die freiheitlichen und den Juden günstig gesinnten Parteien werden aller. Wahrscheinlichkeit nach auch nur bedeutend geschwächt in die neue Duma einziehen. Und so wird man schon zufrieden sein müssen, wenn das dritte russische Parlament das Leben unserer Brüder im Osten nicht noch schlimmer gestatten hilft. Die präparan9ie-5rage in Ungarn. . Die in der letzten Versammlung der ungarischen orthodoxen Landesrepräsentänz auf^röllte Frage der Errichtung eines LehrersMlkars scheint die Gemüter lebhaft zu betvegem 'Daß es himmelschreiende Mißstände sind, denen durch die Lösung dieser Frage abgeholfeu werden würde, bestreitet niemand. Was die Gegner des Präparandse-Gedankens ins Feld führen, ist mehr das Ergebnis einer instinktiven Abneigung gegen die modernen Formen desUnterrichtswesens cüs der Ausfluß ernstlicher Befürchtungen. Denn dich die eine Lehrerbildungsanstalt mit zehn, fünfzehn, meinetwegen sogar dreißig Miturienten zu einer „Verödung" der führen und den Ruin des min -Studiums herauf beschwören würde — das ist doch ein kaum ernst zu nehmendes Bedenken! Wie dem aber auch sei — wir möchten die dringende Mahnung an Freunde und Gegner des PräparandiePkanes richten, vor allen Din«» die Ruhe zu bewähren ünd die Angelegenheit nicht zu einer politischen Streitftage erster Ordnung aufzubauschen. Die ungarische Orthodoxie genießt das unschätzbare, bei uns in Deutschland vielleicht noch mehr als ist Ungarn selbst gewürdigte Glück, selbständig organisiert und von Regierung und Oeffentlichkeit als geschloffene Einheit anerkannt zu sein. Die Machtstellung und der Einfluß der ungarischen Orthodoxie sind indessen auf die Dauer abhängig davon, daß sich die innerhalb des orthodoxen Lagers, wie überall, vorhandenen Richtungen miteinander vertragen und auf ihre Anschauungen, die in den Grundfragen ja gar keine Divergenz aufweisen, gegenseitig Rücksicht nehmen. Hatten sich die Wortführer der um die Präparandiefrage kämpfenden Parteien diese Tatsache vor Augen, so werden sie nicht nur auf eine in der Form verletzende Polemik gerne verzichten, sondern vor allem in Ruhe nach einem Wege suchen, der es ermöglicht, dem schreienden Notstand abzuhelfen, ohne die gegnerischen Elemente, die denn doch einen, wertvollen Bestandteil der orthodoxen Organisation bilden, durch eine lärmende Agitation vor den Kopf zu stoßen.. Zu der offiziellen Leitung der ungarischen