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Der Israelit · 1907-06-06 · Heft 23 (6.6.1907) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 23 (6.6.1907)
Date
1907-06-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der Israelit Ei Ccntraforfan für das srtMixe Jafcntu Ktf rillet m Dr ‘ 48. laftrgang. Sranhfurf a. M.. 9en '^ 5667. M 23. ©er JSraeltteeicheint jeden Dvrmerstag.' Abonnements: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50 vierteljährlich, HestauSgabe auf Kunstdruck-a-ier Mk. 3.— vierteüährlich. (Auslandspreise gewöhnliche AjrSgabeOesterreich S Kr., Rußland 1 Bub., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1,20 fl.) Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhckndlnngen» sowie direkt Mchchstjon. HrfttwSgabe mvc direkt. Inserate: So Pfennige für die seWAspaltene Tolvuel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haasenstrin u. Boglrr ' " ' WWchM M. und deren Malm. «meto bei de« «. Postfbarkafienchmt Vnbapest « für die bei $et Die Lage der Me« in Rn$$i$d>- Pöien. Wir haben den Lesern vor einiger Zeit ein Bild der sozialen Lage der Million galizischer und Bukowinaer JUoen nach den Erhebungen eines österreichischen Mchters gegeben, der sich mit der Judensrage selbst nicht beschäftigte, dieselbe vielmehr in seinen allgemein gehaltenen Berichten über die Bevölkerung dieser Länder ohne Unterschied Her Religion und Rasse.UW unwillkürlich gestreift hat. Umso mehr werden bei der Aktualität des Gegenstandes Mitteilungen einer Dame. aus dem Londonet'tzighlife interessieren, deren Urteil sowohl in EMand wie in Amerika nicht verfehlen dürfte, die'Volksvertretungen, die durch die Einwanderung gezwungen sind, sich mit der Jüdensräge zu befassen, in weitgehendstem Maße zu hW^flufsen. The Polish Jew von Beatrice E. Baskerville, London, herausgegeben in Warschau 11. August .1906, ist der Titel dieser höchst beachtenswerten Studie, die ein weit höheres als düs bloß literarische Interesse in ' Anspruch zu nehmen geeignet ist. Zweck und Tendenz derselben, sagt die Vorrede^ .sei der Nachweis von Tatsachen, welche mit den sowohl in Großbritannien als den Bereinigten Stacken. landläufigen Anschauungen Mer in derartigem Gegensatz MWdaß die Versicherung vorausgeschickt werden Müsse, daß diese Ergebnisse nicht auf einer flüchtigen Reise, sondern während eines achtjährigen Aufenthaltes im engsten Kontakt mit den leitenden Kreisen aller Richtungen wie im Verkehr mit dem Volke selbst gesammelt worden sind. In allen Klassen derBevölkerung, vom Antisemiten bis zum Nationaljuden, in den Äund kleinen Ghettis, in den Kreisen der Dativen wie der Revolutionäre habe hie Verfasserin ihre Erfahrungen gesammelt. In der Absicht, die soziale und ökonomische Bedeutung einer Bevölkerung kennen zu lernen, die zu Tausenden jährlich nach den engsisch sprechenden Ländern auswandert, und zum Nutzen dieser armen Fremden ebenso wie zu dem der von ihrem Besuche in Aussicht genommenen Wirtsvölker. Daß die Verfasserin wirklich auch den Nutzen der polnischen Juden im Auge habe, das möchten wir denn doch stark bezweifeln. Denn schon in der Vorrede spricht sie von einer Gefahr, der den angelsächsischen Völkern von diesen Massen drohe, die angeblich auch die polnische Bevölkerung mit der Wucht chres Üebergewichtes beherrschen. So unbegründet diese Anschauungen dem Kenner der Bechältniffe erscheinen, so lächerlich sie jedem Unbefangenen Vorkommen müssen, sie können und dürfen nicht ignoriert werden, da sie, nicht in das Gewand des gewöhnlichen Antisemitismus gekleidet, sicher dazu benutzt werden, den Maßregeln, durch welche England sein so viel bewundertes Palladium des Asylrechtes verunglimpft hat, und dem ähnlichen Verfahren anderer Länder einen Schein der Berechtigung zu geben. Noch ein anderes sichert dem Buch unsere Aufmerksamkeit. Die täglich» uns beschäftigende Frage, wie dem Elend der russischen Juden einigermaßen abzuhelfen wäre, macht es uns zur Pflicht, deren Verhältnisse kennen zu lernen, die trotz allem, was darüber geschrieben und geredet wurde, dem Westjuden noch immer terra incognita sind. Und da kommt uns das vorliegende Buch ganz vortrefflich zu Statten. Vor allem das statistische Material: In den zehn polnischen Gouvernements mit einer Totalbevölkerung von 9 401097 Seelen sind 14,01 Prozent — 1 316576 Juden. In den zwei Hauptzentren, in der Hauptstadt Warschau mit 28,2 Prozent und in Lodz, dem polnischen Manchester, mit 25,09 Prozent. Juden haben wir die stärksten jüdischen Ansiedelungen Rußlands. Von der obigen Gesamtziffer gehören,"'namentlich seit dem japanischen Kriege und den ihm folgenden inneren Wirren, 80 Prozent dem Proletariats an, das die Auswandererschiffe füllt. Bon den 9 400000 Seelen der polnischen Gesamtbevölkerung zählen neun Millionen zu den arbeitenden Klaffen, indem zwei Millionen in Fabriken und Hüttenwerken beschäftigt sind und etwa sieben Millionen der Landwirtschaft obliegen. Von letzteren sind drei Millionen gänzlich ohne eigenen Grundbesitz, während die Kleinbauern einen Durchschnittsbesitz von 3 Acres --- l‘/5 Hektar aufzuweisen haben, der bei den wohlhabenderen Bauern auf 6,16, selten 25 Hektar steigt. Der Kleinbesitz von 1'/» Hektar erreicht samt Wohnung und Vieh den Wert von ca. 1000 Rubel —2000 Mk. Die hohen Steuern und der primitive Agrikulturbetrieb machen für die Ernährung einer Bauernfamilie mindestens einen Besitz von 18 Hektar notwendig. Daher kann der Kleinbauer seinen Unterhalt nur durch den fremden Taglohn seiner überschüssigen Familienmitglieder finden, oder durch Sachsengängerei der männlichen Mitglieder nach Deutschland und Amerika, wobei für die Zeit der Abwesenheit die Landwirtschaft der Frau und den Töchtern überlasten wird. Der Taglöhner verdient auf den polnischen Rittergütern jährlich 60—80 Mark bar, dazu kommen an Naturalien: 14 Sack Korn, 20 Sack Krtoffeln, 1 Ar Ackerland für den Anbau des Flachses, aus welchem die Bäuerinnen die groben Leinenhemden spinnen, etwas Brennholz uttb das Recht, eine Kuh auf der Hutwetde grasen zu lasten. Der Rest der^ polnischen Bevölkerung besteht aus einer kleinen Hocharistokratie, einem großen Kleinadel und der rasch anwachsenden „Intelligenz". Der Hochadel ist bei den letzteren lleich verhaßt, weil sie ihn für das Nationalunalück seit der Teilung Polens glauben verantwortlich machen zu müssen. Der Kleinadel rührt sich keinen Schritt ohne die Vermittlung eines jüdischen Faktors, der ihm seine Ernten verkauft und feine Geschäfte besorgt, seine Obstgärten mietet, die Milch pachtet, das Vieh auswechselt und' alle anderen Geschäfte dieser Art macht, mit wetcheu sich abzugeben der nur mit Jagd, Politik-Mw Vergnügen beschäftigte Edelmann für unter seiner Würde hält. Der Faktor ist ihm noch daazu ein lebendiges Jnformatiousbureau über alles nur irgendwie Wissenswerte, das im engeren und weiteren Kreise des Gouvernements und des Reiches vorgeht. M. (Fortsetzung folgt.) Kochenrrmöschau. Ein „jüdifdier“ Turnfag. Am Dienstag, den 21. Mai, fand in Wien der 3. Verbaudstag der „Jüdischen Turnerschaft" statt. Wir erwähnen das nicht, um von den Beratungen der ^stimmberechtigten Teilnehmer, die aus Deutschland, Oesterreich und den Donauländern zur Tagung gekommen waren, Notiz zu nehmen, sondern wegen der Dinge, die diesem „jüdischen" -Turntag voraufgingen. Bekanntlich fiel auf den 19. und den 20. Mai das S ch o w u a u s - F e st, und an diesen beiden Tagen wurden die verschiedenen Vorfeiern zum Verbandstag abgehalten. Am Sonntag, dem 1. Tag Schowuyus, versammelte man sich zu einem Begrüßungsabend mit gesanglichen, deklamatorischen und schauspielerischen Darbietungen. Der 2. Tag Schowuaus oder, wie es in der „Welt" heißt, der Pfingstmontag war mit turnerischen Vorbereitungen und dem öffentlichen Berbandsschauturnen ausgefüllt. Nach einem

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