Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1907)
- Date
- 1907-05-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Der Israelit. ^eüe 9 Vemttchter. Hamburg, 37. Mai. Bet der kürzlich hier vorgekommenen Feuerbestattung einer jüdischen Leiche, deren Ueberführung toleranterweise der christliche Beerdigungs- Verein „St. Anscharv vorgenommen hatte, war der Tempelprediger Dr. Rieger im Ornat zur sogenannten Einsegnung erschienen. Ob die Art der Bestattung oder die Mitwirkung des St. Anscharvereins die Veranlassung war, genug, dem Tempelvorstand erschien die Sache denn doch etwas zu bunt und er forderte von seinem Beamten eine Erklärung über den Vorfall. Dieselbe wurde auch egeben, scheint jedoch nicht befriedigt zu haben Eine aher erfolgte zweite oder gar — wie manche sagen — dritte Aufforderung des Tempelvorstands beantwortete der Prediger mit seinen: Entlassungsgesuch, das auch angenommen wurde. Neumarkt, (Oberpfalz) 22. Mai. Der Deutschnationale Hanblungsgehilfenverband gründete hier eine Ortsgruppe, bei welcher Gelege heit der Referent, Vorsteher für den Gau Franken, Oskar Thomas aus Nürnberg in die Hervorkehrung „deutschnationalen Empfindens" ein bedeutendes Quantum Antisemitismus mischte. „Juden, Ausländer und andere Angehörige des Kaufmannsstandes, die im Gegensatz zum Deutschtum stehen, werden nicht ausgenommen," lautete der oberste Grundsatz des famosen Vereins, „aber nicht aus konfefsionelen Gründen," wie der Redner zur Rechtfertigung der Intoleranz hervorhob, (beileibe nicht l) „sondern lediglich zur Erhaltung der völkischen Eigenart." Er meinte noch: „die große Gruppe die Zionisten steht mit dem Verbände in dieser Anschauung auf gleichem Boden." Unser Städtchen wird aber den Sirenenrufen kein Gehör schenken und den konfessionellen Frieden nicht preisgeben. W _ Detmold 20. Mai. An der ^.Einweihung des neuen Tempels der hiesigen isr. Gemeinde beteiligten fich das F ü r st e n p a a r, der Staatsminister, die Spitzen der staatlichen und kommunalen Behörden und viele evangelische Bürger der Restdenz. Der Fürst überreichte nach dem Gottesdienst dem Rabbiner und dem Vorsteher der Gemeinde Alex Meyer Ordensauszeichnungen. Auf dem Festbankett hielt der H o f m a r s ch a l l Graf R i t t b e r g eine Ansprache, in welcher er u. a. erklärte, daß der Fürst mit Dankbarkeit und Anerkennung der Verdienste der jüdischen 'Mitbewohner um die Entwicklung und das Aufblühen der Restdenz gedenke, die Ordensauszeichnung als in Ansehung dieser gewertet wiffen wolle und auf ein weiteres Harmonisches Beieinanderleben zwischen Israeliten und Evangelischen hoffe. In gleichem Sinne sprach Oberbürgermeister W i t t i e und der Reichstagsabgeordnete Neumann-Hofer, der in längerer Rede die im Lipperlande geübte Tugend der Toleranz und das herzliche Beieinanderleben aller Konfessionen feierte. Mergentheim, 27. Mai. Am Freitag, den 17. Mai, traf der König und die Königin mit Gefolge in Bad Mergentheim ein, um der Einweihung der neuerschlossenen „König Wilhelms-Quelle" anzuwohnen. Sowohl an dem Empfang der Majestäten als auch an der Einweihungsstelle nahm unter den anderen offiziellen Persönlichkeiten auch Herr Bezirks - Rabbiner Dr. Sänger teil. Unter den zur Einweihung der neuen Quelle geladenen Gästen im Königszelt befand sich Dr. Sänger ebenfalls. Desgleichen war der Rabbiner zur Königlichen Tafel geladen, die im neuen Saale des Kurhauses stattfand. Während dieses Galadiners wurde Herrn Dr. Sänger die Ehre zu teil, vom König ins Gespräch gezogen zu werden, wobei der Landesvater sich auch nach dem Stand der israelitischen Gemeinde Mergentheim «erkundigte. Eisenach, 26. Mai. („Hochfeine Molkereibutte r.") Unter dieser Ueberschrift wird der „Berliner Abendpost" aus Eisenach berichtet: „Als wahrer Hexenkeffel entpuppte fich eine Buttermaschine der Zentralmolkerei in dem Eisenach benachbarten Suenna. Die Gendarmerie fand bei einer Untersuchung Gefäße mit ranzigem Fett und einer Wagenschmiere ähnlichen Masse. Außerdem wurden zum allgemeinen Erstaunen Frachtbriefe über große Mengen von Margarine vorgefunden, die in der Molkerei verarbeitet wurden. Der Besitzer der Molkerei ist verschwunden." Was ergibt sich hieraus, wie aus den unzähligen ähnlichen Vorfällen, über die in den Blätrer berichtet wurde? Ein einigermaßen gewiflenh ffter Jude kann nur solche Butter, die unter zuverlässiger rabbinischer Aufsicht hergestellt ist, verwenden. Sontheim, 22. Mai. An die israelitische Waisenanstalt Wilhelmspflege in Eßlingen hat fich nunmehr ein weiteres humanitäres jüdisches Jnstistut, dasWürttemb. Landesasyl Wilhelmsruhe in Sontheim, würdig angereiht. Die Einweihung desselben gestaltete sich zu einer «erhebenden Feier. Nachdem nach 12jähriger rühriger Tätigkeit des Ausschusses des israelitische Landesasyls der Gedanke, ein Altersheim in Württemberg für württ. ältere erwerbsunfähige Israeliten männlichen und weiblichen Geschlechts zu gründen, vor einigen Tagen durch die Vollendung eines auf einer Anhöhe mit weithin schauender Aussicht in nächster Nähe des hiesigen OrteS gelegenen schönen Baues fich verwirklicht hatte, versammelten fich jetzt die Mitglieder des Ausschusses, viele geladenen Gäste und ein zahlreiches Publikum aus Nah und Fern, um die Feier der Einweihung festlich zu begehen. In goldenen Buchstaben leuchten am Hauptportale die Worte: irMrp QvjpT obnpn invvn („In euren Versammlungen sollt ihr ihn loben und in dem Asyl der Alten sollt ihr ihm Lob fingen"). Gegen 12 Uhr Mittags wurde die Feier im Anstaltsgebäude durch Gesang und Ansprachen eröffnet. Zunächst richtete Herr Architekt Früh, der Erbauer des Asyls, einige entsprechende Worte an die Versammlung. Darauf sprach Herr Vorsteher Spiegeltal Worte des Dankes für alle, die mit Rat und Tat zur Erstellung des Baues beigetragen haben. Nach dem Eintritt in bas Gebäude begrüßte Kirchenrat Dr. K r o n e r Herrn Regierungsrat Dr. Krauß als Vertreter des Ministers, ferner den Vertreter der Zentralstelle für Wohltätigkeit, Oberregierungsrat Falch, den Präfidenten des Medizinalkollegiums Nestle, dm Oberregierungsrat Lang, den Ortsschultheißen von Sontheim, die Gemetndekollegien von Sontheim, die Geistlichen des Orts, den Rabbiner des Bezirks, sowie alle anderen Erschienenen. Darauf übermittelte Regierungsrat Dr. Krauß die Grüße und Glückwünsche des Königs, der lebhaft bedaure, an dem Feste nicht selbst haben teilnehmen zukönnen. Das gemeinnützige Bestreben, das fich in der Errichtung der Anstalt offenbare habe, die lebhafte Anerkennung des Königs gefunden, als Ausdruck dieser Anerkennung habe Seine Majestät dem Vorstand Spiegeltal die Olga-Medaille, und dem Architekten Früh den Titel Baurat verliehen. Auch sei er beauftragt, die Grüße und Glückwünsche des Ministers zu übermitteln. Oberregierungsrat Lange, Heilbronn, gratuliert ebenfalls und wünscht daß das Haus den Heimatlosen ein sicherer Hafen nach den Stürmen des Lebens werden möge. Als Vorstand der bürgerlichen Kollegien Sontheims verlieh Schultheiß Lutz seiner Freude beredten Ausdruck, daß Sontheim als Sitz des Asyls gewählt wurde, er übernehme das Haus in seine Obhut. Die Geistlichen übervrachten die Glückwünsche ihrer Gemeinden. Herr Ki chenrat Dr. Krnner gab dann in großen Zügen ein Bild dessen, was man gewollt und erreicht habe. Die Herren Spiegeltal und Früh dankten für die überlieferten Orden. Mit einem Hoch auf den König war dieser Teil der offiziellen Feier beendigt. Herr Rabbiner Dr. Kahn und Lehrer Kulb nahmen die Einweihung des Betsaales vor. Mit einem Rundgang durch das Gebäude schloß die Feier. Basel, 28. Mai. Letzten Sonntag fanden hier die Wahlen für das Appellationsg ericht statt, welches durch ein kürzlich angenommenes Gesetz gründlich umgestaltet worden ist. Während die Sozialdemokraten sich der Abstimmung enthielten, hatten Liberale und Freisinnige verschiedene Listen aufgestellt. Auf beiden Listen stand unser Glaubensgenosse, Herr Dr. P. Wolf, der denn auch mit der schönen Zahl von 3756 Stimmen aus der Urne hervorging. Herr Dr. Wolf, der Sohn des seligen Antiquitätenhändlers Elie Wllf, der allgemeine Hochachtung genoß, ist Syndicus der danque tonciere du Jura, einer hiesigen Hypothekenbank und war bis jetzt im Nebenamt Zivilrichter. Er hat sich durch Herausgabe und Kommentierung des Schweiz. Bundesrechtes, das jüngst in zweiter Auflage erschienen ist, in der juristischen Welt einen bedeutenden Namen erworben. Wir beglückwünschen Herrn Dr. Wolf zu dem hohen Amte, in welches ihn seine Mitbürger berufen haben, und das vor ihm in Basel noch niemals ein Jude inne gehabt hat. Nicht nur die Basler jüdische Gemeinde, zu deren Vorstand Herr Dr. Wolf einige Zeit gehörte und an deren Wohlergehen er regen Anteil nimmt, sondern auch die ganze schweizerische Judenschast ist erfreut über das Vertrauen, welches einem ihrer Mitglieder durch das Volk von Basel entgegengebracht worden ist. Prag, 25. Mai. In der gestrigen Stadtratssitzung wurde der isr. Kultusgemeinde die Bewi ligun j zu einem Zubau an das jüdische Rathaus in der Rabbiner gaffe erteilt. — Da das jüdische Rathaus, ein Werk Dienzenhosers, mit seinen bisherigen Räumlichkeiten den gesteigerten Anforderungen nicht mehr genügt, beschloß nämlich die Kültusgemeinde-Repräsentenz, es durch einen dreistöckigen Zubau zu erweitern. In diesem wird ein großer Saal, der zur Abhaltung jüdischer Versammlungen dienen soll, errichtet werden. Ueberdies soll in den: neuen Trakte ein Teil der im bisherigen Rathauft befindlichen Bureaus untergebracht werden. Das alte Rathaus selbst wird vollständig renoviert werden. Der Aufwand für den Neubau und die Renovierung des Rathauses wird mit 400.000 K. beziffert. Jerusalem, 24. Mai. Dr. Arthur Ruppin, der Leiter des Büreaus für jüdische Statistik, das Mitglied der 1. russischen Duma, Dr. Schemarja Lewin, der Rabbiner Dr. G a st e r - London und der ftühere Agronom der ICA. Treidel befinden fich zur Zeit in Palästina, um die dorttgen Verhältnisse eingehend zu studieren. vereinsvese«. Posen, 36. Mai. Am Sonntag den 14. April fand die 63. General-Versammlung deS Vereins L e s ch a u n Limmudim statt. Wie aus den gegebenen Berichten hervorgeht, hat der Verein in allen Zweigen seiner Tätigkeit auch in diesem Berichtsjahre Fortschritte erzielt. ES fanden im Sommer- und Winter-Semester im ganzen 770 (im Borjahre 663) Lehrstunden statt, die durchschnittlich von 9—10 Teilnehmern besucht warm. Wöchentlich wurden 20 Lehrstunden erteilt und zwar "Vno 2 Stunden, min 2 Stunden, d^H 5 Stunden, rüWD 3 Stunden, iOD: 6 Stunden, 1 Stunde und Hebräische Sprache 1 Stunde. Im Wintersemester wurden 8 Vortragsabende veranstattet. Die B tbli othek, die zur Zeit 950 Bände zählt, wurde außerordentlich stark in Anspruch genommen. Die Mitgliederzahl ist von 65 auf 72 gestiegen. In Anbetracht deS Umstandes, dass der Verein keine passiven Mitglieder, sondern nur solche junge Leute aufnimmt, die sich an den Lehrstunden regelmäßig beteiligen, und deren Leben auf echt jüdischem Boden steht, find die Zahlen gewiß als stattlich zu bezeichnen. Die Beteiligungsziffer an den Damenkursen, in denen , INO, min und gelehrt wurden, ist von 28 auf 32 gestiegen. Das Bereinsvermögen ist um 163 Mk. gewachsen und bettägt jetzt 1312 Mk. Nach der Berichterstattung f md die Wahl deS Vorstandes statt. Es wurden wiedergewählt: Elias Rzeszewski, Vorfitzender, Jakob Jacobstamm, Kaffi rer, Samuel Freund, Schriftführer, Salomon Pleßner, Beisitzer, Martin Wolkowski, Bibliothekar. Der Verein kann mit Zuftiedenheit auf das Berichtsjahr zurückblicken. Mit G. H. wird er auch weiterhin besttebt sein die Wertschätzung und die Kenntnis unseres heiligen Schrifttums unter der hiesigen jüngeren Generation zu erwecken und zu fördern. München, 22. Mai. Dec „Münchener Männe: verein zur Bekämpfung der öffentlichen Unfittlichkeil" richtete eine Vorstellung gegen die Auslage von Bildern und Schriften, die das Scham- und Sittlichkeitsgefühl gröblich verletzen, an die Polizeidireklion, gleichzeitig auch an das Staatsministerium des Innern und des Kultus, sowie an die Regierung von Oberbayern, diesem Proteste gegen den das Volk und die Kunst schädigenden Unfug der sogenannten Aktphotographien schloß sich außer anderen Korporationen auch der israelitische Frauenverein an. Berlin, 27. Mai. Bon dem ..Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums in Berlin" geht uns eine Darstellung über den Verlauf der am 13. Mai von dem Verein veranstalteten Versammlung zu, woraus zu dem in voriger No. darüber mitgeteilten Bericht noch folgendes nachzutragen ist: Nach der Rede des Herrn Dr. Rosenkranz legten sowohl Herr Segall wieauch terr Chaim Verwahrung dagegen ein, daß der Fall ohn in dieser Versammlung in so ausführlicher Weise erörtert werde. Dazu sei der Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums keineswegs berufen. Insbesondere wandte Herr Segall fich gegen die dem Vorsitzenden der Gemeinde, Herrn Julius Jacobi, widerfahrenen Angrifft. Wenn Herr Dr. Emil Cohn sich bei seinem Alter von 25 Jahren auf seine makellose Vergangenheit berufe, so komme diese Rücksicht Herrn Julius Jacobi, dem Vorsitzenden des Gemeindevorstandes, bei seinem Alter von 85 Jahren um so mehr zu Gute. Herr Dr. Baneth meinte, daß Herr Dr. Cohn dem Direktor Przygode als jüd. Religionslehrer mehr den religiösen als den nattonalen Standpunkt hätte betonen müssen. Er hätte einfach erklären müssen, wir Juden wollen nicht im Christentum aufgehen, weil wir der Ansicht find, daß das Judentum sowohl in cthischer, als in dogmatischer Hinficht höher steht, als das Christentum. Herr Chaim führte auS, daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde seine besten und zuverlässigsten Kräfte mit Absicht sich dadurch entfremde, daß er den gesetzestreuen Juden nicht dasjenige gebe, was zur Erhaltung ihres religiösen Lebens notwendig sei. Auf der anderen Seite nimmt der Abfall in ganz kolossalen Dimensionen überhand. Die einzigen, welche fich für ihr Judentum auch zu den schwersten Opfern berett finden, find die orthodoxen Juden. Wenn der Vorstand diese immer mehr aus der Gemeinde herausdränge, so werde er über kurz oder lang eine schwer» Krisis heraufbeschwören. Nach zahlreichen BeitrittSerklärungen und Zustimmungskundgebungen zu den Bestrebungen des Vereins wurde die Versammlung eine halbe Stunde nach Mitternacht geschlossen. perrovalie«. Nürnberg, 27. Mai. Rabbiner Dr. Freudenthal aus Danzig wurde zum Nachfolger des verstorbenen Rabbiners Dr. Ziemlich in Nürnberg gewählt. Altona, 26. Mai. Am 22. ds. Mts. verschied hier nach kurzer Krankheit im 68. Lebensjahr der langjährige stellverttetende Präses der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herr A. Holländer. Der Heimgegangene gehörte zu den Männern, die jede Gemeinde Mit Stolz zu chren Mitgliedern zählt. Neben seiner ausgedehnten geschäftt lichen Tätigkeit fand der Verstorbene stets reichlich Zeit, sich dem Studium von ntfllpn imnw zu widmen und sich in bewundernswerter Weise für gemeinnützige Zwecke zu bethätigen. Sein klarer Geist, sein scharfer Blick, sein praktisches Urteil, verbunden mit seinem tiefreligiösen Gefühl und seinem regen Interesse für alle jüdischen Angelegenheiten prädestinierten Ihn zu einem Gemeindevertteter par excellence. Seine Besonnenheit und seine überzeugende Redegabe verschafften ihm einen überwiegenden Einfluß in Gemeindeanäel aenheiten. Seine Haupttätigkett entfaltete er als Borfitzenoer dec Schulkommission, wo er ein weites Feld für sein energievolles echtjüdisches Wirken fand. Mehr als ein Bierteljahrhundert hat er als Präses der Verwaltung deS israel.