Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1907)
- Date
- 1907-04-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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11 Der Israelit J Mtl EfflEenfratorganIflrdasirthfcxrJatenf»« fllCI 48. Jahrgang. Sranhfurf a. M-. Sen Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. AbormementSr Gewöhnliche Ausgabe - Mk. ILO vierteljährlich, HestauSgabe auf Kunstdruckpapier Mk. 3.— vierteljährlich. (Auslandspreise für die gewöhnliche Ausgabe : Oesterreich 2 Kr., Rußland 1 Bub., England 2 sh., Amerika 50 cta, Niederlande 1,20 fl.) Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei der Expedition. HeftauSgabe nur direkt. Inserate: 30 Pfennige für die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haasensteinu-Bogler S.-S. in dtmto 6ef der K fl. Postsparkaffe Wien No. 79605. _ Frankfurt a. M. und deren Nlialen. _Conto bei dem K. Postsparkassen««! »abapest Ro. 18424 Probleme der Jrauenbildung. I. Wir haben vor Jahresfrist an dieser Stelle die Aufgaben zu kennzeichnen versucht, die der jüdischen Erziehung aus der bevorstehenden Reform des Mädchenschulwesens in Preußen erwachsen. Von der. Annahme ausgehend, daß der Ausbau unserer höheren Töchterschulen zu Bollanftalten (Gymnasien, Realgymnasien und Oberrealschulen) eine treibhausartige Steigerung des wahren und falschen Bildungstriebs gerade in jüdischen Kreisen zur Folge haben werde, wiesen wir auf die Notwendigkeit einer rechtzeitigen geistigen „Gegenwehr" hin, einer Vertiefung und reicheren Ausgestaltung der jüdischen Bildung unserer Töchter, die als Gymnasiastinnen oder als „Oberlyceanerinnen" berufen sein würden, die Harmonie ihrer Persönlichkeit gegenüber einem Tohuwabohu von. Bildnngseinflüssen zu behgupten. Die Frage, wohin, denn zuguterletzt die Reise gehe, wenn die fabrikmäßige Erzeugung gelehrter Frauen auf der ganzen Linie mit Hochdruck betrieben würde, haben wir damals nicht gestellt, weil ein unmittelbarer Einstuß auf die Entwicklung der Dinge uns-nicht gegeben schien. Inzwischen ist der Schleier gefallen, der die preußische Mädchen schulreform bisher noch verhüllte. Der Kultusminister hat im Landtage ziemlich eingel ende Mitteilungen über dieMmnosätze der Reform und die Art ihrer Ausführung gemacht, und der einmütige Beifall, dem seine Auseinandersetzungen auf allen Seiten des Hauses begegneten, läßt mit Sicherheit eine relativ rasche Verwirklichung der Reformprojekte eiwarten. Die Regierung ist dabei geblieben, den für das Studium vorzubildenden Mädchen nicht in besonderen Gymnasialanstalten durch einen von nntencherauf organisch gegliederten Bildungsgang die Reife zum Abiturium zu verschaffen, vielmehr wird auf die alte höhere Töchterschule kurzerhand ein drei- oder vierjähriger Examendrill unter dem Flamen „Studienanstalt" aufgesetzt. Das mag als ein Zugeständnis an die Gegner einer radikalen Gleichmacherei zwischen Mann und Weib erscheinen! In Wirklichkeit aber können sich die überzeugten Gegner des radikalen Emanzipationsgedankens dieser Entscheidung ebensowenig freuen^ wie die Anhänger des Frauenstudiums. Könnte der Zutritt zur. Universität nur durch eine neunjährige ernste Gymnasialarbeit erlangt werden, so würde Nch's mancher Vater und manche Tochter. von vornherein doch erst dreimal. Merlegen, bevor sie sich in das Joch, dieser Mühen hineinbegibt. Nach der jetzt beliebten Methode aber werden zahlreiche junge Mädchen nach Absolvierung der höheren Töchterschule den Uebergang in die „Studienanstalt" lediglich der guten Gesellschaft wegen, im Verein mit den ihnen liebgeivordenen Schulgefährtinnen vollziehen. Die Sucht wohlhabender jüdischer Eltern, ihren Besitz durch staatlich bescheinigte „höhere Bildung" zu verklären, wird dann ein übriges tun, um den Studienanstalten ein Material von Schülerinnen zuzuführen, die weder innerer Drang noch hervorragende geistige Begabung zum Studium prädestiniert. Wie sehr aber die nun einmal erworbene und abgestempelte Gymnasialbildung zum Universitätsstudium drängt und jede andere Laufbahn als nicht fair verachten lehrt, das zeigt ein Blick auf die Verhältnisse mancher jüdischer Gemeinden, in denen es für jeden einigermaßen bemittelten jüdischen Vater zu einer Art gesellschaftlichen Axioms geworden ist, seine Kinder ins Gymnasium zu schicken und in denen dann vor lauter Rechtsanwälten und Aerzten der Nährstand kaum mehr den notwendigen Nachwuchs findet. So würden wir — wären die „Studienanstalten" die einzige Errungenschaft der Reform — gerade in jüdischen Kreisen aus einen gewaltigen Zustrom „akademisch gebildeter" Frauen zu rechnen und damit Konsequenzen ins Auge zu schauen haben, von denen uns einige im folgenden noch beschäftigen sollen. Glücklicherweise haben sich irckessen die Urheber der Reform auch ihrerseits die Gefahren nicht verhehlt, die mit einer künstlichen Züchtung des Frauenstudiums verknüpft, sind, und man hat darum den „Stndienanstalten" eine andere Gattung von Oberklassen unter dem Namen „Lyceen" als Konkurrenz zur Seite gestellt, die ebenfalls an die höheren Töchrerschulen anschließen, und die statt der Vorbildung zur Universität diejenige zum Leben, zum Leben als Gattin und Mutter gewähren sollten. Pädagogik, Wirtschaftskunde, Hygiene, Kinderpflege, soziale Fürsorge — das ist im wesentlichen der neue Bildungsstoff, der in den Lyceen, ncben der Weiterführung der allgemeinen Disziplinen, zur Heranbildung lebenstüchtiger, gebildeter und arbeitsfroher Frauen verwertet werden soll, und man darf hoffen, daß diese vernünftigen Schulgebilde in dem schweren Wettbewerb mit den fashionablen „Studienanstaften" ihre Existenzberechtigung erweisen und behaupten werden. Der gesetzestreuen . Judenheit insbesondere muß die neue Schöpfung als ein taugliches Mittel zur Förderung derMädchenbildung in jüdffchem Geiste besonders sympathisch sein, und es sollte alles aufgeboten werden, um ihr in den Kreisen jüdischer Eltern die verdiente Würdigung gegenüber den verlockenden akademischen Pressen zu erringen. Wer wissen will, wie das Ideal des jüdischen Weibes im Geiste des überlieferten Judentums beschaffen ist, der braucht nicht einmal besonders tiefgründige historisch-psychologische Studien zu machen, ein Blick ins Spruchbuch, in das Freitag-Abend-Lied von der jüdischen Frau mit ihrer praktischen Lebensweisheit, ihrer Tatkraft und lebendigen Rührigkeit erspart alle weitere Untersuchung. Mehr noch als beim Manne legt die jüdische Lebensanschauung Wert auf die Ziehung und Erhaltung gesunder Frauengeschlechter, und sie faßt das Wort „gesund" hier in seinem weitesten, Intellekt, Gemüt, Wille und physische Entwicklung umspannenden Sinne. Die Forderung geistiger, seelischer und physischer Gesundheit läßt der individuellen Mannigfaltigkeit der Charaktere und Temperamente durchaus genügenden Spielraum und ist dennoch geeignet, dem Erziehungswerk an unseren Töchtern ganz bestimmte Richtlinien vorzuzeichnen. Sie bedingt die Verwerfung alles dessen, was zu einer Neberspannung und Ueberreizung des Gehirns — beim Manne eine unumgängliche Begleiterscheinung der Kultur —, zur übertriebenen Verfeinerung und Komplizierung des Innenlebens, kurz zur Verschüttung der heiligen Quellen der Natur führt, die im Weibe reiner und frischer sprudeln. Sie verlangt andrerseits M- Bevor- B derjenigen Bildungsstoffe, die ganz im i des wirklichen Lebens — der Familie wie der Gesellschaft — stehen und darum, fern von aller Abstraktion, die Kräfte des Gemütes gleichmäßig entwickeln. Unsere ganze wirtschaftliche Entwicklungdie dem Einzelhaushalt allmählich eine Hantierung nach der andern entzieht, hat nun einmal die notwendige Folge gezeitigt, daß in den wohlhabenderen Kreisen die zu fünfzehn oder sechzehn Jahren aus der Schule entlassenen Mädchen einer Beschäftigungslosigkeit anheimfallen, die man in den Zeiten des Spinnrockens nicht kannte, und die zu einem sittlich und religiös unheilvollen Dilettteren in litteris führt. Wer diesem Nebel abhelfen, andererseits aber den Teufel der ästhettschen Schwärmerei nicht durch den Beelzebub der zur Mode erhobenen Frauen- Gelehrsamkeit austreiben will, der wird mit uns in den neuen „Lyceen" (der Name ist allerdings höchst unglücklich gewählt) einen wahrhaften Fortschritt begrüßen. Was sie an Lehrstoff bieten, dürfte ganz geeignet sein, den hochgespannten Lebensgefühlen