Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1907)
- Date
- 1907-03-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. \2 bas „Fsraelit". r.d-c^ 'eutüeton. Zwischen Furcht und Hoffnung. Erzählung aus dem rusfisch-japanischen Krieg von f, dchachnowltz in Endingen 1. Kapitel. Das Geräusch der Maschine nahm ab. Der Darnpfer verlangsamte die Fahrt, nur noch in nachlässiger Bewegung dem Reiseziele zusteuernd. Das Landungsufer war wie überall auf der Strecke Kowno-Burgen, nichts als eine weite, sandige Ebene. Dieses Sandmeer, das der Regen oft in solches von Kot und Schlamm verwandelte, bildete dasHafenkai und den Scheideplatz zwischen dem Memelstrom und der Endstation Burgen. Um eine hölzerne Landungsbrücke, deren plumpe Pfeiler aus dem Flachwaffer herauslugten, sammelte sich eine zahlreiche und bunte Menschenmenge, die de.n Dampfer erwartete. Lastträger in Hemdärmeln und „Arbakanfaus" mit geschwärzten und verwitterten Gesichtern drängten sich geschäftig, um möglichst den Borsprung zu gewinnen. Droschkenkutscher und Handwagenlenker rankten sich jetzt schon um die entgegenschwimmenoe Konkurrenz. Dabei wurden die dürren, knochigen Gäule, denen man es ansah, wie sehr sie mit ihren Herren Hunger und Mangel teilten, von Ort zu Ort gejagt, was die geplagten Tiere geduldig und gesenkten Hauptes über sich ergehen ließen. Krämer, die mit verkümmerten Gesichtern ihre Ware erwarteten, Leute, die Verwandte und Gäste abholten. Ein Schwarm sich tummelnder Kinder, mehrere Jeschiwohbachurim, denen man es ansah, daß sie hier keinen zu erwarten und nichts zu suchen hatten, auch ein Heer von zerlumpten Müßiggängern, die keinen einlausen den Dampfer versäumten, dann der Uradnik (Oberpolizist), der, um Ruhe zu schaffen, ein Zetergeschrei veranstaltete und in feiner Bemühung um Ordnung alles und alle aufeinander drängte. In einiger Entfernung stand in gravitätischer Haltung der allgewaltige Pristaw (Polizeimeister) im Kreise einiger Polizisten, um irgend verdächtige Individuen in Beschlag zu nehmen. Der Dampfer schleppte sich mühsam im Flachwasser dem Ufer zu. „Vorsicht, Obacht!" Ein Matrose warf eine Leine herunter, die einige Träger rasch auffingen und mit aller Macht nach sich zogen. Der Dampfer hielt endlich an der Landungsbrücke und schreiend und «drängte sich der ganze wirre Häufen auf . latze und auf der Brücke, ja selbst auf dem Verdeck des Schiffes, so daß Paffagiere und Personal, Ankommenoe und Abholende, Träger und Matrosen sich in einen Knäuel verwickelten. Zwei Reisegefährten standen still nebeneinander und schauten sinnend auf den Trubel und Lärm hinunter. Sie fühlten es jetzt, wie sonderbar sie das Schicksal zusammengebracht. Alle beiden wurden sie von keinem Verwandten, von deinem Freunoe erwartet. Das graue täusermeer und die gelbgrauen Dächer starrten nen so fremd und unfreundlich, ja fast unheimlich entgegen und unter all den fremden Gesichtem schien kein einziges zu sein, das nach ihnen schaute, kein einziges Auge, das sich suchend nach ihnen richtete . . . Salam undRahel, die wildfremd voneinander in Kowno den Dampfer bestiegen, waren jetzt nach zwölfstündiger Fahrt Freunoe. Sie hatten sich erst schweigend einander genähert, dann in Andeutungen von ihren Reisezielen gesprochen. Ihre Sprache ward immer deutlicher, immer vertraulicher und nun standen sie als Freunde da, durch ein Schicksal verbunden, und wollten als solche die Reise nach dem gemeinsamen Ziele fortsetzen. Sie waren jetzt im Begriffe zusammen auszusteigen, als zwei Männer auf sie zukamen. „Sind noch Jndikes*) hier?" fragte ein junger, hochgewachsener Mann den Steuermann, der sie schon während der ganzen Fahrt still beobachtete. „Hier noch zwei!" — antwortete der letztere, unauffällig auf sie hindeutend. Sie warfen beide zugleich einen forschenden Blick nach dem Manne. Sein rötliches Haar und seine pfiffig funkelnden Augen waren nur wenig vertrauenerregend, allein in seinem Tonfalle lag etwas mutigentschloffenes, und seine ganze Haltung verriet' den unerschrockenen und erfahrenen Weltmann. „Sind Sie vom Agenten Gerson?" fragte er, indem er mit einem Auge sie beide zugleich von der Seite ansah und mit dem andem, scheinbar gleichgiltig, nach dem Waffer schaute. Sie mußten sich noch einmal umsehen, um sich zu vergewiffern, ob die Frage auch ihnen galt. „Bon Gerson in Kowno,' es stimmt." „Dann" — sagte er wieder leise nach anderer Seite schauend — „noch nicht ans Land steigen. Krause" — er blinkerte dabei nach dem Steuermann — „Krause führt Euch in sein Zimmer und Ihr wartet, bis ich Euch hole. Verstanden?" Er gab noch Krause eine pantomimische Anweisung, drückte ihm etwas klingendes in die Hand und entfernte sich langsam, als ob nichts geschehen, nach der andern Seite, um seine Post in Empfang zu nehmen. Sie gingen schweigend hinter Krause die schmale Falltreppe zu seiner Kabine hinunter. Es war ein dumpfes, halbdunkles Loch und zu ihrem höchsten Erstaunen fanden sie einige Mitreisende, die sie früher gar nicht beachtet, bereits unten znfammengekauert. ' Salam suchte für seine Gefährtin einen einigermaßen leidlichen Sitzplatz herzustellen, Während er in gebückter Stellung vor ihr stehen blieb. Er schaute ihr verlegen ins Gesicht, als müßte er sie für den dumpfen, elenden Raum um Verzeihung bitten. Ihr Gesicht zeigte aber nicht das geringste Zeichen von Mißmut. Das beengende Gefühl, das einmal der Freund verscheucht, kehrte auch hier nicht wieder. „Werden wir hier lange bleiben müssen?" — flüsterte Rahel zu ihm hinauf. „Wohl bis Eintritt der Nachtes kann uns indes gleich bleiben, wo wir die Zeit zubringen, da wohl vor Mitternacht die Fahrt nicht angetreten werden darf" — antwortete er leise. „Mitternacht!" wiederholte sie etwas fröstelnd. Das Wort hatte offenbar einen etwas unheimlichen Nachklang bei ihr hervorgerufen, dann sah sie aus ihren großen, blauen Kinderaugen zu ihrem Begleiter hinüber, wie er so fest und zuversichtlich vor ihr stand, als hielte er tteu über sie Wacht, und ein Gefühl von Festigkeit und Unerschrockenheit übertrug sich auch auf sie. „Aber wollen Sie nicht, bitte Fräulein, den Sack da dahinter schieben und sich Ihren Sitzbequemer machen?" „O, dankees geht schon'." Er hatte sich zu ihr gebeugt, um den hindernden Gegenstand aus dem Wege zu schaffen. Sie war aber schon rasch aufgestanden undhan- *) Technischer Ausdruck für Auswanderer. tterte selber mit dem Sackeihre Hände' berührten sich. Der Sack war bereits dahintergerafft, aber er hielt noch immer ihre kleine Hand, wie im Traume verloren, umklammert. Sie sah ihn scharf an - der Blick enthielt aber keinen Borwurf, sondern vielmehr Innigkeit und Dankbarkeit. Sie zog dennoch etwas verwirrt und hastig ihre Hand zurück und nahm ihren Platz wieder ein. Salam stand wieder vor ihr und sie sprachen im Flüstertöne weiter. Das Gespräch drehte sich natürlich wieder um die Reisefrage, aber der leise Ton, der fmchßM? bare Raum und die lautlose Umgebung gWK ihm etwas vertrauliches. Während sie mit dem Munde sprachen, führten auch ihre Seelen ihre eigenartige Sprache und tauschten ihre Geheimnisse aus ... Bei Anbruch der Dunkelheit wurden sie aus der Kajüte wieder an die Luft gebracht. Herr Jakir, wie sich der Agent in G. nannte, war wieder gekommen, um die Ware abzuholen. . j. Als sie den Dampftr verließen, hatte die Nacht bereits ihre Schatten ausgebreitet und dem Wasserspiegel einen schwarzen Glanz verliehen. Am Quaiufer hatte alles Leben aufgehört, denn der letzte Paffagierdampfer war seit zwei Stunden eingelaufen und die Aus- und Einladung war vollendet. Das Schiffspersonal hatte pW auch bis auf den treuen Krause in die Stadt begeben. Es war eine mondlose Nacht. „Wie geschaffen für's Geschäft", meinte Jakir vergnügt. Aus einem vollbeladenen Segelboote abseits drang noch ein kümmerlicher Lichtschimmer und die verschlafene Stimme eines Schiffers. Auf einer Holztrift daneben saßen die aus dem Innern Rußlands mitgekommenen Triftsührer. Sie können sich mit dem Lithauer nur schlecht verständigen und vertragen. Zudem ist da auch der Wot ka viel teuerer und schlechter als in der lieben Heimat und sie ziehen es darum vor, die Nachtauf dem Waffer zuzubringen. So saßen sie auch jetzt mit untergeschlagenen Beinen auf ihrem Floße und sangen bei den Tönen einer Harmonika ein lustig Lied von Wein und Weib, zu dem die Frösche aus dem naheliegenden Sumpfe durch ihr melancholisches Quicken eine ohrenverletzende Disharmonie boten. Rahel und ihr B gleiter gingen dicht nebeneinander, so daß sie sich in der Dunkelheit oft anstießen, und wateten mit den anderen durch Sand und Kot hinter Jakir her. Gesang und Spiel der Flößner drangen aus immer weiterer Ferne und immer gedämpfter zu ihnen. Plötzlich hatte die Melodie umgeschlagen. Es war kein lustiges Lied mehr, sondern eine in weichen Molltönen getragene Romanze. Gs klang wie Sehnsucht und Heimweh . . . Und das monotone Quaken in ihrer nächsten Nähe hatte sogar den Klang eines harmonischen Taftschlages ... Alle schienen ernst und-traurig gestimmt, nur Jakir rauchte lustig seineZigarette und ging festen Schrittes voran. „Obacht! Ein Sumpf!" warnte er leise. ., Salam suchte mechanisch nach der Hcmd seiner Begleiterin. „Erlauben Sie, Fräulein, ich führe Sie hinüber" — bat er, indem er ihre Hand ergriff. „O, danke!" — Ihre Stimme klang merkwürdig. Sie hatte offenbar geweint. Sie rang noch nach einigen Worten, brachte aber keine heraus und entzog ihm auch die Hand nicht. Jenseits des Sumpfes begann die Stadt. Nach einem Marsch durch eine Menge finsterer Abwege und schmutziger Seitengäßchen hielt JaKr endlich vor einem langen Hause an, aus dessen kleinen Fenstern durch die Ladenspalten eist trübes Licht ibnen entgegenschimmerte. „Ist hier die Grenze?" fragte einer.