Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1907)
- Date
- 1907-03-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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W WWWMWWWIMWS?-V <-/' 21. März 1907. Der Israelit. Sette 3. Nr. 12 Badens allein aus dem „Verordnungsblatt" schöpfen, müssen denken, daß irgend ein böser Dämon hier seinen Einfluß geltend gemacht habe, um den Frieden einer schönen Seele jäh zu stören. Ach diese Absicht sollte ihm nur allzugut gelingen! Denn der Artikel des „Verordnungsblattes" verkündet uns weiter: An demselbe t Tage, a i dem sich dese Ueberzeugung dem Respizienten deS Oberrats au drängte — eswar am 7. März — ttar er f.r die Zurückz e ung der Bor- Xgae ein, welche tacs darauf von dem Kolle ium des Over arbeschloffen und unve >- eilt sämtlichen Abgeorbn t n mit dem Anfi'gen mitaeteilt wu de, taß ach neuerlicher E Wägung bi Zu asiung der außetterminlichen Slimmav abe auch bei toi ekt st er H ltung der Svnar;en erä e zu rnzul siiger privater Wahibennflusi ng legei heit u b Anreiz geben würde. Es ist nicht ohn. Interesse dies festzust Ue.i, damit es ni t etwa den Ans e.n gewinne, als ob die ganz unverständigen, von haltlos n Einwändcn und unbegründeten Unt rstellungen erfüt ten Auslassungen, welche in No. 10 des „Israelis vom 7. März und m Nr. 10 der «Jüdischen Pr sse" vom 8. März gege die Bor age d ' Oberrats gerichtet worden find, irgendwie ins Gewicht gefall n tvä.en. Im Verein mit den obigen Ausführungen ergibt sich also für den Leser des Verordnungsblattes folgendes:' 1. Die entscheidendenBedenken gegen den Entwurf sind im „Schoße des Oberrates" erhoben worden. 2. An demselben Tage, an dem diese Bedenken auftauchten — 7. März — ist der „Respicient*) des Oberrates" für die Zurückziehung der Vorlage eingetreten. 3. Die Ausführungen des „Israelit" und der „Jüdischen Presse" hatten auf die Entschließungen des Oberrates keinerlei Einfluß. „Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen, steht aber dennoch schief darum", heißt es im „Faust". Leidet denn der verehrliche Oberrat im Allgemeinen und sein „Respicient" im Besonderen an solcher Gedächtnisschwäche, daß er am 14. März nicht mehr weiß, was am 7. März tatsächlich vorgegangen ist? Für diesen Fall erlauben wir nns hiermit seinem Gedächtnis ein wenig nachzuhelfen. Am 5. März fand in Mannheim eine Sitzung der Gemeindevertretung statt, in der nicht nur der Wahlentwurf einer vernichtenden Kritik unterzogen, sondern auch die Abhaltung einer Protestveriammlung beschloffen wurde. Als diese Schreckenskunde nach Karlsruhe gelangte, eilte der „Respizient" des Oberrates stehenden *) Für Leser, denen das Kanzleideutsch des Oberrates unv.rständlich sein sollte, sei bemerkt, daß Respictenz aus dem Lateinisch en stammt und Sorgfalt, Rücksicht etc. bedeutet, hier also wohl nur eine kleine Verwechslung mit „Referent" vorliegt. Fußes persönlich nach Mannheim, um die renitenten Vertreter der größten Gemeinde Badens umzustimmen. Umsonst! Die Herren blieben hartnäckig bei der Ansicht, daß der Entwurf eine gar nicht diskutable Ungeheuerlichkeit darstelle. Diese Aussprache erfolgte am 7. Marz, an demselben Tage, an dem sich nach der Darstellung des Verordnungsblattes „ein prinzipielles Bedenken im Schoße des Oberrates erhob!" - Wir sind selbstredend weit davon entfernt einer so hohen Behörde, wenn sie im Amtsblatt, und sei es auch im nichtamtlichen Teil, zu ihren getreuen Untergebenen spricht, den guten Glauben zu versagen; aber sollte nicht doch vielleicht zwischen dem Protest der Mannheimer Gemeindevertretung, der darauf folgenden Konferenz mit dem Herrn „Respicienten" und den am g leichen Tage im „Schoße des Oberrates" auftauchenden Bedenken ein leiser Zusammenhang bestehen? Die böse Welt wird das nur zu leicht annehmen und sie wird in dieser Annahme vielleicht noch durch den Umstand bestärkt, daß der Oberrat in seinem langatmigen Artikel des Mannheimer Protestes uno der Aussprache seines Vertreters mit keiner Silbe gedankt. Es ist jedenfalls nicht schön von dem Oberrat, der, wie wir gleich sehen werden, für die „städtischen Israeliten" ein besonders warmes Herz hat, daß er eine so kräftige Kundgebung in der a r ö ß t e n Gemein de Badens völlig totschweigt! * 4- * Damit könnten wir unsere heutigen Ausführungen schließen, wenn wir nicht noch ein paar Worte in eigner Sache hinzuzufügen hätten. Wir haben schtzn oben erwähnt, für den Oberrat ist der „Israelit" der intellektuelle Urheber jeglichen Mißgeschickes das ihm zustößt. So wundert es uns weiter nicht wenn er, nach dem unfreiwilligen Heiterkeitserfolg, den sein Wahlentwurf gezeitigt hat, in seiner concilianten Art dem „Israelit" Ausdrücke wie: „unverständige Auslassungen", „haltlose Ein wände", „unbegründete Unterstellungen" an den Kopf wirft. Auch daß wir als Hauptzweck des eines so unrühmlichen Todes verblichenen Entwurfes zur Wahlordnung eine unzulässige Beeinflussung der nächsten Wahlen zu Gunsten des Reform-Gebetbuches feststellten, geht dem Oberrat sehr gegen den Strich. Zum Schmerze des Oberrats müssen wir konstatteren, daß wir mit dieser Meinung durchaus nicht allein stehen. So hat die „Frankfurter Zeitung", die auch der Oberrat einer Voreingenommenheit für die böse Orthodoxie nicht bezichtigen wird, in ihrer Nr. 73 einen Artikel über den Wahlentwurf des. Oberrates gebracht, aus dem wir hier einige Sätze wiedergeben. „In der Tat ist dieses Anlehen nicht sowohl der wahre Grund zur Einberufung dieser außerordentlichen. Tagung, als vielmehr ein Bor wand dafür, denn was der Oberrat mit ihr in erster Linie beabsichtigt, ist nichts anderes als die Abänderung der Wahlordnung zur Synode, um dadurch ihre bisherige, ihm genehme und gefügige Zusammensitzung auch für alle Zmunst zu erhalten. Ohne das Erwachen einer oppositionellen Bewegung in dm Wählerkreism wäre das Bedürfnis zur Abänderung der Wahlordnung von dem Oberrat kaum sehr heiß empfunden worden, und es ist an sich erstaunlich genug, daß der'Oberrat die neue Wahlordnung von der altm Synode will beschließen lassm, die unmittelbar vor ihrer Auflösung steht, und die vor drei Jahren zu einer Zeit gewählt wurde, als bas Interesse an ihrm Arbeiten so gering war, daß die Wahlbeteiligung in dm Städten bis auf nur 4 Prozent der Wahlberechtigten herunterging. Der Inhalt der neuen Wahlordnung aber muß dm lebhaftesten Protest aller wahrhaft liberal Gesinnten Hervorrufen, ganz einerlei, welchm Standpunkt sie rituellen oder dogmatischen Einrichtungen gegenüber einnehmen."*) Das ist mit anderen Worten dasselbe, was wir in unsrer Nr. 10 ausführten. Aber der Schluß des Arttkels bringt noch ein kräftigeres Sprüchlein, in dem der jedenfalls nicht im Lager der Gesetzestreuen zu suchende Verfasser seiner Herzensmeinung über den Oberrat als Institution unumwunden Ausdruck gibt. „Vielleicht tragen diese Zellm zur Benachrichtigung und Aufklärung der badischen Wähler hei und getont ihnen, wohin auch auf dem Gebiete eines der wichtigsten staaiSbürgerlichm Rechte, des Wahlrechts, das rein schematisch e, vureaukratische Regiment des badische» Oberrats führt, das foebm durch die eil mütiae Abweisung desRofinschenOrganisationsmtwurfs in Preußen, nicht zu? letzt durch das Eintteten der „Frankfutter Zeitung" mit. Recht eine vernichtende Niederlage erfahrm hat."*) Hoffentlich bringt uns jetzt die nächste Nummer des Verordnungsblattes eine Polemik des Oberrates gegen die „Frankfurter Zeitung, die sich erkühnt mit dem „Israelit" in Sachen Oberrot ganz einer Meinung zu sein. Damit wollen wir uns vom Oberrat für heute verabschieden,- seine Anzapfungen betreffs der „städttschen Israeliten" lassen wir unerwidert, bis uns die weiteren in Aussicht gestellten Auslassungen vorliegen. * der Religionsunterricht in gen höheren Schulen- Die an andrer Stelle dieser Nummer zu Ende geführte wertvolle Arbeit von Dr. L. Dünner über die Stellung des jüdischen Religionsunterrichtes an den höheren Schulen Preußenlenkt die Aufmerksamkeit erneut auf dieses schwierige Problem. Daß die Aschenbrödel-Rolle des jüdischen Religionsunterrichtes und des Religionslehrers die moralische Wirkung des Unterrichtes selbst, bei dem Durchschnittsschüler schwer beeinträchttgt, wird nicht zu bezweifeln sein, und *) Im Ottglnal nicht gespertt! 1 Die Herren standen vor einem Rätsel, für dessen Lösung selbst der Spitttus des Herrn Bürgermeisters nicht ausreichte. Kopffchüttelnd ging er mit dem Stadt- . schreibet.auf die Bürgermeisterei zurück. Dem GenSdarm aber, dem man die ganze Bescheerung zu verdanken hatte, gab der Herr Bürgermeister wie zur eigenen Entlastung die Weisung, dem Entftrungenen nachzusetzen und ihn sobald als möglich wieder einzubringen und vorzuführen. Er und nur er sei eigentlich dafür verantwortlich, den Strolch, den er .abgefangen, nun auch rechtzeitig zum Verhör abzuliefern. Der Gensdarm wollte etwas entgegnen, aber der Bürgermeister ttat Mit dem Schreiber ins Haus, schlug die Türe zu, und ließ den verdutzten Gensdarmen draußen stehen. „Der Strolch muß viel auf dem Kerbholz haben, daß er einen so lebensgefährlichen Fluchtversuch wagt - meinen Sie nit Herr Bürgermeister?" „Ohne Zwei.el, aber doch ließ ich mich's waS kosten, wenn wir den Kerl hier hätten und er uns einmal praktisch zeigen könnte,' wie er's eigentlich angefangen hat. Aber jetzt muß vor allem der Bericht anS Amt über den ganzen Vorfall gemacht werden, Amtsschreiber, und das ist gar nit so leicht." ,Hab' ihn schon heute, in aller Früh angefangen, aber — —." Ja, an dem «aber" hapert's eben. Wir müssen also aN das Amt berichten, daß wir einen gemeingefährlichen Vagabunden dingfest gemacht haben, dessen Namen und Herkunft wir nicht einmal wissen. Wenn uns der Kerl nun über Nacht burchgebrannt ist, so schiebt d. S Amt die Schuld auf uns. Wir hätten ihn nicht genügend bewacht, uyb die Bürgermeisterei ist doch in der Sach' so Mchulbtg wie ein Neugeborenes. Wenn die Herren selber an Ort und Stelle wären, so hätten'- fie's auch Wt ankHO wachen rönnen, t* wüßte auch von ihnrn sfeSi''-''. ■ ■ 1 ■ ■ ' . . - . - - -■ keiner, wte'S der verflixte Kerl angefangen hat, um durchzubrennen. Es war unter diesen Umständen nicht leicht ein einwandfreies Protokoll zu Stande zu bringen. Zwei Stunden hatten Bürgermeister und Stadtschreiber daran dittiert, geschrieben, gefeilt und gestttchm, daß ihnen die bellen Schweißtropfen auf der Sttrn standen. Da läutete die MittagSglocke und machte der Qual ein Ende, wenigstens für zwei Stunden. Aber um zwei Uhr saßen sie schon wieder über ihrem Bericht und hatten ihn nach einer Stunde so weit fertig bis auf den kttttschm Punkt, wie der Gefangene es wohl an gef ngen hat aus dem Turm zu kommen. Da ttat plötzlich wie durch höhere Fügung ein Ereignis ein, das alle Amtssoraen in Wohlgefallen auflöste. Der Gensdarm hatte dm Flüchtling richtig erwischt und schob ihn nun ttiumphierend vor sich her zur Türe der Amtsstube hinein. Hätte Jtzel nicht gar zu übernächtigt und heruntergekommen ausgesehen, wer weiß, ob ihm der Bürgermeister vor Freude nicht um den Hals gefallen wäre. Aber so setzte er seine strengste Amtsmiene auf und stagte den Miffetäte', wie er dazu komme den Turm auf eigene Faust zu verlassen. Jtzel hatte sofott die ganze Lage der Dinge überblickt und richtig herausgestmden, daß er in diesem Augenblick Herr der Situation sei. Je hochfahrender der Bürgermeister ihn anredete, desto bescheidener antwortete Jtzel, aber mtt einer entschiedenen Festigtet, die allen drei Anwesenden imponierte. „Ich habe den Turm'verlassen, weil mir keiner gesagt hal, baß dies mir verboten ist. Hätte man dies mir mitgeteilt, so wäre ich sicher geblieben, wohin man mich gebracht hotte. Der GenSdarm hat mich in Arrest gefühtt, ohne daß ich etwas Unrechtes verschuldet habe, Ihr hättet meine Frethett heuie Morgen doch beschließen HKe tchste selber - „Nw havt Ihr dös denn angrfoaWN aus dem Turm herauszukommen?" fragte mtt zur Schau gettagener Gleichgültigkett der Bürgermeister. Doch Jtzel hatte sofort die Srregthett aus der Stimme deS Fragenden herausgefühlt, er tat aber, als ob er jut nicht» gehört habe. Erst als die Frage wiederholt Mvche, meinte Jtzel, die Frage sei leichter zu stellen als zu beantworten, aber hier sei daS gar nicht möglich, man müsse daS an Ort und Stelle den geehrten Herren augenscheinlich zeigen, das habe aber jetzt gar keinen Zweck, da er doch wieder eingefangen sei. Hier konnte der Gensdarm es nicht unterlassen seine Person und seine Findigkeit ins rechte Licht zu setzen, zumal der Herr Bürgermeister nicht einmal em anerkennendes Wort für sein Einfangen des FlüchllingS übrig hatte. „Wissen Se, meine Herren" hob er selbstgefäll g an, „der Strolch ist, wie ich jetzt rauSbckommm habeein Hebräer. Die Juden find gerieben und drücken sich überall durchda braucht man nicht erst zu fragen wie so einer aus dem Turm rauSkommt. Aber die GenSdarmerte ist Euch gewachsen. Ihr versteht'- Durchgehen und wir verstehn's Wi.der-Einfangen." Sr belachte selbstgefällig diesm seinen Witz, aber er hatte damtt das Mißfallen deS Bürgermeisters erregt, der wohl wußte, daß dies nicht der rechte Weg sei um den Ausreißer zum Preisgeben seines vehetmrüfses zu bringen. „Sie warten, bis Sie gefragt werden" wieerden GenSdarm zurecht «wrd reden mir nicht hinein, wenn ich Jemand verhöre. Hier gibtkeinen Juden oder Christen, hier haben wir nur mtt Menschen zu tun." Zu Jtzel gewandt fuhr er fast bittend fort: »Also, wollm wir jetzt zusammen in dm Turm gehen?" «Wie -er Herr Bürgermeister bestehlt," antwortete Adeu^Aver dechmuß ich vmcher sagen, daß der GenSdann mich eingefangen hat, tapt kann er nichts, dafm^?