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Der Israelit · 1907-03-07 · Heft 10 (7.3.1907) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 10 (7.3.1907)
Date
1907-03-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Rede gesagt: Verschiedene Vorkommnisse in der letzte i Zeit und auch in der gestrigen Debatte erinnern unwillkiirlich an e ne Stelle aus A.'eyerbeers Hugenotten", wo es heißt, daß die Katholiken und Protestanten sich die Köpfe zerschlagen, während die Juden die Musik dazu mache».*) Darauf Mayer (Bolkspartei): Der Abgeordnete Schrempf soll während meiner gestrigen Rede > erufcn habea; „Was geht das den Juden an?" Ich bin hier in meiner Eigenschaft als Abgeordneter der Stadt Ulm. Man hat sich hier nicht umsonst über die mangelhaften Resul ate eines Teiles unserer Hildungsanftalten beklagt. G r a f (Zentrum): Herr Mayer hat gestern einen Ton in die Debatte hineingetragen, der bisher nicht beliebt wurde. Gerade die Glaubensgenossen Von Mayer haben am 'wen gsten Veranlassung, den konfessionellen Haber zu schüren. Ich möchte auf Grund der Maver'schen Aeusterungen Wpeiftln. ob die Qualität ihrer (der Juden) BDung anstawxn über jeden Zweifel erhaben ist. Mayer hat bei seiner Kritik des bischöflichen Hirtenbriefes davon aefvrochen, daß der Bischof seine Schafe scheren oder schlachten möl Zweiter MMKsident Änaut: Dieser Ausdruck ist rr orden. Wh' bitte, nicht wettt r ftern fchonA WWEM»- tv tzndern gegen Ns ganze katholische Volk gerichtet g wesen. Wir auf Seiten des Zentrums find überhaupt viel, lib - raler als Mayer. Wmdthorst ist z. B. für die Beibehaltung des Schächtens eingetreten. Bei Mayer heißt es auch: „Freiheit die ich meine, für die anderen keine." Ich habe gehört, daß bei der Anlegung eines neuen Friedhofs in Ulm Mayer seinerzeit für die Einrichtung einer besonderen Abteilung für die Israeliten etneeireten ist. NI Mayer (Volksp.): Was die von Graf angezogene Friedhofsangelegenheit anlangt, so habe ich die Auffassung vertreten, daß die Israeliten nicht so w.it von ihren christlichen Mitbürgern entfernt sein möchten, wie das vielfach im Leben rer Fall ist. Wmdthorst hat sich allerdings für die Beibehaltung der Schächtung ausgesprochen, ich. glaube aber, daß manche seiner Nachfolger Grund haben, sich davor zu fürchten.-- Zunächst tritt, uns wieder einmal die seit Ähasverys Tagen uns geläufige Wahrheit hier entgegen, daß die Juden getan haben müssen, was der Jude verschuldete. Herr Graf exemplifiziert sofort auf die „Glaubensgenossen des Herrn Wgeordneten Mayer, die keinen Anlaß hätten, den religiösen oder konfessionellen Hader zu schüren." Was können die armen Glaubens- MsHen dazu, wenn der Abgeordnete Mayer oderschweigt? HandAt er in ihrem Aufmrd Mnneu? Haben nicht Tuuftnde von me Christen ihm das Mandat übertragen, das er im Landtag vertritt? Mit Recht erwiderte Mayer, daß er als Abgeordneter der Stadt Mm anwesend sei. Allerdings, Schrempf und Graf sehen in ihm nur den «Juden", und hinter ihm „die" Juden! Das hat schon der verstorbene Dr. Wmdthorst, den Herr Graf zitiert, treffend gesagt: Das Wesen des Antisemitismus besteht darin, daß er der Gesamtheit der Juden zur Last legt, was der Einzelne verschuldet. Diese Kampsesart illustriert aufs , neue der Vorgang in der württembergischen Kammer. Was würde Graf dazu sagen, wollte man den Fehltritt eines Katholiken sofort dem ganzen Katholizismus zur Last legen? Eine Verallgemeinerung läßt sich nie rechtfertigen, sie mag ausgehen, von wem auch immer. Jede Generalisierung ist unedel, unmoralisch, ungerecht! Fragen wir hingegen: Konnte Herr Mayer eine solche Anrempelung nicht yoraussehen oder doch ahnen? Nach" unserem Dafürhalten schon! Wer die jüngsten Jahrzehnte nicht durchschlafen hat, wer die Kraft des latenten Judenhasses kennt, der unter der dünnen Decke übertünchter Höflichkeit schlummert, stets bereit hervorzubrechen, wer die Macht der konfessionellen Gegensätze und Strömungen unserer Zeit einzuschätzen weiß, der wird die heikle Ausgabe eines jüdischen Abgeordneten wohl begreifen. Stehen nun aar Gegen- “ " ‘ e Mt BerrMjtzMe konfHfiansllewEharLMrS find und könsWonelle G^eNsätze berichren, so sehen wir nicht ein, warum gerade hier ein Jude das Wort führen soll! Hier heißt es für ihn „hands off!" Ruft man ihn als Schiedsrichter, wird er zu diesem Amte gleichsam gedrängt, dann gebe er sein Votum klar und deutlich ab. Als Kämpfer für die eine oder andere Konfession wird er stets Erbitterung gegen uns schaffen. Mag es zehnmal wahr sein, daß ein Abgeordneter nicht als „Jude" gewählt ward, mag man immerhin ein neutralä Verhalten im vorliegenden Falle als einen Mangel an Objektivität und Wahrhaftigkeit der MandatsauSübung ansehen oder gar für Feigheit: wir verlangen von unserem Standpunkte aus diese Rücksicht auf die Glaubensgenossen von jedem unserer Angehörigen, der ein Mandat bekleidet. Wir verlangen vom jüdischen Abgeordneten entschieden, daß er mit männlichem Mute es ausspricht, bei Difserenzfragen zwischen den beiden christlichen Konfessionen nicht mittun Ul können und zwar mit Rücksicht auf eine Zeitströmung, die nicht wir geschaffen, die wir aber achten müDn, salls man sich für intern iU.Äiü. Hier HW keine BoaetdenreMm Bodenstellen. Es gibt ein ungeschriebene- Gesetz mit Hunderten von Paragraphen, die jeder im Leben notwendigerweise und zur rechte» Zeit anwenden muß, wrll er sich nicht Unannehmlichkeiten aussetzen, und dieses unaeschriebene Gesetz heißtTakt! D^em Gesetz untersteht jeder, es ist interkonfessionell und international, Kaiser und Könige müffen sich ihm beugen. Die jüdischen Staatsbürger haben ein Recht darauf, von den Abgeordn^en ihres Glaubens soviel Takt zu fordern, daß unliebsame Zusammenstöße nicht provoziert werden, wo solche durch weise Würdigung der Verhältnisse zu vermeiden sind. Ein jeder ist — mag er wollen oder nicht — ein Kind seiner . Zeit, und gegen den Strom zu schwimmen ist nicht immer Öklug. Sv mag es für den jüdischen nieten mitunter ratsamer sein, es mit dem Sprichwort zu halten: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. . Hs verschlägt nichts, daß jüdische Abgeordnete dem spezifisch jüdischen Leben sernstehen uuA spezifisch jüdische Angelegenheiten wie Schacht angelegenheit, jüdische Volksschulsache nicht vertreten. (M«NMffen hier leider Graf recht geben, daß das Zentrum mitzrnter liberaler war als VolksvertMPn^^MWNWW^n.) Bei der ersten GelDWjWWUW^Wtz^rr scheinbarst EntgleisuWWWWMWWWMsUWKfNGrnM'. mit der eine Jahrhunderte lange Geschichte anerzogenen Hingebung an die Forderungen von Recht und Gerechtigkeit ihre Pflicht üben. Sie find ideal gesinnte Männer. Namen wie Lasalle, Lasker, Bamberger beweisen, welchen Feuereifer der Jude für die idealen Interessen oes Volkes und Staate zu entwickeln vermag, auch wenn oft der schnödeste Undank der Welt Lohn ausmacht. Ebendarum sollte« jüdische Volksvertreter ihre ideale Begeisterung mäßigen, durch eine gewisse Skepsis zügeln) denn der Boden der Politik bleibt immer glatt wie das Parkett. Mag in sozial-wirtschaftlichen Dingen des Mannes freie Rede stark und kräftig eminaen. Das ist ein gutes Recht und unveräußerliche Pflicht! Bei Fragen konfessionell-polemischen Charakters ist heilsame Reserve die beste Politik des jüdischen Abgeordneten! Nur versöhnend mag seine Meinung hier zur Geltung gelangen, nicht wie ein Riff im Kämpft. Wir wollen uns nicht anmaßen, päpstlicher als der Papst zu sein. Wir brauchen nicht für andere die Kastanien aus dem Fetter zu holen. Diese undankbare Rolle mutet uns niemand zu, am wenigsten sollten wir selbst uns dazu drängen. . A. M.

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