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Der Israelit · 1907-02-21 · Heft 8 (21.2.1907) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 8 (21.2.1907)
Date
1907-02-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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<k= =f l)ora Lernen. ariHvii Bon P. A. K. Rabbi Chajim Meerschaum gehörte zu den Leuten, die eine Devise haben, und seine hieß: „Lernen muß man können." . Im praktischen Leben ein Wollhändler, war - - Rabbi Chajim ein großer Talmudist und als . solcher weithin bekannt. \'.s Sein Bildungsgang war sehr einfach. Er hatte nur zwei Schulen besucht: in seiner Kindheit das Cheder') und später die Jeschiwah*) und war in beiden der Beste gewesen. Im Cheder /"war er als Jluff) bekannt, und in der Jeschiwah ' wurde er ohne Neid als Charift) anerkannt. In k? beiden war er auch ein großer Maßmid/. Er / lernte, lernte und tat nichts als lernen. So % war er ein großer Lamdon«) geworden, der in \ y die tiefsten Tiefen des Talmuds eingedrungen £ war. Will man den Talmud dem Meere ver- - gleichen, so war Rabbi Chajim ein kühner und umsichtiger Seefahrer, dem alle Klippen und Riffe - bekannt, alle Eigenarten und Gefahren dieses . Meeres vertraut waren, denen er mit seltener . Sachkenntnis zu begegnen wußte. Er hatte : dieses Meer von Pol zu Pol durchstreift, seine ' Untiefen und Sandbänke erforscht, gleich allen kühnen Seefahrern neue Entdeckungen ge- / macht und war so heimisch in diesem Elemente, £ wie nur irgend ein großer Seekapitän auf r dem wirklichen Meere. Bis zu seiner Verheiratung hatte er sich aus- - schließlich mit dem Talmud beschäftigt. Erst als / Chosson?) erlernte er, weil es zum Geschäfte, in t das er einheiraten sollte, unbedingt nötig war, L das Lesen und Schreiben. Rechnen konnte er > schon. Mit zwanzig Jahren heiratete er die einzige ^.Tochter eines reichen Wollhändlers, der ihn in ~ sein Geschäft einführte und es ihm später übery gab. Trotzdem er nun ein Kaufmann war, blieb er seinem Studium treu. Nach wie vor studierte i er halbe und ganze Nächte und füllte auch seine freie Tageszeit mit dem Talmudstudium aus. Derjenige würde sehr wenig vom Talmud . verstehen, der chn bloß übersetzen wollte, der Tal- - mub rann nicht übersetzt, er muß erklärt, er muß „gelernt" werden. Jedes Wort hat neben der entfachen, eine Menge tiefsinnigere Erklärungen .. und- Bedeutungen, die man nur durch Bohren und Wühlen, durch scharfsinniges Eindringen in die Materie hervorholen kann. Kein Wort darin ist zuviel und überflüssig, jedes hat seinen Zweck, den herauszufinden, eben die Kunst des Lamdons , Msmacht. Das erste, was dem Kinde im Cheder / von seinem Melamed'h eingeprägt wird, ist: „Du \ mußt wissen, mein Kind, daß die Zeit, als die ' Gemoroh/) Raschi'°) und Tossephot") geschrieben wurden, das Papier und die Tinte sehr teuer Awaren, daß man also sehr damit sparen mußte, \ nvd kein einziges überflüssiges Wort schreiben - durfte." < ' Der richtige Lamdon wird jedes Wort gründlich untersuchen — nicht etwa ethymologisch — Harin einzudringen trachten, um daraus hervor- *• zuholen, was herauszuholen ist. Das ist eine Aaenartige Methode, die man im Jargon mit / „Lernen" bezeichnet. Wie es falsch wäre, leim Talmud eine andere Methode, als die ihm eigene anzuwenden, ebenso . -falsch ist es, das „Lernen" auf andere^ Dinge d übertragen} es kommen nur Absurdidäten , babei heraus. Und doch gibt es manche Talmudisten, , die es tun» Auch Rabbi Chajim tat es und er fgt es in allen Dingen. Sein Geschäftskalkül; i *) Jüdische Ktnderschule. *) Talmudschule. s) Wunderkind. *) Scharfsinniger. ä) Fleißiger Mensch. 6) Jüdischer 7) Bräutigam. 8) Lehrer. •) Talmud. ") und r^x) Eommentatoren. ebenso wie sein sonstiges Denken, wickelte sich nach der Lernmethode ab. Mcht selten wandte er sogar in seinen Gesprächen den Gemoroh- Nigu (Ton) an. „Alles muß gelernt sein", oder „Lernen muß man können", pflegte er immer zu sagen. Rabbi Chajim hatte eine einzige Tochter. Wäre es ein Junge gewesen, so hätte er natürlich denselben Bildungsgang durchmachen müssen, wie sein Vater, um, wie dieser, ein Lamdon zu werden. Weil es aber eine Tochter war, so hatte er nichts dagegen, daß sie, als sie die Schule verlassen hatte, sich allein weiter blldete. Allerdings bestand diese Weiterbildung vor allem im fleißigen Lesen verschiedener Romane, doch kamen auch die deutschen Klassiker zu ihrem Rechte. Bon diesen hatte sie für Goethe eine besondere Vorlieoe, und es verging kein Tag, an dem sie sich nicht mit ihm beschäftigt hätte. „Was haste von diesen Maiffes")?" pflegte R. Chajim zu sagen, wenn er sie in ihre Lektüre vertieft antraf. „Wenn Du e Strumpf strickst, ist, soll ich leben, gescheidter." „Aber lieber Vater, das bildet doch den Geist," antwortete gewöhnlich die Tochter." Solche (Stuffim13)?" „Das find keine Stussim," sagte das Mädchen. „Es sind, im Gegenteil, herrliche Dinge, was die Klassiker geschrieben haben." „Ich wäre wirklich neugierig, etwas davon zu hören," sagte R. Chajim einmal. Die Tochter, die ihrem Vater gerne eine bessere Meinung von ihrer Beschäftigung beigebracht hätte, ließ sich diese günstige Gelegenheit nicht entgehen und fragte: „Soll ich Dir etwas vorlesen, lieber Vater?" „Meinetwegen", entgegnete Rabbi Chajim. „Ich will Dir ein Gedicht von Goethe vorlesen. Goethe war der größte deutsche Dichter und die Ballade, die ich Dir vorlese, heißt: „Der Erlkönig." „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind. Er hat den Knaben wohl in dem Arm, Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm. Mein Sohn..." Halt!" rief Rabbi Chajim, seine Tochter, die begeistert deklamiert hatte, unterbrechend. „Habe ich einen Fehler gemacht?" ftagte das Mädchen erschrocken. „Nein, aber man muß doch verstehen, was man sagt." * „Ich habe doch deutlich gesprochen und richtig betont," entgegnete die Tochter. „Warum kannst Du es nicht verstehen?" „Zwischen Verstehen und Verstehen ist ein großer Unterschied," belehrte sie R,^ Chajim, „WaL man sy gewöhnlich verstehest nennt, d. h. einfach hören,, was der andere sagt, s o Hab' ich verstanden, aber nun richtig zu verstehen, d. h. den tiefen Sinn zu erfassen, braucht man Zeit, um nachdenkett zu können. Man muß doch e Sach' lernen. Lernen, mein Kind, ist die Hauptfach'." „Was gibt es denn hier zu lernen?" ftagte das Mädchen, das ihn nicht recht begriffen hatte. „Nu, paß mal auf, ich will Dir zeigen, wie man. e Gedicht lernen muß/ um es zu verstehen. Wie fängt's doch gleich an? „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Mit was beginnt Goethe also? Mit einer Kasche"). Er will nämlich wissen, wer da in der Nacht reitet. Schön. Und was antwortet er darauf?" „Es sst der Vater mit seinem Kind." ,Menn nun wirklich das die Frage war, wer reitet und die Antwort darauf ist: Der Vater, so ist aber auf Goethe selbst eine große Kasche, nämlich: er weiß doch die Antwort, er weiß doch, *) Geschichten. 1S) Dummheiten. ") Frage. daß es der Vater ist, der mit seinem Kinde reitet, warum also fragt er: Wer reitet?" Wenn eine ähnliche Frage in der Gemoroh gestellt würde," fuhr R. Chajim in seiner Erklärung fort, „so hätte sie sofort folgende Antwort bereit: „l'chadadi bealme koparich," d. h. an sich ist die Frage tatsächlich überflüssig und sie wird nur deshalb gestellt, um den Verstand der Schüler zu schärfen, sie zum Denken anzuregen. Die Schüler sollen nämlich überall, selbst m der einfachsten Sache, Schwierigkeiten wittern, den Gegenstand von allen Seiten betrachten, in ihn bohren und einzudringen versuchen, weil es gar leicht möglich wäre, daß sie wirkliche Schwierigkeiten übersehen könnten. Man könnte also unsere Frage: warum fragt Goethe, wer reitet u. s. w., wenn er weiß, daß es der Vater ist, mit der talmudischen Regel: „l'chadudi bealme" beantworten. Das wäre aber nicht richtig. Die GeMoroh pflegt nämlich eine solche Antwort nur dann anzuwenden, wenn ihr kein anderer Ausweg bleibtmit andern Worten: die Antwort: l'ebadndi ist immer nur ein Dochek-ternz15), dem man gerne ausweicht und von dem man keinen Gebrauch macht, wenn man eine andere Antwort hat. Wir.müssen also versuchen, ob wir nicht eine bessere Antwort finden.. In der Tat gibt es eine solche, sowie wir uns nur entschließen wollen, in Goethes Gedicht einen andern Peschatt") anzuwenden. Versuchen wir nun diesen neuen Peschatt. Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Die Frage ist jetzt nicht: wer reitet, sondern wer reitet so spät durch Nacht und Wind Die Gemoroh sagt nämlich an einer Stelle im Traktat Pesachim: „leanlom jezeb odom b’ki tow, wejechnes b’ki tow," d. h. man soll seine Reifen immer so einrichten, daß sie bei Tageslicht angetreten und bei Tageslicht beschlossen werden können. Der Tag, lehren unsere Chachomim"), ist der Freund des Menschen, denn von ihm heißt es in der Bibel: ki tow — er ist gut, während die Nacht des Menschen Feind ist. Goethes Frage stützt sich also auf diese Stelle des Talmuds und der Nachdruck ist deshalb auf die Worte, spät und Nacht zu legen. Dieser Peschatt wäre ganz richtig, wenn uns nicht neuerdings eine Schwierigkeit im Wege stünde. Wo ist, ftage ich nun, im ganzen Gedicht die Antwort auf diese Frage? Wäre die Frage, wie wir zuerst glaubten, wer reitet, so erfolgt die Antwort in oem Satze: „Es ist der Vater u. s. w." Ist aber die Frage: Wer reitet so spät, so fehlt ja die Antwort und der Satz: Es ist der Vater, ist ganz überflüssig. Denn was geht es mich an, ob es der Vater mit seinem Kinde, oder der Großvater mit dem Vater ist, da mir die Person vollständig gleichgiltig ist. In der Antwort soll ja nicht gesagt werden, wer in der Nacht reitet,, sondern warum er in der Nacht so spät reitet. Nun gibt es allerdings Ausnahmen, wo es gestattet ist, auch in der Nacht zu reisenumso eher, als der Ausspruch unserer Weisen: „leaülom jezeh" usw. eigentlich kein direktes Verbotsondern nur ein guter Rat ist. Eine solche Ausnahme wäre z. B. eine Reise, die zum Zwecke der Ausübung eines göttlichen Gebotes geschieht. Denn da der einzige Grund, nicht in der Nacht zu reisen, nur die Gefahr ist, so gllt hier die' bekmnte talmudische Regel: „Scheinehe mizwah enon nisokin", d. h. die in der Ausübung guter Werke begriffenen Menschen sind ftei von jeder Gefahr, weil Gott sie schützt. Man könnte also Goethes Frage, warum der Mann so spät in der Nacht noch ausreitet, damit beantworten, daß er mit einer Mizwah beschäftigt: war, in deren Ausübung er sich auch durch me Nacht 1#) Not-Antwort. M) Erklärung. 1T) Weisen.

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