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Der Israelit · 1907-02-07 · Heft 6 (7.2.1907) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 6 (7.2.1907)
Date
1907-02-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Der Israelit Bb Centratorgan lOrdas irfludnxe Jadeafin legrlBiet m Dr. Leknii li Rbin 48. Jahrgang. Sranhfurf a. M . Sen 7. Februar 1907. 23. Sch’maf 5667. M «. eMeiyt jeden Donnerstag. AV«meme«tS r Gewöhrüiche LuSgabk Mk. 1LV vierteljährlich, HeftauSgabe auf Kmftdruckpapier Mk. 3.— vierteljährlich. <AMand--«8e Me M getAWMM NtSsabe; Oeßer»ich SLr^ Rußland 1 England sh., Amerika 50 cts* Niederlande 1,80 A.) Abonnements bei allen Postanstaltm, Buchhandlunsen, ssvne bMSt Sei Mt AlchMwA ^estau-gabe »ür direkte Inserate: 80 Pfennige für die sech-gespaltene Colonel-Zeile; Rickatt nach Tarif. JnseratenannahMe nur durch Haasxnstein ». Bo-lrr X^G.M 7V60S. Frankfurt a. M. und deren Filialen. «a»t» Kt Um W-ftKmek»»W«»tV»baMittPB. «WM Die ftemmg Oes Imteotnmr inRttslatu). W^UL, den 24. Januar 1907. Die Zuschrift aus Warschau mit der Ueberschrist „die Büdungsfrage in Rußland" in No. 2 des „Israelit" berührt einen sehr wunden Punkt im Leben der russischen Judenheit. Seit einer langen Reihe von Jahren dem jüdischen Unterrichtswesen nahe stehend, kann ich bestätigen, daß die speziell jüdische Bildung bei uns im Argen liegt. Es ist leider so weit gekommen, daß es einem auf traditionell religiösem Boden stehenden Juden in Rußland fast unmöglich ist, seinen Kindern eine zeitgemäße Erziehung im jüdischen Geiste zu. geben. Das „Cheder", welches in vielen Stücken fast bis zur Unbrauchbarkeit veraltet ist, gibt seinen Zöglingen bei unverhältnismäßig großem Aufwand an Zeit und Geld nur höchst ungeordnete, unsystematische jüdische Wissensbrocken, die sich verflüchtigen, sobald die betreffenden Zöglinge in eine allgemeine Lehranstalt eintreten. Die ökonomischen Zeitverhältnisse und der immer mehr um sich greifende Materialismus erlauben nicht mehr wie vor zwei—drei Jahrzehnten, die Knaben bis zum 14.—15. Lebensjahre das Cheder besuchen zu laffen, aus dem sie, trotz mangelhafter Methode immerhin nicht unerhebliche Kenntnisse In Bibel und Talmud hinaustruaen und das sie mit gekrästigter und tiefsitzenoer jWsch-rsÜZLüserGesinnuug-verlteßen. Der „MÜamed" war gemeiniglich ein wahrhafter v'vv K’P und von entschiedenem erziehlichem Einfluß auf seine Schüler. Das Alles hat sich nun wesentlich geändert. Der „Melamed" blieb vom Zeitgeist nicht unverschont. Er ist nicht mehr der fromme, gottesfürchtige Mann, für welchen min "NV7N in erster Linie eine BHpn rnny, ein heiliges Amt und der in seinen Lebensansprüchen höchst bescheiden und genügsam ist. Auch er will nicht blos leben, sondern auch „besser" leben, auch er strebt nach einem möglichst kurzen Arbeitstag und erhöhtem Arbeitslohn. Daher sind jetzt die Zahl der Schüler im „Cheder" und der Tiö? nrty durchschnittlich um das doppelte gestiegen, dagegen die Dauer des Unterrichtes um '/»verkürzt, während der „Melamed" selbst, als Pädagog, nicht um ein Haar breit sich gebessert, eher durch die merkliche Schwächung seiner religiösen Gesinnung bedeutend an Wert eingebüßt hat. Nun hat der Materialismus der Zeit auch die Herzen der Eltern benagt. Der ideale Grundzug der althergebrachten jüdischen Erziehung die Kinder v'3lv v'vPv?l rrnn*? zu zu erziehen, wird immer seltener. Dev DurchfchniWvater läßt seinen Knaben bis zum 10.—11. Lebensjahre ins Cheder gehen und dann sucht er, je nach den Verhältnissen, ihn in einer öffentlichen Schule, oder bei einem Handwerker, oder in einem Geschäft unterzubringen. Die Knaben, die in die Jeschibahs eintreten, werden wie diese selber, immer seltener. Nun haust der ,Aund" in der öffentlichen Schule, wie' in den Werkstätten und Geschäften, und die Eltern find völlig außerstande ihre Kinder vor dem demoralifirenden Einfluß dieses Erzfeindes des Judentumes zu schützen. Bor unseren Augen wachsen Gene^rtionen heran, welche dem Judentume nickt blos verloren gehen, sondern auch dasselbe feindselig verfolgen und es moralisch und materiell untergraben. Ist es ja leider so weit bei uns gekommen, daß Schulbuben und Handwerkerburschen, organisiert als „kleiner Bund", in den jüdischen Gemeinden verheerend wirtschaften und sogar in den Synagogen wie die Vandalen hausen. Erdreisteten sich ja am vorigen Sabbat, am ü'2*aö rat? in der großen, 500 Jahre alten Synagoge zu Wilna solche Unholde die min während Nil Nil ntf'np vom jnViff zu zerrenmit Mühe und Not gelang es, ihnen das Sefer zu entreißen und es in den BHpn p"iK zu schaffen, ohne daß man den Wochenabschnitt, wie überhaupt den Gottesdienst, beenden konnte. In Krinnek, (Gouvernement Grodno), hat ein 17 jähriger ,^8undist" Feldmann in das Beth Hamidrasch, während die Gemeinde dort versammelt war, eine Bombe geschleudert, die nur wie durch ein Wunder keinen derAnwesenden verletzte und nur die Wand beschädigte. Es ist haarsträubend, wenn man bedenkt, was die russische Judenheit an ihrer Jugend gegenwärtig erlebt. Es klingt daher wie bittrer Hohn, wenn der Verfasser der oben bezeichnten Zuschrift, wie auch der ehrwürdige Mariampoler Rabbiner Herr Klatzkin vermeinen, daß man solche entsetzlichen Uebelstände, die bisher dem so hartgeprüften und so vielerfahrenen Israel ungekannt blieben, durch die Schaffung einer jüdisch-orthodoxen Zeitung heben könnte. Es hieße, wahrlich, oen ganzen fürchterlichen Ernst der Situation verkennen, wollte man sich auf solche Propositionen einlaffen. Gewiß dürfen wir nicht verzweifeln und resigniert den Kopf hängen laffen. Ich meine immer, daß tfW nur njnö ist, und fest und unerschütterlich uns an die Verheißung aity' fco iotto ntn icy n« /m\ «ne* tO '2 haltend, hören wir nicht auf, zuversichtlich eine bessere Zukunft zu erhoffen, aber es. wäre unjüdi'cher Fatalismus, wenn wir den Gedanken zuließen, daß eine bessere Zukunft ohne unser energisches Hinzutun anbrechen werde. Wir müssen in den >Gang der Ereignisse, allen ungünstigen Bedingungen trotzend und aller Gefahren spottend, tätig eingreifen, um einen Wandel der Dinge anzubahnen. Das muß und soll geschehen urch zwar sobald als möglich, wenn es in Rußland noch wahrhafte Jehudim gibt. Auf die Frage, was denn aber getan werden kann, antworte ich ohne Bedenken rundweg: es muß sich eine möglichst starke, gut organisierte und festgefügte Partei der gesetzestreuen Jude» bilden, die es sich zur Lebensaufgabe zu machen hat, die Erziehung der Jugend auf echt jüdischer Grundlage, aber auch im Geiste der Zeit, mit allen dazu nötigen Mitteln in die Hand zu nehmen, und wenn das auch einen Kampf auf Tod und Leben mit dem „Bund" und Konsorten erheischen sollte. Es ist durchaus keine leichte Aufgabtz^die dem gesetzestreuen Judentum zugefallen ist; aber es mutz dieselbe ohne Wanken in Angriff nehmen, wenn es nicht anders einem jähen Zerfetzungs- und Auflösungsprozesse anheimfallen will. Wenn nicht sofort etwas ganz Außerordentliches und sehr Entschiedenes Mit dem größtmöglichen Aufwand an Kräften und Opfevfreudigkeit zur Rettung des Heranwachsenden Geschlechtes vor dem entjudifierende» und zersetzenden Einfluß des „Bundes" und der ihm geistesverwandten, revolutionären Parteien verschiedener Benennung, an welchen gegenwärtig die jüdische Jugend in Rußland so reich ist, unternommen wird, wenn die gesetzestreuen Juden in Rußland, die noch immer G. L. den prv 317 am der rrrffffchen Judenheit bilden, fich nicht zu einer großen, starken Partei orgmrisiere«, um sich tnr Erziehung zu bemächtigen, d»Mr, wahrlich, werden kaum einige Jah^ehnte vergehen und von den 6 Millionen russischer Juden sind nur elende Trümmer übrig geblieben. Der Bruderzwist zwischen Chaffidim und Misnaadim mutz aufhören, die Gesetzestreuen beider Richtungen müssen sich zu einem gemeinsamen großen, ja dem größten Unternehme», zur Rettung Israels, brüderlich die Hände reichen, um mit vereinten Kräften für das Wohl der jüdischen Gesamtheit, für die großen, ewigen und heiligen Güter unseres Volkes gegen die negierenden Elemente den Kampf um die Erziehung der Jugend aufzunehmen. Wo die Zukunft von m.illionen Jehudim, wo der Bestand der Tbora selbst in äußerster Gefahr steht, da wäre es thöricht um Subttlitäten zu hadern. Als ihrem Wesen nach loyal und friedfertig dürfte die gesetzestreue Judenheit auf jegliche Unterstützung von seiten der Regierung zuversichtlich rechnen. Die Zeit, wo die russische Regierung, verblendet von religiöser Unduldsamkeit, dem jüdischen Bekenntnis abhold war, ist vorüber. Sie hat sich zur Genüge überzeugt, daß diese ihre Intoleranz nicht wenig zum-Entstehen und Gedeihen von ,Auud" und Konsorten beigetragen hat. Die

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