Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 103 (30.12.1901)
- Date
- 1901-12-30
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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42. Jahrgang. Zweite Meikage zu M103 des „Israelit".' Unftn ZimiisteiikiiWlch in Bist!. (26. bis 26. Dezember.) 1). Basel, 25. Dez. Der voraussetzuugslose Zionismus. Zum 4. Mule steht die Stadt Basel im Zeichen des Hexagramms. Bon London hat sich der ö. Kongreß wieder in die gastliche Stadt zurückgezogen, deren vJiamni mit seiner Geschichte nun innig verknüpft ist, der im Ohre des Zionisten fast wie ein trauter Heimo thsname wiederklingt. Unleugbar erfreut sich der Zionismus auch in der Stadt, die gerade in den vornehmsten Kreisen noch den Geist eines genießenden Pietismus pflegt, für welche die Erlösung Judas auch die Erlösung der Welt bedeutet, großer Sympathieen. Andererseits fühlt man sich durch die Anhänglichkeit, mit der der Zionismus Basel immer wieder auszeichnet, geehrt und geschineichelt, indem man hofft, daß bei dem Stärkerrverden und dem endlichen Sieg der Bewegung ein Abglanz oesselben auch auf den Namen Basels fallen wird. Gewiß sprechen sich über den letzten Punkt die 2agesblätter, die die Schwierigkeiten, mit denen die Leitung der theilweife ganz undisziplinirten und turbulenten Massen, ivelche mit ihren Plänen und Absichten oft so ganz auseinander gehen oder sich durchtreuzen, verbunden ist, kaum ahnen, die kaum ahnen, ivelche Reibungswiderstände zu überwinden sind, bis ein so störriges Ding, wie dieser Kongreß, in das richtige Geleise gebracht ist, zuversichtlicher aus, als die Führer der Bewegung wohl selber denken. Bereits ist das fünfte Jahr der eigentlichen programmmäßigen zionistischen Agitation angebrochen, und wir können im bisher Erreichten, wenn man auch zugiebt, daß für eine historische und kulturelle Beivegung vier oder fünf Jahre einen kleinen Zeitabschnitt bedeuten, im besten Falle nur erst kleine Anfänge einer Berlvirklichung des zionistischen Ideals sehen, da die glühenden Wünsche und die mit stürmischer Zuversicht hingelvorfenen Pläne, Hoffnungen and Bersprechen lveit, weit vorausgeeilt sind. Auf dem 2. Zionistenkongreß wurde als nächstes Ziel des Zionismus die Eroberung des Gemeindeamtes prollamirt. Mit wie wenig Erfolge bisher gearbeitet wurde, beweist die Niederlage in Berlin und Wien. Wenn schon die Erkampfnng dieses so nahe liegenden rein praktischen und politischen Zieles, das in seinen Bedingungen und seineni Eharakter vom politischen Verstand? so leicht zu ergreifen, zu dessen Erreichung die politischen Mittel erkennbar und gegebene sind, mit so zähen Kämpfen verbunden ist, und mit solchen Zeiträumen rechnen muß, so darf man sich billig fragen, wie viele Generationen wohl noch entstehen und verschwinden werden, bis eine „Kulturelle Regeneration" im Sinne des Zionismus in's Werk gesetzt werden tönnte. Denn somit sind wir bereits vom Boden der Realität in den Bereich schwankender, unbestimmter Ideen und Träume gerathen, die bei der Maste in unverstandene und inhaltslose Phrasen und Schlagwörter zerfließen, tlnd dort. wo man sich bestimmte, klar gefaßte kulturelle Aufgaben gestellt hat, gehen die Meinungen über den Sinn und die Tragweite der Kulturarbeit, über das wünschbare Maß besten, was zu pflanzen und zu pflegen ist, ob überhaupt jetzt schon ohne gemeinsame territoriale Unterlage eine gemeinsame Kultur entwickelt werden könne, und ob dieser Programmpunkt die erste Berücksichtigung im zionistischen Werke verdient, oder ob er hinter die rein politische Bewegung zurückstehen soll, so weit auseinander, daß man sagen kann, daß hier nicht einmal noch der Bauplatz ausersehen und die Grenzlinien gezogen sind für das Gebäude, besten Fundament in der geheimnißvollen Tiefe des jüdischen Volksbewußtseins ruhen, besten Thürme im reinsten Himmelsblau verschwinden sollen. Wenn das zum Theil zeitliche Uebel, Mängel und Jrrthümer sind, deren Eorrektur und Abstellung der Gang der Zeit bringen kann, so halten wir es dafür, daß in der Stellung des Zionismus zur Religion sein loundester Punkt liegt, von wo aus eine Zersetzung ausgehen kann, wenn nicht Heilung gebracht wird. Es ist eine Wahrheit, die unsere Geschichte uns lehrt, die schon oft betont worden, und die wir immer wieder betonen müssen, daß Israels Thaten auf religiösem Gebiete seinen unvergänglichen Ruhmestitel bilden. Auf ein r c l i g ö s e s Ziel haben seine geistigen Kräfte stets hingewirkk, hier liegt der eigentliche Brennpunkt der jüdischen Kultur, hier entstand das Gebilde, das dem jüdischen Volke ganz zu eigen gehört, ganz aus seiner Eigenart entsprungen ist. Diese religiösen Thaten geben auch dem jüdischen Volke das Anrecht auf einen fortdauernden Namen und eine Weitereristenz. Ist es also den Zionisten wirklich ernst damit, die individuelle Kultur des jüdischen Volkes zu erhalten und zu fördern, so muß sich ihr Bestreben in erster Linie darauf richten, was unsere Eigenart ausmacht, auf die Hebung des religiösen Gefühls. Denn nach den Theorien des Rationalismus bleiben die dem Bollsorganismns innewohnenden, stets wirkenden und die Kultur schaffenden Kräfte stets fort in ihrem Grundcharakter dieselben, sie sind von Anfang an gegebene, constante Potenzen, an die das Roll gebunden ist und die zu pflegen und zu stärken seine weltgeschichtliche Aufgabe ist.