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Der Israelit · 1901-12-30 · Heft 103 (30.12.1901) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 103 (30.12.1901)
Date
1901-12-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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3281 deutschen Lieder, d. h. solche, die deutsch (meist mittelhochdeutsch) abgefaßt und mit hebräischen Worten vermischt sind. Auch dem Juden ist nichts Menschliches fremd geblieben und auch ihm singen und sagen diejenigen Lebensfreuden, die ihm im Verkehr mit der Außenwelt versagt blieben. Erst die neuere Zeit betrachtet die jüdisch-deutsche Litteratur als einen Bestandtheil der allgemeinen Litteratur. Schon zu Anfang des 16. Jahrhunderts gab es jüdische Volksbücher, die die Geschichten vom Schmied Wieland, von König Artus u. a. im jüdisch-deutschen Idiom Wiedergaben und die Liebe zur Muttersprache festigten. Ueberall sind die Juden der deutschen Sprache treu geblieben und bilden eine geschlossene Vorpostenlette des Deutschthums. Auf der vor 33 Jahren abgehaltenen Philologenversammlung sprach Prof. Hildebrand den Satz aus, daß die Juden im Mittelalter recht eigentlich die Träger der deutschen Kultur nach Osten gewesen seien. Die jüdischen Volkslieder lassen sich eintheilen in häusliche, religiöse und moralische. Zu der ersten Kategorie gehören die Wiegenlieder. dann die Brith-Milah-Lieder, die von den Lezannim oder Spaßmachern vorgetragen wurden. Aelter sind die Brautlieder (aus dem 16. Jahrhundert eristirt eines, worin je eine hebräische und deutsche Strophe abwechselt) und die Bräutigamslieder. Daß am Sabbat hebräische Lieder gesungen wurden und werden, ist bekannt; weniger bekannt sind die jüdischdeutschen Sabbatlieder. Destaleichen gibt es Lieder für die Feste: Neumond, Neujahr, Laubhütten, Simchath Thora, Peßach, Chanuka, Purim (auch Trink- und Spottlieder für diesen ausgelassenen Tag). Da nach jüdischer Anschauung Religion und Moral nicht getrennt werden können, so lassen sich hier die allgemeinen moralischen Volkslieder anreihen: zunächst ein Lied gegen die Trunksucht, eines gegen das Spiel, ein anderes gegen Habsucht; die Elegie eines sterbenden Kantors, dann Klagelieder auf den Tod hervorragender Personen (z. B. des Oberlandesrabbiners Nathanael Weil in Karlsruhe), auf betrübende Ereignisse (Zerstörung von Worms, Austreibung der Juden aus Frankfurt a. M., den Frankfurter Brand, den Schwedenkrieg, die Pest); von modernen Liedern erwähnte Redner das Gedicht „Der Bettler," aus der Zeit der russischen Verfolgungen von 1881 und das „Lied von der Blum," eine Allegorie auf Zion. — Was die Melodiken betrifft, so nahm man in älterer Zeit bekannte nichtjüdische Gesänge. So heißt es: Zu singen nach der Melodie der Schlacht von Pavia, oder: „Es gibt auf Erden kein schwerer Leiden," oder „Herzog Ernst," oder „Hock rief der Wächter." Diese alten Melodien an's Licht zu ziehen, ist eine interessante Arbeit und wird gegenwärtig versucht. Später wurden eigene Melodien lomvonirt. Auch in den Jargonliedern steckt ein guter deutscher Kern. Je inniger aber, schloß der Redner, wir uns in die jüdische Volksseele hineinleben, desto lauter dürfen wir bekennen, daß wir nicht nur deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens sein wollen, sondern wir wollen sein: deutsche Juden. Lebhafter Beifall dankte dem Redner, der durch die zahlreichen Proben jüdisch-deutscher Lieder den Vortrag doppelt interessant machte und die Zuhörer oft zu Ausbrüchen der Heiterkeit hinriß. Frankfurt a. M. Das eine der am 11. dss. Mts. gewählten Ausschußmitglieder ist vom Vorstand der Gemeinde zu seinem Mitglied gewählt worden. Voraussichtlich wird nach erfolgter staatlicher Bestätigung eine Neuwahl für den betreffenden Herrn Jakob Sichel zum Ausschuß stattfinden. Dresden, Ende Dez. Der Konkurs des Dresdener „Spar- und Vorschußvereins" trifft die antisemitischen Kreise Dresdens in erster Linie. Das Bankinstitut ist gegründet worden, um gerade den kleinen Handwerker, Händler und Bauunternehmer, die Stützen der antisemitischen Partei, gegenüber den Kaufleuten und Großgewerbetreibenden finanziell zu unterstützen. Der Spar- und Vorschußverein war der Kreditgeber derjenigen Leute, aus deren Kreisen alljährlich der Ruf ertönte: „Kauft nicht bei Juden!" Deßhalb haben gerade die antisemitischen Stadtverordneten sich bemüht, trotz der Mißwirthschast im Spar¬ und Vorschußverein, diesen vor dem Zusammenbruch zu bewahren, wobei sich namentlich der durch die antisemitischen Bilderbogen berüchtigte Stadtverordnete Glöß hervorgethan hat. Nachdem die Sanirungsprojekte gescheitert waren, hat der antisemit. Stadtverordnete Hartwig eine Anfrage an den Rath gerichtet, ob und wie eine Hilfsaktion für die Kunden dieser Bank eingeleitet worden sei. Es entbehrt nicht des Humors, daß diese Hülfe anscheinend in der Form erfolgen wird, daß die Deutsche und Dresdener Bank Einlagen beim Spar¬ und Vorschußverein bevorschussen werden. Jedenfalls sind auch bei der Mißwirthschast, die in diesem Institut geherrscht hat, keine jüdischen Kreise, sondern ausgesprochene Antisemiten betheiligt. vermischtes. Oftrowo. Im hiesigen Litteratur Verein hielt Herr Rabbiner Dr. Wilhelm Münz aus Gleiwitz einen interessanten Vortrag übr „Kanus Philosophie im Lichte der israelitischen Weltanschauung". Basel, 28. Dez. Der Sultan hat durch seinen Oberceremonienmeister Ibrahim dem Dr. Herzl telegraphisch seine Genugthuung über das ihm zugesandte Huldigungstelegramm des Zionistenkongresses ansfprechen lassen. Briefkasten der Redaetion. I. L.: Betr. Gemeinde gehört nicht der konservativen Richtung an. Jüdische Einwohnerzahl derselben ist ca. 5000. Ob sich gegenwärtig ein Rabbiner dort bestndet, wissen wir nicht. Briefkasten der Expedition. S. H. in Sch.: Mk. 12.—, B. Sch. in Königsberg; Mk. 15,19 empfangen. Die Fortsetzung der Erzählung „Nach vierhundert Jahren" folgt i« nächster Nummer.

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