Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-12-30 · Heft 103 (30.12.1901) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 103 (30.12.1901)
Date
1901-12-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449243--55003-2505642
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2277 eine bi bv rtatrc zu fein. Die Vereine, an deren Spitze sie gestanden, die große Menge, die ganz besonders um diese Zeit unabläffig durch ihre Freigebigkeit beglückt wurden, werden wohl am tiefsten den Verlust ihres guten Engels empfinden. Doch auch Diejenigen, für welche es stets eine Freude war, sich mit der feinen, hochgebildeten Frau zu unterhalten, die auf jedes Thema eingehen konnte und über Alles mitsprechen, — Alle, Alle müssen die Dahingeschiedene vermissen und innig beklagen, daß sie so früh von uns genommen worden. Zum Leichenbegängnisse hatte sich ein Gefolge ekngefunden, deßgleichen selten gesehen ist, und von unserem hohen Königshause, von der Kronprinzessin und mehreren Prinzessinnen waren prachtvolle Blumenspenden und Palmenkränze gesandt. Tief bewegt hielt unser Herr Oberrabbiner eine ergreifende Rede und wandte sich am Ende derselben an die aus Wien herbeigeeilten Geschwister, an welche er die Aufforderung richtete, der alten tiefbetrübten Mutter d i e Kunde zu bringen, daß ihre noch im besten Alter stehende weggerufene Tochter auf seltene Art durch ihre Menschenliebe den Namen zu ehren verstanden batte, den auch die Hochbetagte getragen, und daß ihr Angedenken hier ein zwar wehmüthiges und schmerzliches sei, dennoch aber zum Heil und Segen gereichen werde, und daß ihr eckt jüdisck^s, armes Herz, ihr edles Bild überall dort genannt und anerkannt werde, wo die besten Wohlthäter — meistens im Stillen und ohne Davonreden — zu finden sind! CH. Gr. England. London. Der Fleiß der jüdischen Schulkinder in East-London wird durch den Bericht des Londoner „School Baord" pro ] 900—1901 amtlich bescheinigt. Darnach belief sich der Schulbesuch aller Londoner Schulkinder auf 83 pCt., während die 9 Schulen Ost- Londons, wo die jüdischen Schüler die Mehrzahl bilden, eine Besuchsziffer von 91,1—96,5 aufweisen. Die Durchschnittszisser des Schulbesuchs in Ost-London beträgt 94, 2 pCt., während sie für die specifisch jüdische „Jewish Free School" auf 95, 8 steigt. Feuilleton. Johann Friedrich Schulze. Eine Erzähl»«- aus der Grgrriwarl. 3] l Nachdruck verboten. Als Schulze auf dem Rade Meyers saß, bemächtigte sich seiner eine grenzenlose Aufregung. Er trat auf die Pedale, als wenn es gälte, den Kaiserpreis zu gewinnen. Plötzlich befand er sich in einer fremden »L>tadt und nun merkte er erst, daß er einige und zehn Kilometer gefahren war. Er stieg ab und überlegte kurze Zeit.-Ja und abermals ja, er wollte die nun einmal begonnene Rolle weiter spielen. Gelingt es ihm. die Familie über seine Identität hinwegzutäuschen und sich als Sohn des Hauses auszugeben, dann hatte er für die Zukunft nicht weiter zu sorgen. Meyer war vielfacher Millionär und er dann der einzige Sohn. — Wie erschien ihm die Welt plötzlich so anders, was hielt er jetzt noch von feinen noch vor einer Stunde ihm so hehr erschienenen Plänen von Aufhebung des Privateigenthums und der Beseitigung jeglichen Klassenunterschiedes? Er ist jetzt der Sohn des Herrn Kommerzienraths und will mit der ordinären Bande keine Gemeinschaft mehr. Doch schnell hinauf in die Billa, „Papa" könnte sich ängstigen, wo sein Herzenssöhnchen so lange bleibt. Unterwegs rasch noch zum Friseur, Haar und Bart ein wenig in Ordnung gebracht und nun hinauf. Wenn nur das Herz nicht so' sehr pochen würde, was hat denn das arme Ding?, das will ja rein zerspringen. Keuchend drückt er das Rad den Berg hinaus, kaum hat er noch Luft.- Wie wird er sich zu benehmen haben, herrschen nicht in jenen und noch dazu jüdischen Kreisen ganz andere Sitten und Gebräuche, wird man nicht an jeder seiner Bewegungen den Fremden erkennen, wird man nicht schon nach den ersten Worten ihn als Schwindler verhaften und in das Gefängniß abführen lassen? Eines beruhigte ihn, er hatte sich seit einiger Zeit schon so sehr in der Rolle des Kommerzienrathssohn gefallen, daß er seinem Doppelgänger doch einige Maniren und Eigenheiten abgeguckt hatte, auch ließ er sich einmal in Abwesenheit der Meyer'schen Familie die inneren Räume der Villa zeigen, so daß er bei seinem guten Ortsgedächiniß in derselben gut Bescheid wußte. Immerhin war die Situation noch aufregend genug. Vor dem Portale der Villa macht er kurze Rast und er erholt sich wunderbar rasch. Er hat seine Fassung wieder, ruhig geht der Puls, wie wenn nichts geschehen wäre. Muthig drückt er auf die Glocke. Jean erscheint. „Aber, junger Herr, haben Sie Ihren Schlüssel verloren?" „Ach nein, ich habe ihn in der Tasche, aber ich wußte nicht, ob er passe." „Wie, Sie wußten nicht, ob er passe?" fragt Jean erstaunt, indem ihm etwas Fremdartiges in der Stimme seines jungen Herrn aussällt. Schulze biß stch auf die Lippen. Bereits hatte er eine Dummheit gemacht, wie wird es weiter gehen? Doch er nimmt sich zusammen. „Ick habe soeben ein furchtbares Erkebniß gehabt," erzählte er Jean, „zu gleicher Zeit mit mir badete ein Maurergeselle im Flusse, der, durch einen Dampfer zur Seite geschleudert, ertrank." Abermals blickte Jean erstaunt zu dem Sprecher. Er war nickt gewohnt, daß man mit ihm längere Reden führte. „Da inüssen der gnädige Herr aber sich sofort ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.