Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 98 (12.12.1901)
- Date
- 1901-12-12
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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318 L die Beschränkung der Zulassung von Israeliten zum Richterdienst dem Reichsgesetz von 1869, das die staatsbürgerliche Gleichheit aller Konfeffionen gewährleistet, und dem Theil 4, 8 6 der Verfassungsurkunde widerspreche, wonach jeder Bayer, ohne Unterschied, zu allen Zivil- und Militärämtern und Pfründen gelangen könne. Auch die Forderung, daß nach dem Prozentsatz der Konfessionsangehörigen die Anstellungen erfolgen sollen, sei gegen das Gesetz, das eben den konfessionellen Maßstab nicht zulasse. Uebrigens würde der jetzt angegebene Prozentsatz, 61 israelitische Richter unter 1071, sich bedeutend verschieben, wenn man die Gesammtzahl der Stellen im Administrativ-, Finanz- und Zolldienst in Betracht ziehe. Beachtung verdiene auch, daß das Prozentverhältniß der jüdischen Studirenden aus den Gymnasien, Realschulen und Universitäten größer sei, als bei den übrigen Konfeffionen. Unzutreffend sei die Behauptung, daß bei den Juden mehr Verfehlungen gegen das Eigenthum oder mehr Meineide Vorkommen, als bei den Christen. Bon einem schädlichen Einfluffe der jüdischen Richter könne nicht gesprochen werden, denn diese handeln nur nach ihrem Eide und ihren Vorschriften. Wenn auch Niemand ein Recht auf Anstellung habe, folge daraus doch nicht, daß er wegen seiner Konfeffion nicht angestellt werden dürfe. Darunter würden auch andere Konfeffionen zu leiden haben. Der Redner hält es für tief bedauerlich, daß am Anfänge eines neuen Jahrhunderts ein solcher Antrag gestellt wurde, der das im vergangenen Jahrhundert mühsam Errungene wieder in Frage stelle. Alle Liberalen haben die Aufgabe, hier ein verfaffungs- und reichsgesetzlich garantirtes Recht zu schützen. An den mit großem Beifalle aufgenommenen Vortrag schloß sich eine Debatte, in der u. a. Herr Schulinspektor Rudelsberger betonte, daß wir im Beginne des 20. Jahrunderts eine rückläufige Bewegung durchmachten, die sich nicht blos in dem vorliegenden Falle, sondern auch auf anderen Gebieten, fo beim Schulwesen, zeige. Hiergegen müßten die Liberalen einmüthig Front machen. Die Versammelten gaben durch stürmischen Beifall ihre Zustimmung. Aus Bayern, im Dez. Der „Israelit" hat bereits kurz gemeldet, daß die „Köln. Volkszeitung" mit dem Antrag Heim, „die Anstellung jüd. Richter" betr., sich nicht einverstanden erklärt hat. Es möge im Nachfolgenden noch der Wortlaut der Aeußerungen des führenden Blattes des nord- und westdeutschen Katholizismus wiedergegeben sein: „Mit der „Stimmung der Bevölkerung" in solchen Fragen ist es eine mißliche Sache. In weiten protestantischen Kreisen des Deutschen Reiches ist zweifellos „Stimmung" dafür vorhanden, daß katholische Beamte möglichst wenig anyeftellt werden; als berechtigt werden die deutschen Katholiken diese Stimmung niemals anerkennen, sondern verlangen, daß die „verfaffnngsmäßige Gleichberechtigung" auch ihnen gegenüber zur Wahrheit werde. Allerdings würden die deutschen Katholiken sehr froh sein, wenn in allen Zweigen der staatlichen Verwaltungen katholische Beamte auch nur annähernd im Verhältniß der katolischen Bevölkerung zur Gesammtbevölkerung ausgenommen würden. Wir sagen „annähernd," denn wir verlangen keine sog. mechanische Parität. Auch bei strikter Durchführung des Antrages Heim, woran nach der Erklärung des Justizministers nicht zu denken ist, würden in der Justizverwaltung die Israeliten immer noch bester stehen, als die Katholiken. Andererseits darf aber auch nicht vergesten werden, daß den Israeliten manche Verwaltungszweige thatsächlich so gut wie verschlossen sind, daß sie sich daher naturgemäß in stärkerer Anzahl der ihnen thatsächlich nicht verschlossenen Justizverwaltung zuwenden. Grundsätzlich schief ist der Antrag Heim unter allen Umständen." Das Alles ist richtig und wird von vielen verständigen Katholiken gleichfalls empfunden. Leider sind diese aber anscheinend im bayerischen Zentrum ziemlich einflußlos. Frankreich. Paris, 4. Dez. Vom Präsidenten der „Alliance Israel. Univers." erhalten wir folgende Zuschrift: »In Ihrer Zeitung Nr. 94 vom 28. Nov. ist ein Artikel über die Schulen der „Alliance" in Jerusalem erschienen, welcher Beschuldigungen enthält, die ebenso falsch wie oberflächlich sind und welcbe sich auf keine bestimmten Thatsachen gründen. Aus den Dokumenten, welche wir Ihnen verflossene Woche zufandten, .können Sie ersehen, welche Sorgfalt die „Alliance" der religiösen Erziehung in ihren Schulen entgegenbringt und wie sie wachsam ist, damit jede Ueberschreitung ihrer Verordnungen und der traditionellen Vorschriften ferngehalten werde. Es kommt uns sonderbar vor, daß der unbekannte Verfasser nicht ein Wort des Vorwurfs hat für die vielen Eltern, welche ihre Kinder in die kath. oder evang. Missionen schicken, welchen wir die israelitische Jugend des heiligen Landes zu entzie^n suchen, und daß er uns ohne Beweise beschuldigt, daß wir die Kinder von ihrem Glauben abwenden, während wir doch vor dem Abfall vom Glauben schützen wollen. Ihre Leser werden wohl zugeben, daß die Rabbiner von Jerusalem ebensogut den Werth und die Reinheit unserer Unterrichtsmethode zu beurtheilen wissen, und sie würden erstaunt sein, zu sehen, daß Herr Eliaschar, der Ober-Rabbiner von Jerusalem, seinen Enkel in unsere Schule bringt, wenn die gegen uns gerichteten Vorwürfe den geringsten Grund hätten. Sie werden sich zweifelsohne auch wundern zu hören, daß die Verwaltungen der Talmud-Thora von Jerusalem um die Mitwirkung unserer Direktoren für die Neugestaltung dieser Anstalten bittet. Wir haben wohl das Recht, zu behaupten, daß diese Angriffe, wofür wir Ihre Zeitung selbst nicht verantwortlich machen, ein Ausfluß der vollständigsten Unkenntniß unseres Erziehungswerkes und ein Mangel an Interesse für die Israeliten sind." (Wir müssen es unserem Korrespondenten überlassen, sich hieraus zu rechtfertigen. Red. d. „Jsr.")