Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 98 (12.12.1901)
- Date
- 1901-12-12
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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2180 ein wüthender Gegner entstanden tvar. Unter Kaiser Nicolaus hatten sie unter drückenden Bestimmungen aller Art nicht wenig zu leiden. Sie waren sogar schmerzlichen Angriffen auf ihre Religion ausgesetzt. Denn im Kindesalter wurden jüdische Knaben aus den Armen der Eltern gerissen, für den Seekriegsdienst erzogen und gewaltsam getauft. Die jüdischen Aufklärer ließen sich indeß nicht beirren. Sie gründeten zu Uman, Odessa, Warschau, Wilna, Kischniew, Riga und anderen Orten Schulen, deren Geschichte der belesene Autor uns in kurzer aber klarer Zeichnung darstellt. Während der Minister, Graf Uwarow, und in dessen Aufträge Dr. Lilienthal, die Juden der modernen Bildung zuführen wollte, erschien 1843 ein kaiserlicher Befehl, der alle Juden 50 Werst von der Grenze verbannte. Dieser Ukas wurde schließlich gemildert, einer indeß von Montefiore und anderen westeuropäischen Wohlthätern geförderten Auswanderung der Juden wurde damals von der russischen Regierung nicht stattgegeben. Unter Alexander II. trat eine Besserung ein, allerdings nur für Studirte und Großkaufleute, während das Gros der Bevölkerung im Elend dahinsiechte, bei allen Bedrückungen der Regierung noch vom Hungertyphus gequält, zu dessen voller Beseitigung die größte Opferwilligkeit, zumal der „Alliance," sich ohnmächtig erwies. Trotz so ungünstiger Verhältnisse gewann der Geist der Haskala immer weitere Schichten. Der Verfasser schildert im Zusammenhang hiermit die Wiedergeburt der hebräischen Sprache und Litteratur. Die freiheitliche Entwickelung der Dinge wurde aber bald wieder schrecklich unterbrochen. Graf Jgnatieff begann die systematische Entrechtung der Juden, Massenausweisungen wurden vorgenommen; Tausende von Emigranten zogen nach Palästina und Amerika. Unter dem jetzigen Kaiser erwartet der Verfasser eine mildere Behandlung der Juden. Im Innern wünscht er den national-jüdischen Bestrebungen erstarkenden Einfluß und empfiehlt die Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte als einen nie versiegenden Quell der Begeisterung. Möge diesen fleißigen und von schöner Liebe zum Judenthum erfüllten Schriften weiteste Verbreitung zu Theil werden, auf daß so dem Verfasser die Mühe gelohnt werde, die ihm sein schwieriges und eigenartiges Forschungsgebiet verursachte. Asitrrrrg-rrachrlchteir tut* Eorrespoirdeirzeir. Deutschland. Berlin, im Dez. (Der Antisemitismus und die Berliner Studentenschaft.) Angesichts der Wahlen zur Lesehalle kam es in einer sehr stark besuchten, vom „Verein Deutscher Studenten" einberufenen Akademiker-Versammlung" zu einem Zusammenstoß der verschiedenen Gruppen. Zur Verschärfung der Stimmungen trug der Umstand bei. daß „drei Herren aus dem Präsidium der Finkenschaft" bei den Wahlen mit dem „Verein Deutscher Studenten" Zusammengehen. Herr Dr. Böhme (V. D. St.) sprach zunächst über die Gründe, aus denen das Vordringen des Judenthums an der Berliner Universität bekämpft werden müsse. Dann kritisirte er die verschiedenen Parteien der Studentenschaft. „Wir freuen uns, daß wir mit den katholischen Kommilitonen Zusammengehen können. Der christlich-monarchische Zug hat uns nahegebracht, vielleicht auch der Zug des Deutschen zum Deutschen. (Stürmischer Beifall.) Mit großer Sympathie stehen wir auch dem „Verein jüdischer Studirender" gegenüber. (Große Heiterkeit.) Ruf: Wir danken bestens!) Bitte sehr! Wir haben stets Achtung vor denen, die bewußt und fest ihr Volksthum vertreten, also auch wenn sie als nationale Juden auftreten." Anders stehe es mit der „Freien wissenschaftlichen Vereinigung"; im Sozialwissenschaftlichen Studentenverein machten sich sozialdemokratische Strömungen breit. Die Finkenschaft werde in der Hauptsache von Juden gehalten? In der Besprechung platzten die Geister heftig aufeinander. Herr Paul Cohn (einer der aus nationalen Gründen abgeschwenkten Mitglieder der Finkenschaft) äußerte: „Wir bleiben Anhänger der Finkenschaftsidee, wollen aber keine Juden wählen!" Student Markus vertheidigt die Sozialwissenschaftliche Vereinigung. Student H e i l m a n n , Vorsitz, der Staatswissenschastl. Abtheilung der Finkenschaft, erklärte, daß er Sozialdemokrat sei und äußerte: „Wagen Sie es nicht, mir, dem Sozialdemokraten und Juden, nationale Gesinnung abzusprechen." Sind. Apfel: „Ich bin auch Jude, aber ich gestehe, daß die Juden noch eine Reihe von Eigenschaften aus der Vergangenheit besitzen, die sie hoffentlich mit der Zeit oblegen werden." (Ruf: Ra, na!) Cand. med. Rosenkranz (vom Verein jüdischer Studirender): „Ich bin Nationaljude und Zionist extremster Richtung und finde es haarsträubend, wenn ein Jude hier von schlechten jüdischen Eigenschaften spricht. Es gibt eine sehr lebendige, kräftige, jüdische Kultur. Gefreut hat uns die Offenheit, mit welcher der „V. D. St." kämpft. „Das Entscheidende bei den Wahlen ist diesmal der Antisemitismus." Wir, die wir von allen Seiten verrathen sind, werden uns als Juden vertheidigen." Nun ist die Agitation auf ihrem Höhepunkt angelangt. München, 8. Dez. Im Vereine „Frei-München", dem vornehmsten Sammelpunkte der Liberalen unserer Residenzstadt, besvrach am Freitag Herr Justizrath Dr. K r a u ß h o l d den bekannten Antrag des Abgeordneten Dr. Heim und Genossen über die Anstellung jüdischer Richter. Der Referent berührte kurz die Entstehungsgeschichte dieses Antrages und wies nach, daß