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Der Israelit · 1901-12-05 · Heft 96 (5.12.1901) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 96 (5.12.1901)
Date
1901-12-05
Page
– (sequence 27)
Language
German
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2133 mit war das Unheil von den seitherigen Juden abgewendet. Nicht so von den neuen Juden. Ueber diese Armen sollte sich die ganze Zornesschale der Petersburger Machthaber ergießen. Unter Ansührung einiger fanatischer Popen fiel ein Regiment Kosaken i« das ahnungslose Dorf ein und eine furchtbare Metzelei begann. Man verlangte, daß die Leute sofort das Judenthum wieder abschwören sollten oder sie würden aus der Stelle niedergemacht. Namentlich aus den Popen hatte man es abgesehen, als den intellektuellen Urheber des Abfalles. Mit Gewehrkolben hieb man auf ihn ein, um einen Widerruf von ihm zu erpreffen. Er aber blieb standhaft und unter Sch'mah-Jisroel-Rufen gab er seinen Geist auf. Nicht so schlimm erging es den Uebrigen. Die Hälfte der Bauern fiel sofort wieder vom Judenthume ab und war zu jeder Art von Widerruf bereit. Die andere Hälfte hingegen kannte die schwachen Seiten des russischen Militärs. Man gab den Soldaten zu trinken und in Folge dessen drangen sie nicht weiter in die armen Leute ein, welche ihrem Judenthume denn auch treu blieben. In Petersburg gab man sich auch mit dem halben Erfolg zufrieden; nur wurde ein Utas erlassen, daß fortan nichteingeborene Juden das Dorf nicht mehr betreten durften und daß die eingeborenen Juden sich nickt mit nichteingeborenen Jüdinnen verheirathen durften. Nach einigen Jahren indeß wurde auch diese Maßregel wieder aufgehoben und Piotor Wjassiljewitsch führte nach zehnjährigem Warten seine geliebte Rahel heim. Auch andere Bauernsöhne heiratheten nunmehr Jüdinnen aus dem Ansiedelungsrayon, und diesen geborenen Jüdinnen war es Vorbehalten, die iiberaus frommen, streng-jüdisch orthodoxen Landwirthe vielfach zum Abfall und zur Untreue gegen das jüdische Gesetz zu verleiten.- Aus den Nowoji Ebräi wurden neue Juden. Das Frager Lwdenviertel. In einem „Prager B r i e f," den der „Vorwärts,, dieser Tage veröffentlichte, lesen wir folgende interessante Schilderung: In das dumpfe, erstickende Gemäuer wehen befreiend zugleich und zerstörend die Forderungen der Hygiene und der Begierden der Grundstückspekulanten. Auch das Prager Ghetto ist dem Abbruch verfallen, wie das in Frankfurt a. M. bereits verschwunden ist. Indessen ein krauses Nest engverschlungener Judengassen existirt heute noch. Und wie vor Jahrhunderten sitzen und stehen vor den schwarzen, übel riechenden Grüften der Trödelläden die arm- ' seligen Söhne und Töchter Israels — erinnernd an die Zeit grenzenlosen Elends. Ihre Gesichter haben nichts von dem Reiz der Schönheit und der Jugend. Der Geist der traurigen Maaren, mit denen sie handeln, hat sich in ihren Mienen cinaegraben. Es sind alte modrige Kleider in dunklen Kerkern, „getragene Sachen." die zufällig Mensch werden. Dennoch kniee ich erschauernd vor Eurer Häßlichkeit — Märtyrer der Jahrhunderte! Und diese Welt dumpfer, öder, verkümmerter Tage und niedrig quälender Sorge endigt in einem Garten voll seltsamer Weihe, voll erhabenem Ernst und fast lieblicher Schönheit: der alte Friedhof, in dem die Prager Juden bis in's 18. Jahrhundert hinein des ächtenden gelben Zeichens ledig wurden. Zu tausenden ragen hier die verwitterten grauen Grabsteine hervor, schief, gesunken, dicht neben einander, eine Anzahl immer wie aus einer gemeinsamen Wurzel, auseinanderstrebend aufwuchernd. Es wurden immer fünf Tobte übereinander gegraben; darum drängten sich die Male. Auf den Steinen sind Thierbilder eingemeißelt, Namen kündend: Wölfe und Hirsche, ein Karpfen zeigt an, daß ein Karpeles in der Erde ruht. Zwischen den Hügeln und Steinen des Todes aber wachsen üppig die noch grünen Hollunderbüsche. Ein alter Mann sitzt zwischen zwei Steinen, in seinem Schoß ein Drahtgeflecht, auf dem er die schwarz-rothen Hollundertrauben ließ. Warum soll man auch nicht nährendes Mus kochen aus den Früchten, die der Menschendünger vieler Jahrhunderte reifen ließ. Man darf nichts umkommen lassen — außer die Menschen. Mein Fremdenführer hat in seinem Vortrag eine fatale Tendenz. All die zahllosen armen Juden übergeht er schweigend. Aber auf die „Großen von unseren Leuten" weist er stolz hin, die es auch in der Ghettozeit schon zu Ehren und Würden gebracht. Da ist ein kaiserlicher Rath, der zu dem Hof irgend eines Habsburgers gehörte, da ein Kriegsmann, der Prag gegen die Schweden vertheidigte, selbst eine geadelte Jüdin ist vorhanden; denn der Frau Hendele Schmieles Gemahl ward von Ferdinand II. Anno 1622 zu einem von Treuenberg erhoben. Vermuthlich gehören die heutigen Nachkommen der braven Hendele Schmieles zum hochkatholischen antisemitischen Feudaladel. Vor allem aber ist da der Grabstein einegelehrten Rabbi, um den seine 33 Lieblingsschüler gelagert liegen. Dieser Rabbi war ein Freund des großen Tvcho de Brahe, der den Himmel eroberte. Des Rabbi Todtenmal ist mit vielen kleinen Steinen übersät, die Zeichen der Verehrung; denn es ist eine orientalische Sitte, daß jeder, der an das Grab eines bedeutenden Mannes tritt, ein Sternchen aus das Mal legt. Eine tiefsinnige Huldigung.Der Ruhm steinigt!

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