Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 96 (5.12.1901)
- Date
- 1901-12-05
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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2132 wozi Eine wahre Erzählung aus Rußland Alich vor einigen Jahren in einer größeren Stadt des Wronescher Gouvernements das jüdische Restaurant besuchte, erschien daselbst eine Bäuerin, nach Kleidung und Rasse von anderen russischen Bäuerinnen nicht zu unterscheiden, und begehrte zu Mittag zu speisen. Ich gab dem Wirthe gegenüber meinem Erstaunen Ausdruck, daß diese „Nichtjüdin" sich in eine jüdische Garküche verlaufen habe. Der Wirth aber nickte mir bedeutungsvoll zu, so daß ich die Bäuerin weiter beobachtete. Mein Erstaunen wuchs, als diese sich vor dem Effen die Hände wusch, die Brochoh R'tilas jodajim sagte und nach dem Mal das jüdische Tischgebet verrichtete. Als sie sich entfernt hatte, erzählte man mir die folgende Geschichte. Piotr Wjaffijewitsch, ein Bauer aus dem Dorfe des Gouvernements, machte in jedem Jahre eine Reise in das jüdische Anfiedelungsrayon, um daselbst die in seinem Dorfe verkäuflich gewordenen Rohprodukte abzusetzen. In Kowno stieg er gewöhnlich bei dem Dajan der Gemeinde, Rabbi Jakob Pedozur, ab und in den paar Wochen, die er daselbst verweilen mußte, bot der Dajan und seine Familie Alles auf, um ihm den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Zwischen der Tochter des Hauses, der schönen Rahel, und dem jungen Bauernsohne entspann sich bald ein Berhältniß, das etwas mehr wie gegenseitige Freundschaft bedeutete und eines Tages hielt der Piotr bei Rabbi Jakob um die Hand der Tochter, an. Natürlich wurde er auf das Entschiedenste zurückgewiesen und der fernere Aufenthalt im Pedozur'schen Hause ihm nicht mehr gestattet. Aber die Liebe des jungen Paares zu einander war eine so heiße, daß sie sich gegenseitig treu blieben und die Hoffnung auf eine zukünftige Vereinigung nicht ausgaben. Inzwischen bereiteten sich in Piotrs Heimathsdorfe gar merkwürdige Dinge vor. Der griechischkatholische Pope daselbst erfreute sich bei seinen Pfarrkindern einer besonderen Verehrung und Zuneigung und die Aufregung und die Neugier im Dorfe war daher nicht klein, als der Pfarrer eines Tages den Kirchendiener herumschickte mit dem Aufträge, es habe ein Jeder unbedingt am nächsten Sonntage in der Kirche zu erscheinen und zwar Männer, Weiber und Kinder, er habe ihnen eine überaus wichtige Mitteilung zu machen. Schon lange vor Beginn des Gottesdienstes war die Kirche von dem gesammten Landvolke des Kirchsprengels belagert, und man konnte kaum die Zeit abwarten, bis daß der Geistliche mit seiner Predigt beginnen sollte. Dieser, ein alter, ehrwürdiger Mann, bestieg unterlautloser Stille die Kanzel und erklärte dem versammelten Volke, er habe sich sein ganzes langes Leben hindurch mit dem Studium aller Religionen befaßt und nunmehr sei er zu der Erkenniniß gelangt, daß das Judenthum der einzig wahre Glaube sei. Er forderte alle seine Gemeindemitglieder auf, zum Judenthume überzutreten, wenn sie wünschen, daß er auch fernerhin ihr Hirte verbleiben solle. Und das Wunderbare geschah. Kein Widerspruch erhob sich gegen die Worte des ehrwürdigen Priesters. Das Vertrauen in ihn war so ein großes, der Glaube an seine Worte so unerschütterlich, daß das ganze Dorf sofort Anstalten machte, sich dem Judenthum zuzuwenden. Jüdische Lehrer wurden aus dem Ansiedelungsrayon der Juden verschrieben, eine Mikwah wurde erbaut, ein jüdischer Schächter angestellt und die Kirche in eine Synagoge umgewandelt. Der Pope nannte sich fortan Rabbiner und unterwies die Jugend in den Lehren der heiligen Thauroh. Auch die hebräische Sprache wurde eifrig gepflegt und in nicht allzu langer Zeit war die Umwandlung vollkommen. Zu der Zeit, als dieses Ereigniß stattfand, nämlich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, waren die Verkehrswege noch nicht so ausgebildet, wie heute, und zumal im tiefen Rußland, wo diese Dinge sich zutrugen, dauerte es gar lange, bis eine Kunde aus einem Dorfe in die weite Welt gelangte. Aber nach und nach erfuhr man im Reiche die merkwürdige Begebenheit und auch die ruffische Regierung erhielt Kenntniß davon. Der Präsident des heiligen Synod in Petersburg konnte sich vor Wuth kaum laffen und, ein zweiter Haman, beschloß er, an allen Juden Rache zu nehmen; denn daß das ein Werk der Juden sei, war bei ihm ausgemachte Sache. Aber glücklicherweise fand sich am Petersburger Hofe auch ein zweiter Mordechaj; ein jüdischer Hofbankier hörte von den Maßnahmen des Synodsvorstehers und mit Extrapost fuhr er Tag und Nacht, bis er in das entlegene Dorf des Wronescher Gouvernements gelangte. Hier überzeugte er sich bald, daß die Bewohner des Dörfchens unbeeinflußt von irgendwelcher jüdischen Seite, nur durch die Einwirkung ihres Popen, der seinerseits wieder nur durch Studium dahin gelangte, die jüdische Religion angenommen hatten. Der Bankier ließ sich von dem Popen eine Schriftstück ausfertigen, in dem diese Thatsachen ausführlich mitgetheilt wurden und fuhr wieder nach Hause. Er sorgte nun dafür, daß dies Schriftstück dem Czaren vorgelegt wurde, und dai.